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Natürlich bemerkte Demagyar Andrejs Versuch, sich loszureißen. Er schüttelte bedächtig den Kopf, hob die Armbrust und zielte diesmal auf Andrejs Herz. »Versuch es erst gar nicht, Delãny«, sagte er. »Ich habe gesehen, wie schnell du bist.«

Aber offensichtlich hast du nicht alles gesehen, dachte Andrej, sonst würdest du mich sofort töten. Trotzdem stellte er seine verzweifelten Bemühungen ein. Es hatte keinen Sinn, sich selbst weitere Schmerzen zuzufügen, wenn es dabei doch nichts zu gewinnen gab.

»Was bist du, Delãny?« fragte Demagyar. »Bist du ... ein Magier? Oder hatte Domenicus recht, und du bist wirklich mit dem Teufel im Bunde?«

Andrejs Gedanken rasten. Ják Demagyar war offensichtlich Zeuge der Transformation geworden, und mit ziemlicher Gewißheit hatte er auch die letzten Augenblicke des Kampfes verfolgt. Aber er wußte nicht alles. Anscheinend glaubte er noch immer, Andrej durch einen einzigen Schuß seiner Armbrust ausschalten zu können. Und außerdem würde er sich kaum noch Zeit nehmen, mit ihm zu sprechen, wenn er begriffen hatte, was es mit Andrej wirklich auf sich hatte. Jedenfalls nicht, wenn auch nur ein Funken Verstand in seinem Kopf war.

»Wer weiß«, antwortete Andrej mit einiger Verspätung. »Aber wenn das zuträfe, wäre es nicht sehr klug von Euch, mich anzugreifen.«

Der Herzog lachte nur. »Ihr gebt nicht auf, wie? Niemals? Aber macht Euch nichts vor - ich werde Euch töten, wie ich den Jungen getötet habe. Doch beantwortet mir noch eine Frage.«

»Warum sollte ich das tun?«

»Nun, vielleicht deshalb, weil Ihr immerhin noch so lange am Leben bleibt, wie ich mit Euch rede.« Demagyar wedelte belustigt mit seiner Armbrust, ging dann aber zu Malthus' Leichnam, bückte sich und ergriff nach einem kurzen Zögern das gewaltige Zweihänderschwert des Riesen. Er war gewiß kein Schwächling, dennoch bereitete es ihm einige Mühe, die Waffe mit beiden Händen zu heben und mit ausgestreckten Armen zu halten.

»Laßt mich nachdenken«, sagte er versonnen. »Es ist geschehen, nachdem Ihr ... sein Herz mit dem Schwert durchbohrt habt.« Er sah Andrej fast versonnen an. »Ich frage mich, ob wohl dasselbe mit Euch geschieht...«

Ein eisiger, lähmender Schrecken durchzuckte Andrej. Die Vorstellung war geradezu absurd: Nach allem, was er durchgestanden hatte, sollte er nun auf diese Weise sterben? Instinktiv bäumte er sich auf, aber es war sinnlos; seine Schulter und seine Hand waren fest an die Wand genagelt, und er hockte in einer demütigenden Haltung auf dem Boden, ohne auch nur eine Bewegung machen zu können.

»Ja«, sagte Demagyar. Er hatte Andrejs Reaktion richtig gedeutet. »Es geschieht.«

Er kam näher und hob das Schwert, doch plötzlich stutzte er. Sein Blick verharrte auf Andrejs rechter Hand, und auf seinem Gesicht erschien ein überrascht-nachdenklicher Ausdruck.

Auch Andrej sah an sich herab. Seine Hand hatte aufgehört zu bluten.

»Was ... ?« murmelte Demagyar.

Draußen vor der Tür polterte etwas, dann erscholl ein Laut, und es erklang ein erstickter Schrei, aber Andrej war sich nicht sicher, was er da gehört hatte. Sekundenbruchteile darauf glaubte er das Klirren von Metall zu vernehmen.

Auch Demagyar hatte es gehört und fuhr auf der Stelle herum. »Lauft nicht weg, Delãny«, bemerkte er zynisch. »Ich komme gleich zurück.«

Er näherte sich mit schnellen Schritten der Tür, und in dem Moment, als er höchstens noch einen Schritt von ihr entfernt war, flog sie mit solcher Wucht auf, daß sie laut gegen die Wand knallte und sich der Herzog nur durch einen hastigen Sprung zurück davor schützen konnte, daß sie gegen seinen Körper prallte. Ein Soldat in einem weiß und orange gestreiften Waffenrock stolperte rückwärts in die Lagerhalle, machte noch zwei taumelnde Schritte und fiel dann unmittelbar neben dem Herzog zu Boden.

