Demerest meldete der Abflugkontrolle: »Wenden nach backbord eins acht null, verlassen fünfzehnhundert Fuß.«
Er sah Anson Harris lächeln, als er »wenden nach backbord« statt »wenden nach links« meldete. Das erste war korrekt, aber inoffiziell. Es war Demerests eigene Formulierung; viele der älteren Piloten gebrauchten sie — eine kleine Rebellion gegen die Amtssprache der Flugsicherung, der sich heutzutage alle fliegenden Menschen, deren Meinung nach, zu fügen hatten. Kontroller erkannten oft einzelne Piloten an ihren persönlichen Redensarten. Einen Augenblick später bekam Flug Zwei durch Funk Freigabe, auf zwanzigtausend Fuß zu steigen. Demerest bestätigte, während Anson Harris das Flugzeug weiter steigen ließ. Dort oben würden sie in wenigen Minuten in klarer, ruhiger Luft sein, die Sturmwolken tief unter ihnen und hoch über ihnen die Sterne.
Einer, der den Ausdruck »wenden nach backbord« am Boden gehört hatte, war Keith Bakersfeld. Keith war vor über einer Stunde zur Radarwache zurückgekehrt, nachdem er eine Weile allein in der Kontrollergarderobe zugebracht und sich dort an die Vergangenheit erinnert hatte, was ihn in seinem Vorhaben für heute abend neu bestärkt hatte.
Verschiedentlich hatte Keith seitdem die Hand in die Tasche gesteckt und nach dem Schlüssel zu dem heimlich bestellten Zimmer in der O'Hagan Inn gegriffen. Im übrigen hatte er sich auf den Radarschirm vor sich konzentriert. Er befaßte sich nun mit den Anflügen aus dem Osten, und das weiterhin große Verkehrsvolumen erforderte intensivste Konzentration.
Mit Flug Zwei hatte er direkt nichts zu tun, da aber der Abflugkontroller nur ein paar Meter neben ihm saß, hörte Keith in einer kurzen Pause zwischen seinen eigenen Übertragungen den Ausdruck »wenden nach backbord« und erkannte an der Stimme seinen Schwager. Bis dahin hatte Keith keine Ahnung gehabt, daß Vernon Demerest heute abend flog; es lag kein Anlaß dafür vor. Keith und Vernon sahen nicht viel voneinander. Wie Mel hatte auch Keith keinen engen Kontakt mit seinem Schwager, wenn auch zwischen ihnen nie derartige Spannungen entstanden waren, wie sie die Beziehungen zwischen Demerest und Mel verdorben hatten.
Kurz nach dem Start von Flug Zwei rollte Wayne Tevis, der Radarchef, auf seinem geräderten Sessel zu Keith hinüber.
»Machen Sie mal fünf Minuten Pause, Junge«, sagte Tevis in seinem schleppenden nasalen Texanisch. »Ich vertrete Sie. Ihr großer Bruder ist da.«
Als Keith den Kopfhörer abnahm und sich umdrehte, sah er hinter sich im Schatten die Gestalt seines Bruders. Bis jetzt hatte er gehofft, Mel würde heute abend nicht kommen, weil eine Begegnung vielleicht mehr sein würde, als er gefühlsmäßig verkraften konnte. Nun aber freute er sich doch, daß Mel da war. Sie waren nicht nur Brüder, sondern auch Freunde gewesen, und es war nur zu berechtigt, daß ein Abschied stattfinden sollte, wenn Mel auch nicht wußte, daß es ein solcher war — wenigstens bis er es morgen erfahren würde.
»Tag«, sagte Mel. »Kam gerade vorbei. Na, wie geht's?«
Keith zuckte die Achseln. »Soweit ganz gut.«
»Einen Kaffee?« Mel hatte aus einem der Restaurants zwei Pappbecher Kaffee mitgebracht. Er gab den einen Keith und behielt den anderen für sich selbst.
»Danke.« Keith war sowohl für den Kaffee wie auch für die Unterbrechung dankbar. Jetzt, da er, wenn auch nur kurz, vom Radarschirm weg war, merkte er, daß seine seelische Spannung in der letzten halben Stunde wieder zugenommen hatte. Er sah auch, als beobachte er einen Fremden, daß seine Hand mit dem Kaffeebecher zitterte.
