«Schreib mal an den Brifkastenonkel der New York Times. Vielleicht weiß der mehr. Steht das zweite Zelt?«
«Alles klar zum Empfang der Damen! Wie ist's mit deinem Stehen?«
«Ende!«sagte Cornell grob und schaltete das Sprechgerät aus. Er ging hinüber zu Bill Slingman, der hier unten der Ranghöchste der Matrosen war. Obermaat Yenkins war dabei, mit vier Mann die Kisten und Seesäcke zu der Stelle zu bringen, wo die Strickleiter herunterkommen sollte. Lili Petersen half ihm dabei, gehüllt in einen dicken Pelzmantel, die Fellmütze tief über den Kopf gezogen. Sie schleppte unentwegt die Kartons mit den Konservendosen zur Fel-senplatte.
«Das ist echte Liebe!«sagte Dr. Blandy. Er hatte seinen Seesack über der Schulter und in der anderen Hand hielt er einen zweiten Sack mit Verpflegung und der Marschapotheke. Aus Cornells Höhle schleifte Joan einen schweren Sack, bis Tami Tamaroo ihr zu Hilfe kam. Dorette stand neben Slingman und stapelte die Kartons.
«Und wo ist Ihre rote Maus?«fragte Cornell anzüglich.
«Sie schminkt sich noch«, sagte Blandy.»Stellen Sie sich vor, als sie damals auf die Rettungsinsel stieg, hat sie ihren Schminkkoffer mitgenommen!«
«Ich glaube, Doc, Sie reiten das falsche Pferd. Statt sich anzumalen, könnte auch Ihre Evelyn mit zupacken.«
«Das kann sie auch!«sagte Blandy gekränkt.
«Was ich nicht bezweifle. Nur, was Sie bei Ihnen anpackt, hilft uns jetzt nicht.«
«Sie entwickeln sich zu einem Ferkel, Bernie!«sagte Blandy grob.»Hätte ich nicht in Ihnen gesucht. Die einen schminken sich vor der Arbeit, die anderen rotzen sich in die Hände. Das erste ist mir lieber! Sehen Sie, da kommt meine kleine rote Katze.«
Aus der Höhle trat Evelyn, einen kleinen Karton mit Hartwurst und Milchpulver auf der Schulter. Mit koketten Schritten, sich ganz ihrer Wirkung bewußt, kam sie auf die Gruppe zu.
«Ist sie nicht 'ne Wucht!«sagte Blandy, völlig aus dem Tritt geraten.»Und wie Sie sehen, Bernie, arbeitet sie auch!«
«Sie überanstrengt sich nicht, Doc.«
«Nicht beim Milchpulvertragen, Sie Arsch!«Er ließ sein Gepäck fallen, rannte hinüber zu Evelyn und nahm ihr den Karton von der Schulter. Sie bedankte sich bei Blandy mit einem Kuß auf die Backe. Cornell seufzte, blickte nach oben, wo die Strickleiter gerade heruntergelassen wurde und gegen die vereisten Felsen klatschte. Wenn die Sowjets ihre ungeheuer feinen elektronischen Abhörgeräte in Tätigkeit hatten, mußte das bei ihnen klingen wie Paukenschläge. Auf jeden Fall schlugen die Anzeiger weit aus, und es entstanden auf den Kurvenschreibern hohe Zacken.
Aber die Russen schienen nichts zu merken. Ihre Sorglosigkeit war entwaffnend. Dem Himmel sei Dank!
«Sie als erster, Doc!«sagte Cornell und zeigte auf die Leiter. Blan-dy starrte am Felsen empor.»Warum denn das?«
«Damit Sie oben sind und helfen können, wenn einer sich Schrammen holt. Nach Ihnen kommen die Mädchen, keine Sorge. «Cornell sah hinaus aufs Meer. Das sowjetische U-Boot sah aus wie ein abstraktes, hellerleuchtetes Haus.»Hat der Commander eigentlich eine Ahnung, welch ein geiler Bock Sie in Wahrheit sind, Doc?«
«Mit Nicholson über Weiber zu reden, ist vertane Zeit. Ich hab ein paarmal angesetzt. Völlig sinnlos! Er kennt jede Schraube in einem U-Boot, aber vor einer Brustwarze rätselt er herum! Übrigens, auch er hat seinen Anteil bekommen.«
«Monika? Die Kühle aus dem Norden?«
«Erraten. Aber es scheint ein Fiasko gewesen zu sein, sonst hätten sie sich anders verabschiedet. Wahrscheinlich hat Nicholson beim Betrachten des Unterleibes an ein Leck im Boot gedacht. «Er lachte wieder dröhnend, verschluckte dann die weiteren Töne und nickte Cornell zu.»Entschuldigung. Die Russen mit ihren feinen Ohren. Also gut, ich klettere als erster hinauf. Aber dann kommt Evelyn.«
«Versprochen! Nur machen Sie nicht auf der Strickleiter halt und versuchen eine neue Tour.«
«Sie sind wirklich ein Saustück, Bernie!«Dr. Blandy griff in die eisigen Seilsprossen und begann, den Felsen hinaufzusteigen. Er nahm dabei seinen Seesack mit, einen Beweis mehr, welche Kraft in diesem Burschen steckte. Mühelos kletterte er nach oben, als sei er ein Seekadett, den man die Wanten hinauf- und hinunterjagt.
