»Aber Ihr braucht ihn nicht«, hakte sie nach. »Ihr hättet ihn erledigen können.«
»Ach, Menschen zu töten ist gewiss als Strafe sehr nützlich, doch ist oft das vorteilhafter, was man mit ihnen anfangen kann, solange sie leben. Zum Beispiel ihr drei. Der Tod stellt für euch keine große Strafe dar, vielmehr bekommt ihr die Belohnung im Leben danach, sofern ihr dem Schöpfer in diesem gute Dienste geleistet habt. Ihr drei werdet das Licht des Schöpfers jedoch nicht erblicken. Welchen Nutzen bringt mir das ein? Solange ihr jedoch noch lebt, kann ich euch leiden lassen.« Er beugte sich vor. »Stimmt ihr dem zu?«
»Ja, Exzellenz«, brachte Schwester Ulicia unter Mühen hervor, während ihr erste Blutstropfen aus den Ohren rannen.
»Eure Pläne haben mir zum Teil gefallen«, sagte er und richtete sich auf. »Sie dienten meinen eigenen Zwecken - zum Beispiel die Sache mit den Kästchen der Ordnung. Warum sollte ich Richard Rahl töten; ich kann doch viel mehr tun, als ihn einfach nur umzubringen. Ich will ihn lebendig, damit er unvorstellbare Qualen erleidet. Als ich ihn an jenem Tag in seinem Lager leben ließ, so wie auch ihr, als ihr den Feuerkettenbann beschworen habt, wusste ich, dass ich die Gelegenheit bekommen würde, ihm alles zu nehmen. Da ich in euren Gedanken war, war ich vor dem Feuerkettenbann ebenso geschützt wie ihr.
Nun, mit all dem, was ihr mir geliefert habt, kann ich Richard Rahl seine Macht nehmen, sein Land, sein Volk, seine Freunde, seine Anverwandten. Im Namen der Glaubensgemeinschaft der Ordnung nehme ich ihm alles.«
Jagang ballte die Hand zur Faust und biss die Zähne zusammen.
»Weil er sich unserer rechtmäßigen Sache widersetzt hat, beabsichtige ich ihn bis auf den Grund seiner Seele zu zermalmen, und dann, wenn ich alles aus ihm herausgewrungen habe, bereite ich ihm jede Art von Schmerzen, die es auf dieser Welt gibt. Ich werde die Flamme seiner Seele zum Erlöschen bringen. Und ihr habt mich dazu in die Lage versetzt.«
Schwester Ulicia nickte unter Tränen und erkannte, dass alles für sie verloren war. Sie schien sich ihrem neuen Herrn zu unterwerfen.
»Exzellenz, wir können nichts ohne das Buch vollbringen, dessentwegen wir gekommen sind.«
Jagang nahm ein Buch vom Tisch und hielt es in die Höhe. »Das Buch der gezählten Schatten. Deswegen seid ihr hier. Ich habe mich ein wenig danach umgesehen, während ich auf euch gewartet habe.«
Er ließ das Buch auf den Tisch knallen. »Außerordentlich selten. Dieses Exemplar gehört zu den wenigen Abschriften, die eigentlich niemals angefertigt werden sollten, und deshalb wurde es hier versteckt. Natürlich war ich in euren Gedanken dabei, als ihr dies erfahren habt.
Ihr habt sogar das Mittel mitgebracht, um seine Echtheit zu bestätigen.« Sein verstörender Blick suchte Kahlan. »Und ihr habt ihr einen Halsring um den Hals gelegt, durch den ich Einfluss auf sie nehmen kann.« Er lächelte Schwester Ulicia herablassend an.
»Versteht ihr, durch euch kann ich jede Bewegung von ihr kontrollieren - genauso leicht wie ihr.«
Kahlans Hoffnung auf eine Gelegenheit zur Flucht löste sich in nichts auf. Wenn die Schwestern schon grausame Herrinnen waren, so stellte dieser Mann etwas noch Schlimmeres dar. Obwohl Kahlan seine Absichten noch nicht kannte, gab sie sich keinen Illusionen hin.
Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf. Aus einem bestimmten Grund war sie für die Schwestern und nun auch für Jagang von großem Wert. Wie konnte sie das Mittel sein, um die Echtheit eines alten Buches zu verifizieren, das seit Tausenden von Jahren in einem Versteck gelegen hatte? Stets hatte man ihr gesagt, sie sei ein Niemand, eine Sklavin, nicht mehr. Die Schwestern hatten sie belogen, dämmerte ihr. Sie hatten ihr das nur eingeredet. Stattdessen war sie ausgesprochen wichtig für sie alle.
