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»Sterne«, sprach Jebra plötzlich mit leiser, dünner Stimme in die weite Leere vor ihr.

Zedd packte Niccis Arm, zog sie zu sich heran und brachte seinen Mund ganz nah an ihr Ohr. »Ich glaube, da sucht jemand nach denselben Antworten wie wir. Und dieser Jemand ist im Begriff, in ihren Verstand einzudringen. Das ist es auch, was wir fühlen, es ist ein Dieb, ein Gedankendieb.«

»Jagang«, entfuhr es Cara tonlos.

Nicci wusste, das war die logische Vermutung. Jetzt, da die Bande zu Richard irgendwie gekappt waren, wäre Jagang theoretisch dazu imstande. Solange Richard nicht die Rolle des Lord Rahl ausfüllte, waren sie plötzlich alle für den Traumwandler anfällig. Ein scheußliches Kribbeln eiskalter Angst kroch durch Niccis Körper, als sie sich erinnerte, wie Jagang einst von ihrem Verstand, ihrem Willen, Besitz ergriffen hatte. Ohne den Lord Rahl waren die Bande zerrissen, die sie davor bewahrten. Wenn der Kaiser durch die Nacht streifte, bestand durchaus die Möglichkeit, dass er ihre Schutzlosigkeit bemerkte und jeden Augenblick, ohne Vorwarnung und unbemerkt in Gestalt des Traumwandlers direkt in ihren Verstand eindringen und sich mit ihren Gedanken schmücken konnte.

Aber Nicci kannte Jagang. Sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn er vom Verstand eines Menschen Besitz ergriff, schließlich hatte er genau das bei ihr getan. Er hatte sich ihres Verstandes bemächtigt, sie kontrolliert und mittels dieser schrecklichen Anwesenheit beherrscht. Das hier war anders.

»Nein«, sagte sie, »Jagang ist es nicht. Was ich spüre, ist etwas anderes.«

»Wie könnt Ihr dessen so sicher sein?«, flüsterte Zedd. Endlich löste Nicci ihren Blick von Jebra und sah den verdrießlich dreinblickenden Zauberer an.

»Nun, zum einen«, antwortete sie ebenso leise, »würdet Ihr gar nichts spüren, wenn es tatsächlich Jagang wäre. Der Traumwandler hinterlässt keine Spuren; es ist unmöglich festzustellen, ob er gerade zugegen ist oder nicht. Das hier ist etwas völlig anderes.«

Zedd strich über sein säuberlich rasiertes Kinn. »Trotzdem, irgendwie kommt es mir bekannt vor«, murmelte er bei sich.

»Sterne«, sprach Jebra erneut in die Nacht jenseits des Balkons. Als Zedd sich anschickte, durch die beiden offen stehenden Türflügel ins Freie zu treten, fasste Nicci ihn beim Arm und hielt ihn zurück. »Wartet noch«, raunte sie ihm zu.

»Sterne, die auf Erde fallen«, deklamierte Jebra mit gespenstischer Stimme.

Nicci und Zedd wechselten einen Blick.

»Sterne im Gras«, fuhr Jebra im selben leblosen Tonfall fort. Zedds Körper straffte sich. »Bei den Gütigen Seelen. Jetzt weiß ich, was es ist.«

Nicci beugte sich näher. »Die Anwesenheit?«

Der Zauberer nickte langsam. »Es ist das Gefühl, das man in Gegenwart einer Hexe spürt, die ihre Macht ausübt.«

Jebra breitete ihre Arme aus.

»Sie springt!«, schrie Nicci, als Jebra langsam nach vorne zu kippen begann, hinaus in die Nacht.

33

Richard hustete einmal kräftig.

Das unfreiwillige Zusammenziehen seines Körpers war so ungemein schmerzhaft, dass er schlagartig das Bewusstsein wiedererlangte. Er hörte sich selbst den Versuch eines Stöhnens unternehmen, wenngleich ohne Erfolg, denn ihm fehlte der Atem, um den entsprechenden Laut hervorzubringen. Das Wiedererwachen seines Bewusstseins ging mit einem sich immer mehr steigernden, konfusen und panischen Erstickungsgefühl einher, so als wäre er im Begriff zu ertrinken.

Der nächste Hustenanfall ließ ihn vor Schmerz zusammenzucken. Sich eng zusammengerollt am Boden windend, die Arme fest auf seinen Leib gepresst, um einen weiteren dieser krampfartigen Hustenanfälle zu unterdrücken, versuchte er, seinen Schmerz herauszubrüllen.

