Die Nasenhaare der Hexe zuckten vor Vergnügen. »Klingt das nicht wunderbar, meine Lieben?«
Rick bedankte sich überschwenglich bei Lord Bullhaven und schämte sich. Abstoßend und kriegerisch war ihm dieser Mann vorgekommen. Jetzt war ausgerechnet er es, der ihre Suche zu einem glücklichen und erfolgreichen Ende brachte.
»Also, das wäre dann beschlossen«, sagte der Premierminister und wandte sich wieder seinen Papieren zu. »Mein Sekretär wird euch bei der Übersiedlung helfen.«
Als sie sich zum Gehen wandten, schüttelte Rick immer wieder Lord Bullhavens Hand, und die Hexe, die sonst nur ihren Mann küßte, gab ihm ein Küßchen auf seine kalkweiße Wange. Rick konnte nicht Gedanken lesen. Wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte er das Haus des Premierministers nicht laut pfeifend und mit einem so frohen Gesicht verlassen, daß die Leute auf der Straße ihm nachsahen und lächelten. Sie fuhren mit dem Zug nach Insleyfarne. Wenn der Premierminister sich zu etwas entschlossen hatte, handelte er schnell. Rick hatte ein Erster-Klasse-Ticket und einen Schlafwagenplatz. Er konnte also irgendwo in der Gegend von Peterborough ins Bett gehen und schlafen, bis sie die Grenze nach Schottland überquert hatten. Vorher ging er ganz allein in den Speisewagen und bestellte sich ein wunderbares Essen: Suppe, ein Steak mit Zwiebeln und Chips und gegrillten Tomaten, Obstsalat mit Sahne. Und das aß er, während Felder und Wiesen mit Kühen am Fenster vorbeiflitzten. Er hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen, weil er Fleisch aß, denn Susi hatte gesagt, er brauche Fleisch, um gutes Blut für Rose bilden zu können.
Beim Essen dachte er darüber nach, was der Premierminister kurz bevor er ging zu ihm gesagt hatte. »Ich möchte, daß das geheim bleibt«, hatte er gesagt. »Wenn herauskommt, daß ich mich für ein Asyl für Gespenster eingesetzt habe, hält man mich für verrückt. Und dann werde ich nicht wiedergewählt.«
»Werden nicht alle Leute finden, daß Sie und Lord Bullhaven den Geistern gegenüber sehr freundlich gehandelt haben? Würde man Sie nicht gerade deshalb wiederwählen?« hatte Rick eingewandt.
»Ich kann dir versichern, Rick, wenn herauskommt, daß ich an Geister glaube ... «
»Aber Sie haben sie gesehen. «
»Das würde niemanden interessieren. Man würde mich einfach für verrückt erklären. Wenn das die Zeitungen erfahren...« Er schauderte.
Also hatte Rick versprochen, die Geister nach Insleyfarne zu bringen, ohne daß es jemand merkte. Die Geister hatten geschworen, still und unsichtbar im Gepäckwagen zu bleiben. Sogar Humphrey. Die Hexe und der Schwebende Kilt hatten die Hoffnung aufgegeben, daß Humphreys linker Ellbogen jemals richtig verschwinden würde. Es war wie bei einem Kind mit abstehenden Ohren oder einem Kind, das stotterte. Man mußte eben das Beste daraus machen. Andererseits wollten sie nicht, daß ein Mitreisender plötzlich etwas Rosiges, Spinnwebartiges im Gepäcknetz entdeckte, jetzt, wo sie ihrer neuen Heimat so nahe waren.
In Inverness stiegen sie um. Das Land wurde wilder und schöner. Dann stiegen sie an einem ganz kleinen Bahnhof aus. Da wartete schon ein Lastwagen, um sie nach Insleyfarne zu bringen. Der Fahrer wunderte sich, daß für den Transport eines einzigen Jungen ein ganzer Lastwagen nötig sein sollte, aber er hatte Instruktionen, nichts zu sagen, und so schwieg er. Auch dann, als es im Wagen zu stinken begann und als plötzlich aus dem Nichts eine große Pfütze im Anhänger erschien ...
Sie fuhren immer weiter nach Norden. Es wurde kälter. Regenwolken zogen vom Meer heran. Auf beiden Seiten sah Rick braunes Sumpfland mit Nebel schwaden, Granitblöcke, die feucht glänzten, und knorrige Bäume, die sich dem Wind entgegenstemmten.
Die Straße wurde schmal. Sie lief jetzt an einem tiefen, dunklen See entlang. Dann wurde sie zu einem zerfurchten Weg und führte über eine sandige Landenge, die Insleyfarne mit dem Festland verband. Sie waren am Ziel.
