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»Gütiger Schöpfer«, flüsterte Ann, musterte jeden der Anwesenden eindringlich und schlug dann die Augen nieder.

Zedd deutete auf die Frau, die in dem Bett vor ihm lag. »Worin die Kraft, welche diese Hexe ausübt, auch bestehen mag, Jebra ist dadurch in Bewusstlosigkeit gefallen. Wir können sie daraus nicht wecken. Obwohl mir klar ist, dass es sich um die Magie einer Hexe handelt, will mir einfach nicht einleuchten, wie es ihr gelungen ist, ein solches Netz aus der Ferne zu wirken. Meinen Erfahrungen nach bleiben sie nicht nur gern für sich, sondern sind außerdem zu solchen Dingen nicht in der Lage. Das übersteigt ihre Fähigkeiten.«

»Was macht dich so sicher, dass es sich um eine Hexe handelt?«, wollte Ann wissen.

Zedd stieß einen tiefen Seufzer aus, während er ernsthaft über die Frage nachdachte. »Mit Hexen habe ich oft genug zu tun gehabt. Wenn eine Katze mal mit ausgefahrenen Krallen nach dir geschlagen hat, vergisst du so leicht nicht, wie sich das anfühlt. Zwar kann ich nicht genau sagen, wer es war, aber ich bin mir ansonsten ganz sicher. Es war eine Hexe.«

Nicci verschränkte die Arme. »Ich meine, wir wissen recht gut, wer diese Hexe ist: Sechs. Und vergesst eins nicht: Nur weil Ihr die Handschrift einer Hexe erkennt, bedeutet es nicht, dass ihrer Kraft die gleichen Grenzen gesetzt sind wie anderen. Schließlich würde auch jemand, der Eure Kraft als die eines Zauberers deutet, nichts über Eure Grenzen oder Euer wirkliches Potenzial wissen.«

»Stimmt nun auch wieder«, räumte Zedd seufzend ein. Nathan wechselte das Thema. »Hat Jebra Euch von ihrer Vision erzählt? Irgendetwas?«

Zedd blickte Nicci an. »Nun, nicht, bis der Bann sie erfasste. Kurz bevor sie in diesen Zustand verfallen ist, deklamierte sie: ›Sterne. Sterne, die auf die Erde fallen. Sterne im Gras.‹«

»Sterne ...« Nathan wiederholte das Wort, während er in dem kleinen Zimmer hin und her schritt. Er tippte sich mit den Fingern einer Hand ans Kinn, während die andere den Ellbogen stützte. Schließlich wandte er sich an Zedd. »Ich fürchte, eine solche Prophezeiung sagt mir gar nichts. Vermutlich hat sie nur ein Bruchstück herausbringen können. In dem Falle wäre es leicht möglich, dass ich damit überhaupt nicht weiterkomme.«

Nicci verlor langsam den Mut. Sie hatte so sehr gehofft, der Prophet werde einen Sinn hinter der Prophezeiung entdecken. Ann kratzte sich den Nasenrücken und suchte nach Worten.

»Demnach wäre es möglich, dass wir ...«, sie räusperte sich, »... dass wir Richard verloren haben. Dass diese Hexe ihn getötet hat.«

Angriffslustig trat Cara einen Schritt vor. »Lord Rahl ist nicht tot.«

Im anschließenden Schweigen erhob sich Zedd von seinem Stuhl. Er warf Cara einen warnenden Blick zu, ehe er zu Ann sagte: »Ich glaube es auch nicht.«

Ann sah von der erregten Cara zu Zedd. »Warum sie es nicht glaubt, ist mir klar. Und warum du nicht?«

Er deutete auf Jebra. »Weil diese Frau hier in diesem Bett liegt.«

Ann runzelte die Stirn. »Worauf willst du hinaus?«

»Tja, in Jebras erster Vision seit Jahren ging es um Richard.«

»Das stimmt«, warf Nicci ein. »Ihre Vision handelte davon, was ihm widerfahren sollte. Sie hatte mir gesagt, ich dürfe ihn nicht alleinlassen, nicht für einen einzigen Augenblick.«

Ann zog eine Augenbraue hoch. »Und trotzdem hast du es getan.«

Nicci setzte sich über die Kränkung hinweg. »Ja. Nicht mit Absicht, sondern wegen der Bestie. Die Bestie war ein unvorhersehbarer Zwischenfall, ein zufälliges Ereignis.«

Da Ann daraufhin noch verblüffter dreinschaute, erklärte Zedd ihr die Sache. »Unserer Ansicht nach war es der Plan dieser Hexe, Richard mit ihrer Kraft zu berühren. Aber die Bestie mischte sich genau im falschen Moment ein und machte ihr einen Strich durch den wunderbaren Plan.«

Die Furchen auf Anns Stirn vertieften sich. »Inwiefern?«

»Der Bestie wegen hat sie Richard nicht erwischt«, meinte Nicci.

