Выбрать главу

Das Innere des ›Einäugigen Bären‹ erinnerte auf beinahe unheimliche Weise an das Gasthaus, in dem sie vor zwei Tagen gewesen und in dem Ansbert und Vranjevc ums Leben gekommen waren: Es gab einen großen, rechteckigen Raum mit nur wenigen Fenstern und einem Boden aus festgestampftem Stroh und Lehm. Die Theke bestand aus einer Anzahl leerer Fässer, auf die jemand mit entschieden mehr Begeisterung als Zimmermannskunst ein paar grobe Bohlen genagelt hatte, und auch die wenigen Stühle und Tische hätten ohne weiteres aus dem niedergebrannten Gasthaus stammen können.

Vielleicht sahen ja alle Spelunken in diesem Teil des Landes so aus, überlegte Andrej einfach, aber massiv genug, um auch die eine oder andere freundschaftliche Prügelei zu überstehen. Zumindest so lange sie nicht mit Brandpfeilen und ölgefüllten Tonkrügen ausgetragen wurde.

Obwohl der ›Einäugige Bär‹ fast bis auf den letzten Platz gefüllt war, entdeckte er die Brüder auf Anhieb - zumindest Krusha. Das Gesicht der zusammengekauerten Gestalt neben ihm verbarg sich hinter einem Tuch, das aus einer Art ungeschickt gewickeltem Turban hing und ihn fast wie einen Muselmanen aussehen ließ. Angesichts der augenblicklichen Expansionsgelüste der Türken und des damit wachsenden Widerstands gegen alle Muslime war es in Constãntã nicht ganz ungefährlieh, mit einem Turban auf dem Kopf durch die Stadt zu laufen. Doch immerhin entsprachen sein einfacher Überwurf und die bunte Schärpe, mit der dieser zusammengehalten wurde, der hier üblichen Kleidung.

Beim Näherkommen erkannte Andrej, daß sich seine geheime Befürchtung bewahrheitete. Es war nicht der Informant, der hier wie verabredet mit Krusha auf ihn warten sollte, sondern Sergé. Obwohl ihm die Verkleidung des Mannes etwas übertrieben vorkam, mußte er zugeben, daß er sie zu Recht trug: Die Stadtwache suchte nach dreisten Bandstiftern und würde sich deshalb Männer mit frischen Brandwunden nicht durch die Lappen gehen lassen.

Frederic und er steuerten auf den bis auf zwei Bierkrüge leeren Tisch zu, an dem die beiden angeblichen Gaukler saßen. Krusha blickte ihnen vollkommen ausdruckslos entgegen, während es in Sergés einzigem noch intakten Auge - hinter dem groben Schleierersatz war das so ziemlich alles, was man von seinem Gesicht erkennen konnten - erst ungläubig und einen Moment später voller Zorn aufblitzte.

Die Delãnys ließen sich grußlos auf den beiden einzigen noch freien Stühlen nieder. »Da sind wir!« sagte Andrej herausfordernd. »Ich dachte, wir wären hier mit einem Informanten verabredet. Wo ist er?«

Die Brüder sahen ihn finster an. »Wir dachten schon, ihr kommt gar nicht mehr, man hätte euch verhaftet, oder ihr hättet es euch anders überlegt. Wieso kommt ihr so spät?« Sergé, dem bei seinen Worten das Tuch im Gesicht verrutschte, sah sie beide vorwurfsvoll an. Mit einer theatralischen Bewegung richtete er seinen Schleier wieder so her, daß außer einem Augenschlitz sein Gesicht verhüllt wurde.

»Weil wir den Wachen des Herzogs aus dem Weg gehen mußten. Wir sind heute morgen den goldenen Rittern über den Weg gelaufen, und dummerweise haben sie Verdacht geschöpft. Aber ich glaube nicht, daß sie uns wirklich erkannt haben«, fügte er schnell hinzu, als Sergés entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte, »sonst hätten sie ganz anders reagiert. Sie haben mich mit langen Haaren und transsilvanischer Kleidung in Erinnerung - das ist mein Vorteil.«

»Ein schöner Vorteil«, schimpfte Sergé, »wenn sie dann dennoch Jagd auf dich machen!«

»Vielleicht haben sie uns auch nur für Diebe gehalten - was weiß ich.«

»Das wird ja immer schöner«, knurrte Sergé. »Was habt ihr bloß angestellt?«

»Nichts«, sagte Andrej rasch, aber aus irgendeinem Grund sah er plötzlich Marias Gesicht vor seinem inneren Auge. Er wollte Sergé schon von ihr berichten - doch dann verwarf er den Gedanken wieder. Schließlich ging das die beiden Brüder nun wirklich nichts an.

»Es kann auch sein, daß die Aufregung in der Stadt weniger mit uns zu tun hat«, fuhr er fort.

