Mit der Abordnung mußte er sprechen, das wußte Mel. Nie war ihm weniger danach zumute, mit irgend jemand zu sprechen.
»Cindy«, sagte er bittend. »Das dauert nicht lange. Willst du solange warten?« Als sie nicht antwortete, setzte er hinzu: »Bitte!«
Sie fuhr fort, beide zu ignorieren.
»Wissen Sie«, sagte Ordway, »wenn es Ihnen im Augenblick nicht paßt, sollen sie an irgendeinem anderen Tag kommen.«
Mel schüttelte den Kopf. Er hatte die Verpflichtung übernommen, und es war sein eigener Vorschlag gewesen. »Holen Sie sie nur herein.« Als der Polizist sich zum Gehen wandte, fügte Mel hinzu: »Ach, ich habe noch nicht mit dieser Frau gesprochen — wie hieß sie noch?«
»Guerrero«, antwortete Ordway. »Das brauchen Sie auch nicht mehr. Es sah so aus, als wollte sie gerade gehen, als ich hereinkam.«
Wenige Augenblicke später kam das halbe Dutzend Leute aus Meadowood — vier Männer und zwei Frauen — in Mels Büro. Das Zeitungstrio folgte. Einer der Reporter war von der Tribüne — ein flinker jüngerer Mann namens Tomlinson, der bei seiner Zeitung den Flughafen und das Flugwesen allgemein bearbeitete. Mel kannte ihn gut und achtete seine Genauigkeit und Redlichkeit. Von Tomlinson erschienen gelegentlich auch Beiträge in Zeitschriften. Die beiden anderen Journalisten waren Mel flüchtig bekannt — der eine, ein junger Mann von der Sun-Times, die andere, eine ältere Frau, von einer lokalen Wochenzeitung.
Durch die offengebliebene Tür sah Mel, daß Leutnant Ordway draußen mit Inez Guerrero sprach.
»Guten Abend«, sagte Mel, stellte sich vor und wies auf die Polsterbank und die umherstehenden Sessel. »Bitte, nehmen Sie Platz.«
»Schön, das wollen wir«, sagte einer der Männer. Er war teuer und gut angezogen, mit exakt gekämmtem, angegrautem Haar, und schien der Sprecher der Delegation zu sein. »Aber ich möchte Ihnen gleich sagen, wir kommen nicht zu einem Plauderstündchen. Wir haben ein paar klare, ungeschminkte Dinge vorzubringen, und wir hoffen, ebensolche Antworten und kein Wischiwaschi zu hören zu bekommen.«
»Ich werde versuchen, sie Ihnen zu geben. Würden Sie mir sagen, wer Sie sind?«
»Mein Name ist Elliott Freemantle, und ich bin Rechtsanwalt. Ich vertrete diese Herrschaften hier und alle die anderen unten.«
»Schön, Mr. Freemantle«, sagte Mel. »Warum fangen Sie nicht an?«
Die Tür zum Vorraum stand immer noch offen. Die Frau, die draußen gesessen hatte, war, wie Mel bemerkte, gegangen. Jetzt kam Ned Ordway herein und schloß die Tür hinter sich.
3
Flug Zwei der Trans America Airlines hatte Lincoln International Airport vor zwanzig Minuten verlassen und stieg stetig weiter aufwärts, bis die Maschine nach weiteren elf Minuten in der Nähe von Detroit die Höhe von dreiunddreißigtausend Fuß erreichen würde. Die Maschine befand sich bereits auf ihrer Luftstraße und hatte ihren weitgezogenen bogenförmigen Kurs nach Rom erreicht. Schon seit einigen Minuten befand sie sich in einer ruhigen Luftschicht und hatte die Sturmwolken und die sie begleitenden Störungen weit unter sich gelassen. Wie ein schief aufgehängter Lampion hing ein Dreiviertelmond oben vor ihnen am Himmel. Ringsherum schienen deutlich und klar die Sterne.
In der Pilotenkanzel hatte die erste Spannung nachgelassen. Kapitän Harris hatte über Lautsprecher den Passagieren einen Bericht über den Verlauf des Flugs gegeben. Jetzt nahmen die Piloten die Routinearbeiten für den Flug auf.
Unter dem Tisch des Zweiten Offiziers hinter den Kapitänen Harris und Demerest ertönte laut ein Klingeln. Im gleichen Augenblick blinkte an der Schalttafel des Funkgeräts oberhalb der Gashebel ein bernsteinfarbenes Licht auf. Sowohl das Klingeln wie das Blinklicht kündete einen Funkruf über das Selcal-System an, durch das die meisten Verkehrsflugzeuge in der Luft einzeln, wie durch einen privaten Telefonanschluß angerufen werden konnten. Jede Maschine der Trans America und anderer großer Fluggesellschaften hatte ihre eigenen, besonderen Rufzeichen, die automatisch übertragen und empfangen wurden. Das Rufzeichen, das gerade für das Flugzeug N-731-TA ausgesendet worden war, würde von keiner anderen Maschine gesehen oder gehört werden.
