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Damals hatte er sich dicht unter der Oberfläche befunden, unweit des Ufers und in der Nähe seiner Freunde. Es war eine abscheuliche Erfahrung gewesen, aber das Ganze war rasch vorbei gewesen, und kurze Zeit darauf hatte er sich bereits wieder erholt und seine Lektion gelernt. Künftig würde er etwas mehr Respekt vor Wasser haben.

Doch als ihn das Gefühl des Ertrinkens plötzlich in der Sliph überkam, gab es dort weder eine Oberfläche noch ein Ufer, noch war irgendwo Hilfe zur Stelle. In der Sliph war so etwas noch nie passiert. Es gab keinen Ort, an den er hatte fliehen, keine Oberfläche, zu der er hätte auftauchen, niemanden, der ihm hätte helfen können. Er sah im Mondschein hinüber. Die Sliph war ganz in der Nähe und beobachtete ihn. Erst jetzt gewahrte er, dass sie nicht, wie sonst, in ihrem Brunnen war; vielmehr befanden sie sich auf dem Trockenen, an einer nur mit spärlichem Baumbewuchs bestandenen Stelle. Bis auf die natürlichen Geräusche war es vollkommen still, und auch die Gerüche waren ausschließlich die des Waldes.

Unter dem Laub, den Kiefernnadeln, der Waldstreu und den Wurzeln ertastete Richard einen unebenen Steinboden. Dessen grob verfugte Zwischenräume waren breit, breiter als ein Finger. Es waren erkennbar nicht die schmalen Fugen eines nach allen Regeln der Handwerkskunst errichteten Palasts, gleichwohl stammten sie zweifellos von Menschenhand.

Auch lugte das silbrige Gesicht der Sliph nicht etwa aus dem Innern ihres Brunnens hervor, sondern ragte ein wenig über einer eher kleinen, unregelmäßigen Öffnung in dem uralten Steinfußboden empor. Scharfkantige Trümmer dieses Steinfußbodens lagen verstreut im trockenen Laub und dem Durcheinander aus Zweigen, so als wären sie von unten herausgebrochen worden - als hätte die Sliph sich gewaltsam einen Weg ins Freie gebahnt.

Richard richtete sich auf. »Sliph, ist alles in Ordnung mit dir?«

»Ja, Herr.«

»Weißt du, was passiert ist? Mir war, als würde ich ertrinken.«

»So war es auch.«

Im Mondschein starrte Richard das Gesicht an. »Aber wie ist das möglich? Was ist schiefgegangen?«

»Du besitzt nicht die erforderliche Magie, um zu reisen.«

Verwirrt kniff Richard die Augen zusammen. »Das verstehe ich nicht. Ich bin doch zuvor schon viele Male gereist.«

»Zuvor hattest du, was erforderlich war.«

»Und jetzt nicht mehr?«

Die Sliph betrachtete ihn einen Moment lang. »Nein, jetzt nicht mehr«, bestätigte sie.

Richard meinte eine Halluzination zu haben. »Aber ich besitze beide Seiten der Gabe. Also kann ich auch reisen.«

Behutsam streckte die Sliph eine Hand vor und betastete sein Gesicht, ehe sie sie zu seiner Brust hinuntergleiten ließ, wo sie einen Augenblick innehielt, um sie sachte gegen ihn zu drücken. Anschließend verschwand ihr Arm wieder in dem dunklen Loch im Steinboden.

»Du besitzt nicht die erforderliche Magie.«

»Das sagtest du bereits. Aber das ergibt keinen Sinn. Ich bin doch schon gereist.«

»Während du gereist bist, hast du verloren, was erforderlich war.«

Richards Augen weiteten sich entsetzt. »Willst du etwa behaupten, ich hätte eine Seite der Gabe verloren?«

»Nein, ich behaupte, du besitzt die Gabe nicht. Du besitzt überhaupt keine Magie. Du darfst nicht reisen.«

Bruchstücke wirrer Gedanken schössen ihm durch den Kopf, während er zu begreifen versuchte, wie so etwas möglich war. Schließlich überkam ihn eine entsetzliche Erkenntnis. Konnte es sein, dass die durch die Chimären verursachte Beeinträchtigung dafür verantwortlich war? Dass sie seine Magie, ohne dass er es gemerkt hatte, aufgehoben und schließlich vollends vernichtet hatten? Sie ohne sein Wissen hatten verkommen lassen, bis sie schließlich vollends versiegt war?

Nur erklärte das nicht die Empfindung, die er in der Sliph gespürt hatte, unmittelbar nachdem er sich aus dem Griff der Bestie hatte befreien können und zu ertrinken begonnen hatte - das unvermittelte Gefühl, eine rätselhafte und tückische Magie greife in seinem verwundbarsten Moment nach ihm und streife ihn.

