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«Oder den Schrecken nehmen.«

«Ich hab keine Angst.«

«Echt?«Chris, die oft innerlich angespannt war, wunderte sich, wieso Vic das sagen, wieso sie das fühlen konnte.

«Was passieren wird, wird passieren. Man macht sich und alle anderen verrückt, wenn man versucht, es zu ändern. Ich finde, man muß das Leben akzeptieren. Und sich selbst.«

«Sich selbst akzeptieren ist vermutlich das Schwerste. Die eigenen Grenzen akzeptieren.«

Vic betrachtete Chris' Mund, einen schön geformten Mund mit fein gezeichneten Lippen.»Sich selbst akzeptieren, das ist es vielleicht, was ein gutes Leben ausmacht. Was man kann, erkennt man nur, wenn man weiß, was man nicht kann.«

«So hab ich das nie gesehen. «Chris lehnte sich wieder an die Armlehne des Sofas.»Die Menschen leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, was sie können. Sie lassen sich treiben. Ich würde verrückt dabei.«

Vic lachte sie aus.»Das ist es nicht wert. Nichts ist es wert, deswegen verrückt zu werden.«

«Glaubst du das wirklich?«

«Ja. Ganze Gesellschaften wurden zerstört, ohne daß die Menschen verrückt wurden. Einige vielleicht, aber die meisten nicht. Rußland. Frankreich während der Revolution. Der Erste Weltkrieg hat eine ganze Weltordnung hinweggefegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten die Völker in Europa und Japan in Trümmern. Aber sie lebten.«

«Siehst du, das ist der Vorteil, wenn man Geschichte als Hauptfach hat. Wer Englisch als Hauptfach hat, liest die Romane, die aus diesen Kriegen entstehen. Da ist natürlich jeder elend oder entfremdet oder sonst was. Vielleicht werden nur unglückliche Menschen Schriftsteller.«

«Nee. Chaucer. Shakespeare. Ich hab Englisch nicht als Hauptfach, aber ich denke, es gibt unglückliche und glückliche Menschen. So ist das Leben. Da kann man seine Zeit ebenso gut mit den Glücklichen verbringen. Sie sind überall zu finden — sogar in Luftschutzkellern in England während des Blitzkriegs.«

«Was macht dich glücklich?«

«Neue Klamotten. «Vic lächelte.»Die neuen Sachen, die du mir gekauft hast.«

«Das ist einfach.«

«Der Fluß. Piper. Meine Familie. Und was macht dich glücklich?«

Chris fiel auf, daß Vic Charly nicht erwähnt hatte. Sie ließ es dabei bewenden.»Schöne Dinge. Ordnung. Schöne Menschen. Du. «Sie wurde rot.

Ein Gefühl, fast wie Verlangen, ließ Vic zusammenzucken. Sie hörte das gern. Sie war gern mit Chris in einem Zimmer mit Kerzenbeleuchtung, wollte Chris berühren. Wäre Chris ein Mann gewesen, dann hätte sie gewußt, was zu tun war. Sie wollte ihr nicht zu nahe treten. Aber sie traute ihrem Instinkt, und ihr Instinkt sagte ihr, daß Chris sie so sehr begehrte wie sie Chris.

Chris zog die Beine unter sich und drehte sich zu Vic hin.»Ich glaub, die Wäsche ist fertig. «Sie hielt inne.»Aber das ist mir schnuppe.«

Chris rutschte zu Vic, lehnte sich an ihre hochgezogenen Knie, beugte sich zu ihr vor und küßte sie auf den Mund.

Obwohl sie erschrak, erwiderte Vic den Kuß. Sie legte die Hände auf Chris' Schultern, schlang die Beine um Chris, zog sie zu sich hoch. Sie küßten sich eine halbe Stunde lang.

Chris biß Vic in den Hals, sie schob ihre Hand unter den neuen grünen Pullover, fühlte den festen Bauch, die dünne Linie zwischen den Bauchmuskeln. Sie bewegte sich hoch zu Vics Brüsten.

Vic stöhnte.»Du machst mich verrückt.«

«Hast du nicht gesagt, nichts ist es wert, verrückt zu werden?«Chris biß Vic sanft in die Lippe.

«Ich nehm's zurück. «Vic zog Chris den Pullover aus, küßte ihr Brustbein, dann ihre Brüste.

«Das tut gut. Es tut so gut. «Chris ließ ihre Hand einen Moment sinken, dann umfaßte sie Vics Hals und biß wieder hinein. Sie nahm den runden Halsausschnitt des Pullovers zwischen Daumen und Zeigefinger, zog ihn über Vics Schulter. Sie küßte sie auf die Schulter, dann schob sie den Pullover wieder hoch. Sie griff mit beiden Händen nach unten und zog Vic den Pullover über den Kopf. Sie drückte ihren Körper an Vics; das kühle Fleisch — die Luft im Apartment war noch frisch — war berauschend.

