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Noch immer schneite es stark.

»Trans America Flug Zwei von Bodenkontrolle: Sind Sie klar zum Abrollen . . .«

Die Motoren liefen schneller.

Demerest dachte: Rom — und Neapel — wir kommen!

Es war genau elf Uhr Normalzeit. In Warteraum »D« erreichte, halb rennend, halb stolpernd, eine Gestalt den Ausgang siebenundvierzig. Selbst wenn sie noch Atem gehabt hätte, um zu fragen, wären Fragen überflüssig gewesen. Die Laderampen waren geschlossen. Tragbare Signale, die den Abflug von Flug Zwei The Golden Argosy anzeigten, wurden abgenommen. Ein rollendes Flugzeug verließ die Sperre. Hilflos, ohne zu wissen, was sie nun zuerst tun sollte, sah Inez Guerrero die Lichter des Flugzeugs kleiner werden.

23 Uhr 00 bis l Uhr 30

1

Wie immer zu Beginn eines Fluges empfand die Chefstewardess Gwen Meighen ein Gefühl der Erleichterung, als die vordere Kabinentür zuschlug und sich das Flugzeug ein paar Minuten darauf in Bewegung setzte.

Auf dem Flughafen war das Flugzeug wie ein Mitglied einer großen Familie, abhängig von den Launen und dem Beistand der anderen Glieder. Dort war sein Leben nie unabhängig. Seine Einmaligkeit wurde verwischt, Versorgungsleitungen fesselten es, Fremde, die nie Anteil an seiner luftigen Existenz hatten, gingen aus und ein.

Bereitete das Flugzeug sich jedoch auf den Start vor und waren die Türen verriegelt, dann wurde es wieder zu einer Einheit. Besatzungsmitglieder spürten am deutlichsten die Veränderung. Sie waren in eine gewohnte, in sich geschlossene Umgebung zurückgekehrt, in der sie sachkundig und selbständig die Arbeit aufnehmen konnten, für die sie ausgebildet waren. Niemand kam ihnen in die Quere, nichts war ihnen im Wege, als das, was sie kannten und was ihnen geläufig war. Ihre Werkzeuge und Ausrüstung waren die allerbesten, ihre Hilfsmittel und deren Begrenzungen inventarisiert und bekannt. Das Selbstvertrauen kehrte zurück. Die Kameradschaft der Luft — nicht greifbar, aber wirklich für alle, die daran teilhatten — umgab sie wieder.

Selbst Passagiere — die feinfühligeren, — spürten eine psychische Umstellung, und wenn sie in der Luft waren, verstärkte sich dieses Bewußtsein der Veränderung. War man in großer Höhe, so verloren die Alltagssorgen an Gewicht. Manche, die gründlicher nachdachten, betrachteten die neue Perspektive als ein Abstreifen des armseligen Erdenlebens.

Gwen Meighen war mit den üblichen Vor-Start-Hantierungen beschäftigt und hatte für derlei Betrachtungen keine Zeit. Während die anderen vier Stewardessen sich mit Haushaltsarbeiten im Flugzeug befaßten, hieß Gwen über die Lautsprecheranlage die Gäste an Bord willkommen. Mit ihrem weichen englischen Akzent entledigte sie sich, so gut es ging, des salbungsvollen, unaufrichtigen Textes aus ihrem Stewardessenleitfaden, der auf jedem Flug vorgelesen werden mußte.

»Im Namen von Kapitän Demerest und seiner Besatzungunseren aufrichtigen Wunsch, daß Ihr Flug angenehm und entspannend sein möge. Bald werden wir das Vergnügen haben, Ihnen ein Abendessen zu servieren. Wenn wir irgend etwas tun können, um Ihnen den Flug angenehmer zu gestalten. . .«

Gwen fragte sich manchmal, wann die Fluggesellschaften wohl merken würden, daß die meisten Passagiere diese Ansprache zu Anfang und zu Ende jedes Flugs für eine aufdringliche Belästigung hielten.

Wichtiger waren die Ansagen über Notausgänge, Sauerstoffmasken und Notlandung. Während zwei andere Stewardessen das vorführten, erledigte sie das schnell.

Sie rollten immer noch, wie Gwen bemerkte, heute abend langsamer als sonst, und brauchten länger, um den Anfang der Startbahn zu erreichen. Zweifellos waren der Verkehr und der Sturm die Ursache. Gelegentlich war das Klatschen von sturmgepeitschtem Schnee gegen den Rumpf und die Tragflächen zu hören.

Nun war noch eine Ansage fällig — jene, die die Besatzungen am wenigsten mochten. Sie wurde vor den Starts verlangt von: Lincoln International, New York, Boston, Cleveland, San Francisco und anderen Flughäfen mit Wohngebieten in ihrer Nähe.