Jagang deutete auf die arme Julian. »Außer dem Ring habe ich ein weiteres Mittel, um Kahlan davon zu überzeugen, zu tun, was man ihr sagt. Sag mir, Kleines, hast du schon einmal bei einem Mann gelegen?«
Julian drängte sich an Kahlan. »Ihr habt versprochen, meinen Großvater freizulassen. Wenn ich tue, was Ihr verlangt, und die Schwestern herführe, würdet Ihr ihn und die anderen entlassen. Das habe ich getan.«
»Ja. Und sogar sehr überzeugend. Ich war die ganze Zeit dabei und habe mir deine Vorstellung angeschaut. Du hast jede meiner Anweisungen befolgt.« Seine Stimme wurde so bedrohlich wie sein Blick. »Jetzt beantworte meine Frage, oder dein Großvater und die anderen werden bis morgen Futter für die Aasfresser sein. Hast du schon einmal bei einem Mann gelegen?«
»Ich weiß nicht genau, was Ihr meint«, antwortete sie schüchtern.
»Verstehe. Also, wenn Kahlan nicht alles tut, was ich ihr sage, werde ich dich meinen Soldaten zum Vergnügen überlassen. Von jungen Dingern, die bisher nicht wissen, was sie für ein Verlangen haben, können sie gar nicht genug bekommen.«
Julians Finger krallten sich in Kahlans Hemd. Sie drängte ihr Gesicht an Kahlans Arm und unterdrückte ein Schluchzen. Kahlan legte ihr die Hand auf die Schulter und versuchte sie zu trösten, versuchte ihr die Gewissheit zu geben, dass ihr nichts Böses widerfahren würde, solange sie sich irgendwie dagegen wehren konnte.
»Ihr habt mich«, sagte Kahlan. »Lasst sie in Ruhe.«
»Tovi hat das dritte Kästchen«, warf Schwester Ulicia ein. Sie wollte Zeit schinden, erkannte Kahlan, und sich bei Jagang einschmeicheln. Der starrte sie an. »Es wurde ihr gestohlen.«
»Gestohlen? Also ... ich kann Euch helfen, es zu finden.«
Jagang lehnte sich an den Tisch und verschränkte die kräftigen Arme. »Ulicia, wann wirst du endlich begreifen, dass ich nicht nur vor dir stehe, sondern auch in deinen Gedanken bin? Ich weiß alles, was du denkst. Trotzdem heckst du wieder deine Pläne aus. Sie sind recht originell. Und was du für grandiose Pläne entworfen hast«, sagte er mit einem zufriedenen Seufzer und trat auf sie zu. »Du hast sie weiter vorangetrieben, als ich dir je zugetraut hätte.«
In seiner Stimme schwang ein Unterton mit, bei dem es Kahlan kalt den Rücken hinunterlief. »Und nun schau, was mir meine Geduld am Ende eingebracht hat«, fuhr er fort, wandte sich an Kahlan und starrte sie aus trüben schwarzen Augen an. »Möchtest du wissen, warum ich euch frei herumziehen ließ, wie ihr es wolltet? Hier ist die Antwort. Indem ich euch gewähren ließ, Ulicia, habe ich die größte Beute eingefahren.«
Jetzt wusste Kahlan, dass sie richtig lag. Aus irgendeinem Grund war sie von Wert. Wenn sie nur gewusst hätte, weshalb. Und wer sie wirklich war.
Sie konnte nichts tun, außer Jagang zuzuschauen, wie er näher kam. Flucht war ausgeschlossen. Falls sie daran gedacht hätte. Allerdings spürte sie einen Schmerz, der ihr den Rücken hinunterschoss, in den Beinen brannte und jeden Schritt unmöglich machte. Der Halsring verursachte diese schmerzvolle Lähmung, das wusste sie, weil die Schwestern das Gleiche schon vorher bei ihr angewendet hatten. Er wusste es natürlich ebenfalls, denn er war in ihren Gedanken gewesen und hatte alles gesehen. An seiner erbarmungslosen Miene konnte sie ablesen, dass er diesmal für den Schmerz verantwortlich war.
Jagang streckte die Hand aus und strich mit den dicken Fingern durch Kahlans Haar. Sie wollte diese Berührung nicht, konnte sie jedoch nicht verhindern. Er schien alle anderen Anwesenden im Raum zu vergessen und schaute nur sie an.
»Ja, Ulicia, ihr habt mir die größte Beute eingebracht. Ihr habt Kahlan Amnell zu mir geführt.«
Amnell. Nun kannte sie ihren Familiennamen. Sie hatte ein kurzes Zögern nach ihrem Namen gespürt, so als hätte man eigentlich einen Titel hinzufügen müssen.
Jagang beugte sich vor und setzte ein abscheuliches Lächeln auf, über dessen Bedeutung sie nicht nachdenken mochte. Kahlan wich aus eigenem Willen nicht zurück, obwohl sie eigentlich keine andere Wahl hatte. Jagang drängte seinen starken muskelbepackten Körper gegen sie. Es fühlte sich an, als würde sich ein Stier bei ihr anlehnen. Mit einem Finger zog der Mann das Haar vom Hals zurück. Er legte den Mund an ihr Ohr, und seine Stoppeln kratzten über ihre Wange.