Richard blickte sich um, sah aber nichts als Bäume, Bäume, die so dicht standen, dass man im Mondschein nicht zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Als ehemaligem Waldführer war ihm das Gefühl verhasst, nicht zu wissen, wo er sich befand.

»Wo sind wir überhaupt? Wie sind wir hierher gekommen?«

»Als es passierte, als dir abhanden kam, was erforderlich ist, um zu reisen, musste ich dich hierher bringen.«

»Und wo, bitte, ist ›hier‹?«

»Es tut mir leid, aber das weiß ich nicht genau.«

»Wie in aller Welt kannst du mich hierher bringen, ohne zu wissen, wo du bist? Du weißt doch sonst immer, wo du dich befindest und wo die Orte liegen, zu denen du reisen kannst.«

»Wie ich dir bereits sagte, war ich noch nie an diesem Ort. Dieser Ort ist ein Notausgang. Ich wusste natürlich von seiner Existenz, trotzdem war ich noch nie zuvor hier. Es hat auch noch nie einen Notfall in mir gegeben.

Diese entsetzliche Bestie hat mir wehgetan. Ich hatte größte Mühe, euch alle am Leben zu erhalten. Und dann war da noch etwas anderes, das sich in mich eingeschlichen hatte. Ich konnte nichts dagegen machen; wie die Bestie ist es ohne meine Erlaubnis in mich eingedrungen und hat mich verletzt.«

Damit bestätigte sich seine Einschätzung der Geschehnisse; unmittelbar nachdem die Bestie die Gewalt über ihn verloren hatte, hatte irgendetwas anderes, eine Art Kraft, nach ihm gegriffen und ihn mit ihrer Macht berührt.

»Tut mir leid, dass du verletzt wurdest, Sliph. Und was wurde aus der Bestie?«

»Gleich nachdem diese andere Macht in mich eingedrungen war, gab es die Bestie nicht mehr.«

»Mit anderen Worten, diese Macht hat die Bestie vernichtet?«

»Nein. Die Macht hat die Bestie nicht berührt. Sie hat nur dich mit ihrer ganzen Kraft berührt. Nachdem das geschehen war, besaßest du nicht mehr, was erforderlich ist, um zu reisen. Anschließend suchte die Bestie noch ein wenig in mir, ehe sie schließlich verschwand. Ich konnte dich nicht länger in mir behalten, also musste ich den nächsten Notausgang finden.«

»Was ist mit Nicci und Cara? Sind sie verletzt? Sind sie in Sicherheit?«

»Auch sie haben den Schmerz dessen gespürt, was mir widerfahren ist, und eine von ihnen hat versucht, in mir ihre Kraft zu benutzen was verboten ist. Nachdem ich dich hierher gebracht hatte, brachte ich sie zur Burg der Zauberer, ihrem gewünschten Reiseziel. Der, die in mir ihre Kraft benutzt hatte, erklärte ich, wie gefährlich dies sei und dass man es nicht tun dürfe.«

»Ja, ich glaube, ich verstehe«, sagte er. »Für mich war es auch sehr schmerzhaft. Sind die beiden schwer verletzt?«

»Sie sind auf der Burg der Zauberer und in Sicherheit.«

»Demnach müssten wir uns irgendwo zwischen dem Palast des Volkes und der Burg der Zauberer befinden«, sagte Richard halb zu sich selbst.

»Nein.«

Er wandte sich um und starrte in das silbrige Gesicht. »Aber wir waren doch auf dem Weg vom Palast zur Burg der Zauberer. Wenn du mich irgendwo herausgelassen hast, dann müsste dieser Ort, dieser Notausgang, irgendwo zwischen Palast und Burg liegen.«

»Auch wenn mir dieser Ort unbekannt ist, so kenne ich doch seine ungefähre Lage. Wir sind an einem Ort, der sich ein wenig mehr als auf halber Strecke zwischen den Midlands und der Burg, aber noch jenseits von Agaden befindet. Fast in der Wildnis.«

Richard war, als wäre die Welt plötzlich mit einem Ruck stehen geblieben und er wäre von seinem ursprünglichen Aufenthaltsort geschleudert worden. »Aber ... aber das ist viel, sehr viel weiter vom Palast des Volkes entfernt als die Burg der Zauberer. Wieso hast du mich nicht zum nächstmöglichen Ort gebracht - zur Burg?«

»So funktioniere ich nicht. Was dir vielleicht wie die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten erscheint, ist für mich nicht die kürzeste Strecke. Ich bin an vielen Orten gleichzeitig.«