Etwa zwanzig Meter hinter ihnen, in der Touristenkabine, war Mrs. Ada Quonsett in ein angeregtes Gespräch mit dem Passagier auf ihrer rechten Seite vertieft, in dem sie einen liebenswürdigen Oboisten des Chicago Symphony Orchestras, einen Mann in den mittleren Jahren, entdeckt hatte. »Wie wunderbar, Musiker und so schöpferisch zu sein! Mein verstorbener Mann liebte klassische Musik. Er hat selbst ein bißchen gegeigt, aber selbstverständlich nicht beruflich.«
Mrs. Quonsett war von dem Dry Sack Sherry, den ihr neuer Freund, der Oboist, bezahlt hatte, angenehm erwärmt, und er hatte gerade gefragt, ob sie nicht noch ein Glas trinken wolle. Mrs. Quonsett strahlte. »Also das ist wirklich zu freundlich von Ihnen, und vielleicht sollte ich es nicht annehmen, aber ich glaube, ich trinke noch eins.«
Der Passagier auf ihrer linken Seite, der Mann mit dem kleinen sandfarbenen Schnurrbart und dem ausgemergelten Hals, war weniger gesprächig gewesen. Genaugenommen war er eine Enttäuschung. Die verschiedenen Versuche von Mrs. Quonsett zu einem Gespräch waren durch einsilbige, fast unhörbare Antworten abgewiesen worden, während er meistens völlig ausdruckslos, das Ak-tenköfferchen auf seinen Knien unverändert fest umklammernd, neben ihr gesessen hatte.
Eine Zeitlang, als alle sich etwas zu trinken bestellt hatten, fragte sich Mrs. Quonsett, ob der Passagier links von ihr nicht doch noch auftauen würde. Aber er hatte es nicht getan. Er hatte von der Stewardess einen Scotch entgegengenommen, dafür mit einer Menge Kleingeld, das er umständlich vorzählen mußte, bezahlt und das Glas fast auf einen Zug heruntergestürzt. Ihr Sherry besänftigte Mrs. Quonsett sofort so weit, daß sie dachte: Der arme Mann, vielleicht hat er Sorgen, und vielleicht sollte ich ihn nicht behelligen.
Sie bemerkte jedoch, daß der Mann mit dem mageren Hals sofort aufmerksam wurde, als der Kapitän bald nach ihrem Start in einer Durchsage Geschwindigkeit, Kurs, Flugzeit und so weiter bekanntgab, Mitteilungen, denen Mrs. Quonsett nur selten zuhörte. Der Mann zu ihrer Linken dagegen kritzelte Notizen auf die Rückseite eines Briefumschlags und nahm sich dann eine der Karten »Zeichnen Sie selbst den Kurs Ihrer Maschine ein« vor, die die Fluggesellschaft frei zur Verfügung stellte, und breitete sie auf seinem Aktenkoffer aus. Jetzt studierte er diese Karte, machte mit einem Bleistift Eintragungen und blickte zwischendurch auf seine Uhr. Mrs. Quonsett kam das alles sehr albern und kindisch vor, denn sie war fest überzeugt, daß vorn ein Navigator saß, der sich darum kümmern würde, wo die Maschine zu welcher Zeit zu sein hätte.
Darauf wandte Mrs. Quonsett ihre Aufmerksamkeit wieder dem Oboisten zu, der ihr erklärte, daß er erst kürzlich, als er bei der Aufführung einer Brucknersinfonie als Zuhörer im Saal gesessen habe, erkannt hätte, daß in einem Augenblick, wenn seine Instrumentengruppe »pom-tideh-pom-pom« spiele, die Celli das mit einem »ah-diddleh-ah-dah« begleiteten. Zur Illustrierung summte er ihr die beiden Phrasen leise vor.
»Wirklich? Wie ungeheuer interessant. Daran hätte ich nie gedacht«, rief Mrs. Quonsett aus. »Mein verstorbener Mann hätte sich so gefreut, wenn er Sie kennengelernt hatte, obwohl Sie selbstverständlich viel jünger sind.«
Sie trank jetzt mit Genuß ihren zweiten Sherry und fühlte sich vollkommen wohl und behaglich. Sie hatte sich einen sehr angenehmen Flug ausgesucht, dachte sie, so ein schönes Flugzeug und eine gute Besatzung, und die Stewardessen höflich und hilfsbereit, und so interessante Mitreisende, außer dem Mann zu ihrer Linken, der aber eigentlich bedeutungslos war. Bald würde das Abendessen serviert werden, und es sollte ein Film mit Michael Caine, einem ihrer Lieblingsstars, gezeigt werden. Was konnte man noch mehr verlangen?
Mrs. Quonsett hatte sich geirrt, als sie annahm, daß vorn im Cockpit ein Navigator sitzen würde. Den gab es nicht. Bei der Trans America flogen, wie bei den meisten großen Fluggesellschaften, nicht einmal mehr bei Überseeflügen Navigatoren mit, weil die Fülle der zur Verfügung stehenden Radar- und Funkanlagen in den modernen Düsenflugzeugen sie entbehrlich machten. Die Piloten, die ständig die Hilfe der Flugsicherung hatten, übernahmen das wenige an Navigation, das noch gebraucht wurde, selbst.
