Ann piekte Nathan mit dem Finger in die Rippen. »Und halte dich mit hochfliegenden Einfällen zurück, Lord Rahl. Ich begleite dich und sorge dafür, dass du dich nicht in Schwierigkeiten bringst.«
Nathan zog die Schultern hoch. »Vermutlich braucht der Lord Rahl eine Dienerin. Du wirst wohl genügen.«
35
Eine Ewigkeit lang hatte Richard auf einem uralten kalten Steinboden tief in einem einsamen Wald gelegen, hatte hinunter in den schwarzen Abgrund gestarrt und nicht gewusst, was er tun sollte. Plötzlich setzte er sich auf. Er hatte nach der Sliph gerufen, bis er heiser war, doch keine Antwort erhalten. Die Sliph blieb verschwunden.
Richard stützte die Ellbogen auf die Knie, ließ den Kopf hängen und verschränkte die Hände im Nacken. Ihn beschlich das Gefühl, sich verirrt zu haben und nicht zu wissen, was er nun anfangen solle. Wie oft seit seinem Aufbruch aus den Wäldern des Kernlands hatte er sich so gefühlt und geglaubt, er sei am Ende? Stets hatte er einen Ausweg gefunden. Ob es ihm auch diesmal wieder gelang, wusste er allerdings nicht.
Während Richard aufgewachsen war, hatte er nichts davon geahnt, mit der Gabe geboren zu sein. Er hatte nichts, rein gar nichts über Magie gewusst. Nachdem er die Gabe entdeckt hatte, wollte er sie nicht. Er wollte sie loswerden, wie eine Krankheit, die man erbt. Eigentlich wollte er nur er selbst sein. Doch schließlich hatte er den Wert seiner Fähigkeiten eingesehen und verstanden, dass sie eben ein Teil seiner selbst waren. Oft hatten sie nicht nur ihm, sondern auch Kahlan und vielen anderen Weggefährten das Leben gerettet. Seine Gabe gehörte zu ihm und konnte ebenso wenig wie seine Lungen oder sein Herz von ihm getrennt werden.
Jetzt allerdings hatte er sie irgendwie verloren.
Als die Sliph ihm erklärt hatte, er verfüge nicht mehr über die Magie, die zum Reisen notwendig sei, hatte er es kaum für möglich gehalten, dass seine Gabe tatsächlich verschwunden sein könnte. Er betrachtete es als magisches Versagen, als eine Art Anomalie. Damals, als er sie noch loswerden wollte, hatte er die Erfahrung gemacht, dass es einfach unmöglich war.
Trotzdem stimmte es, selbst wenn es ihm unbegreiflich war. Denn mit seiner Gabe zusammen hatte er die Erinnerung an Das Buch der gezählten Schatten verloren. Es kam ihm vor, als hätte er es niemals auswendig gelernt.
Das Buch der gezählten Schatten war ein Buch der Magie gewesen. Man brauchte die Gabe, um es lesen und um sich hinterher auch nur an ein einziges Wort des Textes erinnern zu können. Ohne die Gabe konnte Richard keine Bücher der Magie lesen, oder genauer gesagt, er konnte sich nicht lange genug der Wörter entsinnen, um zu wissen, dass er überhaupt etwas gelesen hatte. Ohne die Gabe erschienen Bücher der Magie wie unbeschrieben.
Und die Erinnerung an Das Buch der gezählten Schatten war erloschen.
So war er an einer Prüfung gescheitert, von der er gar nichts gewusst hatte. Und er hatte auch keine Ahnung, worin diese Prüfung bestanden hatte. Jedenfalls hatte er versagt.
Er vermochte sich einfach nicht vorzustellen, wie diese Worte eine Prüfung von Baraccus gewesen waren. Wie konnten sie ihn prüfen? Prüfen auf was? Er konnte nicht erkennen, von welcher Art Prüfung die Sliph gesprochen haben mochte, daher erschloss sich ihm zwangsläufig nicht, wieso er durchgefallen war.
Wenn nur Zedd da wäre und ihm helfen könnte, oder Nicci oder Nathan - irgendjemand. Er hielt inne und fragte sich, wie oft er sich schon Antworten, Hilfe und Rettung gewünscht hatte. Nie war dieser Wunsch erfüllt worden. Wünsche wurden nie erfüllt.
Aber auf diese Weise verschwendete er seine kostbare Zeit nur mit Selbstmitleid. Stattdessen sollte er gezielt überlegen und nicht in der Hoffnung herumsitzen, dass jemand komme und ihm das Denken abnehme.
Er lehnte sich an den Stein und blickte hinauf ins Blätterdach, hinter dem die Sterne funkelten. Lächelnd verspottete er sich, indem er sich sagte, eine Sternschnuppe werde ihm vielleicht seinen Wunsch erfüllen. Schließlich verdrängte er alle Gedanken an Wünsche und deren Erfüllung und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Aufgabe, die es zu bewältigen galt.
