Nathan klappte die Kinnlade nach unten, als er begriff.
»Das Buch der gezählten Schatten«, hauchte Ann.
Zedd nickte. »Das einzige Exemplar, das es noch gibt, existiert in Richards Kopf. Er hat das Original verbrannt, nachdem er es auswendig gelernt hatte.«
»Wir müssen ihn als Erstes finden«, entschied Ann.
Zedd grunzte spöttisch über diese Äußerung und zog verächtlich eine Augenbraue hoch, als wäre er ohne ihre Hilfe nie auf diesen Gedanken gekommen.
»Wir haben ein vordringlicheres Problem«, wandte Nicci ein. Cara fuchtelte auf der anderen Seite des Zimmers mit ihrem Strafer.
»Solange wir Lord Rahl nicht finden, existieren die Bande nicht mehr.«
»Ohne die Bande«, meinte Nicci, »sind wir auf Gedeih und Verderb dem Traumwandler ausgeliefert.«
Die Erkenntnis traf Ann wie ein Donnerschlag.
»Wir müssen sofort etwas unternehmen«, sagte Zedd. »Die Bedrohung ist ernst, und wir haben wenig Zeit. Wenn wir nicht handeln, kann dieser Krieg jeden Augenblick für uns verloren sein.«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte Nathan argwöhnisch. Zedd blickte dem Propheten in die düstere Miene. »Du musst Lord Rahl werden. Wir dürfen es nicht riskieren, unser Volk noch länger ohne die Bande zu lassen. Danach musst du sofort zum Palast des Volkes aufbrechen.«
Nathan stand wortlos und grimmig da. Mit seinen langen weißen Haaren gab er eine beeindruckende Figur ab. Beim Gedanken, dass jemand anderer Richards Platz als Lord Rahl einnehmen könnte, wurde Nicci schwer ums Herz.
Die Alternative bedeutete allerdings, dem Traumwandler den verheerenden Zugang zu ihren Gedanken zu gewähren. Wie das war, wusste sie nur allzu gut. Die Bande zu Richard hatten ihr nicht nur das Leben gerettet, sondern durch sie erst hatte sie die Freude am Leben kennen gelernt. Das ging weit über das hinaus, was das Volk von D’Hara gewöhnlich tat, nämlich das Gesetz des Lord Rahl lediglich formal anzuerkennen; vielmehr handelte es sich um eine tiefere Bindung an Richard als Mann. Ihn hatte sie quasi vom ersten Moment an geliebt, als sie den Funken des Lebens in seinen grauen Augen gesehen hatte. Richard hatte ihr gezeigt, wie sie wieder leben konnte, und darüber hinaus, wie man liebte.
Sie schluckte den Schmerz hinunter, denn er würde niemals der ihre sein - und schlimmer noch, sein Herz gehörte einer anderen, einer, an die sich Nicci nicht einmal erinnern konnte. Herrlich wäre es gewesen, wenn Nicci sich Kahlans entsinnen könnte und eine kluge, liebevolle und wunderschöne Frau vor Augen hätte, denn dann hätte sie sich für Richard freuen können. Dass er ein Phantom liebte, machte alles nur schwieriger.
»Ich verstehe«, sagte Nathan schließlich.
Ann erweckte den Eindruck, dass sie tausend Einwände hatte, einen für jedes Lebensjahr des Propheten, doch gelang es ihr, diese für sich zu behalten, da sie natürlich die Folgen abzusehen vermochte, die damit verbunden wären, keinen Lord Rahl zu haben.
»Die D’Haranische Armee ist nicht weit vom Palast entfernt«, meinte Nathan. »Schon bald wird sie sich Jagangs Horden zu stellen haben. Ich glaube, Ihr habt recht - ich würde unserer Sache am besten dienen, wenn ich dort wäre.«
Nicci hatte es bislang niemandem erzählt. Sie räusperte sich, damit ihr die Stimme nicht versagen würde. »Richard hat zur Armee gesprochen. Deshalb ist er nach D’Hara gegangen. Er hat den Männern erklärt, sie dürften bei einem Kampf gegen die Imperiale Ordnung nicht auf einen Sieg hoffen.«
Anns Gesicht färbte sich puterrot. »Was erwartet er denn von ihnen! Wenn sie nicht gegen die Ordnung kämpfen, was dann?«
»Sie sollen die Alte Welt in Schutt und Asche legen«, stieß Nicci mit grimmiger Entschlossenheit hervor.
Zedd, Nathan und Ann starrten sie wortlos an.
»Er hat ihnen was gesagt?«, hakte Zedd ungläubig nach.
