Diese beiden schienen auf jede Möglichkeit vorbereitet zu sein. Vor der Brust kreuzten sich schwere und mit Nieten beschlagene Lederriemen, in denen alle möglichen Messer steckten. Äxte und Streitkolben hingen an ihren Waffengurten und glitzerten im Fackelschein. Auch die Gesichter waren mit Metallstacheln besetzt: in den Ohren, den Augenbrauen und dem Nasenrücken. Fast sah es aus, als hätte man ihnen Nägel durch diese Teile des Gesichts geschlagen. Zudem waren sie ebenfalls kahl geschoren. Diese zwei Männer wirkten nicht vollends menschlich - und schon gar nicht zivilisiert, sondern eher wie die absichtliche Verfremdung von Menschen, die von Stahl und Ruß lebten und aus tierischen Teilen bestanden.
Obwohl sie Kurzschwerter trugen, zogen sie diese nicht. Die Schwestern flößten ihnen offensichtlich keinerlei Angst ein.
»Kaiser Jagang ...« Schwester Ulicia versagte vor Schreck die Stimme.
Kaiser Jagang!
Der Schock, den diese beiden Wörter auslösten, fuhr Kahlan bis in die Tiefen ihrer Seele.
Irgendetwas an ihrer Vorstellung von diesem Mann, die sich gebildet hatte, indem sie seine Armee aus der Ferne und einige der Orte, wo sie gewütet hatte, aus der Nähe sah, ließ Kahlan ihn mehr fürchten als die Schwestern. Im Gegensatz zu ihnen fügte seine Männlichkeit der Bedrohlichkeit, die er verkörperte, eine fremdartige Dimension hinzu.
Soweit sie sich erinnern konnte, hatten sie alles getan, um sich von Jagang fernzuhalten, und nun saß er hier genau vor ihnen. Er wirkte gelassen, wie ein Mann, der alles in der Hand hatte. Sorgen schienen ihn nicht zu bedrücken. Nicht einmal die Schwestern der Finsternis beunruhigten ihn.
Diese Begegnung fand nicht zufällig statt, daran zweifelte Kahlan nicht. Man hatte sie herbeigeführt.
Ein Großteil der Angst vor Jagang rührte von den Gesprächen der Schwestern her, die Kahlan mit angehört hatte. Sie waren diesem Mann so gut wie nur eben möglich ausgewichen. Doch gab es da noch etwas, das viel tiefer reichte, einen düsteren Schrecken, der in ihrer Seele wurzelte, fast wie eine Erinnerung, die sie nicht greifen konnte und die sich nur als dunkler Schatten offenbarte. Kahlan warf einen verstohlenen Blick auf die Schwestern, die wie erstarrt dastanden. Ihre Gesichter waren aschfahl geworden. Schwester Ulicia trug ihr blaues Kleid, das sie für das Wiedersehen mit Tovi angelegt hatte. Der Stoff war nun staubig, nicht nur vom Aufstieg zu diesem Plateau, sondern auch vom Abstieg in sein Innerstes. Schwester Armina trug ein Kleid mit weißen Rüschen an den Ärmeln und am tiefen Halsausschnitt. Unter diesen Umständen, in einer staubigen Gruft und vor diesen boshaften Untieren, wirkten die Rüschen fast lächerlich. Schwester Cecilia, die älter und sonst außerordentlich beherrscht war, sah mit ihrem grauen Lockenhaar so aus, als würde sie im nächsten Moment das Reich des Wahnsinns betreten.
Jagang beobachtete die drei Schwestern aus seinen trüben Augen. Er genoss den Moment, erfreute sich an ihrem Entsetzen. Falls sie imstande gewesen wären, in dieser Situation etwas zu unternehmen, hätten sie es längst getan.
Schwester Armina fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
»Exzellenz«, brachte sie gezwungen hervor. Erbärmlich, dachte Kahlan angesichts dieses Versuchs, respektvoll zu grüßen, denn es klang nach Panik und nicht nach Achtung.
»Exzellenz«, fiel Schwester Cecilia ein, kaum fester. Kahlan hatte die Schwestern bei raren Gelegenheiten vorsichtig erlebt, manchmal sogar wachsam, aber nie ängstlich. Dermaßen eingeschüchtert hätte sie sich die drei niemals vorstellen können. Stets wirkten sie, als hätten sie alles in der Hand. Und nun war diese gewohnte Überheblichkeit wie weggeblasen!
Alle drei Schwestern verneigten sich tief, mit ruckartigen Bewegungen wie Marionetten.
Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatten, schluckte Schwester Ulicia verängstigt. Doch ihre Neugier und das unerträgliche Schweigen brachten sie dazu, das Wort zu ergreifen.
»Exzellenz, wieso seid Ihr hier?«
Der sanfte, unschuldig weibliche Ton ließ Jagangs boshaftes Starren in ein Grinsen übergehen.
