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»Aber Kahlan weiß nicht, wer sie ist, weiß nicht einmal, warum sie eine so große Beute ist.«

Zum ersten Mal wünschte sich Kahlan, unsichtbar zu sein, damit dieser Mann sie nicht sehen konnte, so wie alle außer den Schwestern und Julian. Sie wollte nicht, dass dieser Mann sie erkannte. Seine Nähe war ihr unerträglich.

»Du machst dir nicht die geringste Vorstellung davon«, flüsterte er ihr eindringlich ins Ohr, mit einer Stimme, die sie mit Entsetzen erfüllte, »wie ungemein unangenehm dies für dich werden wird. Du bist meine Geduld wert, du warst all das wert, was ich mir von Ulicia bieten lassen musste. Wir werden uns näher kommen, du und ich, sehr nahe. Wenn du glaubst, ich beabsichtige, mir das Schlimmste für Lord Rahl aufzuheben, dann hast du noch keine Ahnung, was ich mit dir vorhabe, meine Süße.«

Nie zuvor hatte sich Kahlan so allein gefühlt, so hilflos. Gegen ihren Willen rann eine Träne über ihre Wange, doch das Schluchzen konnte sie zurückhalten.

38

Nachdem sich Jagang von Kahlan abgewendet hatte und sie nicht länger anblickte, gestattete sich Kahlan immerhin zu schlucken. Es erfüllte sie mit stiller Erleichterung, dass er sie nicht mehr mit den Händen anfasste, selbst wenn es sich nur um das Haar gehandelt hatte. Hilflos zitterte sie voller Furcht, weil er ihr so nah gekommen war. Seinen viel sagenden Blick hatte sie sehr wohl verstanden. Er konnte ihr antun, was immer er wollte, sie befand sich vollständig in seiner Gewalt.

Nein. Noch befand sich Luft in ihren Lungen. Sie durfte sich solcher Verzweiflung nicht hingeben. Sie durfte sich nicht als hilflos betrachten.

Nachdenken musste sie, anstatt sich von Panik verzehren zu lassen. Panik brachte sie nicht voran. Vielleicht stellte es sich als wahr heraus, dass sie keine Kontrolle über ihr Leben besaß, doch wäre sie seinem Willen ausgeliefert, wenn sie sich blindlings von ihrer Panik lenken ließ. Genau das wollte er von ihr.

Auf der anderen Seite des Raums, an dem schweren Tisch, zog Jagang das Buch zu sich heran. Er schlug den Einbanddeckel auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und betrachtete schweigend die Seite. Die runden Schultern und der muskulöse Nacken erinnerten eher an einen Stier als an einen Menschen. Die Kleidung, die er trug, diente ebenfalls dazu, den Eindruck seiner nicht menschlichen Erscheinung zu verstärken. Er und seine Männer gaben sich offenbar alle Mühe, die Hülle aus edelsten Menschheitsidealen abzustreifen und sich dafür den Anschein animalischer Niedertracht zu geben. Der Hang zu dieser untergeordneten Existenzform enthüllte eine grundlegende Dimension ihrer Gefährlichkeit: Sie strebten nicht danach, Menschen zu sein, sondern etwas Niederes.

Hinter ihr, nahe der Tür, standen die zwei riesigen Kerle schweigend Wache, die Beine leicht gegrätscht und die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Kahlan legte Julian die Hand auf die Schulter, als das Mädchen sie wegen dieser Männer ängstlich anschaute, die ihr von Zeit zu Zeit finstere Blicke zuwarfen.

Die beiden Wachen sahen Kahlan nicht. Zumindest ging sie davon aus. Sie hatte die beiden beobachtet, doch außer Julian schielten sie nur gelegentlich zu den Schwestern, wenn auch ohne viel Interesse. Sobald sich Jagang an Kahlan wandte, wirkten sie ein wenig verwirrt. Sie sagten nichts, aber Kahlan wusste schon, für sie musste es den Eindruck machen, ihr Anführer spreche mit sich selbst. Wie alle anderen außer Julian, den Schwestern und Jagang, Letzterer durch seine Verbindung zu den Schwestern, hatten die Wachen Kahlan bereits wieder vergessen, ehe die zwei sie richtig wahrgenommen hatten. Am liebsten wäre sie auch für Jagang so unsichtbar gewesen.

»Wie steht es mit Eurer Armee, Exzellenz?«, fragte Schwester Ulicia, die offensichtlich weiterhin versuchte, Zeit zu gewinnen, indem sie ihn in ein Gespräch verwickelte. Auch sie musste sich anstrengen, nicht der Panik zu verfallen.

Jagang blickte über die Schulter und grinste verschlagen. »Sie ist nah.«

Verwundert blinzelte Schwester Ulicia. »Nahe?«

Er nickte und grinste weiter. »Gleich hinterm Horizont im Norden, oben in D’Hara.«

»Im Norden - in D’Hara?!«, platzte es aus Schwester Armina heraus.

»Aber das ist nicht möglich, Exzellenz.«

Er zog eine Augenbraue hoch und genoss unverkennbar ihre Überraschung.

