Jinx kletterte die Leiter hinunter und ging zu ihrer jüngeren Schwester.»Ah, ein fahrbarer Untersatz.«
«Hat Daddy mir gekauft. Irre, nicht?«Lisa hopste auf und ab wie auf einem Trampolin.
«Echt cool. «Jinx lächelte.»Du bist ein verdammt verwöhntes Gör, Lisa. Ich hab zum sechzehnten Geburtstag kein Auto gekriegt.«
Vic war inzwischen hinzugekommen, ebenso Chris.»Jinx, dein Dad verdient jetzt mehr.«
«Versicherung und Benzin muß ich selbst bezahlen. Daddy sagt, ich muß den Wert des Geldes kennen lernen. «Lisa deutete auf ihre goldenen Ohrringe.»Er sagt, für so was werde ich nichts mehr übrig behalten, aber das ist mir schnuppe. Ich hab ein Auto!«
«Mom wird begeistert sein«, bemerkte Jinx trocken.
«Ja, weil sie mich nicht mehr rumkutschieren muß. Sie ist restlos begeistert. Aber du solltest nach Hause kommen. Und wenn's bloß für zehn Minuten ist. Komm einfach, sag>hi< und streite dich nicht mit ihr. Dann ist sie glücklich. Und ich kann nichts dafür, daß Daddy dir kein Auto gekauft hat. Aber komm nach Hause. Ehrlich. Dann gibt Mom Ruhe.«
«Mit mir wird Mutter nie glücklich sein. «Ein bitterer Ton hatte sich in Jinx' Stimme geschlichen.
«Gib ihr einfach Recht. «Lisa, die verärgert war und sich gern theatralisch gab, hob die Hände.»Mom ist prima, wenn du ihr Recht gibst. Es spielt keine Rolle, ob das deine ehrliche Meinung ist oder nicht. Lüg einfach.«
«Aus dir wird mal 'ne erstklassige Politikerin«, sagte R. J. die zu ihnen getreten war.»Alles Gute zum Geburtstag.«
«Oh, danke, Mrs. Savedge. Darf ich mit Mignon eine Runde drehen?«
«Klar. «R. J. lächelte.»Mignon, du machst deine Arbeit fertig, wenn du zurück bist, ja?«
«Ja, Ma'am.«
Die zwei Mädchen sprangen in das stabile blaßblaue Gefährt und wendeten. Als Lisa langsam die Zufahrt entlang rollte, kam ihr ein Wagen in Schlangenlinien entgegen. Sie fuhr von dem Austernsplitt herunter aufs Gras.
Mignon sagte verdattert:»Georgia kommt vielleicht gleich hinterher, dann mußt du noch mal von der Straße runter. Ich an deiner Stelle würde machen, daß ich hier wegkomme.«
Sobald sie wieder in der Zufahrt war, gab Lisa Gas, daß der Splitt hinter ihr hochflog.
Sissy knallte die Tür ihres Plymouth zu; den Motor ließ sie laufen.»Wo ist Frank?«, rief sie zu R. J. hinüber, die gerade über den Rasen zurück an ihre Arbeit ging.
«Drinnen.«
Vic ging zu Sissys Auto und stellte den Motor ab, gerade als Georgia in der Zufahrt erschien. Georgia besaß die Geistesgegenwart, ihren Motor abzustellen.
Piper bellte pausenlos.
«Wo ist die Schlampe?«Georgias Augen quollen hervor.
Chris machte sich unwillkürlich hinter Vic ganz klein.
«Wer bitte?«Vic wollte Zeit gewinnen.
«Sissy, meine Schlampe von Schwester, und guck nicht so entgeistert, wenn ich das sage. Oh, hallo, Chris, hallo, Jinx. «Sie winkte R. J. zu, die sich einen Moment die Schläfen rieb und dann auf dem Rasen kehrtmachte.
«Na ja, Miss Wallace, Sie haben sicher Ihre Gründe. «Vics Ton war gelassen.
«Gründe. Hier hast du einen Grund. «Sie streckte die Hände aus und deutete die Länge eines Penis an, in diesem Fall etwa achtzehn Zentimeter.»Ich hab sie erwischt. O ja, das hab ich — und ich bring sie um. Ist mir egal, ob ich für den Rest meines Lebens hinter Gitter muß. Das ist es mir wert! «
«Georgia, das können wir nicht zulassen«, beschwichtigte R. J. mit seidenweicher Stimme.»Nicht wahr, Mädels? Wir würden es einfach nicht aushalten ohne dich. Sissy ist es nicht wert, daß du sie umbringst.«
Das freute Georgia und milderte ihren gerechten Zorn ein wenig.»Das hast du nett gesagt. «Sie senkte die Stimme.»Ich weiß, ich hab immer gewußt«, bei»gewußt« ging sie eine halbe Oktave tiefer,»daß Sissy ihre Schwächen hat. Keine Selbstbeherrschung. Die Qualmerei. Die Völlerei. Die Sauferei. Daß auch noch Hurerei auf diese Liste kommt, ist nicht grade 'ne Riesenüberraschung. Aber ich will nichts gesagt haben. «Sie hob die Hand, als wollte sie Schweigen gebieten.»Eine Frau hat das Recht auf ein bißchen Vergnügen, aber das ist, also das ist wirklich zu viel.«
«Kann ich Ihnen einen Drink holen?«, fragte Vic zuvorkommend.
