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Die Ausdrücke in der Botschaft waren unverwechselbar, und das ließ ihm keine Ruhe: Antworten, die dich retten würden; nur zu gerne gehen; sehe das Gute in dir; du hast alles, was du brauchst, um erfolgreich zu sein; denke immer daran, ich glaube an dich. Die Sprache hatte einen gewissen ungewöhnlichen Rhythmus. Der Unterschied fiel nicht besonders stark auf, dennoch klang es ein wenig eigenartig, fast wie ein Kind, und doch auf einfache Weise sehr förmlich. Richard seufzte. Es wollte ihm schlicht nicht in den Sinn kommen, aber die Sprache dieser Botschaft hatte einen unverkennbaren Ton.

Als er begriff, durchfuhr es ihn heiß und kalt.

Er erinnerte sich, warum diese Worte so beunruhigend vertraut geklungen hatten, als Shota sie sagte. Weil er sie nämlich schon einmal gehört hatte.

Es waren die gleichen Worte, die das Irrlicht zu ihm gesagt hatte, am Abend des Tages, an dem Richard Kahlan kennen gelernt hatte. Sie lagerten unter einer Launenfichte. Kahlan fragte ihn, ob er sich vor Zauberei fürchte, und nachdem sie mit seiner Antwort zufrieden war, hatte sie eine kleine runde Flasche hervorgeholt, in der sich das Irrlicht befand. Das Irrlicht, Shar, hatte Kahlan über die Grenze geführt, würde aber nun bald sterben. Fern von ihrem Zuhause und getrennt von ihresgleichen hielt es nicht lange durch. Für eine erneute Überquerung der Grenze fehlte ihm die Kraft. Richard fiel wieder ein, dass Kahlan gesagt hatte: »Shar hat ihr Leben geopfert, um mir zu helfen, weil sonst unter anderem auch alle ihrer Art zugrunde gehen, wenn Darken Rahl Erfolg hat.«

Das Irrlicht war der Erste gewesen, der ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Darken Rahl ihn verfolgte. Shar hatte Richard gewarnt, er würde gefasst und getötet werden, wenn er davonliefe. Richard hatte sich bei dem Irrlicht bedankt, weil es Kahlan geholfen hatte. Er erklärte Shar, Kahlan habe sein Leben verlängert, da sie ihn vor einer großen Dummheit bewahrt habe. Sein Leben sei außerdem durch sie reicher geworden, und nochmals bedankte er sich, weil Shar seine Freundin sicher über die Grenze gebracht hatte. Shar hatte ihm daraufhin gesagt, sie glaube an ihn und hatte all das andere hinzugefügt, was Baraccus ihm durch die Sliph hatte mitteilen lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte er die eigentümliche Sprechweise als Charakteristikum der Irrlichter aufgefasst - und womöglich stimmte das sogar, aber Baraccus musste die gleichen Worte aus einem bestimmten Grund benutzt haben.

Und das galt auch für Shota, die ihn - entweder absichtlich oder in unschuldiger Unkenntnis der Quelle - an das erinnern wollte, was Shar gesagt hatte. Vermutlich hatte sie den tatsächlichen Grund nicht gekannt, weshalb sie die Worte exakt so formulierte, doch durch ihre Gabe sollten sie ihn zum Nachdenken bringen. Und dazu, sich zu entsinnen. Wahrscheinlich hatte er das Gesagte nur wegen der schrecklichen Vision, in der er gesehen hatte, wie Kahlan bei seiner Hinrichtung zuschaute, nicht mit dem Irrlicht in Verbindung gebracht. Diese Vision hatte alles andere überdeckt. Richard lauschte den Geräuschen im nächtlichen Wald, den zirpenden Käfern, dem raschelnden Laub und einer fernen Spottdrossel. Schließlich dämmerte es ihm.

Shar hatte ihn beim Namen genannt, ohne vorgestellt zu werden. Vielleicht hatte das Irrlicht den Namen einfach gehört, als es noch in der kleinen Flasche in Kahlans Tasche steckte.

Oder es hatte ihn schon gekannt.

Richard riss die Augen auf, als ihm noch etwas einfiel. Er hatte das Irrlicht gefragt, warum Darken Rahl versuche, ihn zu töten, ob es sei, weil er Kahlan helfe, oder ob es andere Gründe gebe. Shar hatte sich ihm genähert und gefragt: »Andere Gründe? Geheimnisse vielleicht?«

Geheimnisse.

Richard sprang auf und stieß einen Schrei aus, als er mit einem Paukenschlag begriff.

Er drückte sich die Fäuste an die Schläfen und vermochte einen weiteren Schrei nicht zu unterdrücken.

»Ich habe es begriffen! Bei den Gütigen Seelen, ich habe es verstanden!«

Geheimnisse.

