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Keith zögerte nur einen Moment. »Ja.«

»Das habe ich mir gedacht.« Mel wählte seine Worte sorgfältig. Er hatte das Gefühl, was jetzt zwischen ihnen vorging, könne von entscheidender Bedeutung sein. »Aber ich habe mir auch gedacht, du würdest es mir sagen, wenn ich es wissen sollte; und wenn du es nicht tätest, dann ginge es mich auch nichts an. Doch wenn man jemand sehr gern hat — sagen wir, wie einen Bruder —, sollte man sich manchmal darum kümmern, ob er nun will, daß man sich einmischt oder nicht. Und deshalb mische ich mich jetzt hier ein.« Vorsichtig setzte er hinzu: »Hörst du mich?«

»Ja«, antwortete Keith, »ich höre.« Er dachte, er könne diese Unterhaltung natürlich abbrechen. Vielleicht sollte er es jetzt sofort tun — da sie ja zwecklos war —, indem er sich entschuldigte und zu seinem Radarschirm zurückging. Mel würde annehmen, da er ja nicht wußte, daß es für sie beide kein »später« mehr geben würde, daß sie ein andermal davon reden konnten.

»An dem Tag in Leesburg«, fuhr Mel fort, »das, worüber du nie gesprochen hast, hat das irgendwas mit deinem Zustand zu tun, damit, wie du jetzt bist?«

Keith schüttelte den Kopf. »Ach laß doch, Mel. Bitte!«

»Also habe ich recht. Da ist ein Zusammenhang nicht wahr?«

Was für einen Sinn hatte es, das Offenbare abzuleugnen? Keith nickte. »Ja.«

»Willst du es mir nicht erzählen? Irgendwann, früher oder später, mußt du doch darüber sprechen.« Mels Stimme wurde bittend, drängend. »So kannst du doch nicht weiterleben, wenn du diese Geschichte — egal, was es ist — weiter in dich hineinfrißt. Und wem solltest du es eher erzählen als mir? Ich würde es verstehen.«

So kannst du doch nicht weiterleben. — Wem solltest du es sagen, wenn nicht mir?

Es schien Keith, als käme seines Bruders Stimme, ja selbst Mels Anblick, aus dem fernsten Ende eines Tunnels auf ihn zu. An jenem fernen Tunnelende waren auch all die anderen Menschen — Natalie, Brian, Theo, Perry Yount, Keiths Freunde —, zu denen er seit langem jede Verbindung verloren hatte. Von ihnen allen streckte nur Mel seine Hand aus und versuchte die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken — aber der Tunnel war lang, die Entfernung nach all der Zeit, in der Keith allein gewesen war, zu groß.

Und doch . . .

Als ob ein ganz anderer redete, fragte Keith: »Du meinst, ich sollte es hier erzählen? Jetzt?«

Mel drängte: »Warum nicht?«

Warum nicht? Irgend etwas im Innersten regte sich bei Keith, das dunkle Verlangen, eine Last abzuschütteln, selbst wenn es im Grunde nichts ändern konnte — oder konnte es das? War es nicht das, was beim Beichten das Wesentliche war? Eine Katharsis. Eine Austreibung der Sünde durch Beichte und Reue? Der Unterschied freilich war, daß die Beichte Vergebung und Absolution bot, aber für Keith würde es nie eine Absolution geben — niemals. Wenigstens — hatte er es nicht geglaubt. Nun fragte er sich, was Mel wohl sägen würde.

Irgendwo in Keiths Gesicht hatte sich eine Tür, die verschlossen gewesen war, zentimeterweit geöffnet.

»Ich glaube, es gibt keinen Grund«, sagte er langsam, »weshalb ich es dir nicht sagen sollte. Es wird nicht lange dauern.«

Mel schwieg weiter. Instinktiv sagte er sich, wenn die falschen Worte fielen, konnten sie Keiths Stimmung stören, konnten das Geständnis abschneiden, das zu kommen schien und auf das Mel schon so lange und schmerzlich wartete. Er dachte, wenn er endlich erführe, wovon Keith so gequält werde, würden sie es vielleicht zusammen bewältigen können. Nach seines Bruders Zustand heute abend zu urteilen, mußte es möglichst bald sein.

»Die Zeugenaussagen hast du ja gelesen«, sagte Keith mit monotoner Stimme. »Also weißt du das meiste, was an dem Tag passiert ist.«

Mel nickte.

»Was du aber nicht weißt, was außer mir niemand weiß, was in der Untersuchung nicht herauskam, über was ich immer und immer wieder nachgedacht habe . . .« Keith machte eine Pause. Es schien, als wolle er nicht fortfahren.