Hundertmal ging er das Gespräch im Kopf durch, und dennoch ergab es keinen Sinn. Baraccus hatte ihm durch die Botschaft, die er bei der Sliph hinterlassen hatte, mitgeteilt, dass er die Antworten, die Richard retten würden, nicht kannte. Trotzdem war Baraccus der Überzeugung, Richard habe alles, was er brauche, um erfolgreich zu sein. Baraccus hatte Richard gesagt, er solle an sich selbst glauben, und wollte ihn wissen lassen, dass er, Baraccus, an ihn glaubte, obwohl er nicht ausdrücklich Richards Namen erwähnt hatte. Die Nachricht, überlegte Richard, war für denjenigen bestimmt gewesen, der mit der subtraktiven Seite der Gabe geboren wurde. Baraccus hatte dafür gesorgt, dass diese aus dem Tempel der Winde freigesetzt wurde, aber er wusste weder, wer es sein würde, noch welchen Namen derjenige tragen würde. Zumindest ging Richard davon aus. Baraccus hatte zwar die direkte Anrede gewählt, jedoch ohne Namen, was durchaus mehr Sinn ergab. Die Nachricht war deutlich genug ohne den Namen der Person, die sie am Ende hören würde. Dadurch klang die Botschaft so, als wäre sie an diese Person gerichtet.
Nur, inwiefern war das eine Prüfung? Und wie konnte Richard daran scheitern?
Er seufzte niedergeschlagen. Hatte die Sliph möglicherweise von Baraccus eine bestimmte Macht erhalten, so wie die Macht, die er ihr gegeben hatte, um in einem Notfall zu handeln? Konnte sie deshalb erkennen, ob Richard besaß, was zum Erfolg notwendig war? War sie deshalb zu der Einsicht gelangt, dass Richards Fähigkeiten nicht ausreichten?
Die Quelle. Während er zu den Sternen schaute, dachte Richard darüber nach. Er hatte der Sliph gesagt, er habe die Worte von Shota gehört, und dann plötzlich hatte sie sich von ihm abgewandt. Kannte die Sliph Shota? Vielleicht hätte Richard in Baraccus’ Augen keine Verbindung zu einer Hexe haben sollen. Das konnte der Grund sein, aus dem Richard gescheitert war - weil er die Sache nicht selbst und ganz allein erledigt hatte. Er verzog das Gesicht. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, Baraccus habe etwas dagegen, dass Richard die Lösung mit anderen zusammen suchte.
Er ging die Worte noch einmal im Kopf durch.
Es tut mir leid, Richard. Ich kenne die Antworten nicht, die dich retten würden. Wüsste ich sie, glaube mir, ich würde sie dir nur zu gerne gehen. Aber ich sehe das Gute in dir. Ich glaube an dich. Du hast alles, was du brauchst, um erfolgreich zu sein. Manchmal wirst du an dir zweifeln. Gib nicht auf. Denke immer daran, ich glaube an dich. Ich weiß, du kannst dein Ziel erreichen. Es gibt nicht viele wie dich, Richard. Glaube an dich.
Und wisse, ich bin überzeugt, dass du derjenige bist, der dies vollbringen kann.
Das war, der Sliph zufolge, die Nachricht von Baraccus. Allerdings, so erinnerte sich Richard, hatte Shota ihm diese Worte vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls gesagt, als sie sich zum letzten Mal vor ihrem Aufbruch gesehen hatten.
Richard glaubte nicht an Zufälle, und in diesem Fall schon gar nicht. Shota hatte nicht rein zufällig wortwörtlich das Gleiche sagen können, was Baraccus der Sliph als Botschaft für ihn mitgegeben hatte. Dazu war es zu lang, zu ausführlich und überhaupt viel zu einmalig.
Wenn es also kein Zufall war - und daran hegte Richard keinen Zweifel -, warum benutzte Shota dann exakt dieselben Worte wie Baraccus? Bestand darin die Botschaft? Wollte sie ihm etwas mitteilen? Ihn warnen?
Falls die Hexe ihm helfen wollte, warum hatte sie ihn nicht vor der Prüfung gewarnt? Sie hätte ihm ja nicht die Antwort verraten müssen, doch zumindest hätte sie ihm sagen können, um welche Art Prüfung es sich handelte. Zedd hatte oft gesagt, eine Hexe sage dir nie das, was du willst, und füge stets etwas hinzu, das du gar nicht wissen möchtest. Hatte es damit zu tun? Er bezweifelte es, da sie ihm an diesem Tag viele schreckliche Dinge gesagt hatte - Dinge, die ihm schließlich bei der Entscheidung geholfen hatten, was mit der Armee zu geschehen habe, wenn er sie nicht in eine letzte Schlacht gegen Jagang schickte.