Выбрать главу

»Wie weit noch?«, fragte Schwester Ulicia und blieb zwischen Grabsteinen stehen. Aus irgendeinem Grund meinte Kahlan, in ihrer Stimme Misstrauen gegenüber Jillian mitschwingen zu hören. Jillian zeigte nach vorn. »Nicht weit. Dort oben, durch das Gebäude. Dort liegt der Gang zu den Toten.«

Schwester Cecilia schnaubte. »Gang zu den Toten. Tovi hatte schon immer einen Sinn fürs Dramatische.«

Schwester Armina zuckte die Schultern. »Klingt doch ganz angemessen.«

»Also weiter.« Schwester Ulicia bedeutete dem Mädchen, den Weg fortzusetzen.

Jillian ging augenblicklich weiter und führte sie aus dem Labyrinth des Friedhofs in die leere Stadt. Kahlan erschien es, als habe alles jede Mauer, jedes Dach, jede Straße und überhaupt alles - die gleiche Farbe von Staub und Tod, obwohl das im Mondschein schwer zu sagen war. Zwischen den Gebäuden herrschte eine geisterhafte Stille. Kahlan hatte das Gefühl, durch das riesige Skelett einer Stadt zu laufen, von dem man Fleisch und Leben entfernt hatte, bis nur bröckelnde Gebeine zurückgeblieben waren.

Auf einer breiten Straße, die den verzierten Steinmauern an den Seiten zufolge einst einen prachtvollen Anblick geboten haben musste, schlich Jillian wie ein Schatten durch die Bögen vor einem der größeren Gebäude. Im Inneren konnte man kaum die Hand vor Augen sehen. Kahlan hörte, wie die Füße des Mädchens Mörtel zermalmten. Die Schwestern schienen das Mosaik am Boden nicht zu bemerken. Wo das Mondlicht hinfiel, erkannte Kahlan verblichene Steinchen, die ein Bild von Bäumen, Wegen und einer Friedhofsmauer bildeten. Sogar Menschen waren zu sehen. Irgendwann traten sie aus dem Gebäude auf einen weiteren Friedhof. Ohne den Schritt zu verlangsamen führte Julian sie durch den Ort der Toten, an Hügeln vorbei, auf denen knorrige Olivenbäume wuchsen, und an Gräbern, auf denen wilde Blumen wuchsen. Schließlich blieb sie vor einem Grabstein neben einem schwarzen Loch im Boden stehen.

»Wir sollen in dieses Rattenloch steigen?«, fragte Schwester Armina.

»Wenn Ihr denn zu Tovi wollt.« Julian nahm sich eine Laterne, die auf einem Stein stand, und ging weiter, nachdem eine der Schwestern das Licht angezündet hatte.

So folgten sie Julian eine schmale Treppe nach unten. Die uralten Steinstufen waren ausgetreten und unregelmäßig. Kahlan musste, da sie so schwer bepackt war, beim Abstieg arg aufpassen. Die Schwestern hielten die flackernden Flammen vor sich, damit sie sehen konnten. Bei den Treppenabsätzen drehten sie sich mit den Stufen und stiegen tiefer in das Reich der Gräber hinab. Unten öffneten sich breitere Gänge, die aus dem massiven, doch weichen Fels geschlagen waren. Überall in den Felswänden gab es Nischen. Kahlan fiel auf, dass sich darin stets Knochen befanden.

»Achtet auf eure Köpfe«, warnte Julian, als sie durch eine Seitentür trat.

Sie duckten sich und betraten hinter ihr einen Raum mit einer Decke, die nicht höher war als die Oberkante der Tür. Wo sich Gänge kreuzten, wählte Julian den Weg ohne zu zögern, als folgte sie einer Spur, die auf den Boden gemalt war. Kahlan bemerkte einige Fußabdrücke im Staub und auch Fährten, die in abzweigende Gänge führten. Sie waren groß und konnten nicht von den kleinen Füßen des Mädchens stammen.

Schließlich mündete der enge Gang in einer großen Kammer. Sie zogen an einer endlosen Reihe von Räumen vorbei, in denen Knochen ordentlich gestapelt waren. Andere, schmale Räume wiesen Nischen auf, in denen sich Gebeine häuften, als wäre einst der Platz für all die Toten ausgegangen.