Mel blickte in dem geschäftigen Radarraum umher. Er bemühte sich, Keith nicht zufällig anzusehen, denn dessen Aussehen — das hagere, abgehetzte Gesicht mit den Ringen unter den Augen — hatte ihn erschüttert. Keith hatte sich in den letzten Monaten sehr verändert. Heute abend, fand Mel, sah sein Bruder schlechter aus als je zuvor. Mit seinen Gedanken immer noch bei Keith, deutete er auf die reichhaltige Radarausstattung. »Ich möchte bloß wissen, was der Alte Herr zu all dem gesagt hätte.«
Der Alte Herr war ihr Vater, Wally (Wild Blue) Bakersfeld gewesen, ein Steuerknüppel- und Schutzbrillenflieger, Kunstflieger, Saatenschutzmittelstreuer, Nachtpostbeförderer und Fallschirmspringer, das letztere vor allem, wenn er dringend Geld brauchte. Wild Blue war Zeitgenosse von Lindbergh, ein alter Bekannter von Orville Wright gewesen und war sein ganzes Leben lang geflogen, bis es mit einer Trickfilmserie in Hollywood ein Ende fand — ein Flugzeugabsturz, der nur markiert sein sollte, sich aber als wirklich herausstellte. Das geschah, als Mel und Keith noch Kinder waren, aber nicht bevor Wild Blue den beiden Jungen die Hingabe an die Fliegerei als Lebensinhalt eingeimpft hatte, die auch für ihr Leben als Erwachsene weiter galt. In Keiths Fall, dachte Mel bisweilen, habe der Vater seinem Sohn einen schlechten Dienst erwiesen.
Keith schüttelte den Kopf, ohne auf Mels Frage zu antworten, die ja sowieso rein rhetorisch war und Mel Zeit zum Überlegen gab, wie er das Problem am besten anfassen könne, das ihm so dringend am Herzen lag. Er beschloß, direkt darauf zuzugehen.
Mel sagte leise: »Keith, dir geht es nicht gut. Du siehst furchtbar aus. Ich weiß es, und du weißt es auch. Warum gibst du es also nicht zu? Wenn du willst, helfe ich dir. Können wir darüber sprechen, was mit dir los ist? Wir sind doch immer offen und ehrlich miteinander gewesen.«
»Ja«, gab Keith zu, »das waren wir immer.« Er nippte an seinem Kaffee und vermied damit, Mel anzusehen.
Die Erwähnung ihres Vaters, wenn sie auch nur nebenbei erfolgt war, hatte Keith seltsam berührt. Er erinnerte sich genau an Wild Blue; er war kein großer Wirtschafter gewesen — die Familie war ständig in Geldsorgen —, doch ein guter und anregender Vater für seine Kinder, besonders wenn die Rede auf die Fliegerei kam, wie die beiden Jungen es immer wünschten. Letzten Endes war aber nicht Wild Blue für Keith die Vatergestalt geworden, sondern Mel Bakersfeld, der, soweit Keith zurückdenken konnte, den gesunden Verstand und die Ausgeglichenheit besaß, die ihrem Vater gefehlt hatten. Mel war es, der sich immer um Keith kümmerte, jedoch nie aufdringlich oder übertrieben bevormundend wie viele ältere Brüder, die ihren jüngeren Brüdern das ganze Selbstvertrauen nahmen. Mel hatte schon damals die Fähigkeit, für andere Menschen etwas in einer Weise zu tun, daß sie sich dabei auch wohl fühlten.
Mel hatte vieles mit Keith geteilt, war rücksichtsvoll und taktvoll gewesen, auch in kleinen Dingen. Das war er immer noch; daß er den Kaffee mitbrachte, dachte Keith, war ein Beispiel dafür. Dann aber schalt er sich selbst: Nun werde nicht gleich wegen einem Becher Kaffee sentimental, nur weil wir uns zum letzten Male sehen. Diesmal gingen Keiths Einsamkeit, seine Angst und seine Schuldgefühle über Mels Vorstellungen hinaus. Selbst Mel konnte die kleine Valerie Redfern und ihre Eltern nicht wieder lebendig machen.
Mel gab mit dem Kopf ein Zeichen, und beide gingen in den Korridor vor dem Radarraum hinaus.
»Hör mal Junge«, sagte Mel. »Du mußt hier raus — eine ganze Weile; vielleicht für immer.« Zum ersten Male lächelte Keith. »Du hast mit Natalie gesprochen.«
»Natalie kann ganz vernünftig sein.« Welches Problem Keith auch haben mochte, dachte Mel, mit Natalie hatte er unerhörtes Glück gehabt. Bei dem Gedanken an seine Schwägerin fiel Mel seine eigene Frau ein, Cindy, die vermutlich auf dem Weg zum Flughafen war. Seine eigene Ehe mit der eines anderen kritisch zu vergleichen, sei ungerecht, sagte sich Mel; zuzeiten war es aber schwer, das nicht zu tun. Er fragte sich, ob Keith wirklich wußte, wie glücklich — wenigstens auf diesem wichtigen Gebiet — er war.
»Ja, da ist noch etwas anderes«, sagte Mel. »Ich habe bis jetzt nicht davon angefangen, aber es ist nun wohl an der Zeit. Ich glaube, daß du mir nie alles erzählt hast, was in Leesburg passiert ist — bei der Katastrophe an diesem Tag. Vielleicht hast du es niemandem erzählt, weil ich ja alle Zeugenaussagen gelesen habe. War da noch etwas, worüber du noch nicht gesprochen hast?«