»Und jetzt siehst du zum ersten Mal in deinem Leben eine Stadt mit einer Mauer drumherum und mehr als zehn Häusern und würdest dir vor Angst am liebsten in die Hosen pinkeln, wie?« fragte er spöttisch.
Andrej zuckte mit den Schultern und setzte ein verlegenes Gesicht auf. »Sie ist... sehr groß«, gestand er. »Ich habe nicht mit so vielen Menschen gerechnet. Und wir haben nur noch eine Stunde Zeit, um das Gasthaus zu finden.«
»So, so.« Der Mann stemmte sich an seinem Speer in die Höhe und warf einen vollkommen überflüssigen, nachdenklichen Blick an Andrej vorbei in die Stadt hinein. Vielleicht suchte er nach dem Neffen, von dem Andrej gesprochen hatte; möglicherweise war dessen Erwähnung ein Fehler gewesen.
»Weißt du wenigstens den Namen des Gasthauses, in dem ihr euch verabredet habt, mein Freund?«
» ›Zum Einäugigen Bären‹ «, antwortete Andrej.
»Eine Spelunke«, meinte der Torwächter. »Selbst für einen Mann wie dich kaum der richtige Ort, wie mir scheint. Hast du Geld?«
»Nicht viel«, antwortete Andrej. »Warum?«
»Oh, keine Angst, ich will nichts davon«, sagte der Wächter. »Ich wollte dir nur raten, gut darauf achtzugeben. Dort, wo du hinwillst, treibt sich eine Menge Gesindel herum. Wenn deine Brüder dort verkehren, solltest du über deine Familie nachdenken.« Er seufzte. »Aber was geht mich das an... ? Es ist leicht zu finden. Ihr müßt den Markt überqueren, und dann folgt ihr der Straße bis zum Schloß. Dort biegt ihr rechts ab, bis ihr zum Hafen kommt. Jeder dort kennt den ›Einäugigen Bären‹. Aber seht zu, daß ihr bis zum Einbruch der Dämmerung wieder aus dieser Gegend verschwunden seid.«
Andrej war verwirrt. Trotz des unüberhörbaren Spotts registrierte er auch eine Gutmütigkeit, die er von einem Soldaten im Dienste des Herzogs zuallerletzt erwartet hatte. Er wollte sich bedanken, doch in diesem Moment ging eine erstaunliche Veränderung mit dem Posten vonstatten: Er richtete sich kerzengerade auf und wirkte plötzlich kein bißchen gelangweilt mehr, sondern angespannt, fast schon sprungbereit. Seine Augen wurden schmal, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, der zwischen Erschrecken und unterdrücktem Zorn schwankte. Im allerersten Moment dachte Andrej, der Uniformierte hätte erkannt, wer vor ihm stand, aber dann wurde ihm klar, daß er gar nicht ihn anstarrte, sondern einen Punkt irgendwo hinter seinem Rücken. Andrej drehte erschrocken den Kopf - und fuhr heftig zusammen.
Hinter ihnen war plötzlich eine Gruppe von zehn, zwölf Reitern aufgetaucht. Die Männer sprengten in scharfem Tempo heran, ohne auch nur die mindeste Rücksicht darauf zu nehmen, daß die Straße voller Menschen war. Die meisten trugen die gleichen orange und gelb gestreiften Waffenröcke wie der Mann vor ihm, aber einer von ihnen war in einen dunkelroten Samtumhang gehüllt, zu dem er einen übergroßen Hut mit breiter Krempe trug. Die beiden Reiter zu seiner Rechten und Linken trugen schwarze Mäntel, unter denen es mitunter goldfarben aufblitzte.
Andrej mußte nicht einmal in ihre Gesichter sehen, um zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Nachdem Sergé einen der drei goldenen Ritter nach dem Wirtshausbrand erstochen hatte und drei minus eins zwei ergab, war wahrscheinlich auch der hünenhafte Mann unter ihnen, mit dem er seinen ersten wirklichen Kampf auf Leben und Tod ausgefochten hatte. Es konnte natürlich auch sein, daß in Constãntã noch weitere goldene Ritter stationiert waren und daß die heutige Leibwache des Inquisitors aus ihm gänzlich unbekannten Männern bestand - wenn das so war, dann mußte er sich warm anziehen.
Ohne zu zögern drehte er sich wieder herum und starrte zu Boden. Das war eine ebenso hilflose wie unsinnige Reaktion: In einer solchen Masse von Menschen würde dem Inquisitor und seinen Schergen ein einzelner Mann wohl kaum auffallen. Im Gegenteil, erst durch sein Verhalten brachte er sich in Gefahr, die Aufmerksamkeit der Stadtwache auf sich zu lenken. Hastig korrigierte er seinen Fehler - zu hastig, wie eine ärgerliche Stimme in seinem Inneren bemerkte - und hob den Kopf, nicht viel, sondern so, daß es der demütigen Haltung eines Mannes gleichkam, der sich auf keinen Fall mit den falschen Leuten anlegen wollte.
