»Uns wurde nur gesagt«, erklärte Demerest, nachdem er mit seiner Meldung fertig war, »wir sollten feststellen, ob die alte Dame an Bord ist. Sie ist es, und das werden wir der Zentrale melden. Wahrscheinlich werden sie von dort veranlassen, daß in Rom jemand auf sie wartet. Wir können überhaupt nichts unternehmen, selbst wenn wir wollten. Aber wenn die alte Dame es soweit geschafft hat und da wir doch nicht umkehren, warum sollen wir ihr für die nächsten acht Stunden das Leben unnütz schwer machen? Lassen Sie sie also in Ruhe. Vielleicht sollten wir ihr sagen, daß wir ihr auf die Schliche gekommen sind, kurz ehe wir in Rom landen. Dann ist der Schock für sie vielleicht nicht ganz so groß. Aber bis auf weiteres soll sie den Flug genießen. Geben Sie Oma was zum Abendessen, und sie soll sich in Ruhe den Film ansehen.«
»Wissen Sie«, antwortete Gwen und betrachtete ihn dabei nachdenklich, »es gibt Augenblicke, da kann ich Sie wirklich gut leiden.«
Nachdem Gwen das Cockpit verlassen hatte, schaltete Demerest immer noch schmunzelnd die Funkfrequenz um und meldete sich bei der Zentrale Cleveland.
Anson Harris, der seine Pfeife angezündet hatte, blickte zu ihm auf, nachdem er die Einstellung der automatischen Steuerung berichtigt hatte, und sagte trocken: »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie soviel für alte Damen übrig haben.«
Demerest grinste. »Junge sind mir lieber.«
»Das habe ich auch immer gehört.«
Die Nachricht über den blinden Passagier und seine Antwort darauf hatte Demerest in die denkbar beste Laune versetzt. Aufgeschlossener als vorher fügte er hinzu: »Die Möglichkeiten ändern sich. Bald werden Sie und ich uns mit den nicht mehr ganz so jungen zufriedengeben müssen.«
»Das habe ich bereits getan.« Harris paffte an seiner Pfeife. »Schon seit einer ganzen Weile.«
Beide hatten eine Hörmuschel ihrer Kopfhörer über das Ohr hochgeschoben. Dadurch konnten sie sich unbehindert unterhalten, aber dennoch jeden eingehenden Funkspruch hören, wenn einer erfolgen sollte. Die Stärke der Geräusche im Cockpit war zwar gleichbleibend, übertönte aber nicht alles andere und erlaubte es den beiden, ein ungestörtes Gespräch zu führen.
»Sie sind wohl immer unerschütterlich bei der Stange geblieben, wie?« fragte Demerest. »Ich meine, bei Ihrer Frau. Keine Geschichten nebenbei. Bei Zwischenstationen habe ich Sie immer nur Bücher lesen sehen.« Jetzt war es an Harris zu grinsen. »Manchmal gehe ich auch ins Kino.«
»Hat das einen besonderen Grund?«
»Meine Frau war Stewardess — auf DC-4. So haben wir uns kennengelernt. Sie wußte Bescheid, was vorging; ständig wechselnde Liebesaffären, Schwangerschaften, Abtreibungen und so weiter. Später bekam sie einen Aufsichtsposten und hatte dadurch eine Menge mit solchen Dingen zu tun. Jedenfalls, als wir heirateten, gab ich ihr ein feierliches Versprechen — das Naheliegende. Ich habe es immer gehalten.«
»Wahrscheinlich haben die vielen Kinder, die Sie haben, Ihnen dabei geholfen.«
»Das kann sein.«
Harris berichtigte wieder die automatische Steuerung. Während die beiden Piloten miteinander sprachen, wanderten ihre Augen dank ihrer Ausbildung und aus Gewohnheit über die Reihen der erleuchteten Instrumente vor ihnen, aber auch über jene, die an der Seite und über ihnen angebracht waren. Jedes mangelhafte Funktionieren irgendeines Teils in der Maschine würde sofort durch eine Abweichung auf einem der Instrumente angezeigt werden. Aber es war alles in Ordnung.
»Wie viele Kinder haben Sie? Sechs?« fragte Demerest.
