Plötzlich erreichten sie einen Teil des Ganges, der den Eindruck machte, eingestürzt zu sein. Der Boden war mit Schutt übersät. Schwester Armina packte das Mädchen am Arm. »Dieser Ausflug durch die Katakomben wird langsam lächerlich. Du solltest lieber keinen Unfug mit uns treiben.«
Julian zeigte nach vorn. »Aber wir sind fast da. Kommt, und Ihr werdet es sehen.«
»Also schön«, meinte Ulicia, »weiter.«
Julian trat um eine große Steinscheibe herum, die anscheinend einst die Öffnung dahinter verschlossen hatte. Auf dem Boden sah man tiefe Spuren, wo man den Stein zur Seite gezogen und den Eingang zum folgenden Gang geöffnet hatte. Als Julian hineinging, sah Kahlan, wie ihre Laterne eine Kammer erhellte, deren Wände mit aus dem Fels gehauenen Regalen überzogen waren. In diesen Regalen türmten sich Bücher. Das Leder der meisten Buchrücken war verblasst, aber früher hatten sie wohl in Rot und Blau geleuchtet, in Hellgrün und Gold und vielen anderen Farben.
Die Schwestern staunten über die vielen Bücher. Unvermittelt besserte sich ihre Laune. Schwester Armina stieß einen Pfiff aus und schaute sich die Regale an. Schwester Cecilia lachte erfreut auf. Sogar Schwester Ulicia brachte ein Lächeln zustande, während sie mit den Fingern über die verstaubten Buchrücken strich.
»Hier entlang«, sagte Julian.
Guter Dinge folgten sie dem Mädchen durch mehrere enge Räume, die ebenfalls mit Büchern voll gestopft waren. Julian führte sie durch ein Gewirr von Gängen, die aus dem weichen Fels geschlagen waren, tiefer in die unterirdische Bibliothek. Die Schwestern versuchten im Vorübergehen, die Titel zu lesen, während sie hinter Julian und Kahlan herschlurften. Das Licht der Laterne fiel in dunkle Räume und enthüllte immer mehr Bücher.
»Verflucht sei das Licht«, flüsterte Schwester Ulicia entzückt. »Wir haben die Stätte in Caska gefunden. Hier wird das Buch sein. Ich wette, Tovi hat schon danach gesucht.«
»Ich wette, sie hat es sogar schon gefunden«, erwiderte Schwester Cecilia aufgeregt.
Schwester Ulicia grinste. »Ich habe so das Gefühl, Ihr habt recht.«
Durch einen Gang mit Tonnengewölbe, welches mit dem Gemälde eines Weingartens verziert und vor langer Zeit zu geisterhaftem Schein verblasst war, bogen sie um eine Ecke und erreichten eine zweiflügelige Tür. Diese Tür, in die Weinranken und Laub geschnitzt waren, verlieh dem Eingang etwas Pracht, obwohl die Tür nicht besonders breit war.
»Ich spüre Tovi dahinter - endlich«, sagte Schwester Cecilia und seufzte erleichtert.
»Heute Nacht sollten wir mit den Ritualen beginnen«, sprudelte es aus Schwester Armina hervor.
Schwester Ulicia nickte und legte die Hand auf den bronzenen Türgriff. »Wenn Tovi das Buch gefunden hat - und ich bin mir dessen sicher -, dann sehe ich keinen Grund, warum wir jetzt, da wir alle drei Kästchen zusammen haben, nicht sofort anfangen sollten.«
Sie lächelte entrückt. »Je eher der Hüter aus seinem Gefängnis befreit ist, desto früher erhalten wir unsere Belohnung.«
Kahlan fragte sich, ob sie die Schwestern irgendwie an der Ausführung ihres Planes noch hindern konnte. Wenn sie vollendeten, was immer sie vorhatten, gäbe es kein Zurück mehr - für niemanden. Sie dachte an die Kästchen, die sie trug, und fragte sich, was geschehen würde, falls sie eines davon zerschmetterte, während die Schwestern ihr Wiedersehen mit Tovi feierten. Vielleicht hatte sie sogar genug Zeit, beide zu zerstören.
Damit würde sie den ganzen Zorn der Schwestern auf sich ziehen; vermutlich würde sie dabei den Tod finden. Allerdings war Kahlan längst zu der Einsicht gelangt, dass sie sowieso sterben musste, wenn die Schwestern Erfolg hatten.