Einige Räume waren nur mit Schädeln gefüllt, deren Zahl, wie Kahlan schätzte, in die Tausende gehen musste. Sie waren in großen Wandvertiefungen abgelegt, und jeder Kopf blickte nach außen. Jede dieser Nischen war bis obenhin vollgestapelt. Kahlan betrachtete die leeren Augenhöhlen, die sie anstarrten. Sie rief sich in Erinnerung, dass diese Schädel einst lebendigen Menschen gehört hatten, die geatmet und gedacht, Angst und Sehnsüchte empfunden hatten. Das gemahnte sie daran, wie wertvoll und kurz das Leben war - und wie wichtig, denn hatte man es einmal verloren, war der Mensch für immer ausgelöscht. Und es erinnerte sie daran, warum sie ihr Leben zurückhaben wollte.

Julian, das fühlte Kahlan, bildete für sie eine Verbindung zur Welt, zu dem, was sie war. Als Julian sie sehen konnte und sie nicht wieder sofort vergaß, fühlte sich Kahlan ein wenig lebendiger, als sei sie wirklich jemand und als habe ihr Leben eine Bedeutung. Sie kamen durch Räume, in denen Beinknochen in bestimmten Nischen aufgehäuft waren und Armknochen in anderen. Lange Steinbehälter, die aus dem Fels gehauen waren, säumten die Seitenwände. Sie enthielten kleine Knochen, die dort fein säuberlich abgelegt waren.

Kahlan wunderte sich über die Weise, wie die Skelette nach verschiedenen Knochen aufgeteilt waren. Gewiss wäre es respektvoller gewesen, die Gebeine jedes Verschiedenen zusammen zu belassen. Möglicherweise mangelte es jedoch an Platz, denn auf diese Art konnte man viel mehr Tote unterbringen. Vielleicht kostete es einfach zu viel Mühe, für jede Leiche oder jede Familie eine Nische zu hauen, wenn es so viele Tote zu bestatten gab. Es konnte ja sein, dass eine große Seuche die Mehrheit der Bevölkerung dahingerafft hatte und deswegen auf solchen Luxus verzichtet werden musste.

Schon die Stadt hatte innerhalb der Mauern eng gewirkt. Platz musste stets stark gefragt gewesen sein. Wenn die Menschen und ihre Toten innerhalb der Mauern bleiben sollten, waren die Lebenden gezwungen, Einschränkungen in Kauf zu nehmen.

Das Problem erschien Kahlan seltsam, denn um die Stadt herum erstreckte sich das Land von Horizont zu Horizont. In kriegerischen Zeiten hatte man vielleicht auf sentimentale Überlegungen bezüglich der Toten verzichtet, weil die Lebenden selbstredend vorgingen. Dieser Ausläufer des Hochplateaus war der am besten zu verteidigende Ort in dieser Gegend. Zwar standen Teile der Mauern bereits auf der Kante des Abgrunds, aber nach hinten hätte man die Stadt immer wieder vergrößern können. Vermutlich war es zu schwierig, eine solch massive Stadtmauer zu erweitern.

Es konnte allerdings auch sein, dass die Menschen, die hier einst gelebt hatten, ihren Toten nicht die gleichen Gefühle wie andere Leute entgegenbrachten. Denn schließlich, was bedeuteten Knochen schon? Das Leben war aus ihnen gewichen. Der Mensch, der sie einst besessen hatte, existierte nicht mehr. Das Leben, darauf kam es an, und diese Welt endeten mit dem Tod.

Dennoch hingen die Bewohner an den Gebeinen, bedachte man all die Schwierigkeiten, die mit der Anlage einer solchen unterirdischen Stadt verbunden waren. Kahlan entgingen auch die verblassten, einstmals prächtig bemalten Steinmetzarbeiten um die Nischen nicht. Nein, die Menschen hatten für ihre Toten gesorgt und um ihre Entschlafenen getrauert.

Ob sich, wenn sie starb, jemand daran erinnern würde, wer sie gewesen war, oder einfach nur an ihre Person, an Kahlan, die gelebt und das Leben geliebt hatte? Diese Gebeine riefen eine eigenartige Eifersucht wach. Freunde und Familien, die die Gebeine hier unten bestattet hatten, kannten die betreffende Person, betrauerten sie und betteten diese Talismane der Geliebten auf eine Weise zur Ruhe, dass man sich ihrer noch lange entsinnen würde.

Was war wohl mit den Bewohnern dieses Ortes geschehen, den Lebenden, die diese Gebeine bestattet hatten? Wer hatte sie begraben? Denn schließlich zeigten die leeren Gebäude, dass niemand mehr übrig war. Außer Julian. Wie Kahlan erfahren hatte, gehörte Julian zu einer kleinen Gruppe Nomaden, die von Zeit zu Zeit hier vorbeikamen.