»Sieben.« Harris lächelte. »Vier waren beabsichtigt, die drei weiteren nicht. Aber es hat sich alles gut gefügt.«
»Und die, die nicht beabsichtigt waren — hatten Sie je erwogen, ihretwegen etwas zu unternehmen? Ehe sie geboren wurden.«
Harris warf ihm einen scharfen Seitenblick zu. »Meinen Sie Abtreibung?«
Vernon Demerest war einem Impuls gefolgt, als er diese Frage aussprach. Jetzt fragte er sich, warum er sie gestellt hatte. Offenbar waren seine Gedanken durch seine beiden vorangegangenen Gespräche mit Gwen auf das Thema Kinder gelenkt worden. Aber es war für ihn ungewöhnlich, daß er so viele Gedanken auf etwas so Einfaches und Naheliegendes verschwendete — wie eine Abtreibung bei Gwen. Trotzdem war er auf Harris' Reaktion neugierig.
»Ja«, antwortete er. »Daran hatte ich gedacht.«
Anson Harris erwiderte knapp: »Die Antwort lautet nein.« Weniger schroff fügte er hinzu: »Zufällig habe ich in dieser Frage sehr strenge Ansichten.«
»Aus religiöser Überzeugung?«
Harris schüttelte verneinend den Kopf. »Ich bin Agnostiker.«
»Und was sind Ihre Ansichten?«
»Wollen Sie es wirklich hören?«
»Wir haben eine lange Nacht vor uns«, erwiderte Demerest. »Warum also nicht?«
Über den Funk hörten sie einen Meldungsaustausch zwischen der Flugsicherung und einer Maschine der TWA auf dem Weg nach Paris mit an. Die Maschine war kurz nach Flug Zwei der Trans America gestartet. Sie befand sich zehn Meilen hinter und einige tausend Fuß unter ihnen. Die Maschine der TWA würde im gleichen Tempo höher steigen wie sie selbst.
Die meisten aufmerksamen Piloten machten sich aus den mitgehörten Funksprüchen anderer Maschinen ein ungefähres Bild von der Verkehrslage in ihrer Umgebung und verloren es nie aus den Augen. Demerest und Harris fügten diese jüngsten Informationen zu den bereits erhaltenen hinzu. Als der Meldungsaustausch zwischen Boden und Flugzeug beendet war, drängte Demerest Anson Harris: »Sprechen Sie doch.«
Harris überprüfte Kurs und Flughöhe der Maschine und begann dann seine Pfeife frisch zu stopfen.
»Ich habe mich viel mit Geschichte befaßt. Auf dem College wurde mein Interesse dafür geweckt, und später habe ich mich weiter damit beschäftigt. Vielleicht tun Sie das auch.«
»Nein«, antwortete Demerest. »Ich habe mich nie mehr damit beschäftigt, als ich unbedingt mußte.«
»Also, wenn man sich das alles so vor Augen hält — die Geschichte meine ich —, dann fällt einem eines auf: Für jeden kleinen Fortschritt der Menschheit gibt es einen einzigen, einfachen Grund: die Erhöhung des Status des einzelnen. Jedesmal, wenn die Zivilisation in ein neues Zeitalter gestolpert ist, das etwas besser, etwas aufgeklärter war als das vorangegangene, dann war es das deshalb, weil sich die Menschen mehr um andere Menschen kümmerten und sie als Einzelwesen respektierten. Die Zeiten, als sie sich nicht darum kümmerten, die brachten die Rückfälle. Selbst eine kurze Weltgeschiente — falls Sie einmal eine lesen — wird Ihnen das beweisen.«
»Ich glaube Ihnen aufs Wort.«
»Das brauchen Sie nicht. Es gibt eine Fülle von Beispielen dafür. Wir haben die Sklaverei aufgehoben, weil wir das Leben des menschlichen Individuums respektierten. Aus dem gleichen Grund haben wir aufgehört, Kinder zu hängen, und schufen etwa zur gleichen Zeit das Habeas corpus, und jetzt haben wir Gerechtigkeit für alle geschaffen oder sind dem wenigstens so nahe wie möglich gekommen. In der jüngsten Zeit sind die meisten, die überlegen und nachdenken, gegen die Todesstrafe, nicht so sehr wegen der, die hingerichtet werden, sondern wegen dem, was es für die menschliche Gesellschaft bedeutet, die wir alle bilden, ein menschliches Leben zu vernichten — irgendein menschliches Leben.«
Harris schwieg. Er lehnte sich in seinem Haltegurt vor und sah aus dem verdunkelten Cockpit in die sie umgebende Nacht hinaus.
In dem hellen Mondlicht konnte er tief unter sich ein Gewirr dunkler Wolkengipfel ausmachen. Bei der vorausgesagten geschlossenen Wolkendecke bis in die Mitte des Atlantiks hinaus auf ihrer Route war in dieser Nacht kein Blick auf Lichter unten auf der Erde zu erwarten. Einige hundert Meter über ihnen huschten die Positionslichter eines anderen Flugzeugs vorbei, das in entgegengesetzter Richtung flog, und verschwanden.