«Oh, Schätzchen, der Tag hat eben erst begonnen. «Georgia schüttelte den Kopf.»Aber mit einem verschärften Orangensaft könnte ich wieder zu mir kommen. Ja, das wäre 'ne nette Erfrischung.«
Vic begriff,»verschärft« bedeutete, kipp 'ne Ladung Wodka in den verfluchten Orangensaft. Da Georgia nicht gesehen werden wollte, wie sie morgens um Viertel nach acht einen Wodka-Martini pichelte, war sie bereit, sich mit gespritztem Orangensaft zu begnügen.
Vic lief in die Küche, nahm den O-Saft und bat Chris, den Wodka aus der Bar zu holen. Dann füllte sie das Glas halb mit Wodka, halb mit Saft.
«Das haut sie um«, bemerkte Chris.
«Machst du Witze? Das ist Muttermilch für Georgia. Es gibt ihrem Tag den richtigen Kickstart. «Sie küßte Chris ganz leicht auf den Mund und schwebte dann aus der Hintertür, das Glas in der Hand, eine Serviette darunter.
«Oh, danke, Liebes. «Georgia kippte den Inhalt mit drei großen Schlucken hinunter.
«Noch einen?«Vic lächelte.
«Ein Vitamin-C-Stoß kann nicht schaden, oder?«
Vic kehrte kurz darauf mit einem frischen Drink zurück, den Georgia jedoch verschüttete, da R. J. sie auf einen Stuhl bugsierte. R. J. hoffte, daß Frank die Tür seines kleinen Büros gleich hinter dem Haus in der ehemaligen Sommerküche abgeschlossen hatte. Wenn sie Georgia besänftigen könnten, ließe sich vielleicht eine weitere Katastrophe verhindern. Gewöhnlich ging etwas zu Bruch, und R. J. würde es sehr begrüßen, wenn das nicht in ihrem Haus geschähe.
Im Halbkreis umstanden die drei jungen Frauen R. J. und Georgia, die auf den Gartenstühlen saßen.
«Möchtest du Toast?«
«Lieber möchte ich die unreife ordinäre Schlampe toasten, möchte sie in einen Mehlsack stecken und in den James schmeißen. Ach, R. J. du hast ja keine Ahnung, was ich durchmache, und all die Jahre mußte ich ihre, äh, Wüsteneien vor Daddy geheim halten. Es würde ihn umbringen — O ja.«
Jinx zwinkerte Vic zu. Vic fuhr mit dem Zeigefinger über Chris' Handrücken.
«Ich weiß, wie sehr du Sissy beschützt. Das wissen wir doch alle. «R. J. fragte sich, wie lange sich dies wohl hinziehen würde.
Georgia verdrehte die Augen.»Es fing schon in der zehnten Klasse an. Küssen und knutschen. Oh, meine — meine kleine Schwester war beliebt. Wirklich. Aus lauter falschen Gründen, und es dauerte nicht lange, bis das Küssen und Knutschen sich zu, äh, sportlicheren Formen des Kontakts mit dem anderen Geschlecht entwickelte. Meine Schwester ist völlig fasziniert von der Hydraulik des männlichen Schwengels. «Georgia schloß die Augen. Tankte einen Schluck Kraft, um fortzufahren. Sie deutete mit ihrem Glas auf die drei jungen Frauen.»Mädels, ich erinnere mich, wie es war, jung zu sein. Da kommt einer daher, einer wie dein Charly, und du kannst nicht mehr still sitzen. Die ganze Welt dreht sich um ihn. Ich kenne das. Aber bei Sissy dreht sich die ganze Welt um jeden x-Beliebigen, der gerade daherkommt. Und ich glaube, Daddy hat keinen Schimmer.«
«Es war richtig von dir, Edward mit solchen verstörenden Mitteilungen zu verschonen. Er ist ja kein besonders freizügiger Mensch. «R. J. suchte sie bei Laune zu halten.
«Das ist milde ausgedrückt. Daddy hebt Frauen auf ein Podest und erwartet, daß sie da oben bleiben. Jawohl. «Noch ein Schluck.»Als ich auf dem Mary Baldwin College war, da wußte ich schon, daß Sissys Leben ganz anders verlaufen würde als meins. Ganz anders. Mmm hah. Und sie ist nie schwanger geworden. Nicht ein einziges Mal. Ihre Eierstöcke müssen verbogen sein. Ihr Verstand ist's ganz sicher.«