»Weniger? Hat sie es denn nun - oder nicht?«

Andrej zuckte mit den Schultern. »Ich habe heute auf dem Markt ein paar Gesprächsfetzen aufgeschnappt. Die Menschen hier befürchten, die Türken könnten Constãntã auf die Liste ihrer nächsten Eroberungsfeldzüge gesetzt haben. Vielleicht hat der Herzog ja auch deshalb die Patrouillen verstärken lassen.«

Sergé griff sich automatisch an den Kopf und rückte seinen Turban zurecht. Er sah alles andere als glücklich dabei aus. »Hoffentlich halten sie mich nicht für einen dieser verdammten Muselmanen.«

Andrej warf ihm einen abschätzigen Blick zu. »Ich glaube kaum«, sagte er dann. »Sie werden dich eher für einen ganz gewöhnlichen Dieb halten.«

Sergé funkelte ihn mit seinem einen Auge wütend an, verkniff sich aber eine Antwort.

»Mein Informant hat mir ganz Ähnliches berichtet«, mischte sich nun Krusha ein. »Es heißt, die Türken sammeln sich ein paar Tagesritte weiter südlich von hier. Das ist auch der Grund, warum er die ganze Aktion auf Morgen verschieben mußte.«

»Was heißt das?« fragte Andrej überrascht. »Ich denke, wir wollten die Sache schnell hinter uns bringen?«

»Ja«, sagte Krusha ruhig. »Nur ist im Leben leider nichts gewiß. Aber keine Sorge«, fügte er schnell hinzu, als Delãny aufbegehren wollte, »im Prinzip bleibt alles beim alten. Ich habe immerhin in Erfahrung bringen können, daß die Gefangenen morgen nacht weggeschafft werden sollen.«

»Ja und?« sagte Frederic aufgebracht. »Wir können sie doch trotzdem schon heute befreien!«

»Du hast keine Ahnung, Grünschnabel«, sagte Sergé abfällig. »Glaubst du etwa, das sei ein Spaziergang? So etwas muß genauestens geplant werden. Was nutzt es uns, wenn wir zwar die Gefangenen finden, sie aber nicht aus der Stadt herausbekommen? Also halte dich raus, Kleiner, wenn Erwachsene miteinander reden.«

»Das heißt also, wir könnten auch noch in einem Türkenkrieg zwischen die Fronten geraten«, sagte Delãny betroffen.

Krusha schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er bestimmt. »Wir wollen ja schließlich hier nicht Wurzeln schlagen. Wir erledigen, was zu tun ist, und sind verschwunden, ehe noch die ersten Krummsäbel vor den Stadttoren aufmarschieren.«

»Können wir denn heute nacht nicht wenigstens mit meinen Angehörigen Kontakt aufnehmen?« bohrte Frederic nochmals nach. »Dann wissen wir immerhin schon mal, wie es ihnen geht und ob ...«

»Nein!« zischte Krusha. »Wir müssen bis morgen warten. Ohne meinen Informanten läuft gar nichts.«

»Auch das noch«, fluchte Andrej, dem es gar nicht gefiel, von einem Unbekannten abhängig zu sein. »Am besten, man sieht uns bis dahin nicht mehr zusammen. Frederic und ich werden uns irgendein Rattenloch suchen, in dem wir solange unterschlüpfen können. Wann treffen wir uns morgen?«

»Zur gleichen Zeit wie heute«, flüsterte Krusha den beiden über den Tisch hinweg zu. »Verspätet euch aber nicht wieder!«

In diesem Moment kam der Wirt, um ihre Bestellung aufzunehmen. Sergé winkte ab und sagte ihm, daß seine Freunde nicht länger bleiben könnten. Andrej und Frederic warteten seine Erwiderung erst gar nicht ab, sondern standen unverzüglich auf und verließen ohne jede weitere Verzögerung das Gasthaus. Auf dem gleichen umständlichen Weg, der sie durch Dutzende kleiner Gassen zum Treffpunkt geführt hatte, kehrten sie wieder in ihr Versteck zurück. Delãny sah sich währenddessen immer wieder verstohlen um; es kam ihm so vor, als würden ihn in der Dunkelheit tausend Augen beobachten und genau ausspähen, was er vorhatte. Ob er es wollte oder nicht: In dieser Stadt fühlte er sich wesentlich befangener und unsicherer als unter freiem Himmel.

Und dazu hatte er auch allen Grund. Ganz Constãntã schien von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen zu sein. Es waren nur noch wenige Menschen unterwegs, und die meisten Männer und Frauen, denen sie begegneten, wirkten nervös und angespannt - sie hetzten an ihnen vorbei, ohne ihnen auch nur einen Blick zu schenken. Andrej war das natürlich ganz recht. Und doch zuckte er jedes Mal zusammen, wenn er Schritte vernahm oder eine Bewegung in dem Halbdunkel zu erkennen glaubte. Seine Sinne waren aufs äußerste gespannt und darauf ausgerichtet, ihnen eine unangenehme Begegnung zu ersparen. Und tatsächlich mußten sie zweimal in eine Seitengasse ausweichen, um Männern aus dem Weg zu gehen, die das herzogliche Wappen auf ihren orangeweißen Uniformen trugen. Jedesmal schob seine Hand dabei die Schärpe zurück, die er so über den Griff des Sarazenenschwertes plaziert hatte, daß die Waffe damit halb verdeckt war - und keine neugierigen Blicke auf sich ziehen konnte -, sich aber dennoch blitzschnell ziehen ließ.