Nur wenn er tatsächlich nicht in ihre Gedanken eindrang, aus welchem Grunde nicht? Er war ein Traumwandler, ein Mann mit solcher Macht, dass die Schwestern ihn hatten meiden wollen erfolglos zwar, eben genau wegen seiner Macht und seiner Fähigkeiten. Kahlan wollte er unbedingt und betrachtete sie als seine große Beute, wie er es genannt hatte. Wäre er in ihrem Kopf gewesen, hätte er sie mit der gleichen unsichtbaren Leine kontrollieren können wie die Schwestern und hätte seine Fähigkeit nicht durch die drei hindurch ausüben müssen. Er erschien Kahlan nicht wie ein Mann, der sich mit indirekter Einflussnahme zufrieden gab, solange er nicht darauf angewiesen war. Also würde er die Schwestern nicht benötigen, wenn er selbst in Kahlans Gedanken eindringen konnte.
Welchen Sinn hatte es, sich nicht in ihrem Kopf zu zeigen, wenn er es könnte? Und ausschlaggebender noch, wenn sie für ihn so wichtig war, würde er nicht direkte Kontrolle über sie ausüben wollen? Da musste etwas dahinterstecken. Sie hatte entschieden den Eindruck, dass er sich hütete, manche Dinge auszusprechen.
»Das ist es also«, sagte er zu den Schwestern. »Das Buch der gezählten Schatten. Deswegen seid ihr hergekommen. Ich möchte unverzüglich anfangen.«
»Aber Exzellenz«, erwiderte Schwester Ulicia, bestürzt über die bloße Idee, »wir haben nicht alle Kästchen. Man braucht sämtliche drei.«
»Nein, braucht man nicht. Man muss nur dieses Buch benutzen, um herauszufinden, ob eines dieser beiden dasjenige ist, welches notwendig ist. Falls das fehlende das eine wäre, das uns oder alles Existierende zerstören würde, warum sollten wir es brauchen?«
Schwester Ulicia weckte den Anschein, als habe sie sehr gute Gründe, weshalb sie es trotzdem benötigten, mochte offenbar aber nicht streiten.
»Gut«, sagte sie und suchte nach Worten. »Das könnte natürlich stimmen. Schließlich hatten wir noch keine Gelegenheit, Das Buch der gezählten Schatten zu studieren, daher sind wir uns nicht sicher. Die anderen Quellen könnten sich irren. Deshalb sind wir in der Tat hergekommen. Wir brauchten dieses Buch. Ihr könntet recht haben, Exzellenz, vielleicht ist das dritte Kästchen wirklich nicht notwendig.«
Schwester Ulicia glaubte nicht, was sie sagte, wie Kahlan nicht umhinkam zu bemerken. Jagang schien sich an ihrem Zweifel wenig zu stören.
»Und hier wartet es auf uns.« Er deutete auf das Buch. »Nachdem ihr es studiert habt, wisst ihr, welches Kästchen welches ist und welches wir brauchen. Falls diese beiden die falschen sind, taucht das dritte vielleicht wie aus heiterem Himmel auf.«
Die Schwestern zögerten, sich dieser Meinung anzuschließen, allerdings wollten sie es auch nicht auf eine Konfrontation ankommen lassen.
Immerhin räumte Schwester Ulicia nach einem Blick zu den anderen ein, wie sinnvoll dieser Vorschlag sei. »Wir haben das Buch bislang nicht zu Gesicht bekommen, daher müssen wir ... daraus lernen, so viel wir können. Ich denke, Ihr habt recht, Exzellenz. Das Buch zu studieren wäre hilfreich.«
Jagang deutete mit dem Kopf in Richtung des Buches auf dem Tisch.
»Dann fangt an.«
Die Schwestern traten näher, beugten sich über den dicken Band und betrachteten ehrfürchtig den Gegenstand, nach dem sie so lange gesucht hatten. Schweigend lasen sie, während Jagang sowohl sie als auch das Buch im Auge behielt.
»Exzellenz«, sagte Schwester Ulicia nach nur einem flüchtigen Blick, »es scheint, wir können nicht einfach so ... anfangen, wie Ihr es ausgedrückt habt.«
»Warum nicht?«
»Nun, seht hier.« Sie tippte auf die Seite. »Gleich hier zu Beginn wird angeführt, was wir zuvor durchaus berechtigt ansprachen, dass es nämlich Sicherheitsvorkehrungen gibt. Es heißt, man braucht...«
Sie blickte über die Schulter zu Kahlan und verstummte.
