Sich durch sein schütteres, ergrauendes Haar fahrend, bemerkte Bert Weatherby: »Ich fühle gelegentlich mal nach, ob da oben überhaupt noch ein paar sind. Solche Geschichten, wie die da, sorgen dafür, daß der kümmerliche Rest auch noch ausfällt.« Er überlegte und sagte dann, ohne die Zähne auseinander zu bringen: »Sie haben uns in diesen Schlamassel gebracht, nun sehen Sie auch zu, wie Sie uns wieder rausbringen. Reden Sie mit der Flugabfertigung und bitten Sie, den Kapitän von Flug Zwei über unseren Funk anzurufen und ihm zu sagen, was passiert ist. Ich weiß ja nicht, was er da machen kann. Wenn es nach mir ginge, würde ich die alte Vettel aus dreißigtausend Fuß Höhe runterschmeißen, aber das ist ja seine Sache. Übrigens, wer ist der Kapitän?«
»Kapitän Demerest.«
Der Bezirksverkehrsleiter seufzte auf. »Ausgerechnet! Der wird wahrscheinlich finden, das wäre alles ein grandioser Witz, daß die Leitung so zum Narren gehalten worden ist. Jedenfalls weisen Sie ihn an, den ollen Ehrengast nach der Landung an Bord festzuhalten und nicht ohne Begleitung runter zu lassen. Wenn die Italiener sie einsperren wollen, um so besser. Dann verständigen Sie unseren Bezirksdirektor in Rom. Wenn sie ankommen, wird sie ihm ans Herz gelegt, und hoffentlich hat er tüchtigere Mitarbeiter als ich!«
»Ja, Sir«, sagte Tanya.
Sie wollte dem Bezirksverkehrsleiter noch von der anderen Angelegenheit Flug Zwei betreffend berichten — dem verdächtig aussehenden Mann mit dem Aktenkoffer, den Zollinspektor Standish hatte an Bord gehen sehen. Aber ehe sie zu Ende kam, unterbrach Weatherby sie.
»Ach, lassen wir das! Was will denn der Zoll von uns! Sollen wir denen ihre Arbeit abnehmen? Solange die Gesellschaft nichts damit zu tun hat, ist es mir piepegal, was er in seinem Koffer hat. Sollen sie doch den italienischen Zoll bitten, nachzusehen, nicht uns. Ich werde den Teufel tun und mich da einmischen und womöglich einen zahlenden Passagier beleidigen wegen etwas, das uns gar nichts angeht!«
Tanya zögerte. Etwas an dem Mann mit dem Köfferchen — obwohl sie selbst ihn nicht einmal gesehen hatte — beunruhigte sie. Sie hatte da von Beispielen gehört, bei denen . . .
»Ich habe mich nur gefragt«, sagte sie, »vielleicht hat er gar nicht geschmuggelt.«
Der Bezirksverkehrsleiter erwiderte Kurz: »Ich sagte doch, lassen wir das.«
Tanya ging. Wieder an ihrem Schreibtisch, begann sie die Meldung an Kapitän Demerest in Sachen Mrs. Ada Quonsett aufzusetzen.
2
Während der Taxifahrt zum Flughafen lehnte sich Cindy Bakersfeld in die Polster zurück und träumte. Sie bemerkte es nicht und kümmerte sich auch nicht darum, daß es draußen immer noch schneite und daß der Wagen in dem dichten Verkehr nur langsam vorwärtskam. Sie hatte es nicht eilig. Eine Woge von physischem Wohlbehagen und Befriedigung (ob Euphorie die richtige Bezeichnung sei, fragte sie sich) überschwemmte sie.
Die Ursache davon war Derek Eden.
Derek Eden, der ihr auf der Cocktailparty des Hilfsfonds für Archidona (Cindy wußte immer noch nicht, welches Archidona) einen dreifachen Bourbon gebracht hatte. Derek Eden, bis heute nichts als ein Reporter der Sun-Times für zweitrangige Sachen; De-rek Eden mit dem verlebten Gesicht, seinem leichtfertigen Wesen, seiner schwer zu beschreibenden Kleidung; Derek Eden und sein verbeulter, innen und außen schmutziger Chevrolet; Derek Eden, der Cindy in einem Moment erwischt hatte, als bei ihr alle Schranken offen waren, weil sie einen Mann brauchte, irgendeinen, und keine großen Hoffnungen hatte; Derek Eden, der sich als der denkbar beste und aufregendste Liebhaber erwiesen hatte.
Noch nie, niemals hatte Cindy jemanden wie ihn erlebt. Weiß der Himmel! dachte sie, wenn es so etwas wie sinnliche, physische Erfüllung gab, dann hatte sie sie heute abend erreicht. Genauer gesagt: nachdem sie Derek Eden — lieber Derek — kennengelernt hatte, wollte sie ihn wieder haben, oft haben. Erfreulicherweise hatte er ihr gegenüber die gleiche Einstellung.
