Eine Energiewoge durchflutete sie. Es war ihr Leben.
Sie hörte ein Poltern im Treppenhaus und wendete den Blick von den Bäumen ab. Die Tür flog auf.
«Komm, laß uns türmen!«, verkündete Chris beim Hereinkommen. Ihre Lippen glänzten.
Vic umarmte sie.»Chris, ich meine, wir müssen die Suppe auslöffeln, die wir uns eingebrockt haben.«
«Fütter mich, ich mach den Mund auf«, antwortete Chris und gab ihr einen Kuß.
«Woher weißt du, daß ich dich richtig füttern kann?«
«Ich vertraue dir.«
Vic dachte kurz darüber nach und stellte fest, daß sie sich selbst vertraute. Sie würde es hinter sich bringen. Sie würde sie beide durch diese Geschichte bringen und Charly ebenfalls, hoffte sie.»Als Erstes muß ich Charly sagen, daß ich ihn nicht heiraten kann. Als Zweites muß ich meiner Familie sagen, daß ich ihn nicht heiraten kann. Als Drittes muß ich ihnen sagen, daß ich dich liebe.«
Chris umarmte sie ganz fest.»Sie werden mich nicht mehr sehen wollen.«
«Na schön, dann werden sie mich auch nicht mehr sehen. «Vic küßte sie auf die Wange.»Sie werden's verkraften. Zumindest glaube ich, daß sie's verkraften werden, wenn der Schock sich gelegt hat. Gott, ich will es hoffen.«
Sie sahen beide aus dem Fenster; der Wind wehte jetzt ein bißchen stärker.
«Ich mag meine Familie nicht besonders«, sagte Chris.»Ich weiß nicht, wann ich es ihnen sagen werde. Ich bin kein Feigling. Ich oute mich, falls es das ist, was wir jetzt tun. Aber ich weiß nicht, wann ich es ihnen sagen werde. Ist das Betrug?«
«Wenn du wartest, bis ich dreißig bin, dann schon. «Vic lachte.
Chris legte ihren Arm um Vics Taille. Ein leuchtend rotes Blatt wehte an die Fensterscheibe und blieb dort haften.
«Also, gestern Nacht.«
«Äh-hm.«
«Wirst du es wieder tun? Ich weiß, daß du mit Charly geschlafen hast. Ich hab nie was gesagt. Ich wollte es, aber er kam halt zuerst, ich meine, er kannte dich zuerst, und du liebst ihn. Aber wirst du weiter mit ihm schlafen?«
«Nein.«
Chris sackte vor Erleichterung zusammen.»Gott, bin ich froh. «Dann erstarrte sie kurz.»Wirst du's vermissen?«
«Sex mit Charly?«Vic zuckte mit den Achseln.»Nein. Aber wenn er aus meinem Leben geht — und er hat wohl allen Grund dazu — , dann werde ich ihn vermissen. Ich liebe ihn, Chris, ehrlich. Aber nicht so, wie er geliebt werden muß und nicht so, wie ich dich liebe. Was ich für dich fühle, hab ich noch nie für jemanden empfunden. Ich wußte nicht mal, daß es solche Gefühle gibt. Es ist wie. ein Tornado. «Sie zuckte mit den Achseln.»Nicht sehr originell, aber etwas Mächtiges, Unkontrollierbares, eine Naturgewalt.«
«Bei mir auch. «Chris machte eine lange Pause.»Es würde mich umbringen, wenn du ohne mich mit ihm schlafen würdest.«
«Möchtest du, daß wir alle zusammen schlafen?«
Es folgte eine noch längere Pause.»Na ja, es war wüst, einfach. wüst. Aber ich muß das nicht noch mal haben. «Sie hob die Hand.»Ich bereue es aber keinesfalls. Komisch, irgendwie fühle ich mich dir dadurch näher.«
«Mir geht's genauso. «Vic hatte nicht den Wunsch, das zu ergründen. Es zu fühlen genügte.
«Wie's wohl für ihn sein mag?«
«Verwirrend vielleicht. «Vic dachte an sein warmes Lächeln, seine tiefe Stimme.
«Weiß er von uns?«
«Keine Ahnung. «Vic meinte, daß er es jetzt wohl wußte, aber sie war sich nicht ganz sicher.
«Der Ärmste. «Chris betrachtete ein anderes Blatt, das vom Wind an die Fensterscheibe gedrückt wurde.
«Er ist ein Schatz, nicht?«, sagte Vic.