Die Geister konnten es kaum glauben. Sobald der Fahrer weggefahren war - er hatte versprochen, Rick in ein paar Stunden wieder abzuholen -, erschienen sie einer nach dem anderen, klatschten in die Hände und lachten vor Glück.
»Und das Schönste ist, wir können jetzt immer sichtbar bleiben«, rief Humphrey. »Oder nicht?«
Rick sagte, ja, das könnten sie, und dann fingen sie an, ihre neue Heimat zu besichtigen.
Da gab es alles, was das Herz begehrte: ein Schloß mit Verliesen, eine zerfallene Kapelle, ein Dorf mit verlassenen Häusern... Oben auf dem Hügel war ein Friedhof und der alte Raketenschießplatz mit ein paar verrosteten Baracken. Jeder Baum, jeder Grashalm war vom Wind gebeugt und zerrupft. Und auf drei Seiten heulte und donnerte und seufzte der kalte graue Atlantik, wie es sich besser kein Geist wünschen konnte.
Nachdem sie alles angesehen hatten, überlegten die Geister, wo sie in Zukunft wohnen wollten. Die Hexe und der Schwebende Kilt entschieden sich für das Schloß.
»Ach, meine Lieben, was für ein wunderschönes Haus!« jubelte die Hexe und kroch glückselig zwischen dem Eulendung und den schimmeligen Federn umher, die im früheren Wachraum herumlagen.
Rick freute sich über ihre Begeisterung. Insleyfarne war eine riesige, schwarze Ruine. Die Fenster waren nur Schlitze, aus denen man früher siedendes Öl auf Angreifer gegossen hatte. Diese Schlitze waren verklebt von den Exkrementen Tausender Seevögel. Merkwürdige Pilze wuchsen an den feuchten Wänden. Stufen führten hinunter in dunkle Verliese oder aufwärts ins Nichts.
»Wirklich eine hübsche kleine Bleibe«, meinte der Schwebende Kilt und jagte zwei große Ratten aus der alten Waffenkammer. »Dies hier eignet sich sehr gut als Arbeitszimmer.«
»Kann ich dieses Zimmer haben, Mutter?« Winifred zeigte auf eine runde Grube, in die man einst Gefangene geworfen hatte, um sie darin verhungern zu lassen. »Es ist so hübsch.«
»Ich schlafe hier!« schrie George vom Ostturm herab.
Rick machte sich auf den Weg, um Humphrey zu suchen. Er half Tante Hortensia gerade, die Pferde in den Stall zu bringen.
»Es ist sehr schön hier, und die Luft ist so gut«, stellte Tante Hortensia fest und führte ihre Pferde in den nach oben offenen Stall, in den es jetzt heftig hereinregnete. »Ich habe eine Wohnung für mich gefunden ... ein hübsches kleines Grab unter den zerzausten Eichen da drüben. Nichts macht Erde so weich und bequem wie tote Schotten. Hierher, gib her! Guter Hund!«
Der Schack ließ Tante Hortensias Kopf fallen. Sie steckte ihn unter den Arm und begab sich durch den strömenden Regen zu ihrem Schlafplatz.
»Ich wollte das Grab«, sagte Humphrey, und seine Kieferknochen fingen an zu zittern. »In Craggyford habe ich immer in einem Grab geschlafen.«
»Ach, Gräber sind so krümelig«, sagte Rick. »Wir finden bestimmt was Besseres.«
Und so war es auch. Sie entdeckten ein ausgetrocknetes Bachbett mit einem schönen weichen Untergrund aus Blättern und Erde. Keiner konnte Humphrey sehen, wenn er sich da zusammenrollte. »Ich bin Humphrey der Schreckliche, der Quellengeist«, schrie er glücklich, schwebte auf und nieder und ließ seine Stimme noch einmal als Echo wiederkommen.
Die anderen Geister waren genauso glücklich. Die Vampirfledermäuse hatten eine großartige Höhle in einer Klippenwand entdeckt. Sie war voller Möwenkot, zerbrochener Eierschalen und Knochen von Tieren, die hier verendet waren. Der Blick aufs Meer war atemberaubend.
»Und das Versorgungsproblem, meine Lieben, habe ich gelöst«, sagte Susi aufgeregt zu Rick.
»Und wie?«
»Robben. Siehst du sie? Robben! Es gibt hier unheimlich viele. Sie sind Warmblüter. Säugetiere. Nicht kalt und ungesund für den Magen wie Fische.« Mit ihren furchterregenden Fängen deutete Susi aufs Meer hinaus, und da sah man über zwanzig Köpfe im Wasser.