Richard hatte immer gedacht, das Irrlicht wisse über den Zahn Bescheid, den Richard unter dem Hemd versteckt hielt, aber darum ging es gar nicht. Mit dem Zahn hatte es nichts zu tun. Shar hatte mit ihrer Frage auf etwas ganz anderes abgezielt. Sie hatte ihm die erste Chance geboten, jenes geheime Buch zu finden, das Baraccus für ihn versteckt hatte.

Doch der Zeitpunkt war zu früh gewählt. Richard war noch nicht bereit gewesen.

Richard hatte schon damals Baraccus’ Prüfung nicht bestanden. Zum ersten Mal in dieser Nacht mit dem Irrlicht. Baraccus hatte vermutlich keinerlei Möglichkeit zu erfahren, wann Richard bereit sein würde. Er musste ihn von Zeit zu Zeit erneut prüfen. Shota hatte es ihm erklärt: Nur weil Baraccus dafür gesorgt hatte, dass Richard mit der Gabe geboren wurde, musste Richard deswegen nicht immer das Richtige tun.

Baraccus hatte ihm seinen freien Willen gelassen, und im Laufe der Zeit prüfte er den mit der Gabe Geborenen wieder, ob dieser inzwischen gelernt habe, das zu tun, was getan werden musste. Richard fragte sich, wie häufig er schon Umständen auf seinem Weg begegnet war, bei denen Baraccus die Finger im Spiel gehabt hatte. Im Augenblick würde er darauf jedoch keine Antwort finden. Zumindest wusste er nun, dass er die Prüfung bereits zum zweiten Mal nicht bestanden hatte. Die Sliph war seine zweite Chance, die Wiederholung und ein Nachfassen, ob Richard dazugelernt hatte. Nachdem er Gelegenheit gehabt hatte zu erfahren, wer er wirklich war.

Geheimnisse.

Richard kam es vor, als würde sein Kopf explodieren, mit solcher Wucht stellte sich das Begreifen ein. Alle Gefühle, zu denen er fähig war, mischten sich in einem gewaltigen Aufruhr in seinem Bauch, wo es vor Aufregung und Angst heftig zu grummeln begann. Er warf sich auf den Steinboden und beugte sich über den Rand.

»Sliph! Komm zurück! Ich weiß, was Baraccus gemeint hat! Ich habe verstanden! Sliph!«

Nur wenige Zoll von ihm entfernt erhob sich flüssiges Metall ins kühle silbrige Mondlicht und formte sich zum makellosen Antlitz der Sliph. In dem Anblick von unglaublicher Schönheit spiegelten sich fließend und verzerrt die schwankenden Bäume und sein eigenes Gesicht.

Die Sliph lächelte milde. »Möchtest du deine Antwort berichtigen, Meister?«

Richard hätte das Quecksilbergesicht am liebsten geküsst. »Ja.«

Die Sliph legte den Kopf schief. »Was willst du mir anvertrauen, Meister?«

»Ein Irrlicht hat es zu mir gesagt. Nicht nur Shota.« Richard versuchte, alles auf einmal herauszubekommen, ehe die Sliph wieder das Urteil fällen konnte, dass er nicht bestanden habe. »Shota war die zweite. Es war ein Irrlicht, von dem ich diese Worte zuerst gehört habe - die Worte, die auch Baraccus gesprochen hat. Das Irrlicht. Daran wollte mich Baraccus erinnern - an das Irrlicht.«

Richard erwartete fast, silberne Arme würden sich um seinen Hals schlingen und ihn heranziehen. »Noch etwas, Meister?«, flüsterte die Sliph.

»Ja. Mit der Nachricht wollte Baraccus mich darauf hinweisen, dass das, was er für mich dagelassen hat - für mich allein - bei den Irrlichtern versteckt ist.«

Die Sliph schob sich dichter heran und verzog den Mund zu einem wissenden Lächeln. Ihr Blick sog ihn in sich auf. Zum ersten Mal bewegten sich ihre Lippen zu ihren Worten, und in ihrem gehauchten Wispern schwang Kapitulation mit. »Du hast die Prüfung bestanden, Meister. Ich bin zufrieden.«

»Nun, für alles gibt es ein erstes Mal«, sagte Richard. Die Sliph lachte klar und heiter wie das Mondlicht.

»Kennst du den Ort, wo die Irrlichter leben, Meister?«

Richard schüttelte den Kopf. »Nein, aber Kahlan hat mir ein wenig darüber erzählt, über die Heimat der Irrlichter. Kahlan ist meine Frau. Sie ist auch schon mit dir gereist und war zufrieden, doch du erinnerst dich nicht an sie, weil sie von bösen Menschen gefangen genommen wurde. Die haben einen Zauber beschworen, durch den Kahlan von allen vergessen wird - so in der Art dessen, was man dir angetan hat. Ich möchte sie finden, ehe diese bösen Menschen allen wehtun.