«Dann hast du einen festeren Plan als ich.«
«Ich hätte nichts dagegen, am College zu unterrichten. Zur Geschäftsfrau oder Wissenschaftlerin hab ich kein Talent. Da bleibt nicht mehr viel übrig. Aber ich will mich auf keinen Fall langweilen!«, sagte Chris entschieden.
«Ich auch nicht, aber wenn ich mich ein bißchen langweilen muß, um zu lernen, was ich wissen muß, wird das wohl nicht so schlimm sein. Zum Beispiel die Arbeit bei Onkel Don in diesem Sommer. Ich hab alles gemacht. Autos gewaschen und gewachst. Reifen gewechselt. Ich hab die Rezeptionskonsole, wie er das nennt, gemanagt, wenn Hojo weg war und sonst was getan hat. Ich hab auf dem Dach gearbeitet, wenn Schindeln ersetzt werden mußten. Ich hab die Abwechslung genossen, kein Tag war wie der andere. Und besonders hat mir gefallen, daß ich im Freien sein konnte. Am Anfang wollte Onkel Don mir Mädchenkram aufhalsen. Ich hab einen Aufstand gemacht, der sich gewaschen hat. Darauf ernannte er mich zu seinem Mädchen für alles. Ich hab 'ne Menge gelernt.«
«Zum Beispiel?«
«Die Kundschaft ist anspruchsvoll. Du mußt die Arschlöcher genauso anlächeln wie die netten Leute. Es ist ihr Geld. Wenn sie es in deinem Laden lassen, haben sie ein Anrecht auf gute Ware und guten Service. Das hat Onkel Don mir beigebracht. Tante Bunny, die sehr klug ist, hat mir beigebracht, vorauszudenken und die Konkurrenz auszuspähen. Ich bin also bei anderen Autohandlungen rumgekreuzt. Wie haben sie ihre Wagen präsentiert? Was für Öffnungszeiten hatten sie? Hört sich doof an, aber hat mir richtig Spaß gemacht. Am meisten hab ich's genossen, an der frischen Luft zu sein.«
«Ich glaube nicht, daß Farmer Geld verdienen«, zog Chris sie auf.
«Tja, ich hab sogar daran gedacht, beim Forstdienst der Regierung zu arbeiten oder so was. «Sie lächelte.»Ich könnte Anglerführerin werden. Ich kenne den Fluß. «Vic setzte sich aufrecht.»Man weiß ja nie. Es sind schon die merkwürdigsten Dinge passiert. «Dann ließ sie sich wieder aufs Kissen fallen.
«Was ist mit heiraten?«
«Alle rechnen damit, daß ich Charly heirate.«
«Und?«
«Ich hab damit gerechnet Charly zu heiraten — bis jetzt.«
Die Anspannung, die Chris stärker zugesetzt hatte, als ihr bewußt gewesen war, löste sich.»Oh.«
«Und wie ist das bei dir?«
Chris schüttelte den Kopf.»Nein. Ich glaube nicht, daß ich das könnte. Andererseits will ich nicht, daß man mich in der Luft zerreißt, weil ich andersrum bin.«
Vic versank in Schweigen, dann sprach sie wieder.»Sind wir Lesben?«
Chris lachte.»Wenn wir zusammen sind, bestimmt. «Sie beugte sich auf Händen und Knien nach vorn und küßte Vic. Sie küßte ihre Brüste, fuhr mit der Zunge um den Warzenhof. Dann glitt sie am Bauch hinunter.
«Was machst du mit mir?«Vic fuhr mit den Fingern durch Chris' blonde Haare.
«Bleib liegen und laß mich dich anbeten.«
Vic hatte einen Orgasmus, und sie fragte sich, ob ein Mensch sterben könnte, während er kam.
Dann glitt Chris wieder nach oben, legte die Hand unter Vics Kinn.»Der Beweis.«
«Was?«
«Lesbenbeweis.«
Vic küßte sie aufs Haar, als Chris sich in eine bequemere Lage manövrierte.»Vielleicht bin ich nicht lesbisch. Das liegt bloß an — dir. Was du mit mir machst.«
«Spielt das eine Rolle?«»Nein. «Vic atmete tief ein.»Ich glaube, ich kann keine von denen sein, die imSchrank leben.«
«Mach dir jetzt deswegen keine Sorgen. Darüber können wir uns später Gedanken machen.«
Eine glänzende Mondsichel erklomm den Himmel.
