Mel erwiderte kurz: »So ist es auch heute abend.«
»Sonst also nicht?«
»Wenn du fragst, ob ich manchmal lieber hier draußen bleibe, als nach Hause zu kommen, dann ist die Antwort darauf, ja.«
»Wenigstens ist es das erstemal, daß du darin ehrlich bist.«
»Selbst wenn ich mal nach Hause komme, schleppst du mich zu läppischen Veranstaltungen wie der heute abend.«
Seine Frau erwiderte verärgert: »Du hast also nie die Absicht gehabt, heute abend zu kommen!«
»Doch, die hatte ich. Das habe ich versprochen. Aber . . .«
»Gar kein Aber! Du hast damit gerechnet, daß irgend etwas passieren würde, um dich davor zu bewahren. Wie immer. Damit du dich drücken könntest und ein Alibi hättest. Und so konntest du dich vor dir selber herausreden, auch wenn du dich vor mir nicht herausreden kannst, weil ich weiß, daß du ein Lügner und ein Schwindler bist!«
»Aber beruhige dich doch, Cindy!«
»Ich will mich aber nicht beruhigen!«
Sie starrten einander an.
Was war bloß mit ihnen los, fragte sich Mel, daß es so weit gekommen war? — Sich zanken wie unartige Kinder, bösartige Sticheleien austauschen — und bei alledem war er nicht besser als Cindy. Wenn sie sich stritten, degradierten sie sich beide. Er fragte sich, ob es sich immer auf diese Art äußerte, wenn es zwischen zwei Menschen, die lange Zeit miteinander gelebt hatten, nicht mehr stimmte. War das so, weil jeder die Schwächen des anderen kannte und daher peinlich auf die Probe stellen konnte? Er hatte einmal sagen hören, eine zerrüttete Ehe bringe das Schlechteste bei beiden Partnern ans Licht. In ihrem Fall stimmte das.
Er versuchte, ihr gut zuzureden. »Ich glaube nicht, daß ich ein Lügner oder ein Schwindler bin. Aber du hast vielleicht damit recht, daß ich insgeheim auf irgend etwas hoffe, das mich vor dem ganzen gesellschaftlichen Kram bewahrt, den ich, wie du weißt, nicht ausstehen kann. Ich habe es mir allerdings nie ganz klargemacht.«
Als Cindy schwieg, fuhr er fort: »Ob du es nun glaubst oder nicht, aber ich hatte vor, heute abend in die Stadt zu kommen — wenigstens glaube ich es. Vielleicht tat ich es nicht wirklich, in der Art, wie du meinst. Ich weiß es nicht. Eins aber weiß ich: daß ich den Schneesturm nicht bestellt habe, und seit er begonnen hat, sind eine Menge Dinge passiert, die mich — diesmal tatsächlich — hier festgehalten haben.«
Er nickte nach dem Vorzimmer hin. »Eines davon ist diese Frau da draußen. Ich habe Leutnant Ordway zugesagt, ich würde mit ihr sprechen. Sie scheint irgendwie in Not zu sein.«
»Deine Frau ist in Not«, entgegnete Cindy. »Die Frau da draußen kann warten.«
Er nickte. »Na, schön.«
»Wir sind fertig«, sagte Cindy. »Du und ich. Nicht wahr?«
Er zögerte, ehe er antwortete. Er wollte nicht voreilig sein, sagte sich auch, da dies nun einmal zur Sprache kam, sei es töricht, nicht die Wahrheit zu sagen. »Ja«, antwortete er endlich. »Leider ist es soweit.«
Cindy erwiderte heftig: »Wenn du dich bloß ändern wolltest! Wenn du die Dinge auf meine Art sehen könntest. Es ging immer nur darum, was du willst oder nicht willst. Wenn du nur einmal das tun würdest, was ich möchte . . .«
»Also sechs Abende in der Woche den Smoking und am siebenten den Frack anziehen?«
»Und warum nicht?« Erregt und herrisch sah Cindy ihn an. Immer hatte er sie in dieser herausfordernden Stimmung bewundert, selbst wenn sie gegen ihn selbst gerichtet war. Selbst jetzt . . .