Wenn jedoch ein altmodischer Luftnavigator an Bord von Flug Zwei gewesen wäre, dann hätten die von ihm eingezeichneten Positionen jenen, die D. O. Guerrero durch sein Über-den-Daumen-Peilen errechnet hatte, bemerkenswert geglichen. Guerrero hatte vor einigen Minuten geschätzt, daß sie dicht vor Detroit sein mußten. Diese Schätzung war richtig. Er wußte es, weil der Kapitän in seiner Ankündigung an die Passagiere bekanntgegeben hatte, daß der weitere Kurs über Montreal, Fredericton in New Brunswick, Cape Ray und später St. John's in Neufundland führen werde. Der Kapitän war sogar so hilfreich gewesen, sowohl die Bodengeschwindigkeit als auch die Fluggeschwindigkeit des Flugzeugs bekanntzugeben und es Guerrero dadurch zu ermöglichen, daß seine weiteren Berechnungen ebenso genau ausfielen.
Die Ostküste von Neufundland, rechnete D. O. Guerrero, würde in zweieinhalb Stunden überflogen werden. Bis es jedoch soweit war, würde der Kapitän vermutlich noch einmal die Position bekanntgeben, und danach konnte er seine Schätzung dann berichtigen, wenn es nötig sein sollte. Danach wollte Guerrero, wie er es geplant hatte, eine weitere Stunde warten, um sicherzugehen, daß die Maschine sich weit draußen über dem Atlantik befand, ehe er an der Schnur an seinem Aktenkoffer zog und das Dynamit darin zur Explosion brachte. In diesem Augenblick krampften sich seine Finger vor Erwartung fester um das Köfferchen.
Jetzt, da der entscheidende Augenblick so dicht bevorstand, wünschte er, daß es schon soweit wäre. Vielleicht brauchte er doch nicht so lange zu warten. Sobald die Maschine Neufundland erst hinter sich gelassen hatte, war ein Augenblick so gut wie der andere.
Der Schluck Whisky hatte seine Spannung gemildert. Zwar war sie schon weitgehend von ihm abgefallen, sobald er an Bord der Maschine gekommen war, jedoch bald nach dem Start wieder von neuem aufgetreten, besonders als diese aufreizende alte Ziege auf dem Platz neben ihm versucht hatte, ihn in ein Gespräch zu ziehen. D. O. Guerrero wünschte keine Unterhaltung, weder jetzt noch später. Genaugenommen wünschte er keinerlei Kontakt mehr mit irgend jemand in seinem Leben. Alles, was er sich wünschte, war, dazusitzen und zu träumen — von dreihunderttausend Dollar, einer größeren Summe, als er sie je besessen hatte und die, wie er annahm, Inez und den Kindern in wenigen Tagen zukommen würde.
In diesem Augenblick wäre ihm ein zweiter Whisky sehr willkommen gewesen, aber er hatte kein Geld mehr, um ihn bezahlen zu können. Nach seinem unerwartet hohen Versicherungsabschluß war ihm kaum genug Kleingeld für das eine Glas geblieben. Deshalb mußte er eben auf das zweite verzichten.
Wieder schloß er die Augen. Diesmal dachte er an die Wirkung auf Inez und die Kinder, wenn sie von dem Geld erfuhren. Sie sollten ihm dankbar sein für das, was er für sie tat, selbst wenn sie nie die ganze Wahrheit erfuhren — daß er sich für sie aufopferte, sein Leben für sie hingab. Vielleicht würden sie aber einen kleinen Teil erraten. Wenn ja, dann hoffte er, würden sie dafür dankbar sein, obwohl ihm das fraglich zu sein schien, da er aus Erfahrung wußte, daß die Menschen auf das, was in ihrem Interesse getan wurde, überraschend undankbar reagieren konnten.
Das Merkwürdige war: bei all seinen Gedanken an Inez und die Kinder konnte er sich ihre Gesichter nicht mehr richtig vorstellen. Fast schien es, als ob er an Leute dachte, die er niemals wirklich gekannt hatte.
Er gab sich mit einem Kompromiß zufrieden, indem er sich Dollarzeichen vorstellte, denen Dreier und endlose Reihen von Nullen folgten. Nach einer Weile mußte er eingeschlafen sein, denn als er die Augen öffnete, zeigte ihm ein schneller Blick auf seine Uhr, daß zwanzig Minuten vergangen waren, und eine Stewardess beugte sich vom Mittelgang her zu ihm nieder. Die Stewardess, ein anziehendes dunkelhaariges Mädchen, das mit einem englischen Akzent sprach, fragte: »Darf ich Ihnen jetzt Ihr Abendessen servieren, Sir? Wenn ja, darf ich Ihnen solange Ihren Koffer abnehmen?«