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Fast vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an empfand Mel Bakersfeld eine instinktive Abneigung gegen Rechtsanwalt Elliott Freemantle, der die Delegation der Einwohner von Meadowood anführte. Nachdem jetzt etwa zehn Minuten vergangen waren, seit die Delegation in Mels Büro marschiert war, hatte sich die Abneigung zu unverhülltem Abscheu gesteigert.

Es schien, als ob der Rechtsanwalt bewußt so unangenehm wie möglich aufträte. Noch ehe die Aussprache begann, hatte Freemantle die unfreundliche Bemerkung fallen lassen, er wünsche keinerlei »Doppelzüngigkeiten«, die Mel in gemäßigtem Ton parierte, obwohl sie ihn ärgerte. Seither war jede Erwiderung Mels mit der gleichen Grobheit und verletzenden Skepsis aufgenommen worden. Sein Instinkt warnte Mel, daß Freemantle ihn bewußt herausfordere in der Hoffnung, Mel würde seine Selbstbeherrschung verlieren und unüberlegte Erklärungen abgebende die Presse dann aufgreifen konnte. Falls das die Taktik dieses Rechtsanwalts war, dann hatte Mel nicht die Absicht, ihr Vorschub zu leisten. Mit einiger Mühe gelang es ihm, selbst gemäßigt und höflich aufzutreten.

Freemantle hatte gegen etwas protestiert, das er »gefühllose Gleichgültigkeit der Flughafenleitung gegenüber der Gesundheit und dem Wohlergehen meiner Klienten, der ehrenwerten Bewohner und Mitbürger von Meadowood«, nannte.

Mel erwiderte ruhig, weder die Flughafenleitung noch die Fluggesellschaften seien gefühllos oder gleichgültig. »Im Gegenteil, wir haben das echte Problem des bestehenden Lärms erkannt und unser Bestes getan, um eine Lösung dafür zu finden.«

»Dann ist Ihr Bestes, Sir, eine elende, unzulängliche Bemühung. Denn was haben Sie denn getan?« hielt ihm Rechtsanwalt Freemantle entgegen. »Soweit meine Klienten und ich sehen können — und hören —, haben Sie nichts als leere Versprechungen abgegeben, die wertlos sind. Es ist vollkommen klar — und das ist auch der Grund, weshalb wir vor Gericht gehen werden —, daß sich hier niemand auch nur einen Dreck darum kümmert.«

Diese Beschuldigung entspreche nicht der Wahrheit, entgegnete Mel. Es sei ein Programm entwickelt worden, Starts über die Startbahn Zwei-Fünf zu vermeiden, die unmittelbar auf Meadowood zuführe, wann immer die Möglichkeit bestehe, eine andere Startbahn zu benutzen. Deshalb werde Zwei-Fünf überwiegend für Landungen benutzt, wodurch für Meadowood nur geringe Lärmbelästigung entstehe, selbst wenn dadurch die Leistungsfähigkeit des Flughafens beeinträchtigt werde. Darüber hinaus bestehe für die Piloten aller Fluggesellschaften die Anweisung, nach jedem Start in der allgemeinen Richtung über Meadowood, gleichgültig welche Startbahn benutzt werde, alle Maßnahmen zur Lärmdrosselung zu befolgen, einschließlich des Abdrehens von Meadowood unmittelbar nach dem Abheben vom Boden. Die Flugsicherung habe alle diese Maßnahmen unterstützt.

»Was Sie sich vor Augen halten sollten, Mr. Freemantle«, fügte Mel hinzu, »wir treffen heute abend keineswegs zum erstenmal mit den Bewohnern aus unserer Umgebung zusammen. Wir haben über unsere gemeinsamen Probleme schon oft diskutiert.«

»Vielleicht wurde bei diesen Gelegenheiten nicht offen und deutlich genug gesprochen«, entgegnete Elliott Freemantle schroff.

»Ob das so war oder nicht, Sie scheinen sich jedenfalls zu bemühen, etwa Versäumtes jetzt nachzuholen.«

»Wir haben die Absicht, eine Menge Versäumtes nachzuholen — versäumte Zeit, vergebliche Mühe, vergeudeten guten Glauben, letzteres ausschließlich auf seiten meiner Klienten.«

Mel zog es vor, darauf nicht zu antworten. Für keine der beiden Seiten konnte durch Ausfälle dieser Art etwas gewonnen werden — außer vielleicht Publicity für Elliott Freemantle. Mel beobachtete, daß die Bleistifte der Reporter übers Papier flogen. Was der Rechtsanwalt jedenfalls eindeutig verstand, war der Presse Nahrung für spannende Berichte zu geben.