»Kurz nach dem Start werden Sie ein deutliches Nachlassen des Maschinenlärms infolge von Drosselung bemerken. Das ist völlig normal und geschieht aus Rücksicht auf die Menschen, die in der Nähe der Flughäfen und direkt in der Flugschneise wohnen.«

Die zweite Behauptung war eine Lüge. Die Drosselung war weder normal noch wünschenswert. In Wirklichkeit war das eine Konzession, durch die die Sicherheit des Flugzeugs und Menschenleben aufs Spiel gesetzt wurde.

Piloten gingen gegen diese Drosselung erbittert an. Manche riskierten ihre Karriere und weigerte sich, sie zu befolgen.

Gwen hatte in privatem Kreis Vernon Demerest diese Ankündigungen parodieren hören. »Meine Damen und Herren, im allerkritischsten Augenblick des Starts, wenn wir unsere ganze Kraft brauchen und hundert andere Dinge im Cockpit zu tun haben, drosseln wir die Motoren und steigen sehr steil empor mit einem Maximum an Gewicht und einem Minimum an Geschwindigkeit. Das ist ein mehr als törichtes Manöver, durch das ein angehender Pilot aus der Flugschule fliegen würde. Trotzdem tun wir das auf Befehl unserer Fluglinien und des Bundesluftfahrtamtes, weil einige Leute da unten, die sich ihre Häuser gebaut haben, lange nachdem der Flughafen gegründet war, darauf bestehen, daß wir auf Zehenspitzen vorüberschleichen. Sie kümmern sich einen Dreck um Flugsicherheit oder darum, daß wir Ihr oder unser Leben riskieren. Und nun nehmt allen Mut zusammen, Kinder, Hals und Beinbruch und betet für uns alle!«

Gwen lächelte bei der Erinnerung. Es gab so vieles, was sie an Vernon schätzte. Er war so energisch und vital. Er war von starken Gefühlen beherrscht. Wenn ihn etwas interessierte, setzte er sich aktiv dafür ein. Selbst seine Schwächen, seine Gereiztheit, seine Eitelkeit waren männlich und anziehend. Er konnte auch zart sein — und war es in der Umarmung ebenso, wie er Leidenschaft heftig erwiderte, wie Gwen nur zu gut wußte. Von keinem der Männer ihrer Bekanntschaft hätte sie lieber ein Kind empfangen als von Vernon Demerest. In dem Gedanken lag eine schmerzliche Süße.

Als sie das Mikrofon in seine Wandnische in der vorderen Kabine zurücklegte, bemerkte sie, daß sich die Rollgeschwindigkeit verlangsamt hatte; sie mußten sich der Startbahn nähern. Das waren jetzt für einige Stunden die letzten Minuten, in denen sie persönliche Gedanken nachhängen konnte. Nach dem Start blieb keine Zeit mehr, um an anderes als an die Arbeit zu denken. Gwen hatte die Aufsicht über die vier Stewardessen und außerdem ihren eigenen Dienst in der ersten Klasse. Eine ganze Reihe der Überseeflüge hatte männliche Stewards für die Leitung des Kabinendienstes, aber Trans America ermutigte erfahrene weibliche Angestellte, wie Gwen, den Posten zu übernehmen, wenn sie sich dazu fähig erwiesen.

Nun hatte das Flugzeug gestoppt. Durch ein Fenster konnte Gwen die Lichter eines anderen Flugzeugs vor ihnen und die einer ganzen Reihe hinter ihnen sehen. Das vordere bog in die Startbahn ein. Flug Zwei würde der nächste sein. Gwen klappte einen Faltsitz herunter und schnallte sich fest. Die anderen Mädchen hatten sonstwo einen Platz gefunden.

Sie dachte wieder nach: Eine schmerzliche Süße — und die ständig wiederkehrende Frage. Vernons Kind und ihr eigenes—Ab-treibung oder nicht? — Ja oder nein? Sein oder Nichtsein? — Sie waren jetzt auf der Startbahn. Abtreibung oder keine Abtreibung?

— Die Geschwindigkeit der Maschine steigerte sich. Sie rollten bereits und verloren keine Zeit; in Sekunden würden sie in der Luft sein. — Ja oder nein? Am Leben lassen oder zum Tode verurteilen? Wie könnte sich einer zwischen Liebe und Realität, zwischen Liebe und Vernunft entscheiden?

Wie sich herausstellte, hätte Gwen die Ankündigung über die Drosselung der Motoren gar nicht zu machen brauchen.

In der Kanzel hatte Kapitän Harris beim Anrollen brummig zu Demerest gesagt: »Das olle Lärmabschwächungsverfahren möchte ich uns heute schenken.«