Genau darum dreht sich alles. Genau deshalb hat Baraccus mir etwas hinterlassen - etwas, um mir bei meinen Bemühungen zu helfen.«
»Ich verstehe. Ich freue mich für dich, Meister.«
»Jedenfalls hat mir Kahlan von dem Ort erzählt, an dem die Irrlichter leben. Dort sei es wunderschön.«
»Auch Baraccus hat mir das gesagt.«
»Kahlan sagte, man könne die Irrlichter tagsüber nicht sehen, nur nachts. Ich nehme an, weil ihre Lichter zu schwach sind. Und sie seien wie Sterne, wie Sterne, die vom Himmel gefallen sind. Sie sagte, es sehe aus, als würden Sterne im Gras liegen.«
Die Sliph nickte aufgeregt. »Ich freue mich, dass du zufrieden bist, Meister.«
»Kannst du dorthin gelangen? An den Ort der Irrlichter - wo die Sterne vom Himmel gefallen sind?«
»Selbst wenn du in mir reisen könntest, wäre ich nicht in der Lage dazu, leider«, sagte die Sliph. »Baraccus hat dieses Notfallportal aus einem bestimmten Grund gebaut. Er wollte nicht, dass ich zum Heim der Irrlichter reisen kann, weil niemand wissen sollte, dass er dort gewesen ist. Es sollte auch kein Ziel werden, sondern ein ferner, geheimer Ort bleiben, an dem Sterne vom Himmel gefallen sind. Baraccus hat mir erzählt, dieses Portal sei nicht weit von den Irrlichtern entfernt, aber näher kann ich dich nicht zu ihnen bringen. Ich sollte niemandem einen Hinweis auf die Existenz dieses Ortes geben, selbst meinen zukünftigen Meistern nicht. Auf diese Weise wollte er dich schützen. Darum konnte ich deinen Freunden nicht verraten, wo du bist. Diese Heimlichkeit war mit den richtigen Worten von der richtigen Person verbunden. Doch bedeutet dieser Schutz eben nicht nur Schutz, sondern er verhindert auch, dass deine Freunde dir helfen können. Dadurch bist du gezwungen, für dich selbst zu denken. Und Denken sei das, von dem Baraccus behauptete, es würde den Schlüssel für dich drehen.«
Richard schwindelte angesichts dessen, was er nun erfuhr. Er beugte sich vor und suchte nach einer Bestätigung dessen, was er schon wusste. »Du hast Baraccus’ Frau hergebracht, nicht wahr? Und sie hatte etwas bei sich.«
»Ja. An diesen Ort habe ich Magda gebracht, nachdem ich Meister Baraccus zum letzten Mal gesehen hatte. Sie erneuerte den Stein, ehe sie zurückkehrte. Da habe ich auch sie zum letzten Mal gesehen. Seitdem war niemand mehr hier.
Du hast die Prüfung bestanden, Meister. Hier beginnt der Weg zu der geheimen Bibliothek, die Baraccus dir hinterlassen hat.«
36
Vorsichtig stieg Kahlan durch den Schutt der alten Gebäude, die im Laufe der Jahrtausende zunächst zerbröckelt, schließlich eingestürzt und in großen Teilen den steilen Hügel hinuntergerutscht waren. Staubige Ziegel und Steine lagen überall auf der trockenen, fauligen Erde des Hangs. Im Dunkeln konnte man da leicht stolpern und fallen, und der Weg nach unten war lang. Julian, eine schemenhafte und geschmeidige Gestalt, kletterte so mühelos über die Haufen wie eine Bergziege. Schwester Ulicia, die vor Kahlan ging, und die beiden anderen Schwestern hinter ihr schnauften und keuchten beim Abstieg vor Anstrengung. So sehr die Schwestern auch vorankommen wollten, sie wurden langsam müde. Immer wieder verloren sie den Halt, glitten aus und wären mehr als nur einmal ums Haar die Felswand hinabgestürzt.
Kahlan hätte es für angeraten gehalten, das Tageslicht abzuwarten und erst dann die Kraxelei durch die Ruinen der Stadt Caska fortzusetzen. Allerdings würde sie sich nicht erdreisten, ihnen diesen Rat zu erteilen. Die Schwestern taten, was immer sie wollten, und daran vermochte Kahlan nichts zu ändern. Letztlich würde jeder Vorschlag, den sie machte, doch nur zu Prügeln führen, einfach nur, weil sie sich einmischte.
