«Mach ich. Ich arbeite mit Hojo zusammen.«
«Was hast du bloß mit Hojo?«
«Nichts. Ich finde sie ulkig.«
«So ulkig, daß sie dir Löcher in die Ohren piekst.«
«Ja. Ich sollte wohl lieber nicht bei Onkel Don arbeiten.«
Vic sah den Rauch vom Schornstein über dem Dach hängen.»Arbeite bei wem du willst, wer immer dich anstellt.«
«Vic?«
«Was?«
«Was, wenn Chris dich satt kriegt? Hast du da schon mal dran gedacht?«
«Nein.«
«Solltest du vielleicht. Du willst mit Charly Schluß machen. Was ist, wenn sie mit dir Schluß macht?«
«Ich kann meine Gefühle nicht ändern. Wenn sie Schluß macht, hey, so ist das Leben eben.«
«Vielleicht nimmt er dich ja zurück.«
«Mignon, ich kann nicht zu ihm zurückgehen. Das ist nicht meine Art. «Vic blies Luft aus ihren Nasenlöchern, zwei Kondensstreifen.»Ist es so schlimm, eine lesbische Schwester zu haben?«
«Keine Ahnung. Ich hatte noch nie eine«, antwortete Mignon keß.
«Gewöhn dich dran. «Sie überlegte kurz.»Wann hast du's gemerkt?«
«Beim letzten Besuch.«
«Wie?«
Mignon zuckte mit den Achseln.»Einfach so.«
«Glaubst du, Mom hat's gemerkt oder Tante Bunny? Dad würde nie auf die Idee kommen.«
«Nein, aber sie werden es irgendwann rauskriegen. Vor allem Tante Bunny, die Königin des Sexradars.«
«Das mußt ausgerechnet du sagen.«
«Ich hab kein Sexradar. Neulich bin ich mitten in der Nacht in dein Zimmer geschlichen und du warst nicht da. So hab ich's gemerkt.«
Piper hob den Kopf, sie schnupperte den Speckgeruch, der aus dem Dunstabzug des Küchenherdes drang.
«Gehn wir rein.«
«Bist du sauer auf mich?«Mignons Stimme schwankte ein bißchen.
«Nein. Ich will mir bloß wegen dir keine Sorgen machen müssen. Hab so schon Sorgen genug.«
«Hast du Angst?«
«Nein. Irgendwie fühl ich mich besser. Aber ich muß mit einem ganzen Haufen Zeug fertig werden.«
«Alles ist wie immer. Nur du bist anders«, sagte Mignon.
«Vielleicht bin ich wie immer und alles andere ist anders. Verdammt, wenn ich es nur wüßte.«
29
Die Zeitungen von Williamsburg und den benachbarten Bezirken brachten Charlys Foto. Vic, im vollen Genuß der letzten Tage der Thanksgiving-Ferien, achtete kaum darauf. Pastor Whitby dagegen sehr.
Als Charly am letzten Montag im November wieder ins College kam, wurde er schnurstracks ins Büro des Trainers beordert.
Trainer Frascetti, ein untersetzter Mann, kam direkt zur Sache, nachdem er ihm Pastor Whitbys Beschwerde gezeigt hatte, worin Charly und zwei nicht identifizierte Frauen angeführt waren.»Charly, warst du einer von denen, die der Statue der heiligen Jungfrau Maria, äh, Kochklamotten angezogen haben?«Charly machte den Mund auf, doch der Trainer hob die Hand.»Bevor du antwortest, denk dran: Du wirst vor den Dekan zitiert. Wäre die Saison noch in vollem Gang, könnte ich dich auf die Bank setzen, und alle wären zufrieden bis auf mich, dich und die Fans unserer Mannschaft. Klar? Das Mindeste, was dir passieren wird, ist, daß du eine Strafpredigt von Dekan Hansen über Verantwortung und Taktgefühl zu hören kriegst. Das Schlimmste, was dir passieren wird, ist, daß du einen Tritt in den Arsch kriegst und rausfliegst, weil die Verwaltung im Moment besonders empfindlich ist. Aber ich denke, das kann dein Vater einrenken. Du wirst höchstwahrscheinlich gesperrt, und du wirst es an St. Bede wieder gutmachen müssen. Der Pastor wird eine ganze Liste haben mit Dingen, die zu tun sind. Aber es gibt eine andere Möglichkeit. Ich habe mit Hap Stricker gesprochen, unserem Baseballtrainer. «Ein Funkeln in den Augen des Trainers verriet, daß er sich sehr einfallsreich fand.»Er setzt dich auf seine Mannschaftsliste. Dann sperrt er dich. Du machst einen geknickten Eindruck, und St. Bede ist Genüge getan.«
Charly saß seinem Trainer gegenüber, seine Gedanken rasten. Er war von Natur aus kein Lügner, wollte auch keine Extrabehandlung. Und bei der Vorstellung, daß sein Vater mit dem Dekan eine Vereinbarung traf und einen ansehnlichen Betrag für den Förderverein spendete, wurde ihm flau im Magen.