Anson Harris schaltete den Empfang von der Normalfrequenz um und meldete sich. »Hier Trans America Flug Zwei.«
»Achtung Flug Zwei, hier Trans America Vermittlung Cleveland. Ich habe eine Nachricht für den Kapitän vom Bezirksverkehrsleiter, Lincoln International Airport. Bitte melden, wenn aufnahmebereit.«
Harris bemerkte, daß auch Vernon Demerest die Funkfrequenz geändert hatte. Jetzt zog Demerest einen Notizblock an sich und nickte.
Harris antwortete: »Wir sind empfangsbereit, Cleveland. Geben Sie durch.«
Es war die Nachricht, die Tanya Livingston über den blinden Passagier in Flug Zwei, Mrs. Ada Quonsett, aufgesetzt hatte. Als die Personenbeschreibung der kleinen alten Dame aus San Diego folgte, lächelten beide Kapitäne unwillkürlich. Die Durchgabe endete mit der Bitte um Bestätigung, daß Mrs. Quonsett an Bord der Maschine sei.
»Wir prüfen nach und geben Meldung«, bestätigte Harris. Als das Gespräch beendet war, schaltete er das Funkgerät wieder auf die Frequenz der Flugsicherung zurück.
Vernon Demerest und der Zweite Offizier Jordan, der das Gespräch durch einen Lautsprecher über seinem Platz mitgehört hatte, lachten laut heraus.
»Man sollte es nicht glauben«, meinte der Zweite Offizier.
»Ich glaube es«, entgegnete Demerest gutgelaunt. »Aber was sind das doch für Dussel da unten auf dem Boden? Da kommt so ein altes Huhn und führt alle an der Nase herum.« Er drückte auf den Rufknopf für das Telefon in der vorderen Galley. »Hallo«, sagte er, als sich eine der Stewardessen meldete. »Sagen Sie Gwen, wir brauchen sie hier im Cockpit.«
Er lachte immer noch vor sich hin, als die Tür zum Cockpit geöffnet wurde und Gwen erschien.
Demerest las Gwen die Nachricht mit der Personenbeschreibung von Mrs. Quonsett vor. »Haben Sie diese Frau gesehen?«
Gwen schüttelte den Kopf. »Ich bin in die Touristenkabine noch gar nicht reingekommen.«
»Sehen Sie mal nach«, befahl Demerest, »und stellen Sie fest, ob die alte Frau da ist. Sie dürfte nicht schwer zu erkennen sein.«
»Und was soll ich tun, wenn sie da ist?«
»Nichts, kommen Sie nur wieder her und melden Sie.«
Gwen blieb nur wenige Minuten fort. Als sie zurückkam, lachte sie genauso wie die anderen.
Demerest drehte sich auf seinem Platz nach ihr um. »Nun, ist sie da?«
Gwen nickte. »Ja, auf Platz Vierzehn-B. Nach der Personenbeschreibung ist sie nicht zu verwechseln, nur wirkt sie noch komischer.«
Der Zweite Offizier fragte: »Wie alt ist sie denn?«
»Mindestens fünfundsiebzig, wahrscheinlich schon an die achtzig. Und sie sieht wie eine Figur von Dickens aus.«
Über die Schulter sagte Anson Harris: »Wohl eher noch aus >Arsen und Spitzenhäubchemc.«
»Ist sie wirklich ein blinder Passagier, Kapitän Harris?«
Harris hob die Schultern. »Die da unten auf der Erde behaupten es. Und vermutlich ist das die Erklärung dafür, weshalb ihre Zahl der Passagiere nicht stimmte.«
»Das läßt sich ja ganz leicht feststellen«, erklärte Gwen. »Ich brauche nur zu ihr gehen und mir ihren Flugschein zeigen lassen.«
»Nein«, widersprach Kapitän Demerest. »Das wollen wir lieber lassen.«
Neugierig versuchten die anderen in dem gedämpft beleuchteten Cockpit sein Gesicht genau zu erkennen. Nach einem kurzen Augenblick wandte Harris seine Augen wieder auf die Fluginstrumente, und der Zweite Offizier beugte sich wieder über seine Treibstofftabellen.
»Bleiben Sie noch«, sagte Demerest zu Gwen und gab eine fällige Standortmeldung über Funkfrequenz der Fluggesellschaft durch, während sie wartete.