»Aber ich kann nicht«, sagte Humphrey mit schwacher Stimme. »Wie soll ich denn zu Rick hinkommen? Ich kann mich doch kaum bewegen.«
»Versuch's. Bewege ein Bein. Weiter, jetzt das andere.«
»Es tut weh.«
»Das macht nichts. Auf jetzt. Schwebe. Weiter, mach weiter.«
Und dann befand Humphrey sich wirklich in der Luft und schwebte. Schwach noch und langsam, aber er schwebte ...
Vorbei an Tante Hortensia, die wie eine Eisenstange auf ihrem Grab lag, vorbei an dem armen Schack, der in Todesangst jaulte und dem von seinen drei Schwänzen nur noch einer geblieben war, vorbei an den jammernden, sich verfärbenden Ladys ...
Als er zu dem Deichweg gelangte, der Insleyfarne vom Festland trennte, fühlte er einen so lähmenden Schmerz, daß er fast abgestürzt wäre. Er war voll in den Strahl von Mr. Wallaces Exorzismus geraten. Obwohl er diesen Job eigentlich verabscheute, hielt Mr. Wallace es für seine Pflicht, ihn richtig zu tun. Er saß auf Lord Bullhavens Klappstuhl, schwenkte mit einer Hand einen Ebereschenzweig und sprach Zauberspruch 293 aus dem Geisterbannbuch.
»Scheußlich schlimme Geisterwesen Geht dahin, wo ihr gewesen.
Geht hinfort von diesem Ort,
Geht ins Grab und bleibt auch dort... «
Der Spruch ging noch endlos weiter, und wenn Mr. Wallace in der Lage gewesen wäre, ihn bis zum Ende aufzusagen, hätte wahrscheinlich Humphreys letztes Stündchen geschlagen. Der arme Mr. Wallace hatte aber nur einen sehr dünnen, abgetragenen Mantel an, und es war bitter kalt. Er saß am Strand, der Wind heulte, und ganz plötzlich mußte Mr. Wallace heftig niesen.
Das dauerte nur ein paar Augenblicke. Es war aber ein Spalt im Exorzismus, und der genügte. Humphrey konnte über den Kopf von Mr. Wallace hinweggleiten und seinen langen, beschwerlichen Weg zu Rick dem Retter fortsetzen.
Es war eine Reise, die Humphrey nie vergessen sollte. Obwohl er mit zunehmender Entfernung vom Exorzismus stärker wurde, war er doch immer noch sehr schwach. Kugel und Kette waren schwer wie Blei, und manchmal war er so schwindlig, daß er nicht mehr wußte, wo oben und unten war.
Das Schlimmste war aber, daß er sich nicht mehr genau an den Weg erinnern konnte. Er mußte nach Südosten fliegen, aber wie weit genau? Wenn er nun an Ricks Schule vorbeiflog? Er durfte sie einfach nicht verfehlen. Seine Eltern starben, mit ihnen George und Winifred und all die anderen Geister, die man hinterhältig in die Falle gelockt hatte ... Er mußte Rick finden. Was Rick tun konnte, um eine Insel mit toten und sterbenden Geistern zu retten, wußte Humphrey nicht. Er war nicht besonders klug. Er hatte nur Vertrauen.
Es war ein klarer, windiger Morgen gewesen, als er von Insleyfarne gestartet war. Jetzt zogen sich Wolken zusammen. Es fing an zu regnen, und der Wind blies ihm entgegen. Ohne den Schutz der Geisterkutsche fror er bitterlich, und er zitterte so sehr, daß er an Höhe verlor.
»Ich schaffe es nicht«, schluchzte er. »Den ganzen Weg schaffe ich nicht.«
Dann fiel ihm ein, was der Schwebende Kilt einmal gesagt hatte. »Wenn du etwas Schweres vorhast, denk nicht an alles, was noch vor dir liegt. Denk nur an den nächsten Schritt. Du kannst immer nur einen Schritt tun.«
Also schwebte Humphrey nur einen Schritt, dann noch einen und noch einen.
Schließlich veränderte sich das Land unter ihm und wurde freundlicher: Felder, Wiesen und Hecken traten an die Stelle der wilden Moorlandschaft. Er wußte, daß er sich der Grenze von England näherte. Nach Osten ... über den Fluß ... Einen Moment lang hatte er schreckliche Angst, als ein Schwarm Stare sich plötzlich in die Luft erhob und ihm fast die Sicht nahm. Aber da - war da nicht ein vertrauter Tannenwald?