»Ich glaube, ich könnte dasselbe ebensogut sagen«, meinte er. »Mit dem ändern und all das. Das Dumme ist nur, daß sich die Menschen nicht ändern — nicht im Grundlegenden. Sie passen sich an. Das sollte doch — daß zwei Menschen sich einander anpassen —, das sollte doch der Sinn der Ehe sein.«
»Aber die Anpassung sollte nicht einseitig sein.«
»Das ist es doch bei uns auch nicht gewesen«, wandte Mel ein. »Egal, was du denkst. Ich habe versucht, mich anzupassen, und du doch wohl auch! Ich weiß nicht, wer sich die größere Mühe gegeben hat; offenbar glaube ich, daß ich es war, und du glaubst, du warst es. Der springende Punkt ist der, obwohl wir es ziemlich lange versucht haben, ist es uns nicht gelungen.«
Cindy antwortete langsam: »Da hast du wohl recht. In der letzten Sache jedenfalls. Das habe ich mir auch gedacht.« Sie machte eine Pause und sagte dann: »Ich glaube, das Vernünftigste wäre eine Scheidung.«
»Es wäre besser, wenn du dir da ganz sicher wärest. Es ist doch sehr wichtig.« Auch jetzt noch war Mel der Meinung, Cindy spiele nur mit einer Entscheidung und warte darauf, daß er ihr helfen würde. Wäre das, was sie gesagt hatte, weniger ernst gewesen, hätte er gelächelt.
»Ich bin sicher«, erklärte Cindy. Sie wiederholte mit Nachdruck: »Ja, ich bin sicher.«
Mel sagte ruhig: »Ja, dann wird es wohl die richtige Entscheidung für uns beide sein.«
Eine Sekunde zögerte Cindy. »Bist du ebenfalls sicher?«
»Ja«, sagte er. »Ich bin sicher.«
Der fehlende Widerspruch, seine schnelle Zustimmung schienen Cindy zu beunruhigen. Sie fragte: »Also haben wir uns entschieden?«
»Ja.«
Sie sahen sich immer noch an, aber der Ärger war fort.
»Zum Teufel!« Mel schien einen Schritt vorwärts machen zu wollen. »Es tut mir leid, Cindy.«
»Mir auch.« Cindy blieb regungslos stehen. Ihre Stimme klang wieder gefaßt. »Aber es ist doch das Vernünftigste, nicht wahr?«
Er nickte. »Ja, das denke ich auch.«
Nun war es vorbei. Beide wußten es. Nun blieben nur noch Einzelheiten zu bedenken.
Cindy war schon beim Plänemachen.
»Ich werde natürlich das Erziehungsrecht für die Kinder bekommen, wenn du sie auch jederzeit sehen kannst. Da bin ich großzügig.«
»Das habe ich auch nicht anders von dir erwartet.«
Ja, dachte Mel, es war logisch, daß die Mädchen bei der Mutter blieben. Er würde sie vermissen, besonders Libby. Keine Begegnung an einem dritten Ort, gleichgültig, wie häufig, konnte das tägliche Zusammenleben im selben Haus ersetzen. Er erinnerte sich an das Telefongespräch mit seiner jüngeren Tochter heute abend; was hatte sich Libby noch das erstemal gewünscht? Eine Landkarte vom Februar! Na, er hatte eine; sie zeigte einige unerwartete Umwege.
»Ich muß mir jetzt wohl einen Rechtsanwalt nehmen«, sagte Cindy. »Ich laß dich wissen, wer es ist.«
Er nickte und fragte sich, ob wohl alle Ehen so nüchtern wurden, sobald der Entschluß gefaßt war, sie zu beenden. Er sagte sich, daß es die zivilisiertere Art war, derlei zu erledigen. Cindy schien jedenfalls ihre Gemütsruhe mit bemerkenswerter Schnelligkeit wiedergefunden zu haben. Sie saß wieder auf dem Stuhl, auf dem sie vorher schon gesessen hatte, überprüfte ihr Gesicht im Taschenspiegel und richtete ihr Make-up. Er hatte sogar den Eindruck, sie wäre in Gedanken bereits woanders; um ihre Mundwinkel spielte der Anflug eines Lächelns. Mel dachte, in solchen Situationen galten Frauen doch als gefühlsbetonter als Männer, aber Cindy ließ sich davon nichts anmerken, während er selbst den Tränen nahe war.
Er hörte Stimmen und Menschenbewegung draußen im Vorzimmer. Es wurde angeklopft. Mel rief: »Herein!«
Es war Leutnant Ordway. Er trat ein und schloß die Tür hinter sich. Als er Cindy entdeckte, sagte er: »Ach, entschuldigen Sie, Mrs. Bakersfeld.«
Cindy blickte auf und sah dann ohne Antwort weg. Ordway, feinfühlig für Stimmungen, blieb zögernd stehen. »Vielleicht sollte ich später wiederkommen.«
Mel fragte: »Was gibt es denn, Ned?«
»Es handelt sich um die Anti-Lärm-Demonstranten aus Meado-wood. Da sind schon ein paar Hundert in der Haupthalle, und es kommen noch mehr. Sie wollten alle mit Ihnen sprechen, aber ich habe ihnen gesagt, sie sollen eine Abordnung schicken, wie Sie vorgeschlagen haben. Sie haben ein halbes Dutzend gewählt, und es sind auch drei Zeitungsreporter da. Ich habe gesagt, die Reporter könnten mitkommen.« Der Polizist deutete zum Vorzimmer. »Sie warten draußen.«