Mel beschloß, diese Zusammenkunft abzubrechen, sobald das mit Anstand möglich war. Er war sich Cindys Anwesenheit deutlich bewußt, die noch an der gleichen Stelle saß wie in dem Augenblick, als die Delegation erschienen war. Jetzt schien sie sich aber zu langweilen, und das war typisch für Cindy, sobald etwas zur Sprache kam, das den Flughafen betraf. Diesmal hatte Mel jedoch völliges Verständnis für sie. In Anbetracht des ernsten Themas, über das sie diskutiert hatten, empfand er selbst diese ganze Meadowood-Geschichte als eine Belästigung.

In Mels Gedanken tauchte auch immer wieder seine Sorge um Keith auf. Er fragte sich, wie es mit seinem Bruder drüben in der Radarkontrolle stehe. Hätte er darauf bestehen sollen, daß Keith seinen Dienst für diese Nacht abbrach, und das Gespräch weiterführen sollen — das bis zu dem Punkt, als es vom Dienstleiter des Kontrollturms unterbrochen worden war, zu etwas zu führen schien. Vielleicht war es jetzt noch nicht zu spät . . . Aber da war auch Cindy, die ganz gewiß ein Recht darauf hatte, vor Keith berücksichtigt zu werden. Und jetzt auch noch dieser giftige Rechtsanwalt Freemantle, der ihn weiter belästigte . . .

»Da Sie es für richtig halten, von diesen sogenannten Maßnahmen zur Lärmdrosselung zu sprechen«, faßte Elliott Freemantle sarkastisch nach, »darf ich fragen, was heute abend aus ihnen geworden ist?«

Mel seufzte. »Wir haben seit drei Tagen Schneesturm.« Sein Blick umfaßte die anderen Mitglieder der Delegation. »Damit sage ich Ihnen bestimmt nichts Neues. Dadurch ist für uns ein Notstand eingetreten.« Er erklärte die Blockierung der Startbahn DreiNull, die vorübergehende Notwendigkeit, über Startbahn ZweiFünf mit allen unvermeidlichen Auswirkungen auf Meadowood zu starten.

»Das ist alles schön und gut«, sagte einer der anderen Männer, ein bereits kahlwerdender Mann mit Hängebacken, dem Mel bereits bei anderen Diskussionen über den Lärm des Flughafens begegnet war. »Daß Schneesturm ist, wissen wir, Mr. Bakersfeld. Aber wenn man direkt darunter wohnt, hilft es nichts, wenn man weiß, warum die Flugzeuge über einen wegfliegen. Daran kann auch ein Schneesturm nichts ändern. Übrigens, mein Name ist Floyd Zanetta. Ich war der Leiter der Versammlung . . .«

Elliott Freemantle mischte sich geschickt ein. »Entschuldigen Sie, da muß noch ein anderer Punkt erwähnt werden, ehe wir fortfahren.« Offensichtlich hatte der Rechtsanwalt nicht die Absicht, die Herrschaft über die Delegation, und sei es auch noch so kurz, aus der Hand zu geben. Er wandte sich mit einem Seitenblick auf die Journalisten wieder an Mel. »Es geht nicht nur um den Lärm, der in die Häuser und Ohren der Einwohner von Meadowood dringt, obwohl der schon schlimm genug ist — die Nerven zerrüttet, die Gesundheit zerstört, Kinder um den nötigen Schlaf bringt. Sondern da ist auch eine körperliche Belästigung . . .«

Diesmal unterbrach Mel. »Wollen Sie ernsthaft als Alternative zu dem, was heute abend geschieht, vorschlagen, wir sollten den Flughafen schließen?«

»Das schlage ich Ihnen nicht nur vor, wir könnten Sie dazu zwingen. Vor einem Augenblick sprach ich von der körperlichen Belästigung. Und genau das ist es, was ich beweisen will, vor Gericht, im Interesse meiner Klienten. Und wir werden gewinnen.«

Die anderen Mitglieder der Delegation einschließlich Floyd Za-nettas nickte zustimmend.

Während Elliott Freemantle wartete, um seine Worte wirken zu lassen, überlegte er. Er nahm an, er sei jetzt weit genug gegangen. Für ihn war es eine Enttäuschung, daß bei dem Generaldirektor des Flughafens die Sicherung nicht durchgebrannt war, worum Freemantle sich so sehr bemüht hatte. Diese Technik hatte er schon früher benutzt, häufig mit Erfolg, und es war eine gute Technik, denn Leute, die ihre Selbstbeherrschung verloren, kamen in Presseberichten unweigerlich schlecht weg, und daran lag Freemantle am meisten. Aber Bakersfeld war zwar eindeutig verärgert, aber zu klug, um auf dieses Spiel reinzufallen. Macht nichts, dachte Elliott Freemantle, er hatte trotzdem Erfolg gehabt. Auch er hatte bemerkt, daß die Reporter fleißig jedes seiner Worte mitschrieben — Worte, die ohne die Anmaßung und den Hohn in seiner Stimme sich gut lesen würden; besser noch, wie er glaubte, als seine vorherige Rede auf der Versammlung in Meadowood.