«Trainer Frascetti, ich hab dabei mitgemacht. Ein Frevel jedoch war nicht beabsichtigt.«
«Okay, ich bin stolz auf dich, weil du es zugibst. Ich werde mit Hap sprechen.«
«Sir, kann ich es mir überlegen? Ich bin Ihnen dankbar für alles, was Sie für mich getan haben, und ich weiß es zu schätzen, daß Stricker sich hierüber Gedanken macht. Ich, hm, wenn Sie mir bis heute Abend Zeit geben könnten. Ich möchte sichergehen, daß ich das Richtige tue.«
«Sechs Uhr. Ruf mich um sechs an. «Frascetti erhob sich von seinem Schreibtischstuhl.»Ich nehme nicht an, daß du katholisch erzogen bist.«
«Nein, Sir. Episkopalisch.«
«Das war's fürs Erste. Und die Muttergottes sah aus, als würde sie sich endlich mal amüsieren. Ruf mich heute Abend an, Charly. Ich deichsel das schon.«
«Ich ruf Sie an, Sir. Danke.«
Charly verließ die Turnhalle und war zwanzig Minuten später in Vics Apartment. Er erzählte ihr von der Unterredung.
«Ich denke, ich sollte zu Dekan Hansen gehen und reinen Tisch machen«, schloß Charly.
«Wir haben die Modenschau zu dritt veranstaltet. Warum solltest du hingehen?«
«Dein Bild war nicht in der Zeitung. Der Pastor hat gesagt, es waren zwei Mädchen dabei, aber der Trainer hat nicht nachgehakt. Wenn ich Buße tue, wächst Gras drüber.«
«Charly, laß dich von Trainer Stricker auf die Baseballmannschaftsliste setzen. Wirklich. Es lohnt sich nicht zu leiden, bloß weil's dem alten Knacker gegen den Strich geht, wenn Maria 'ne Schürze anhat.«
«Ich weiß nicht.«
«In drei Wochen sind Weihnachtsferien. Bis dahin wird der Pastor drüber weg sein. Warte wenigstens bis — um wieviel Uhr sollst du Frascetti anrufen?«
«Um sechs.«
«Warte bis dahin. Lauf rum, denk drüber nach und ruf mich an, bevor du den Trainer anrufst.«
«Ich dachte, ich kann hier bleiben.«
Das paßte nicht in Vics Plan.»Klar. Aber ich muß Jinx abholen. Hier, nimm meine Schlüssel, falls du weggehen willst. Wenn was ist, leg die Schlüssel unten über den Türstock. Aber warte genau bis zum Termin, ehe du noch mal mit dem Trainer sprichst. Es ist eine schwere Entscheidung, und es gibt keinen Grund, deswegen den Helden zu spielen. Wirklich, Charly, wir haben eigentlich nichts richtig Schlimmes getan. Versprochen?«
«Ja, okay. «Er küßte sie auf den Mund.
«Nimm dir Cola und Cracker. Tut mir Leid, das ist alles, was ich dahabe«, rief sie, während sie die Wohnungstür öffnete.
«Gott, Vic, ich werde genug verdienen müssen, damit wir uns eine Köchin leisten können.«
«Genau«, trällerte sie, schon halb auf der Treppe.
Als sie Charly so von der Zukunft sprechen hörte, verkrampfte sich ihr Magen. Sie wollte später darüber nachdenken. Während sie den Impala anließ, wünschte sie, sie hätte Zeit, um mit Chris zu reden, aber Chris war in einer Vorlesung. Lieber weitermachen mit dem, was sie sich vorgenommen hatte.
Nachdem Marias Metamorphose vollzogen war, hatte Pastor Whitby die Polizei gerufen und dann die Presse benachrichtigt. Er war nicht geneigt, die Sache auf sich beruhen zu lassen, nun, da er Charly erkannt hatte. Nein, es war klipp und klar, daß der Pastor auf Bestrafung bestand.
Als Spitzensportler konnte Charly mit einem von zwei Dingen rechnen: Entweder man ließ ihn davonkommen, oder man statuierte ein Exempel an ihm. Die Footballsaison war vorbei. Charly war entbehrlich, und die Verwaltung würde gut dastehen, wenn sie hart durchgriff. Trainer Frascetti wußte das, behielt es jedoch für sich. Zum Glück hatte er Charly aufrichtig gern, und sein Plan mit Trainer Stricker war gut. Es würde so aussehen, als würde Charly bestraft, die Verwaltung würde gut dastehen, die Sportabteilung würde moralisch verantwortungsvoll scheinen, die Zeitung hätte eine Story und der Pastor könnte sich ins Fäustchen lachen.