Und da auf der Lichtung ... Oh, das mußte es sein ... Ja, er war da! Wie immer hingen die gestreiften Fußballsocken von Maurice Crawler aus dem Schlafsaalfenster.
Erschöpft verlor Humphrey Höhe, glitt durch das Fenster und ließ sich müde wie noch nie auf Ricks Bett fallen.
Rick hatte gerade Geschichtsunterricht. Es ging um Heinrich VIII., den Rick noch nie besonders gemocht hatte. Jetzt haßte er ihn, weil er Tante Hortensia geköpft und das Kloster vom Verrückten Mönch abgebrannt hatte.
Barbara saß neben Rick. Sie sah aus, als ob sie eingeschlafen wäre, aber Rick wußte, wenn Mr. Horner ihr eine seiner sinnlosen Fragen stellte, würde sie sofort die Antwort wissen.
»Bitte, Sir, darf ich hinausgehen?« fragte Maurice Crawler.
Rick wechselte einen Blick mit Peter Thorne, der an seiner anderen Seite saß. Alle Kinder wußten, daß Maurice nur in den Schlafsaal gehen, eine Tüte Bonbons unter seinem Kissen hervorholen und sie in sich hineinstopfen wollte. Wahrscheinlich wußte Mr. Horner das auch. Aber was konnte er tun? Mrs. Crawler verteidigte ihren Liebling ja immer.
»Geh schon«, sagte Mr. Horner und begann, von Anne Boleyn zu sprechen, der zweiten Gemahlin Heinrichs VTTT.
Doch er kam nicht weit. Die Klassentür wurde aufgerissen, und Maurice stürzte herein. Er zitterte wie eine Qualle. »Ein Ding!« Maurice zeigte auf Rick. »Wie schon mal. Auf Hendersons Bett. Ein w...widerlicher, gräßlicher G...geist!«
»Also wirklich, Crawler«, begann Mr. Horner und fuhr entrüstet fort: »Henderson! Wie kannst du es wagen, das Klassenzimmer ohne...«
Aber Rick, gefolgt von Barbara, war schon außer Hörweite.
»Humphrey, Humphrey!« Rick schluckte den Klumpen hinunter, der ihm im Hals saß. »Was ist passiert? Was haben sie dir angetan?«
»Mir fehlt nichts.« Humphreys Stimme klang schwach. Er winkte mit einem Knochenfinger. »Es sind die anderen... Rick, es war eine Falle. Alle sterben sie. Vielleicht sind sie schon tot. Meine Mutter, mein Vater, George, Winifred, alle!«
Unter Schluchzen erzählte Humphrey vom Exorzismus auf Insleyfarne.
»Du mußt uns helfen, Rick. Und schnell, bevor...« Die Tür des Schlafsaals flog auf, und Peter Thorne stürzte herein. »Sie kommen, Rick, Mr. Horner und die Crawlers und Maurice, um zu sehen...« Er blieb wie angewurzelt stehen. »Meine Güte! Es ist wahr. Es ist wirklich ein Geist.«
»Ja, es ist ein Geist. Er ist mein Freund, und er braucht Hilfe. Versuch, sie aufzuhalten.«
Ohne zu zögern stürzte Peter zur Tür und schob eine Kommode davor. Für jemanden, der so zart aussah, war er erstaunlich stark.
»Humphrey, kannst du verschwinden, oder bist du zu schwach dazu?«
Humphrey wandte Rick sein graues, erschöpftes Gesicht zu. »Ich ... versuche ... es ... « Es war ganz offensichtlich eine Riesenanstrengung, aber nach wenigen Augenblicken begann dieses arme, löcherige Stück Plasma zu verschwinden, und nur sein Ellbogen blieb wie ein Fetzen alter Schafwolle in der Luft hängen.
Draußen hämmerten sie gegen die Tür. Rick kümmerte sich nicht darum. Sein Gesicht war hart wie Stein geworden. Als Humphrey das Wort Exorzismus ausgesprochen hatte, wußte er, wie groß die Gefahr war.
»Wie viele Geistliche sind dort?«
»Drei«, sagte Humphrey leise. »Und noch ein Mann mit einem Bart. Und natürlich Lord Bullhaven.« Rick war nicht dumm, und er war kein Tagträumer. Er brauchte Hilfe, um mit fünf Männern fertig zu werden.
»Macht die Tür auf!« kreischte Mrs. Crawler draußen. »Macht auf, ihr ungezogenen Kinder!«
»Ich kann sie nicht mehr halten«, keuchte Peter, der sich gegen die Kommode lehnte.