Chris zog den Reißverschluß von Vics Jeans auf, fuhr mit der Zunge daran entlang.

Vic griff um Chris herum, legte die Hände hinten auf Chris' Jeans, fühlte ihren glatten Po, zog sie näher an sich.

Chris atmete aus.»Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so erregt.«

«Ich auch nicht.«

«Komm. «Chris stand auf. Die glatte Haut ihrer Brüste schimmerte im Kerzenlicht. Sie führte Vic ins Schlafzimmer. Sie riß Vics Jeans zu den Knöcheln hinunter und stieg aus ihrer eigenen. Sie schlug die Bettdecke zurück und schlüpfte darunter.

Vic schlüpfte neben sie. Sie legten sich auf die Seite und küßten sich. Vic schlang die Arme um Chris' Taille und ließ sie los, als Chris auf den Rücken rollte und Vic mit sich zog. Sie schlang die Beine um die große Frau. Sie küßte sie leidenschaftlich, fuhr mit der Hand über Vics muskulösen Rücken, überraschte Vic mit ihrer Kraft.

Schweiß lief zwischen Vics Brüsten. Der Regen schlug an die Fensterscheibe.

«Vic, Vic, ich bin so erregt, ich kann nicht aufhören.«

«Sollst du auch nicht. «Vic atmete Spuren von Parfüm an Chris' Hals ein, einen Duft, den sie nicht identifizieren konnte.

Chris flüsterte ihr ins Ohr:»Ich komm gleich auf dir. «Sie biß Vic ins Ohr.

Als Chris stöhnte, ließ Vic sich mitreißen. Sie hatte keine Kontrolle über ihren Körper. Sie bewegte sich wie eine Tänzerin zur Musik, fühlte zum allerersten Mal die unbändige Freiheit der Lust.

15

Die Welt kam ihr schärfer konturiert und bunter vor, als Vic sich aus Chris' Apartment und die Treppe hinunter schlich. Sie meinte durch die Kiefernnadeln sehen zu können, wie die einzelnen Regentropfen in winzige Wasserpartikel zerplatzten.

Der weiße Türsturz über dem Eingang, die sanfte Welle in den Fensterscheiben aus mundgeblasenem Glas, das satte Grün eines jeden Grashalms — die Welt mit ihrem Reichtum und ihrer Schönheit sprang sie förmlich an.

Sie hatte der tief schlafenden Chris einen Zettel da gelassen. Vic mußte zu einer frühen Vorlesung.

Als sie zum Campus fuhr, erfreute die Struktur der Backsteingebäude, die im Regen dunkelorange glänzten, ihre Augen.

Die Gesichter ihrer Kommilitonen fesselten sie. Sie konnte sich nicht auf die Französische Revolution konzentrieren, saß nur da und sah dem Regen zu, dachte zurück an Chris' Atem auf ihrem Hals, an ihre Hände, ihren süßen Duft.

Nach der Vorlesung lief sie die Treppe hinunter, hinaus in den Regen. Zwei Menschen wollte sie sehen, Charly und Jinx: Jinx, weil sie mit ihr reden konnte, Charly, weil sie hoffte, sich so zu ihm hingezogen zu fühlen wie zu Chris. Sie hoffte irgendwie, sexuelles Erwachen würde bedeuten, daß sie auch für ihn erwachen würde.

Sie trat in das Gebäude der naturwissenschaftlichen Fakultät. Sie holte Charly meistens nach der Vorlesung ab. Dann gingen sie ins Stadion und rannten die Stufen hinauf und hinunter.

«Schönste!«Er stürmte zu ihr.

«Sag das noch mal. «Sie umarmte ihn, sie wollte seinen Körper fühlen, wollte, daß er den schleichenden Verdacht vertrieb, der ihr in Bezug auf sich selbst im Kopf herumging. Sie brauchte seine Beständigkeit, seine Liebe.

Er hielt sein Chemiebuch über ihren Kopf.

«Wenigstens werden wir es kühl haben.«

«Ich liebe den Regen. Ich liebe jeden einzelnen Tropfen.«

Er spürte ihr Glück, ein Strahlen, das ihn umfing.»Ich liebe dich.«»Das will ich hoffen. «Sie legte ihren Arm um seine schmale Taille.»Ich liebe dich. Ich vergesse es manchmal, vergesse es dir zu sagen.«

Sie parkte vor der Turnhalle, sie zogen sich in den Umkleidekabinen um und trafen sich auf der Aschenbahn. Gewöhnlich liefen sie vier Runden auf der Bahn und nahmen dann die Stufen in Angriff. Vics unbändige Energie erstaunte ihn. Sie spürte die Anstrengung in ihren Waden erst bei den letzten Stufen.