Insgeheim hätte sich Kahlan gefreut, wenn eine der Schwestern gestürzt wäre und sich den Hals gebrochen hätte, aber die verbliebenen zwei würden ihr nicht weniger Ungemach bereiten als drei. Was das betraf, genügte schon eine Schwester, um ihr das Leben zum qualvollen Albtraum zu machen. Also kraxelte sie weiter und behielt jegliche Bemerkung darüber, wie weise es war, einen solchen Abstieg im Mondlicht vorzunehmen, für sich. Da Julians Pfad so tückisch war, hatten sie die Pferde am Anfang des Gebirgsausläufers zurücklassen müssen. Einige Gegenstände wollten die Schwestern jedoch nicht aus den Augen und schon gar nicht bei den Tieren lassen, und deshalb zwangen sie Kahlan, sie zu schultern, zusammen mit so viel vom restlichen Gepäck, wie sie tragen konnte. Es war zermürbend, die schwere Last über den abschüssigen Weg zu schleppen. Julian hätte ihr gern geholfen, doch die Schwestern verboten es und sagten, Kahlan sei eine Sklavin und für Sklavenarbeit bestimmt. Julian solle sich, so fügten sie hinzu, darum kümmern, sie zu Tovi zu führen. Kahlan gab Julian mit den Augen einen Wink, sich den Wünschen der Schwestern zu beugen und loszugehen. Im Stillen mahnte sie sich, diese Arbeit würde sie nur stärken, während die Schwestern, die alle Anstrengungen nach Möglichkeit scheuten, nur geschwächt würden.
Kahlan wollte stark bleiben. Irgendwann würde sie ihre Kraft brauchen. Dennoch war es ein langer Tag gewesen, und ihre Kräfte ließen nach.
Wenigstens näherten sie sich dem Ende der ermüdenden, überstürzten Reise. Schon bald wären die Schwestern wieder vereint, und dann würden sie sich vielleicht ein wenig niederlassen, weniger angespannt und nicht so leicht zu verärgern sein. Während Kahlan sich auf ein oder zwei Tage Pause freute, beunruhigte sie gleichzeitig, was damit verbunden sein würde.
Die Schwestern hatten ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass dies das Ende der Reise sein würde, das Ende ihres Kampfes und der Beginn einer neuen Epoche. Kahlan hatte keine Ahnung, was das bedeutete, trotzdem beschlich sie große Sorge. Die Schwestern redeten oft darüber, dass die Belohnung, die sie erwartete, in greifbare Nähe gerückt war. Mehr als einmal hatte Schwester Ulicia auf die Ungeduld der anderen reagiert mit: »Es dauert ja nicht mehr lange.«
Kahlan konnte sich nicht vorstellen, wie ihr Plan aussah und welches große Ereignis bevorstand, aber mit Sicherheit hing es mit den Kästchen zusammen, die sie auf dem Rücken trug - Lord Rahls Kästchen. Die beiden Schwestern, die hinter ihr gingen, behielten sie aufmerksam im Auge. Letzte Nacht hatte Kahlan ein Gespräch mit angehört, demzufolge sie, sobald sie Tovi und das dritte Kästchen erreichten, mit den Vorbereitungen beginnen würden. Kahlan seufzte erleichtert, als sie die letzte Höhe des steilen Hangs hinter sich gebracht hatten und vor dem Fundament einer zerfallenden Mauer standen. An manchen Stellen war die Mauer unterspült. Kahlan warf einen letzten Blick auf die Ebene tief unter ihnen, ehe sie Julian durch eine der düsteren Lücken folgte. Während sie unter den Resten der Mauer durchging, stellte Kahlan fest, dass diese so dick war wie ein kleines Haus. Wer auch immer eine derartige Mauer errichtet hatte, musste große Angst vor Angreifern gehabt haben.
Auf der anderen Seite wurde der steile Pfad ebener und führte sie zwischen dicht stehenden Gebäuden hindurch. Viele Häuser nahe am Rand waren eingestürzt oder standen kurz davor. Die massive Mauer hatte einen Großteil des Gerölls ferngehalten, doch an manchen Stellen waren zerfallende Gebäude über die Kante gerutscht. Im Laufe der Zeit waren Ziegel, Steinblöcke und Mörtel durch die Gräben fortgespült worden.
Bald erreichten sie eine schmale Straße, an der die Häuser in besserem Zustand erhalten waren. Den äußeren Ring hatte die größte Wucht der Unwetter getroffen, und dementsprechend hatte er am meisten gelitten. Nun ging es aus den Gebäuden hervor auf einen Friedhof. Im Mondlicht bot er einen gespenstischen Anblick. Hier und dort erhoben sich Statuen wie Phantome unter den Toten. Auf dem Weg zwischen den Gräbern hindurch sah Kahlan, dass die Gebäude weiter oben wie ein Teppich über der gewellten Landschaft lagen. Im klaren Himmel entdeckte sie Julians Raben, Lokey. Das Mädchen hatte die Schwestern nicht darauf aufmerksam gemacht, weil sie vielleicht hoffte, sie würden ihn für einen wilden Vogel halten, aber wenn Kahlan zu Jillian hinüberschaute, gab sie ihr manchmal mit den Augen ein Zeichen, in die Höhe zu blicken. Lokey führte Flugkunststücke vor, die bei Jillian, wenn die Schwestern nicht hinsahen, ein Lächeln hervorriefen. Offensichtlich genoss das Mädchen jeden noch so kleinen Anlass, sich ein wenig zu freuen, hatten sie und ihr Großvater doch wegen der Schwestern solches Elend über sich ergehen lassen müssen. Als Schwester Armina den Raben bemerkte und ihn als Aasfresser bezeichnete, der ihnen durch die trostlose Landschaft folgte, berichtigte Kahlan sie nicht.