»Man muss Euch falsche Berichte über ihren Standort überbracht haben«, fuhr Schwester Armina fort und klang, als wolle sie sich beim Kaiser lieb Kind machen. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich meine nur, Exzellenz, wir, also, wir haben sie längst passiert. Sie sind noch in den Midlands auf dem Weg nach Süden und versuchen die dazwischen liegenden Berge zu umgehen. Sie können noch nicht...«

Ihre zitternden Worte erstarben, als habe Jagangs Blick sie allen Mutes beraubt, sogar des Mutes zu sprechen, bis von ihr nur eine leere Hülle des Entsetzens blieb.

»O doch, gerade sind sie um die Berge hier unten gekommen und nach Norden in Richtung D’Hara abgeschwenkt«, erwiderte Jagang.

»Seht ihr, ich habe euer Denken so beeinflusst, dass ihr dorthin gegangen seid, wo ich euch haben wollte und wann. Es war meine Absicht, euch in Sicherheit zu wiegen und in dem Glauben zu lassen, ihr würdet wissen, wo ich sei. Ihr habt mein Wispern nicht einmal gehört, doch genau dieses Wispern hat euch unbemerkt geführt.«

»Aber wir haben Eure Soldaten gesehen«, wandte Schwester Cecilia ein. »Wir haben sie gesehen und sie umschlichen. Danach haben wir sie weit hinter uns zurückgelassen.«

»Ihr habt nur gesehen, was ich euch vorgespiegelt habe«, entgegnete Jagang und tat ihre Bemerkung mit einer Handbewegung ab. »Ihr habt gedacht, ihr würdet den Weg einschlagen, den ihr gehen wollt, stattdessen wart ihr dorthin unterwegs, wohin ich euch führte - zu mir und meiner Hauptarmee.

Ich habe euch ein paar Abteilungen meiner Nachhut vorbeigeschickt, dann an einigen Einheiten, die nach Süden in die anderen Gebiete der Midlands zogen. Damit habe ich euch glauben lassen, was ihr glauben solltet: Ihr solltet euch sicher fühlen, während meine Armee nach meinen Plänen vorrückte.

Unsere Soldaten sind sehr viel schneller marschiert, als ihr dachtet. Ich möchte diesen Krieg beenden, und dieses Ziel scheint mir in greifbare Nähe gerückt zu sein, daher habe ich meine Taktik dementsprechend angepasst. Für gewöhnlich lasse ich meine Armee nicht in solchen Gewaltmärschen voranziehen, denn das kostet doch nur eine Menge Männer, zermürbt die Truppe und bringt nichts ein, doch nun ist das Ziel in Sicht gekommen, und das rechtfertigt die Verluste. Außerdem dienen sie dem Orden und nicht der Orden ihnen.«

»Ich verstehe«, antwortete Armina kleinlaut. Die neuen Einzelheiten über die Täuschung und ihre Misere entmutigten sie nur noch mehr.

»So, es gibt Arbeit zu erledigen.«

Die drei Schwestern sprangen vor, als hätte man an unsichtbaren Leinen um ihre Hälse gezerrt. »Ja, Exzellenz«, sagten sie wie aus einem Mund. Offensichtlich hatte Jagang einen stillen Befehl geknurrt, den nur sie hören konnten, vermutlich, um sie daran zu erinnern, dass er bei ihnen war, in ihrem Kopf.

Kahlan fiel ein, dass er sie selbst zwar über den Ring um ihren Hals kontrollieren konnte, nämlich über die Gedanken der Schwestern, aber offensichtlich nicht ohne diesen Umweg. Da er gegen sie lediglich schwachen Hass empfand, wollte er sie wohl lieber durch Angst lähmen und sie auf diese Weise vom Denken abhalten - in Ergänzung zu dem Halsring und den Schwestern. Immerhin wäre er, solange er sich in den Gedanken der Schwestern aufhielt, nicht in ihren.

Natürlich konnte sie das nicht mit Bestimmtheit sagen. Schließlich hatten sich die Schwestern zu der gleichen Annahme verleiten lassen - dass der Traumwandler eben ihre Gedanken nicht überwachte. Und wiewohl sie die Möglichkeit nicht ausschließen konnte, glaubte sie einfach nicht, dass er sich gleichzeitig in ihrem Kopf befand. Nicht zuletzt deswegen, weil er sie ganz anders behandelte als die drei. Sie waren treulose Gefangene, Kahlan hingegen eine Kriegsbeute. Er hatte sie aus einem bestimmten Grund getäuscht. Im Wesentlichen wollte er sie aushorchen. Sie hatten Pläne ausgeheckt, und die wollte er heimlich ausspionieren und zu seinem eigenen Vorteil nutzen. Kahlan hatte, soweit er wusste, nichts anderes im Sinn, als den Schwestern zu entfliehen. Darüber hinaus hatte sie keine Pläne. Sie erinnerte sich nicht einmal mehr, wer sie eigentlich war. Dementsprechend gab es in ihren Gedanken für Jagang wenig zu belauschen. Es war zwar nicht zu übersehen, dass sie nicht seine Gefangene sein und ihr eigenes Leben zurückhaben wollte. Darüber hinaus aber lohnte es sich nicht, Kahlan auszuspionieren, zumindest noch nicht, nicht, ehe sie zu denken begann, anstatt blinder Panik zu verfallen.