Vic sah die Kiefern schwanken.»Ich mach mir eigentlich keine Sorgen. Ich will es bloß nicht an die große Glocke hängen. Für eine Weile werde ich wohl meine Worte abwägen müssen.«
«Ich auch. «Chris schloß die Augen und schlug sie wieder auf, wechselte abrupt das Thema.»Hast du gehört, was bei Alpha Tau passiert ist?«
«Nein.«
«Die Anwärter für die Aufnahme in die Verbindung haben ein Wettsaufen veranstaltet, und einer von den Jungs hat sich so vollaufen lassen, daß er aus dem Fenster im ersten Stock gefallen ist. Er hat sich die Beine, die Rippen und wer weiß was noch gebrochen. Heute stand nichts darüber in der Zeitung, aber es kommt früh genug in die Presse. Die Verwaltung wird es nicht unter Verschluß halten können.«
«Das ist ja schrecklich. Ich hab nichts davon gehört.«
«Kannst du dir vorstellen, so breit zu sein?«, fragte Chris.
«Nein«, antwortete Vic. Sie hörte draußen einen Vogel zwitschern.
«Es wird die üblichen Verurteilungen geben, wenn es in die Zeitung kommt, du weißt schon, die Jugend von heute ist eine Schande und so«, sagte Chris.
«Mmm.«
«Ich glaube,die alten Leute sind wütend auf uns, weilsie alt sind und wir nicht. Als ob wir was dafür könnten.«
«Darüber hab ich nie nachgedacht. «Chris kuschelte sich an Vic.»Wir wollen ewig leben.«
«Abgemacht. «Vic küßte sie.
18
Um halb sieben tranken Vic und Chris Kaffee. Das blasse Licht des frühen Morgens fiel durch Vics Fenster. Die wichtigste Entscheidung des Augenblicks hieß, ob sie Waffeln oder Eier machen sollten. Nachdem sie Vics ärmliche Speisekammer inspiziert hatten, erklärte Chris, sie könne beides machen. Vics Morgenrock, den Chris lose um ihre schmale Taille geschlungen hatte, klaffte auf und gab ihre Brüste frei. Vic trug Jeans und ein Unterhemd, was sie für Chris noch unwiderstehlicher machte, weil das cremeweiße T-Shirt ihren Körper zugleich enthüllte und verdeckte.
Schritte und ein Klopfen an der Tür schreckten die zwei auf.
«Wer ist da?«, rief Vic.
«Der Märchenprinz«, antwortete Charly.
Vic öffnete die Tür, er kam herein, hob sie hoch und küßte sie. Dann sah er Chris. Er ließ Vic herunter.
«Chris Carter, Charly Harrison. Charly, Chris.«
Er ging zu Chris und schüttelte ihr die Hand.»Freut mich, dich kennen zu lernen.«
«Kaffee?«, bot Vic an.
«Nein danke, ich kann nicht bleiben. Kannst du mir dein Auto leihen? Ich versprech dir, wenn was passiert, reparier ich's. Ich muß zu Dad.«
«Klar. Entschuldige mich eine Sekunde, ich hol die Schlüssel. «Sie ging ins Schlafzimmer und dachte, Gott sei Dank hab ich was an.
«Vic kreiert einen neuen Einrichtungstrend, den Kasernenlook«, scherzte Charly mit Chris. Er kam nicht auf die Idee, daß Chris Vics Morgenrock anhatte, weil er den noch nie gesehen hatte. Doch selbst wenn, hätte er angenommen, daß sie Freundinnen waren, die ihre Kleider tauschten. Frauen standen sich auf eine Weise nahe, wie es Männern nicht gegeben war.
Vic kam zurück und gab ihm die Schlüssel.»Paß gut auf mein Baby auf.«
Er küßte sie auf die Wange.»Hey, du bist mein Baby. «Er zwinkerte Chris zu und marschierte aus der Tür.»Tschüß. War nett dich kennen zu lernen.«
«Tschüß«, rief Vic ihm nach.»Er bringt mich um den Verstand«, sagte sie, als sie die Tür zumachte.
«Gott, Vic, er ist umwerfend. Zum Sterben umwerfend. «Chris wünschte, Vic wäre ihm nicht begegnet.
«Und er ist der beste Mensch auf Erden. Je besser du ihn kennst, um so mehr wirst du ihn lieben.«
«Ich bin nicht sicher, daß ich ihn näher kennen lernen möchte. «Chris war plötzlich der Appetit vergangen.
«Mach dir seinetwegen keine Gedanken. Du wirst ihn mögen.«
«Ich hab das Gefühl, die Welt wird dich in seine Arme treiben.«
«Unterschätz mich nicht. «Vic straffte das Kinn und entspannte es wieder.»Okay, es ist ein bißchen heikel. Ich meine, ich bin seit einem Jahr mit ihm zusammen und ich liebe ihn, ich liebe ihn als den Menschen, der er ist, aber das ist nicht dasselbe. Mein Leben wäre vermutlich einfacher, wenn es so wäre, aber es ist eben nicht so. Wäre ich dir nicht begegnet wäre, hätte ich es nie erfahren. Aber ich bin froh, daß ich dich jetzt getroffen habe und nicht zehn Jahre später.«