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Als sein Atem wieder ruhiger, wenn auch noch immer stockend ging, wälzte er sich auf den Rücken und schloss die Augen, in der Hoffnung, das Drehen würde damit enden. Doch das machte es nur noch schlimmer, denn zu dem Kreisen kam jetzt auch noch eine rollende, stampfende Bewegung hinzu. Der Magen drehte sich ihm um, und er war kurz davor, sich zu übergeben.

Er schlug die Augen auf und starrte im Dunkeln hinauf in die Blätter über seinem Kopf; in dem Baldachin aus Zweigen waren hauptsächlich Ahornblätter zu erkennen. Es tat gut, die Blätter Sendboten des Vertrauten - zu betrachten. Jetzt konnte er im Mondschein auch noch andere Baumarten ausmachen. Um sich von Schmerz und Übelkeit abzulenken, zwang er sich, alle Bäume zu benennen, die er sehen konnte. Da war eine kleine Gruppe herzförmiger Lindenblätter sowie, ein gutes Stück darüber, ein oder zwei Zweige, die aussahen, als könnte es sich um Mastbaumkiefern handeln. Zu den Seiten hin gab es, etwas weiter entfernt, einige Eichengruppen, dazu ein paar Fichten und Balsamtannen. In der unmittelbaren Umgebung standen jedoch hauptsächlich Ahornbäume. Bei jedem Atemzug konnte er das unverwechselbare leise Wispern von Pappel hören.

Deutlich spürte er, dass außer dem Schmerz, den er mit seiner Atemnot in Verbindung brachte, noch etwas anderes mit ihm nicht stimmte, etwas sehr viel Grundsätzlicheres, Elementareres. Es war keine Verletzung im üblichen Sinne, trotzdem war er sich bewusst, dass irgendetwas entsetzlich aus dem Lot geraten war. Er versuchte, seine Wahrnehmung zu analysieren, vermochte sie aber nicht genau zu benennen. Es war ein hohles, von Verzweiflung durchdrungenes Gefühl innerer Leere, das mit keiner vertrauten Empfindung seines Lebens zu vergleichen war, wie etwa seinem Bedürfnis, Kahlan wieder zu finden, oder seinen Überlegungen vor der Entsendung der D’Haranischen Armee in die Alte Welt. Die Besorgnis erregenden Dinge, die Shota ihm erzählt hatte, kamen ihm in den Sinn, aber das war es ebenso wenig.

Vielmehr war es ein Gefühl einer verstörenden inneren Leere, wie er sie, dessen war er sich sicher, nie zuvor empfunden hatte. Deswegen fiel es ihm auch so schwer, sie zu analysieren: Der Zustand war ihm völlig neu.

Ihm war, als wäre er nicht mehr er selbst.

Shotas Geschichte kam ihm in den Sinn, die Geschichte von Baraccus und dem Buch, das dieser geschrieben hatte: Die geheimnisvollen Kräfte eines Kriegszauberers. Er überlegte, ob seine innere Stimme ihm anzudeuten versuchte, dass ihm ein Buch wie dieses in einer solchen Situation vielleicht helfen könnte, und musste sich gestehen, dass das Problem dem Empfinden nach tatsächlich mit seiner Gabe in Zusammenhang zu stehen schien.

Das Nachdenken über das Buch bewirkte, dass seine Gedanken zu Shotas Bemerkungen über seine Mutter abschweiften, die damals angeblich nicht als Einzige in den Flammen umgekommen war. Zedd hatte immer wieder betont, er habe die verkohlten Überreste des Hauses durchsucht, ohne jedoch die Gebeine einer anderen Person zu finden. Wie war das möglich? Einer von beiden, Shota oder Zedd, musste sich irren, aber aus irgendeinem Grund mochte er das nicht recht glauben.

Irgendwo, in einem verborgenen Winkel seines Verstandes, regte sich die Antwort, doch sosehr er sich auch bemühte, er vermochte sie nicht an die Oberfläche zu holen.

Auf einmal verspürte er einen Stich der Einsamkeit über den Verlust seiner Mutter, ein Gefühl, das ihn sein Leben lang von Zeit zu Zeit heimgesucht hatte. Er fragte sich, was sie wohl zu alldem sagen würde, was ihm widerfahren war. Immerhin war ihr die Chance verwehrt worden, ihn aufwachsen, ihn als erwachsenen Mann zu sehen. Sie hatte ihn nur als kleinen Jungen gekannt. Eins war gewiss: Sie hätte Kahlan sofort in ihr Herz geschlossen. Seinetwegen wäre sie überglücklich und stolz gewesen, eine Schwiegertochter wie Kahlan zu haben. Sie hatte ihm stets ein gutes Leben gewünscht, und ein besseres Leben als eines an Kahlans Seite war nicht vorstellbar.

