Von seinem Platz hinter den beiden Piloten griff der Zweite Offizier Jordan nach vorn und verstellte die Einstellung der Treibstoffhebel, um die Motorleistung der größeren Flughöhe der Maschine anzupassen.
Demerest wartete, bis Jordan damit fertig war, ehe er Anson Harris entgegenhielt: »Zwischen der Todesstrafe und einer Abtreibung besteht ein großer Unterschied.«
»Genaugenommen nicht«, antwortete Harris. »Nicht, wenn man es genau überlegt. Das hängt alles mit dem Respekt vor dem einzelnen Menschenleben zusammen, mit dem Weg, den die Zivilisation genommen hat und den sie weiter nehmen wird. Das Merkwürdige ist, daß man Leute im gleichen Atemzug gegen die Todesstrafe und für die Legalisierung der Abtreibung argumentieren hören kann. Was diese Leute nicht sehen, ist der Widerspruch, der darin liegt, auf der einen Seite den Wert des menschlichen Lebens höher einzuschätzen, ihn aber auf der anderen Seite herabzusetzen.«
Demerest erinnerte sich an das, was er an diesem Abend zu Gwen gesagt hatte. Jetzt wiederholte er es. »Ein ungeborenes Kind hat kein Leben — kein individuelles Einzelleben. Es ist ein Embryo, es ist noch keine Person.«
»Lassen Sie mich etwas fragen«, erwiderte Harris. »Haben Sie jemals einen Embryo gesehen? Nach dem Eingriff, meine ich.«
»Nein.«
»Ich habe einmal einen gesehen. Ein Arzt, den ich kenne, zeigte ihn mir. Er war in einem Glasgefäß, in Formaldehyd. Mein Freund bewahrte ihn in einem Schrank auf. Ich weiß nicht, woher er ihn hatte, aber er sagte mir, wenn dieses Kind am Leben geblieben wäre — wenn es nicht abgetrieben worden wäre —, wäre es ein normales Kind geworden. Ein Junge. Es war ein Embryo, richtig, gerade wie Sie gesagt haben, abgesehen davon war es aber auch ein menschliches Wesen. Es war alles vorhanden, alles war vollkommen ausgebildet: ein gutaussehendes Gesicht, Hände, Füße, Zehen, sogar ein kleiner Penis. Wissen Sie, was ich empfand, als ich es sah? Ich schämte mich. Ich fragte mich, wo zum Teufel ich gewesen war, wo alle anderen anständig gesinnten, mit einem Gewissen begabten Menschen gewesen waren, als dieses Kind, das sich nicht verteidigen konnte, ermordet wurde. Denn genau das war ja geschehen! Auch wenn wir in den meisten Fällen Angst haben, dieses Wort zu gebrauchen.«
»Teufel, ich sage ja nicht, daß ein Baby beseitigt werden soll, wenn es schon soweit ist.«
»Wissen Sie was?« entgegnete Harris. »Wissen Sie, daß acht Wochen nach der Empfängnis in einem Embryo alles schon genauso vorhanden ist wie in einem voll ausgetragenen Kind? Im dritten Monat sieht der Embryo wie ein Baby aus. Wo wollen Sie also die Grenze ziehen?«
Demerest knurrte: »Sie hätten Rechtsanwalt werden sollen, nicht Pilot.« Trotzdem fand er sich plötzlich vor der Frage, wie weit Gwen wohl sein mochte; dann überlegte er, wenn sie es in San Francisco empfangen hatte, wie sie ihm versichert hatte, lag es acht oder neun Wochen zurück. Deshalb war es jetzt, falls die Behauptung von Harris zutraf, ein fast schon fertig entwickeltes Kind.
Es war Zeit für die nächste Meldung bei der Flugsicherung. Ver-non Demerest gab sie durch. Sie befanden sich jetzt in neuntausendneunhundert Meter Höhe, hatten nahezu den Gipfel ihres Aufstiegs erreicht und würden in wenigen Augenblicken die Grenze nach Kanada überfliegen und sich über dem südlichen Ontario befinden. Detroit und Windsor, die Zwillingsstädte, die sich längs der Grenze erstreckten, waren im allgemeinen helle Lichtflecke, die schon aus einer Entfernung von vielen Meilen sichtbar waren. Heute lag nur Finsternis unter ihnen, die Städte irgendwo von Wolken verhüllt auf der Steuerbordseite. Demerest erinnerte sich, daß Detroit Metropolitan Airport kurz vor ihrem Start geschlossen worden war. Inzwischen würden beide Städte den Schneesturm, der weiter nach Osten zog, mit voller Wucht über sich ergehen lassen müssen.
In den Passagierkabinen hinten servierten Gwen und die anderen Stewardessen jetzt die zweite Runde Getränke und begannen in der ersten Klasse auf exquisitem Rosenthalporzellan warme Vorgerichte auszugeben.