Immer noch in die Polster zurückgelehnt, erlebte sie die vergangenen beiden Stunden in Gedanken noch einmal.
Sie waren in dem gräßlichen alten Chevrolet von der Lake Michigan Inn zu einem kleinen Hotel in der Nähe des Warenmarktes gefahren. Ein Portier empfing den Chevrolet mit leichter Geringschätzung, was Derek Eden zu übersehen schien — im Inneren, in der Halle wartete der Nachtportier.
Cindy erriet, daß eins der Telefonate, die ihr Begleiter erledigt hatte, hierher gegangen war. Es gab keinerlei Anmeldeformalitäten. Der Portier führte sie sogleich zu einem Zimmer im elften Stock. Nachdem er den Schlüssel ausgehändigt hatte, verschwand er mit einem kurzen: »Gute Nacht.«
Das Zimmer war so la-la; altmodisch möbliert spartanisch, und mit Brandstellen von Zigaretten auf den Möbeln, aber sauber. Es hatte ein Doppelbett. Auf dem Tisch neben dem Bett waren eine ungeöffnete Flasche Whisky, Wasser und Eis. Auf einer Karte auf dem Tablett stand: »Mit den besten Empfehlungen. Die Direktion.« Derek las die Karte und steckte sie ein.
Als Cindy sich später erkundigte, erklärte er: »Die Hotels wollen sich manchmal bei der Presse einschmeicheln. Wenn sie das tun, versprechen wir ihnen zwar nichts — darauf läßt sich die Zeitung nicht ein —, aber vielleicht bringt ein Reporter oder Redakteur den Namen des Hotels gelegentlich in einem Artikel unter, wenn das vorteilhaft ist; oder wenn es ein abträglicher Bericht ist wie ein Todesfall — Hotels hassen das —, nennen wir es eventuell nicht. Man tut halt, was man kann.«
Sie tranken ein Glas, plauderten, tranken wieder, und dann küßte er sie. Er begann ganz zart mit seinen Händen durch ihr Haar zu fahren, daß es sie am ganzen Körper durchrieselte, dann wanderten seine Hände langsam, ganz langsam weiter — und Cindy spürte, daß es etwas Besonderes würde.
Als er sie entkleidete und dabei eine Feinfühligkeit bewies, die ihm bisher gefehlt hatte, flüsterte er: »Wir wollen nichts überstürzen, Cindy — alle beide nicht.« Aber als sie bald im Bett und schön warm waren, wie Derek Eden es im Auto versprochen hatte, wollte sie ihn antreiben: »Ja, ja! . . . Bitte, bitte, ich kann nicht mehr warten!« Er aber gab nicht nach und sagte: »Doch, du kannst. Du mußt!« Und sie gehorchte ihm, war völlig, herrlich, in seiner Gewalt, während er sie, wie ein Kind an der Hand, bis an den Rand führte, dann wieder ein, zwei Schritte zurück, während sie ein Gefühl hatte, als schwebte sie in der Luft; dann wieder hin und zurück, und dasselbe wieder und wieder, die Seligkeit war fast unerträglich; und als schließlich keiner mehr warten konnte, gab es ein gemeinsames Crescendo gleich einer Hymne, einer unendlichen Melodie; und wenn Cindy sich einen Augenblick zum Sterben hätte aussuchen müssen, hätte sie diesen gewählt, weil nichts mehr diesem Augenblick gleichen konnte.
Später kam Cindy zu der Erkenntnis, an Derek Eden habe ihr am meisten gefallen, daß jeder Bluff, jede Angeberei fehlten. Zehn Minuten nach ihrem köstlichsten Augenblick, als Cindys Atem wieder ruhiger geworden war und ihr Herz seinen gewöhnlichen Schlag wiedergefunden hatte, stützte sich Derek Eden auf einen Ellbogen und zündete für sie beide eine Zigarette an.
»Wir waren großartig, Cindy.« Er lächelte. »Laß uns bald ein Gegenspiel machen und noch eine Menge danach.« Das war, wie Cindy sich sagte, das Eingeständnis von zwei Dingen: Das, was sie erlebt hatten, war ein rein physisches, sinnliches Abenteuer, und keiner sollte vorgeben, es sei mehr gewesen, daß sie jedoch das seltene Nirwana, einen absoluten sexuellen Gleichklang gefunden hatten. Was sie in greifbarer Nähe vor sich hatte, wann immer sie danach verlangen sollte, war ein privates physisches Paradies, das zu pflegen und immer mehr zu erforschen sich lohnte.