Wenn er überhaupt eine Chance hatte, dann jetzt. Andrej mobilisierte seine Kräfte, wappnete sich innerlich gegen den Schmerz und riß seine rechte Hand los. Im allerersten Moment war er sich nicht einmal sicher, ob es ihm tatsächlich gelungen war, aber dann spürte er, daß er seinen Arm frei bewegen konnte. Der Armbrustbolzen steckte noch immer fest in der Wand - aber Andrej hatte sich zur Hälfte aus seiner erzwungenen Bewegungslosigkeit befreit.

Ihm wurde übel vor Schmerz. Er wäre wohl zusammengebrochen, aber das zweite Geschoß in seiner Schulter hielt ihn weiterhin in einer aufrechten Haltung an den Pfeiler genagelt.

Ják Demagyar hatte sich mittlerweile der Tür weiter genähert und kampfbereit das Schwert erhoben. Aber er hielt plötzlich in der Bewegung inne und blieb wie erstarrt auf dem Fleck stehen. Vor Andrejs Augen verschwamm alles, doch obwohl er Demagyars Gesicht nur von der Seite erkennen konnte, bemerkte er, daß alle Farbe daraus gewichen war. Seine Augen waren ungläubig aufgerissen und schwarz vor Entsetzen.

Andrej biß die Zähne zusammen, hob die Hand und versuchte nach dem Pfeil zu greifen, der in seiner Schulter steckte, aber seine Finger verweigerten ihm den Gehorsam. Und dennoch war er sich jetzt ganz sicher, daß er über die gleichen Fähigkeiten wie Malthus verfügen würde - zumindest im Moment.

Sein Körper würde sich so schnell regenerieren wie der des Hünen nach dem vernichtenden Schlag, mit der ihm Andrej fast sein Bein durchtrennt hatte. Aber das würde Zeit kosten. Er hatte keine andere Wahl, als so lange abzuwarten, bis die durchtrennten Muskeln und Sehnen seiner rechten Hand wieder zusammengewachsen waren. Allerdings wußte er nicht, ob der Prozeß schnell genug abgeschlossen sein würde.

Herzog Demagyar schien im Moment allerdings jegliches Interesse an ihm verloren zu haben. Er trat zitternd einen Schritt zurück und ließ das Schwert sinken; möglicherweise war die Waffe einfach zu schwer, als daß er sie lange auf diese Weise halten konnte.

»Nein«, stammelte er. »Das ... das kann nicht sein.«

Andrej hob erneut die Hand und griff nach dem Bolzen. Jede Bewegung bereitete ihm entsetzliche Schmerzen, jeder einzelne seiner Finger schien in Flammen zu stehen. Aber es ging.

Demagyar wich einen weiteren Schritt zurück. Vor ihm in der Tür zur Lagerhalle standen Graf Bathory und ein hochgewachsener Mann in einem schwarzen Kettenhemd. Beide waren mit Schwertern bewaffnet, und Graf Bathory trug einen Verband um die Stirn.

Das Entsetzen des Herzogs galt jedoch nicht dem Edelmann oder seinem Begleiter - Demagyar starrte eine viel kleinere, in zerschlissene, mit eingetrocknetem Blut besudelte Kleider gehüllte Gestalt an, die zwischen Graf Bathory und dem Soldaten im Kettenhemd stand.

»Aber das ... das kann nicht sein«, stammelte Demagyar erneut. »Ich habe dich getötetl«

»Ja«, antwortete Frederic. »Das hast du.« Er öffnete sein Gewand - aus seiner Brust ragte der Griff eines Dolches heraus.

Andrej erstarrte. Für einen Moment war er nicht einmal mehr in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

»Aber beim nächsten Mal solltet Ihr direkt aufs Herz zielen - und nicht knapp daneben«, fuhr Frederic fort. Langsam hob er die Hand, schloß die Finger um den Dolchgriff - und begann die Waffe vorsichtig herauszuziehen. Aus der Wunde quoll Blut, und das Gesicht des Jungen färbte sich aschgrau. Er wankte, stieß ein tiefes, qualvolles Stöhnen aus und wäre um ein Haar gestürzt, aber im letzten Moment fand er doch sein Gleichgewicht wieder. Stück für Stück zog er den Dolch weiter heraus, und praktisch in demselben Augenblick, als die Spitze der fast handlangen Klinge aus seinem Körper glitt, hörte die Wunde auf zu bluten.

»Ihr hättet es anders tun sollen«, fuhr Frederic mit brechender Stimme fort. Er taumelte auf Demagyar zu, hob die blutige Hand mit dem Dolch und sagte: »Ungefähr so.«

Mit diesen Worten trieb er Demagyar die Klinge schräg von unten in die Brust.

Frederics Bewegung war langsam - kaum schneller als diejenige, mit der er die Waffe eben aus seiner eigenen Brust herausgezogen hatte. Trotzdem unternahm Demagyar nicht einmal den Versuch, sich zu wehren. Er stand einfach da und starrte entsetzt den Dolch an, den Frederic ihm gleichermaßen langsam wie erbarmungslos in die Brust trieb; schließlich sank er mit einem tiefen Seufzer auf die Knie.