Auf halber Höhe merkte er, welch ein Wind auf dem Oberland wehte. Der eisige Hauch traf ihn, er fluchte mordsmäßig und dachte an seine rote Hexe, die gleich hinter ihm herkletterte und die von diesem Windstoß weggeweht werden konnte, wenn sie sich nicht tüchtig festklammerte. Ihr zuzurufen: >Paß auf, rote Maus!< war unmöglich. Das würde bei den Sowjets im Abhörgerät wie ein Knall
wirken.
Er stieg weiter und erreichte den Rand des Felsens. Sechs Hände griffen in seinen Pelz und zogen ihn vollends nach oben. Leutnant Hendricks grinste. Hier oben war der Wind schon fast ein Sturm. Über das flache Eisland trieb pulverisierter Schnee wie Nebelschwaden.
«Was tut man, wenn man bei diesem Frost pinkeln muß, Doc?«fragte Hendricks.»Die Sache gefriert sofort zur Stange.«
«Abbrechen und Ziergitter daraus bauen!«schnaufte Blandy und warf seinen Seesack weg, den ein Matrose, dick vermummt, sofort in das neu aufgestellte Zelt trug. Dann beugte er sich über den Felsrand und wartete, bis Evelyns Kopf auftauchte. Sie keuchte, aber sie hatte es geschafft. Wie eine Puppe hob Blandy sie hoch und drückte sie an seine Brust. Leutnant Hendricks starrte ihn entgeistert an.
«Wir zittern hier oben vor Kälte, und ihr da unten wärmt euch am Haaröfchen! Doc, das ist keine Kameradschaft!«
«Lili und Dorette werden das ausgleichen. Weinen Sie nicht gleich, Hendricks. Wem es gar zu weh tut, soll sich in den Wind stellen und seine Hosen fünf Minuten offenhalten. Er wird nie wieder daran denken.«
«Wer Sie bloß zum Arzt gemacht hat«, sagte Hendricks kopfschüttelnd. Dann hatte er sich um anderes zu kümmern. Nacheinander kamen sie jetzt die lange Strickleiter herauf und stemmten sich gegen den Eiswind. Lili, Dorette, Monika, Joan. Die Matrosen warfen sofort noch zusätzliche Decken über sie und führten sie in das zweite gepolsterte Zelt. Hier brannte ein Gasofen. Es war warm, aber eng. Vor den Zelten hatte man aus Eisblöcken eine bizarre Mauer als Sichtschutz gegen das sowjetische U-Boot gebaut. Vom Meer her mußte es wie eine Wand aus Eisschollen aussehen — wie etwas ganz Natürliches.
Evelyn setzte sich sofort neben den Gasofen, zog den Pelz aus und blickte um sich. Ihr rotgeschminkter Schmollmund verzog sich.
«Was sollen wir hier?«fragte sie die anderen.»Kaum Platz für uns. Wo soll mein Boy bleiben?«
«Sei froh, daß du lebst!«sagte Monika entrüstet.»Und wenn wir hier gesund herauskommen, kannst du aus Dankbarkeit Nonne werden! Habt ihr nichts anderes im Kopf als Männer?«
«Unser Moralengel!«Evelyn hielt ihre Finger mit den gelackten Nägeln über den leise zischenden Gasofen.»Von VENUS XI sind sie schon unterwegs.«
«Hoffen wir es.«
«Paul sagt es. «Sie sah Lili, Joan und Dorette der Reihe nach an.»Was sagen eure Kavaliere?«
«Nichts!«Joan öffnete ihren Mantel und warf die Decke ab.»Ich weiß nur, daß Bernie ein anständiger Bursche ist. Kann sein, daß ich bei ihm bleibe.«
«Heiraten?«fragte Evelyn entgeistert.»Bist du verrückt!«
«Ich liebe ihn.«
«Einen Offizier vom Atom-U-Boot!«Evelyn tippte gegen ihre Stirn.»Willst du ewig solo herumsitzen und auf ihn warten? Für Monika ist das selbstverständlich. Frau Commander! Sex in Monatsraten, wie im Versandhauskatalog bestellt. Sonst Windstille. Das hält doch keiner von uns aus.«
«Man sollte dir den Mund stopfen«, sagte Monika leise. Und da sie es zwischen den Zähnen sagte, war es verdammt gefährlich.»Bei dir ist Liebe doch nur Kannibalismus.«
«Ach Gott, was seid ihr alle dämlich!«Evelyn zog die Knie an und starrte in die Gasflamme.»Das verfluchte U-Boot hat euch alle verdreht!«