»Um Gottes willen! Dir selbst zuliebe, Natalie zuliebe, mir zuliebe— weiter!«

Keith nickte. »Ja, gleich.«

Er begann den Morgen in Leesburg vor anderthalb Jahren zu beschreiben: das Radarbild, als er ging, um die Toilette aufzusuchen, Inspektor Perry Yount, der mit der Verantwortung betraute Kontroller in Ausbildung. In einem Augenblick, dachte sich Keith, würde er eingestehen, wie er getrödelt hatte, wie er die anderen durch Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit im Stich gelassen hatte, wie er zu spät zum Dienst zurückgekehrt war, daß der Unfall, die dreifache Tragödie des Todes der Redferns, einzig seine Schuld war und wie sie anderen zugeschoben wurde. Jetzt, als er das tat, wonach er sich so lange gesehnt hatte, ohne es zu wissen, hatte er ein Gefühl von segensvoller Erleichterung. Gleich einem lang gestauten Wasserfall, begannen die Worte sich zu überstürzen.

Mel hörte zu.

Plötzlich ging weiter hinten im Korridor eine Tür auf. Eine Stimme — die des Dienstleiters — rief: »Ach, Mr. Bakersfeld!«

Die Worte hallten im Korridor wider, der Dienstleiter kam auf sie zu.

»Leutnant Ordway hat versucht, Sie hier zu erreichen, Mr. Bakersfeld, ebenso die Schneekontrolle. Sie möchten beide, daß Sie anrufen.« Er nickte: »Hallo, Keith!«

Mel hätte am liebsten gebrüllt, hätte gerufen: »Ruhe!« oder »später«, hätte gesagt, er müsse noch ein paar Minuten mit Keith allein sein. Aber er wußte, daß es nicht möglich war. Beim ersten Wort, das von dem Dienstleiter zu hören war, hatte Keith mitten im Satz abgebrochen, als wäre ein Schalter auf »aus« gestellt worden.

Keith war schließlich doch nicht dazu gekommen, seine eigene Schuld Mel zu beschreiben. Als er automatisch auf den Gruß des Dienstleiters reagierte, fragte er sich, warum er überhaupt damit angefangen hatte. Was war dadurch zu gewinnen? Es konnte keinen Gewinn geben, kein Vergessen. Keine Beichte — gleichgültig, wem gegenüber — würde die Erinnerung auslöschen. Einen Augenblick lang hatte er sich an etwas geklammert, das er mit einem Hoffnungsschimmer, vielleicht sogar mit einer Gnadenfrist verwechselt hatte. Wie zu erwarten, hatte es sich als illusorisch herausgestellt. Vielleicht war es ganz gut so, daß die Unterbrechung gerade jetzt gekommen war.

Wieder einmal spürte sich Keith von Einsamkeit umgeben, die ihn wie ein dicker Vorhang umhüllte. Unterhalb des Vorhangs war er allein mit seinen Gedanken, und innerhalb seiner Gedanken war eine persönliche Folterkammer, in die niemand, nicht einmal ein Bruder, eindringen konnte. Und in dieser Folterkammer — Warten, immer nur Warten . . . Es gab nur eine Erlösung. Es war der Weg, den er bereits gewählt hatte und den er auch zu Ende gehen würde.

»Ich glaube, Sie werden drinnen gebraucht, Keith«, sagte der Dienstleiter. Es war die höflichste Art der Mißbilligung. Keith hatte heute abend bereits eine längere Pause hinter sich, eine weitere bedeutete eine stärkere Belastung der anderen. Es war auch eine vielleicht unbeabsichtigte Erinnerung für Mel, daß die Befehlsgewalt des Flughafendirektors hier keine Geltung hatte. Keith murmelte etwas und nickte geistesabwesend. Mit einem Gefühl der Hilflosigkeit sah Mel seinen Bruder in den Radarraum zurückkehren. Er hatte genug gehört, um zu wissen, daß es verzweifelt wichtig war, mehr zu hören. Er fragte sich, wann das sein würde und wie. Vor wenigen Minuten noch hatte er Keiths Zurückhaltung, seine Verschwiegenheit durchbrochen. Würde das noch einmal gelingen? Bestürzt zweifelte Mel daran.

Ganz gewiß nicht heute abend mehr.

»Es tut mir leid, Mr. Bakersfeld.« Als errate der Dienstleiter nachträglich Mels Gedanken, breitete er bedauernd die Arme aus. »Sie versuchen stets allen zu helfen. Das ist nicht immer leicht.«