Chris nickte und meinte dann:»Aber ich muß gestehen, daß ich dich für mich will, auch wenn's ihm wehtut. Ich will niemanden verletzen, aber es ist nun mal passiert.«
«Ich denke, daß vieles einfach passiert. Leute, die denken, sie können das Leben lenken, verzapfen Bockmist. Oberbockmist.«
«Wann wirst du's ihm sagen?«
«Nach Thanksgiving. Es wäre echt beschissen von mir, ihm vor seinem letzten großen Spiel die Tour zu vermasseln. «Vic überlegte einen Moment.»Ich hoffe, es wird das beste Spiel seines Lebens. Ich hoffe, er kriegt Angebote als Profispieler. Wäre wunderbar, wenn sich was ergeben würde, das es irgendwie wettmacht, wenn ich ihm sagen muß, daß wir nicht in den Sonnenuntergang reiten werden.«
Chris seufzte.»Ich wünsche trotzdem, wir könnten türmen.«
«Vielleicht tun wir's ja. hinterher. Vielleicht jagen sie uns aus der Stadt. Obwohl, ich denke nicht dran, den Leuten den Gefallen zu tun und die Kurve zu kratzen. Ich hab nichts Unrechtes getan. Du auch nicht.«
Chris lachte.»Ich bin eine Geliebte, keine Kämpferin.«
«Du wirst vielleicht beides sein müssen. «Vic legte den Finger an die Fensterscheibe, als würde sie das Ahornblatt berühren.»Weißt du, ich hab nie über Lesbischsein nachgedacht. Tu ich eigentlich immer noch nicht. Aber ich habe über mein Leben nachgedacht — daß es mein Leben ist, dein Leben. Niemand sagt mir, was ich tun soll. Komisch, Chris — ich hab nie richtig kämpfen müssen. Ich bin weiß. Wir sind nicht arm. Na ja, jetzt sind wir's, aber du weißt, was ich meine. Ich nehme an, weil ich eine Frau bin, sind mir Grenzen gesetzt, aber noch bin ich nicht an sie gestoßen. Vielleicht kommt das erst, wenn man da draußen ist und versucht Arbeit zu finden. Keine Ahnung. Ich hab mich nie bedrängt gefühlt, was anderes zu sein als ich selbst. Ich hab mich nie aus dem Tritt gefühlt.«
«Wir sind es jetzt. Wir kochen nicht anderer Leute Süppchen. Du hast gesagt, wir müssen die Suppe auslöffeln, die wir uns eingebrockt haben. Wir essen nicht mal am selben Tisch wie die meisten.«
Vics Miene hellte sich auf.»Ich weiß, und es ist fantastisch. Ich fühle mich so frei. Es ist einfach fantastisch.«
«Du bist fantastisch.«
«Schmeichlerin. Ich weiß nicht, warum mir so ist, aber es ist so. Mir ist, als könnte ich fliegen.«
26
«Wird dir dein Anhänger nicht zu schwer?«Nachdenklich berührte R. J. den schweren, starken Feldstecher, den ihre Schwester um den Hals hängen hatte.
«Lohnt sich aber. Guck, wir können hier rein und raus. «Bunny zeigte auf die abschüssige Wiese.
R. J. klopfte mit der Spitze ihres rechten Stiefels gegen ihren linken Knöchel, so daß der sandige Lehm abfiel.»Ja. Und da drüben ist viel Schatten. Ein guter Platz für Azaleen. Die gehen weg wie warme Semmeln. Unten am Wasser können wir Weiden wachsen lassen. Weiden lieben Wasser. Judasbäume, mmmm, muß ich mir überlegen. Hab meine Bodenkarte mit. «Sie griff in ihre Jackentasche.»Bunny.«
Mit dem Feldstecher beobachtete Bunny einen Rotschwanzbussard.»Weißt du, R. J. eine ganze Welt ist da oben in der Luft. «Sie ließ das Fernglas sinken und sah auf den Boden.»Und da unten auch.«
«Und mit der müssen wir arbeiten. «R. J. kniete sich hin, zog ihr Taschenmesser hervor, senkte die Klinge in die feuchte Erde, schnitt Stoppel ab.»Schau. «Dann zeigte sie auf die entsprechende Stelle auf der Karte, die Bunny aufgeschlagen hatte.
Beide Schwestern hockten sich hin und betrachteten die Karte.»Versandet, wenn wir auf höheres Gelände kommen.«
«Ja, aber wir können diese Erde trotzdem nutzen. Es gibt zähes Zeug, das da wachsen kann, oder wir können Töpfe reinstellen mit guter Erde drin, dann sind die Pflanzen schon in Töpfen, und wenn sie zwei, drei Jahre alt sind, sind sie fertig zum Verkauf. Dann müssen wir sie nicht eintopfen.«
«Gute Idee.«
«Das einzige Problem ist, wir müssen die Töpfe jetzt kaufen. Ich hatte gehofft, nicht zu viel Geld ausgeben zu müssen. Wir müssen Saatgut auf lange Sicht kaufen, wir verdienen mehr, wenn wir aus Samen ziehen. Aber mit irgendwas müssen wir sofort anfangen. Wir brauchen Schößlinge, kleine, aber die Winzlinge werden trotzdem ein paar Dollar pro Stück kosten, je nach Strauch- oder Baumsorte. Und dann brauchen wir einen Traktor, einen Düngerstreuer. Das geht ins Geld.«