Jetzt würde ihm kein Leben an Kahlans Seite mehr vergönnt sein. Nun, wenigstens lebte er noch; mehr war nach Lage der Dinge im Moment nicht zu erwarten. Zumindest konnte er noch immer für die Verwirklichung seiner Träume kämpfen. Nur Tote hatten keine Träume mehr.

Richard wälzte sich auf den Rücken und ließ die Luft kühlend über seine geschundenen Muskeln streichen, um wieder zu Kräften zu kommen, wieder klar denken zu können und seine Fassung wiederzuerlangen. Er war so geschwächt, dass er sich kaum von der Stelle rühren konnte, also versuchte er es gar nicht erst, sondern konzentrierte sich, solange er hier lag und sich erholte, stattdessen auf das, was vorgefallen war, und versuchte es in Gedanken zu ordnen.

Als sie angegriffen wurden, hatte er sich zusammen mit Nicci und Cara auf dem Weg zurück zur Burg der Zauberer befunden - und es war zweifellos ein Angriff der Bestie gewesen, das hatte er an ihrer Aura des Bösen deutlich gespürt. Sie hatte sich in einer ihm bis dahin unbekannten Gestalt gezeigt, allerdings lag es in ihrer Natur, die unterschiedlichsten Gestalten anzunehmen. Das einzig Verlässliche war, dass sie weiter auf ihn Jagd machen würde, bis sie ihn getötet hätte.

Er erinnerte sich, dass er gegen sie gekämpft hatte, und fasste sich mit der Hand an die Stelle seines Beins, wo die Tentakel zugedrückt hatten, bis er glaubte, das Fleisch würde ihm von den Knochen gerissen. Sein Oberschenkel war geschwollen und reagierte empfindlich auf jede Berührung, wies aber zum Glück keine offene Wunde auf. Und als Nicci versucht hatte, ihre Kraft zu gebrauchen, erinnerte er sich, sich gewünscht zu haben, sie würde damit aufhören, da die Sliph wie eine Art Leiter funktionierte, sodass ein Teil der gegen die Bestie entfesselten Kraft durch ihn hindurchgeschossen war. Bei einer anderen Beschaffenheit der Sliph hätte Niccis Magie ihn wahrscheinlich sogar töten können. Der Bestie jedenfalls hatte sie nichts anzuhaben vermocht - jedenfalls nicht genug, um sie von ihrem Tun abzuhalten. Offenbar war sie ebenfalls, zumindest in gewissem Maße, durch die Sliph geschützt gewesen.

Er erinnerte sich, dass Cara von ihm losgerissen und Nicci gewaltsam von ihm getrennt wurde und die Bestie ihn in Stücke zu reißen versuchte - ehe er sich unvermittelt losreißen konnte. Und dann war etwas passiert, was er sich nicht erklären konnte. Als er von der Bestie getrennt wurde, war ein Ruck durch seinen Körper gegangen, ein völlig unbekanntes, schmerzhaftes Gefühl, das ihn bis in den Kern seines Wesens getroffen hatte. Es war eindeutig anders gewesen als die durch Niccis Kraft hervorgerufenen Schmerzen - oder jede andere magische Kraft, die er je gespürt hatte. Magie.

Kaum hatte er den Gedanken formuliert, wurde ihm klar, dass er recht hatte; es musste irgendeine Art Magie gewesen sein. Und obwohl es die Berührung eines noch nie gekannten Zaubers war, erkannte er, dass es eine magische Berührung gewesen sein musste. Obwohl er sich längst von der Bestie losgerissen hatte - er wusste in diesem Moment nicht einmal, wo sie sich befand -, war dies der Augenblick gewesen, in dem sich alles verändert hatte. Denn in diesem Moment hatte er wegen der überaus schmerzhaften, durch die Entladung dieser seltsamen Kraft hervorgerufenen Berührung nach Luft geschnappt, sodass die Essenz der Sliph von Neuem seine Lungen gefüllt hatte - ein Atemzug, der ihn in schockartige Panik versetzt hatte.

Richard erinnerte sich an ein ähnliches Erlebnis aus seiner Jugendzeit. Zusammen mit mehreren anderen Jungen war er auf den Grund eines Teiches getaucht, um zu sehen, wer die meisten Kieselsteine nach oben holen konnte. Nachdem sie den ganzen Nachmittag über geschwommen und immer wieder von über den See ragenden Ästen in den kleinen, aber tiefen Tümpel gesprungen waren, war dessen Grund derart aufgewühlt, dass Richard in dem trüben Wasser die Orientierung verlor. Bereits völlig außer Atem, stieß er sich den Kopf an einem Ast. Aufgrund seines Orientierungsverlusts nahm er an, er habe die Wasseroberfläche bereits durchbrochen und sich an einem der tief über das Ufer des Teiches hängenden Äste gestoßen. Dem war aber nicht so, vielmehr befand sich der Ast noch unter der Oberfläche. Ehe er merkte, was tatsächlich passiert war, hatte er das schlammige Wasser bereits in seine Lungen gesogen.