Schwester Armina beugte sich vor. »Und als Erstes sollten wir eine offene Rechnung begleichen.« Sie schnitt eine giftige Miene. »Nur allzu gut erinnere ich mich, als uns dieser überhebliche Rohling zu den Zelten geschickt hat. Was er seinen Soldaten erlaubt hat, mit uns anzustellen, werde ich niemals vergessen.«
Schwester Ulicias Augen funkelten mörderisch. »Oh, diese Rechnung zu begleichen wird uns allen Freude bereiten.« Ein bösartiges Grinsen breitete sich um ihren Mund aus. Sie drehte den Bronzegriff. »Dann wollen wir mal.«
37
Schwester Ulicia stieß die Türflügel auf und marschierte in den stockfinsteren Raum dahinter. »Tovi? Was machst du hier im Dunkeln? Schläfst du?« Verärgerung schwang in ihrer Stimme mit.
»Wach auf, wir sind es. Wir haben es endlich geschafft.«
Da die Schwestern immer noch die Flammen auf den Handflächen trugen, gab es gerade genug Licht, um die Fackeln in den Halterungen an den Wänden zu erkennen, mehr jedoch nicht. Ihre Flammen schickten die Schwestern zu den kalten Fackeln, die sich mit einem heißen Zischen entzündeten. Nach und nach durchflutete Licht den Raum, der nicht besonders groß war. Auch hier waren Regale aus dem strohfarbenen Fels gehauen.
Auf der anderen Seite des Raums stand ein schwerer Tisch aus Eisen und Holz. In dem hohen verzierten Stuhl dahinter saß ein stämmiger Mann, der sie, das Kinn auf den Daumen gestützt, beobachtete. Es war der böseste Mann, den Kahlan je gesehen hatte. Die drei Schwestern erstarrten und rissen die Augen auf, aus denen Verwirrung, Unglauben und Schreck sprachen.
Der mächtig gebaute Mann hockte seelenruhig hinter dem Tisch nd betrachtete die drei Schwestern. Dass er nicht sprach, sich nicht regte und überhaupt keine Eile zu haben schien, erhöhte nur die spürbare Gefährlichkeit, die von ihm ausging. Außer dem Knistern der Flammen war nichts zu hören.
Dieser Mann mit seinen dicken muskulösen Armen und dem Stiernacken stellte die Verkörperung reiner Bedrohlichkeit dar. Er trug kein Hemd, nur eine Lammfellweste, die den Blick auf die kräftigen Schultern und die enorme Brust freigab. Silberbänder umspannten die Oberarmmuskeln. An jedem der dicken Finger trug er einen Ring aus Gold oder Silber. Von der kahl geschorenen Kopfhaut spiegelte der Fackelschein wider. Kahlan konnte sich den Mann nicht mit Haaren vorstellen; das hätte das Einschüchternde seiner Erscheinung gemindert. Ein Goldring im linken Nasenflügel hielt eine Kette, die bis zu einem weiteren Ring im linken Ohr reichte. Abgesehen von den zwei Zoll langen Zöpfen des Schnurrbarts, die von den grinsenden Mundwinkeln herabhingen, war er glatt rasiert; ein weiterer Zopf wuchs in der Mitte des Kinns. So erschreckend, so Angst einflößend und so unbarmherzig dieser Mann aussah, waren doch erst die Augen der wahre Albtraum. Sie enthielten überhaupt kein Weiß. Stattdessen waren sie mit trüben Formen durchzogen, die sich in ständiger Bewegung befanden. Trotzdem zweifelte Kahlan nicht daran, dass sein Blick auf ihr ruhte. Sein Starren gab ihr das Gefühl, nackt zu sein. Sie fürchtete, ihre Knie könnten unter der aufziehenden Panik nachgeben. Als er den grimmigen Blick zu den Schwestern weiterschweifen ließ, streckte Kahlan die Hand aus, ohne hinzuschauen, und zog Julian schützend in ihren Arm. Sie spürte, wie das Mädchen zitterte. Allerdings schien Julian keineswegs überrascht zu sein, den Mann hier vorzufinden.
Kahlan verstand nicht, warum die Schwestern schwiegen und nicht handelten. Angesichts der unverhüllten Drohung, die der Mann darstellte, hätte sie erwartet, dass er längst in Flammen aufgegangen wäre, einfach nur, um kein Risiko einzugehen. Die Schwestern hatten bisher nie Scheu gezeigt, jeden zu töten, der ihnen auch nur das geringste Ungemach bereiten könnte. Und dieser Mann bedeutete mehr als Ungemach. Er sah aus, als könnte er ihre Köpfe in einer Faust zermalmen. Sein Blick verkündete, dass er an solche Dinge durchaus gewöhnt war.
Hinter Kahlan traten zwei stämmige Kerle aus den dunklen Ecken und schlössen die Flügeltür. Auch sie sahen grimmig aus und trugen wilde Tätowierungen im Gesicht. Die kräftigen Muskeln waren schweißnass und rußig, als würden die Männer sich nie den Rauch der öligen Feuer abwaschen. Als sie an Kahlan vorbeigingen und die Tür schlössen, roch sie den scharfen säuerlichen Schweiß durch das brennende Pech.