»Und der Bestie wegen hat sie Richard in der Sliph verloren, ebenso wie wir. Jetzt hat sie ein Problem. Sie muss ihn finden.«

»Im Grunde geht es ihr und uns haargenau um das Gleiche«, sagte Zedd. »Sie ist hergekommen, oder zumindest hat sie ihre Kraft hergeschickt, um von der Seherin zu erfahren, wo er sein wird.«

»Sie hat nach einer Prophezeiung gesucht?«, fragte Ann. »Hexen sehen die Dinge im Strom der Zeit. Warum brauchte sie die Seherin?«

Zedd breitete die Hände aus. »Ja, sie können manches sehen, aber und Nathan wird dir das besser erklären können - sie sehen nicht genau das, was sie sehen wollen, wenn sie es sehen wollen.«

Nathan nickte zustimmend. »Bei Prophezeiungen spielt stets das Element des Zufalls eine Rolle. Sie kommen, wenn sie wollen, nicht wenn du es wünschst. Vielleicht kannten die Zauberer in grauer Vorzeit die Schlüssel dafür, wie man Prophezeiungen nach Belieben rufen kann, allerdings haben sie dieses Wissen, falls sie es denn besaßen, nicht überliefert. Nur selten kann man sich bei Prophezeiungen das Ereignis aussuchen, das man sehen möchte.«

Zedd hob den Zeigefinger, um seiner Meinung Nachdruck zu verleihen. »Sechs hat vermutlich mithilfe ihrer eigenen Fähigkeiten oder durch ihren Zauber gesehen, dass Jebra eine Vision hatte, in der sich enthüllte, was Richard als Nächstes widerfahren und wo er sich aufhalten wird; daher ist sie in Jebras Gedanken eingedrungen und hat die Antwort gestohlen.«

»Deswegen können wir Jebra nicht wecken, glaube ich«, meinte Nicci. »Bestimmt will Sechs verhindern, dass jemand erfährt, was sie weiß. Jebra hat nur wenige Worte laut ausgesprochen, doch Sechs hat, da möchte ich wetten, die gesamte Vision aus Jebras Gedanken gezogen. Daraufhin hat Sechs die Seherin dazu gebracht, von dem Balkon zu springen; nach dem Selbstmord hätte sie ihre Vision niemandem mehr mitteilen können. Damit scheiterte sie zwar, aber wegen des Zaubers blieb Jebra bewusstlos - Ohnmacht ist viel einfacher zu bewerkstelligen, als aus der Ferne zu töten, und es dient dem Zweck ebenso gut.«

Nathan hatte, während er zuhörte, die Stirn immer stärker gerunzelt. Er rief sich das Geschehen noch einmal vor Augen. »Du meinst also, in dieser Prophezeiung habe Jebra enthüllt, Richard werde Sterne finden, die auf die Erde gefallen sind? Und er hält sich an einem Ort auf, an dem Sterne im Gras liegen? Also quasi an einer Stelle, wo Meteoriten gefunden werden?«

Zedd legte die Hände in den Nacken und nickte. »So scheint es jedenfalls.«

Nathan starrte ins Leere, während er nachdachte und dabei gelegentlich vor sich hin nickte. Ann wirkte kaum überzeugt.

»Richard würde demnach noch leben und diese Hexe, Sechs, hätte ihn irgendwie verzaubert?«, fragte die ehemalige Prälatin. Nicci nickte entschieden. »Zu dem Schluss sind Zedd und ich gelangt.«

Ann beugte sich zu ihrem früheren Schützling vor. »Zu welchem Zweck? Ich kann mir Gründe vorstellen, aus denen Sechs Richard ermorden möchte, warum hingegen sollte sie sich seiner bemächtigen wollen?«

Nicci wich dem unnachgiebigen Blick nicht aus. »Sechs hat schon die Hexe, die hier lebte, unter ihre Kontrolle gebracht - Shota. Wozu? Nun, was hat Sechs benutzt? Shotas Gefährten Samuel«, beantwortete sie ihre Frage selbst. »Und Samuel hat jetzt das Schwert der Wahrheit, das er schon einmal getragen hat.«

Ann sah aus, als hätte sie jetzt den Faden vollständig verloren. »Was hat nun das wieder mit der Geschichte zu tun?«

»Wozu hat Samuel das Schwert benutzt? Was hat er gestohlen?«, fragte Nicci.

Die einstmalige Prälatin riss die Augen auf. »Ein Kästchen der Ordnung.«

»Von einer Schwester der Finsternis«, fügte Nicci hinzu, »mit der Hilfe des Schwertes der Wahrheit.«

Aufgeregt blickte Ann hinüber zu Zedd. »Aber wieso will diese Sechs unbedingt Richard?«

Zedd sah zu Boden und rieb sich mit den Fingerspitzen die gerunzelte Stirn. »Um das richtige Kästchen der Ordnung zu öffnen, braucht man ein sehr wichtiges Buch. Ich denke, ihr beiden dürftet damit ziemlich vertraut sein.«