»Ulicia, Ulicia, Ulicia ...« Er seufzte tief. »Deine Dummheit hat wirklich monströse Ausmaße.«
Alle drei Frauen gingen auf ein Knie, als wären sie von einer unsichtbaren Faust getroffen. Ihren Kehlen entrang sich leises Wimmern.
»Bitte, Exzellenz, wir wollten nicht...«
»Ich weiß genau, was ihr wolltet. Ich weiß alles, was sich in euren Köpfen befindet, bis zur letzten schmutzigen Einzelheit.«
So erschüttert hatte Kahlan Ulicia nie zuvor gesehen. »Exzellenz ... ich verstehe nicht...«
»Natürlich nicht«, sagte er. »Deshalb kniet ihr jetzt vor mir und nicht ich vor euch, wie es euch lieber wäre, nicht wahr, Armina?«
Als sein Blick auf Schwester Armina fiel, stieß sie einen unterdrückten Schrei aus. Blut troff aus ihren Ohren und rann über das schneeweiße Fleisch ihres Halses. Abgesehen von dem leichten Zittern rührte sie sich nicht.
Jillian klammerte sich an Kahlan. Sie zog die Kleine fester an sich heran und versuchte, sie zu trösten, obwohl das im Angesicht eines solchen Mannes eine aussichtslose Aufgabe war.
»Ihr habt also Tovi?«, fragte Schwester Ulicia, die mit der Wendung, welche die Ereignisse genommen hatten, noch immer nicht zurechtkam.
»Tovi!« Jagang lachte barsch. »Tovi! Tovi ist schon lange, lange tot.«
Schwester Ulicia starrte ihn entsetzt an. »Sie ist tot?«
Er machte eine wegwerfende Geste. »Wurde von einem höchst untreuen und verräterischen Freund ins Leben nach dem Tode geschickt. Mir scheint, der Hüter der Unterwelt dürfte höchst verärgert über Tovis Scheitern sein. Ihr habt die ganze Ewigkeit, um seine Wut zu erforschen.« Das Grinsen kehrte zurück, während er die Frauen anblickte. »Aber erst, nachdem ich in diesem Leben mit euch fertig bin.«
Schwester Ulicia neigte den Kopf. »Gewiss, Exzellenz.«
Kahlan bemerkte, dass Schwester Armina sich eingenässt hatte. Schwester Cecilia erweckte den Eindruck, sie würde im nächsten Moment in Tränen ausbrechen - oder zu schreien beginnen.
»Exzellenz«, wagte sich Schwester Ulicia vor, »wie könnt Ihr ... ich meine, bei unseren Banden.«
»Eure Bande!« Jagang brüllte abermals vor Lachen und schlug auf den Tisch. »Ach, eure Bande zu Lord Rahl. Eure anrührende Treue zum Lord Rahl, die euch vor meinen Fähigkeiten als Traumwandler ›schützt‹.«
Kahlan verlor den Mut, als sie hörte, dass die Schwestern in einem Bündnis mit dem Lord Rahl standen. Aus irgendeinem Grunde hatte sie mehr von diesem Unbekannten gehalten. Ihren Irrtum einzusehen war schmerzlich.
»›Wir sind es doch nicht, die Lord Rahl angreifen‹«, sagte nun Jagang mit Fistelstimme und rang die Hände, während er höhnisch Ulicia nachahmte. »›Jagang hat es auf ihn abgesehen und will ihn vernichten, nicht wir. Wir werden einst über die Macht der Ordnung gebieten, und dann gewähren wir Richard Rahl, was nur in unserer Macht zu gewähren steht. Das reicht, um unsere Bande zu erhalten und uns vor dem Traumwandler zu schützen.‹«
Das weibische Nachahmen war zu Ende. »Eure Treue und Ergebenheit zu Lord Rahl sind wahrlich ergreifend.«
Dann krachte seine Faust auf den Tisch. Sein Gesicht schwoll vor Zorn rot an. »Glaubt ihr dummen Weiber tatsächlich, diese Bande zu Lord Rahl könnten euch vor Schaden bewahren?«
Kahlan erinnerte sich an ein Gespräch der Schwestern, die sich über das Gleiche unterhalten hatten, und schon damals hatte sie nichts verstanden. Warum sollte Richard Rahl irgendetwas mit diesen bösartigen Frauen zu schaffen haben und sogar einen Pakt mit ihnen eingehen? Konnte das ernsthaft stimmen? War er möglicherweise keinen Deut besser als sie?
Eines ergab jedoch gar keinen Sinn. Wenn sie sich ihm verschworen hatten, warum stahlen sie dann die Kästchen aus seinem Palast?
»Aber die Magie der Bande ...« Schwester Ulicia versagte nach und nach die Stimme.
Jagang erhob sich. Den Schwestern stockte der Atem, und ihr Zittern wurde heftiger. Kahlan glaubte, wenn sie gekonnt hätten, wären sie wenigstens noch einen Schritt und vermutlich viel weiter zurückgewichen.