»Atme.«

Richard blickte in die Richtung, in der er die gespenstische Stimme vermutete.

»Atme.«

Er wusste weder, wo er sich befand, noch interessierte es ihn in diesem Augenblick sonderlich. Was zählte, war allein die drohende Gefahr des Erstickens. Doch er wollte unter allen Umständen vermeiden zu atmen. Dieses Gefühl war von so bedrückender Abscheulichkeit, dass es ihm in seiner Phantasie nicht nur jede Kraft raubte, sondern übermächtig wurde. Sogar der Tod schien der Fortdauer dieses Gefühls vorzuziehen. Er konnte es nicht länger ertragen.

»Atme.«

Er ignorierte die entrückte, seidenweiche Stimme und wanderte in Gedanken zurück zu einer Zeit, als er einen ähnlichen Schmerz empfunden hatte. Damals hatte Denna ihn vollkommen hilflos in Ketten gelegt; er war ihr völlig ausgeliefert, während sie ihm Schmerzen zufügte, bis er unter den unablässigen Folterqualen zu phantasieren anfing.

Gleichzeitig aber hatte sie ihn gelehrt, Schmerzen zu ertragen. Im Geiste sah er sie vor sich, wie sie dastand und ihn abwartend beobachtete, ob er den letzten Schritt tun würde, über die Schwelle des Todes hinweg. In ihrer Gegenwart war es mehrfach zu Situationen gekommen, da er den Grat des fernen dunklen Hügels bereits überschritten hatte und sich schon auf dem Abstieg auf der anderen Seite befand.

Wann immer dies geschah, war Denna augenblicklich zur Stelle, presste ihren Mund auf seinen und hauchte ihm gewaltsam wieder Leben ein. Damals hatte sie nicht nur die absolute Kontrolle über sein Leben, sondern auch über seinen Tod gehabt. Sie hatte ihm alles genommen; nicht einmal sein eigener Tod gehörte noch ihm, er war längst in ihren Besitz übergegangen.

Jetzt beobachtete sie ihn wieder. Ihr silbriges Gesicht schob sich ganz dicht heran und schien abzuwarten, wie er sich verhalten würde. Er fragte sich, ob es ihm wohl gestattet war zu sterben oder ob sie wie damals den Mund auf seinen pressen würde, um ...

»Atme.«

Verwirrt blinzelte Richard sie an. Wie eine silberne Statue hatte Denna wahrlich nicht ausgesehen.

»Du musst atmen«, forderte die seidige Stimme ihn auf. »Tust du es nicht, wirst du sterben.«

Entgeistert starrte Richard in das wunderschöne, vom kühlen Mondschein in sanfte Helligkeit getauchte Gesicht. Er versuchte, ein wenig mehr Luft in seine Lungen zu ziehen.

Und presste die Augen zusammen. »Tut weh«, stieß er, alle Luft wieder herauspressend, kaum hörbar hervor.

»Du musst. Es bedeutet Leben.«

Leben. Er wusste gar nicht, ob er überhaupt leben wollte. Er war so erschöpft, so müde. Der Tod hatte etwas so Verlockendes. Keine Schmerzen mehr, keine Verzweiflung, keine Einsamkeit mehr und auch keine Tränen. Und endlich Schluss mit der quälenden Sorge um Kahlan.

Kahlan.

»Atme.«

Wenn er starb, wer würde ihr dann helfen?

Er atmete tiefer ein, sog die Luft gewaltsam tief in seine Lungen, trotz des brennend heißen Schmerzes, den ihm das bescherte. Dabei versuchte er, an Kahlans Lächeln statt an den Schmerz zu denken. Wieder nahm er einen Atemzug, noch tiefer diesmal.

Eine silbrige Hand glitt behutsam über seine Schulter, als wollte sie ihn in seinem quälenden Überlebenskampf trösten.

»Atme.«

Nickend ballte Richard die Fäuste und sog japsend das kalte Feuer der Nachtluft in seine Lungen.

Er hustete eine dünne, rote Flüssigkeit und Klumpen metallisch schmeckenden Bluts hervor. Dann nahm er abermals einen Atemzug, der ihm die Kraft gab, noch etwas mehr der seine Lungen verätzenden Flüssigkeit hervorzuhusten. Anschließend blieb er lange Zeit erschöpft auf der Seite liegen, abwechselnd nach Atem ringend oder Flüssigkeit hervorhustend.