»Es ist die einzige Möglichkeit«, fuhr Nicci fort. »Wir dürfen nicht hoffen, ihre Armee zu vernichten. Richard möchte, dass die D’Haranische Armee stattdessen die Kampfmoral des Feindes untergräbt. Darin besteht unsere einzige Chance.«
»Bei den Gütigen Seelen«, flüsterte Zedd und wandte sich ab. Er trat ans Fenster und starrte hinaus in die Nacht. Als er sich wieder zum Raum umdrehte, standen ihm die Tränen in den Augen.
»In dieser Lage war ich auch schon einmal. Ich musste unserer Seite den Befehl erteilen, Dinge zu tun, die erledigt werden mussten.« Er schüttelte den Kopf. »Der arme Junge. Ich fürchte, er hat recht. Ich hätte selbst drauf kommen können, nur wollte ich wohl nicht. Manchmal braucht man den Mut, einsam und allein die notwendigen Entscheidungen zu fällen.«
Cara ging vor Nathan auf ein Knie. Sie neigte den Kopf.
»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«
Zedd beugte ebenfalls das Knie, und Rikka folgte seinem Beispiel. Nicci gesellte sich zu ihnen, und am Ende schloss sich Ann ihnen ebenfalls an, wenn auch etwas widerwillig.
»Führe uns, Meister Rahl«, sagten sie im Chor. »Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«
Nathan ragte schweigend über ihnen auf, hatte die Hände gefaltet und betrachtete die gesenkten Köpfe. Er sah durchaus wie ein Lord Rahl aus. Nach dem Gebet erhoben sich alle wieder, innerlich aufgewühlt, und keiner brauchte auszusprechen, was das, was sie gerade getan hatten, tatsächlich bedeutete: dass Richard nicht mehr der Lord Rahl war.
»Es ist vollbracht«, stellte Cara fest. Sie prüfte ihre schlanke rote Waffe und starrte sie mit feuchten Augen an. »Mein Strafer lebt.«
Sie lächelte traurig. »Die Bande bestehen wieder. Ganz D’Hara wird sie erkennen und wissen, dass wir einen Lord Rahl haben.«
Nathan atmete tief durch. »Zumindest eine Sache, die für uns in die Waagschale fällt.«
»Nathan«, wandte sich Zedd an den Propheten, »du musst sofort nach D’Hara aufbrechen. An den größeren Pässen liegen imperiale Truppen und suchen einen Weg durch die Hintertür. Ich werde dir zeigen, wie du sie umgehen kannst.
Es wäre das Beste, wenn ein Lord Rahl, Hüter der Bande, denjenigen beisteht, die sich nun allein im Palast aufhalten.«
»Und Jagangs Armee?«, fragte Ann besorgt, nachdem Nathan zustimmend genickt hatte. »Was, glaubt ihr, wird Jagang tun, wenn er feststellt, dass sich die D’Haranische Armee vor seinen Augen in Luft aufgelöst hatte, ehe er sie in seiner Faust zerquetschen konnte?«
Zedd zuckte mit den Schultern. »Er wird den Palast des Volkes belagern. Verna und einige ihrer Schwestern werden bei der Verteidigung helfen, doch der Palast des Volkes ist in Gestalt einer Bannform gebaut, welche die Kräfte eines Rahls verstärkt und die anderer mindert. Verna und die Schwestern werden nicht mit ganzer Macht zuschlagen können. Im Augenblick ist Nathan unser einziger Rahl, der bei der Verteidigung des Palastes und seiner Bewohner helfen kann.«
»Deshalb sollte Nathan auch sofort zum Palast aufbrechen«, meinte Nicci.
»Noch heute Nacht«, ergänzte Zedd.
Nathan blickte von Zedd zu Nicci. »Schon verstanden. Ich werde mein Bestes geben. Hoffentlich wird Richard eines Tages in der Lage sein, seinen Platz wieder von mir zu übernehmen.«
Bei diesen Worten wurde Nicci wenigstens ein kleines bisschen leichter ums Herz,
»Für dieses Ziel werden wir mit ganzem Einsatz arbeiten«, versicherte ihm Zedd.
»Verlasst Euch drauf«, stimmte Nicci zu.
Cara zeigte mit ihrem Strafer auf den Propheten. »Und lasst Euch nicht in den Sinn kommen, die Position behalten zu wollen. Der Platz gehört Lord Rahl.«
Nathan zog eine Augenbraue hoch. »Der Lord Rahl bin jetzt ich.«
Cara verzog das Gesicht. »Ihr wisst schon, was ich meine.«
Nathan lächelte schwach.