Und tatsächlich - das Wunder geschah. Der Reitertrupp jagte vorbei, ohne auch nur sein Tempo zu mindern, und das bedrohliche Gefühl in seinem Inneren schwand mit jedem Meter, den er sich von ihm entfernte.
Andrej widerstand der Versuchung, den Reitern nachzublicken, als sie dicht hinter ihm durch das Tor sprengten, aber er registrierte trotzdem aus den Augenwinkeln, wie einer der beiden goldenen Ritter den Kopf hob und einen suchenden Blick in die Runde warf. Vielleicht hoffte er, ihn hier irgendwo zu entdecken. Vielleicht hatten ihn die jahrelangen Kämpfe auch nur vorsichtig werden lassen; aber möglicherweise hatte Andrej sein Entkommen auch einem viel banaleren Umstand zu verdanken - nämlich dem, daß ihn der Brand im Gasthaus seiner langen Haare und eines Großteils seiner Kleidung beraubt hatte. Mit seinem fast kahlen Schädel und gehüllt in das beinahe orientalisch anmutende Gewand, das Krusha ihm geliehen hatte, hätte vermutlich selbst Frederic Schwierigkeiten gehabt, ihn aus einiger Entfernung zu erkennen; noch dazu von hinten und inmitten einer größeren Menschenmenge.
Er bemühte sich, nicht hörbar aufzuatmen, als der Reitertroß durch das Tor verschwunden war und in der Menschenmenge untertauchte - zwar in langsamerem Tempo als zuvor, aber angesichts der überfüllten Straße noch immer viel zu schnell. Bis die Reiter ihr Ziel erreicht hatten, würde es eine Menge blauer Flecke und Rippenbrüche geben, wenn nicht Schlimmeres.
»Wer ... war das ?« fragte er zögernd.
Der Posten starrte noch einige Sekunden lang aus eng zusammengekniffenen Augen in die Richtung, in die die Reiter entschwunden waren, ehe er Andrejs Frage beantwortete.
»Die Leibgarde des Herzogs«, sagte er, »zusammen mit diesem verdammten Pfaffen!«
Andrej blickte den Mann fragend und gleichzeitig überrascht an. Der Reiter im roten Samt war Vater Domenicus gewesen? Er hatte ihn sich sehr viel älter und von vollkommen anderem Habitus vorgestellt - insbesondere aufgrund von Frederics Bericht über die Vortülle im Borsã-Tal. Er hatte einen alten, grausamen Kirchenfürsten erwartet, aber der Begleiter der beiden goldenen Ritter war keinen Tag älter als fünfunddreißig und von sportlicher, schlanker Statur. Und er hatte das Gesicht eines Kriegers - hart, aber auf eine eigentümliche Weise gutaussehend.
»Mögt Ihr ... die Kirche nicht?« fragte er zögernd - ein Fehler, wie er im gleichen Moment begriff, in dem er die Worte aussprach; denn als ihn der Posten jetzt ansah, lag ein mißtrauischer Ausdruck in seinen Augen.
Aber nur für einen Moment, dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Doch. Aber ich schlage drei Kreuze, wenn dieser verdammte Inquisitor wieder dort ist, wo er hingehört. Seit er und seine drei seltsamen Begleiter in der Stadt sind ...« Er sprach den Satz nicht zu Ende, so, als wäre ihm erst jetzt bewußt geworden, mit wem er sich unterhielt - einem vollkommen Fremden nämlich, von dem er nicht wissen konnte, ob er wirklich das war, wonach er aussah, und wohin er sich als nächstes wenden und mit wem er reden würde.
»Verschwinde jetzt«, sagte er. »Ich habe zu tun. Und du solltest dich sputen, wenn du rechtzeitig im ›Einäugigen Bären‹ sein willst.«
Andrej bedankte sich mit einem Kopfnicken und eilte zu Frederic zurück. Er fand den Jungen nicht dort, wo er ihn zurückgelassen hatte. Die Reiter hatten Spuren auf der Straße hinterlassen: Andrej sah mehrere Männer und Frauen, die schreckensbleich geworden waren und die Hände gegen ihre Arme und Rippen preßten, und genau dort, wo er Frederic erwartete, hockte ein Greis auf dem Boden und hielt mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Knöchel, der offensichtlich gebrochen war.