»Nun ja«, fuhr sie fort, »hier steht gleich zu Anfang: ›Die Überprüfung der Richtigkeit der Worte des Buches der gezählten Schatten, so sie gesprochen werden von einem anderen als jenem, der über die Kästchen gebietet, kann nur gewährleistet werden durch den Einsatz eines ...‹ Exzellenz, seht selbst, was dort steht.«
Ohne Frage vermied die Frau, das Betreffende in Kahlans Gegenwart laut auszusprechen. Jagang las ebenfalls leise.
»Ja und?«, entgegnete er. »Sie werden durch denjenigen gesprochen, der über die Kästchen gebietet. Durch euch lese ich sie. Ich gebiete jetzt über die Kästchen.«
Schwester Ulicia räusperte sich. »Exzellenz, ich will ganz ehrlich sein ...«
»Ich lese deine Gedanken. Es wäre unmöglich für dich, nicht ehrlich zu sein. Ich weiß, du zweifelst an der Durchführbarkeit meiner Idee, möchtest das aber nicht laut zum Ausdruck bringen. Wie dir klar ist, würde ich sofort merken, wenn du mich täuschen wolltest.«
»Jawohl, Exzellenz.« Sie deutete auf das Buch. »Aber versteht Ihr, es ist eine sehr technische Angelegenheit.«
»Was?«
»Die Überprüfung, Exzellenz. Bei diesem Buch handelt es sich um eine Anleitung für die Durchführung außerordentlich komplexer Handlungen. Nicht nur außerordentlich komplexer, sondern zudem gefährlicher Handlungen - für uns alle. Aus diesem Grund sollte man den Anweisungen strikt Folge leisten. Keinesfalls darf man sich über so etwas leichtfertig hinwegsetzen. Nichts darf man als gegeben voraussetzen. Der Inhalt dieses Buches ist aus gutem Grund überaus präzise. Man muss über jedes Wort nachdenken, über jeden Satz, über jede Formulierung. Jede Möglichkeit sollte bedacht werden. Unser Leben hängt von größter Umsicht ab.«
»Was ist daran so technisch? Es heißt einfach nur: ›Überprüfung, so sie gesprochen werden von einem anderen.‹ Sie werden nicht von einem anderen gesprochen, wir lesen sie einfach direkt ab.«
»Darum geht es gerade, Exzellenz. Wir lesen es eben nicht direkt ab.«
Jagang stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Was machen wir dann hier?«
Schwester Ulicia schnappte nach Luft, als drückte ihr eine unsichtbare Hand die Kehle zu. »Exzellenz, Ihr gebietet über die Kästchen. Aber Ihr lest eigentlich nicht Das Buch der gezählten Schatten.«
Er lehnte sich bedrohlich zu ihr vor. »Was lese ich stattdessen?«
»Eine Abschrift«, sagte sie.
Er zögerte. »Und?«
»Und in diesem Fall lest Ihr, rein technisch ausgedrückt, eben nicht Das Buch der gezählten Schatten. Ihr lest eine Abschrift. Im Wesentlichen lest Ihr etwas, das ein anderer gesprochen hat.«
Er runzelte die Stirn. »Und wer liest es?«
»Derjenige, der die Abschrift angefertigt hat.«
Jagang richtete sich auf, und auf seinem Gesicht drückte sich Begreifen aus. »Ja, das ist nicht das Original. In gewisser Weise höre ich es von dem, der die Abschrift angefertigt hat.« Er kratzte sich die Stoppeln. »Es muss überprüft werden.«
»Genau, Exzellenz«, antwortete Schwester Ulicia sichtlich erleichtert.
Jagang blickte über die Schulter zu Kahlan. »Komm her.«
Kahlan beeilte sich, dem Befehl Folge zu leisten; einen Kampf, der nur mit Schmerzen für sie endete, während Jagang leicht den Sieg davontragen würde, wollte sie nicht riskieren. Julian wich ihr nicht von der Seite; sie wollte wohl nicht allein bei den zwei finsteren Wachen stehen bleiben.