»Ich habe Sie gewarnt, daß ich sehr strenge Ansichten in dieser Frage habe«, sagte Anson Harris. »Man braucht keine Religion, um an die ethischen Pflichten der Menschen zu glauben.«
Demerest antwortete grollend: »Oder verrückte Vorstellungen zu haben. Jedenfalls sind die Leute mit Ihren Ansichten auf der falschen Seite und werden verlieren. Die Tendenz geht dahin, Abtreibungen zu erleichtern und schließlich vielleicht völlig freizugeben und zu legalisieren.«
»Wenn es dazu kommt«, antwortete Harris, »werden wir einen Schritt rückwärts in der gesellschaftlichen Entwicklung machen.«
»Unsinn!« Demerest blickte von dem Logbuch auf, in das er gerade die eben durchgegebene Positionsmeldung eintrug. Seine Gereiztheit, die nur selten weit unter der Oberfläche schlummerte, begann erkennbar zu werden. »Es gibt viele gute Argumente für die Erleichterung von Abtreibungen — unerwünschte Kinder, die in Armut geboren werden und nie eine Chance im Leben bekommen werden; und dann die Sonderfälle — Vergewaltigung, Blutschande, die Gesundheit der Mutter.«
»Sonderfälle gibt es immer. Es ist genau so, wie wenn man sagen wollte: >Also gut, ein bißchen Morden wollen wir erlauben, vorausgesetzt, daß überzeugende Gründe dafür vorgebracht werden.< « Harris schüttelte widersprechend den Kopf. »Sie haben von unerwünschten Kindern gesprochen. Nun, sie können durch Empfängnisverhütung vermieden werden. Dazu hat heutzutage jeder die Möglichkeit, in jeder Einkommensschicht. Aber wenn wir dabei einen Fehler begehen und ein neues menschliches Leben zu wachsen beginnt, das ein neues Menschenwesen ist, haben wir kein moralisches Recht, es zum Tode zu verdammen. Wozu wir geboren werden, das ist das Risiko, das wir alle auf uns nehmen müssen, ohne es zu kennen. Aber wenn wir einmal ein Leben haben, ob gut oder schlecht, haben wir auch den Anspruch darauf, es zu behalten, und nicht viele würden, wie schlecht es auch sei, darauf verzichten. Das Mittel gegen Armut ist nicht, ungeborene Kinder zu töten, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbessern.«
Harris dachte kurz nach, dann fuhr er fort. »Und was die Wirtschaft angeht, wirtschaftliche Argumente gibt es für alles. Es ist wirtschaftlich logisch, geistig Minderwertige und Krüppel sofort nach der Geburt zu töten, an unheilbar Kranken Euthanasie zu praktizieren, alte und nutzlose Menschen auszumerzen, wie es in Afrika geschieht, indem man sie im Dschungel den Hyänen zum Fraß überläßt. Aber wir tun das nicht, weil wir das Leben und die Würde des Menschen hochhalten. Was ich sagen will, Vernon, ist, wenn wir weiter fortschreiten wollen, müssen wir sie noch höher einschätzen.«
Die Höhenmesser, vor jedem der Piloten einer, erreichte die Zehntausend-Meter-Marke. Sie hatten den Gipfel ihres Aufstiegs erreicht. Anson Harris brachte die Maschine behutsam in eine waagerechte Position, während der Zweite Offizier Jordan wieder nach vorn griff, um die Hebel der Treibstoffzufuhr neu einzustellen.
Demerest sagte mürrisch zu Harris: »Ihr Fehler ist, daß Sie Hirngespinste haben.« Er war sich bewußt, daß er die Diskussion begonnen hatte; jetzt wünschte er sich verärgert, er hätte es unterlassen. Um das Thema abzubrechen, griff er nach dem Rufknopf für die Stewardessen. »Lassen wir uns etwas von den warmen Vorspeisen kommen, ehe die Passagiere in der ersten Klasse alles aufgefressen haben.«
Harris nickte zustimmend. »Gute Idee.«
Ein oder zwei Minuten später brachte Gwen auf die telefonische Bestellung hin drei Teller mit appetitanregend duftenden Vorspeisen und Kaffee. Bei der Trans America wurden, wie bei den meisten Fluggesellschaften, die Kapitäne am schnellsten bedient.
»Danke, Gwen«, sagte Kapitän Demerest. Als sie sich dann vorneigte, um Anson Harris zu bedienen, bestätigten ihm seine Augen, was er bereits wußte. Gwens Taille war so schlank wie eh und je, noch kein Anzeichen war zu erkennen. Es würde auch nie soweit kommen, gleichgültig, was in ihrem Körper vorging. Zum Teufel mit Harris und seinem Altweibergeschwätz. Selbstverständlich würde Gwen eine Abtreibung vornehmen lassen — sobald sie von dieser Reise zurückkamen.