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Jagang packte Kahlans Hals mit seinen Pranken. Er drückte sie nach vorn und beugte sie über das Buch.

»Sieh dir das an, und sag mir, ob es echt ist.«

Nachdem er sie losgelassen hatte, spürte Kahlan noch den Griff seiner kräftigen Finger am Hals. Sie widerstand dem Drang, sich das pochende Fleisch zu reiben, und langte stattdessen nach dem Buch. Wie sollte sie die Authentizität eines Buches beurteilen, das sie nie zuvor gesehen hatte? Sie hatte keine Ahnung, wodurch sich die Echtheit bestätigen ließe. Allerdings, dessen war sie sicher, würde sich Jagang mit einer solchen Entschuldigung nicht zufrieden geben. Ihn interessierte nur die Antwort und nicht, dass sie die Antwort nicht kannte.

So entschied sie, zumindest einen Versuch zu wagen, und blätterte die Seiten durch. Dabei gab sie sich den Anschein, sich große Mühe zu geben, obwohl sie vor sich nur leere Seiten sah.

»Tut mir leid«, sagte sie schließlich. Ihr fiel nichts anderes ein, als bei der Wahrheit zu bleiben. »Die Seiten sind leer. Hier kann ich nichts auf seine Echtheit überprüfen.«

»Sie kann die Worte nicht lesen, Exzellenz«, murmelte Schwester Ulicia, als würde sie das kaum überraschen. »Es ist ein Buch der Magie. Um es zu lesen, sind bestimmte intakte Verbindungen spezieller Arten von Han notwendig.«

Jagang betrachtete den Halsring. »Intakt.« Misstrauisch blickte er ihr in die Augen. »Vielleicht lügt sie. Es könnte doch sein, sie will uns gar nicht sagen, was sie sieht.«

Kahlan fragte sich, ob sie damit die Bestätigung hatte, dass er nicht in ihre Gedanken eindrang, oder ob er sie aus irgendeinem Grund immer noch täuschte. Zu diesem Zeitpunkt erschien ihr eine solche Verschleierung wenig sinnvoll. Schließlich waren die Kästchen und das Buch der eigentliche Grund für die Täuschung der Schwestern gewesen. Er hatte die Heimlichkeit nur deshalb verwandt, um sie hierher zu diesem Buch zu locken.

Abrupt packte Jagang die kleine Julian am Haar. Die stieß einen schrillen Schrei aus. Offensichtlich tat er ihr weh. Sie gab ihr Bestes, sich nicht gegen ihn zu wehren, sonst hätte er ihr womöglich das Haar samt Kopfhaut ausgerissen.

»Ich werde dem Mädchen ein Auge ausstechen«, drohte Jagang.

»Dann frage ich dich erneut, ob das Buch echt ist oder nicht. Wenn ich keine Antwort erhalte, aus welchem Grund auch immer, steche ich ihr das zweite aus. Daraufhin frage ich dich ein letztes Mal, und solltest du mir die Antwort wieder verweigern, reiße ich ihr das Herz aus dem Leib. Was sagst du dazu?«

Die Schwestern standen stumm dabei, schauten zu und machten keinerlei Anstalten, sich einzumischen. Jagang zog ein Messer aus der Scheide an seinem Gürtel. Julian keuchte entsetzt, als er sie herumriss und den Arm quer über ihre Kehle legte. Sie konnte sich nicht rühren. Jagang hielt das Messer gefährlich dicht an ihr Gesicht.

»Lasst mich das Buch sehen«, sagte Kahlan in der Hoffnung, die Tragödie noch verhindern zu können.

Mit Daumen und einem freien Finger der Hand, die das Messer hielt, packte er das Buch und reichte es ihr. Kahlan blätterte es erneut durch, vergewisserte sich, ob sie nicht doch auf einer Seite etwas lesen konnte, aber da war nichts. Jede Seite war leer. Kahlan sah nichts und hatte keine Möglichkeit zu entscheiden, ob es echt war oder nicht.

Sie schlug es zu und strich über den Einband. Was sollte sie nur tun? Sie hatte keine Ahnung, worauf sie achten könnte. Nun drehte sie das Buch um und musterte die hintere Seite des Einbands und den Büttenrand. Dann wandte sie sich den Goldprägebuchstaben auf dem Rücken zu.

Julian stieß einen abgewürgten Schrei aus, da Jagang fester zupackte und sie vom Boden hob. Er setzte dem Mädchen die Messerspitze ans rechte Auge. Julian blinzelte, unfähig, sich von der Bedrohung abzuwenden, und ihre Wimpern strichen über die Klinge.

»Zeit, blind zu werden«, knurrte Jagang.

»Es ist eine Fälschung«, sagte Kahlan.

Er sah auf. »Wie?«

Kahlan hielt ihm das Buch hin. »Dieses Buch ist nicht echt. Es ist eine Fälschung.«

Schwester Ulicia trat einen Schritt vor. »Woher willst du das wissen?« Es verwirrte sie offensichtlich, dass Kahlan ein Buch zur Fälschung erklärte, ohne ein einziges Wort daraus lesen zu können. Kahlan beachtete sie nicht. Stattdessen sah sie dem Traumwandler unverwandt in die albtraumhaften Augen. Trübe Formen wallten wie Gewitterwolken über einen nächtlichen Horizont. Sie musste ihre gesamte Willenskraft aufbieten, um seinem Blick nicht auszuweichen.

»Bist du sicher?«, fragte Jagang.

»Ja«, sagte sie und legte alle Überzeugungskraft, die sie aufbringen konnte, in die Worte. »Eine Fälschung.«

Vollkommen auf Kahlan konzentriert, ließ Jagang Julian los. Das Mädchen floh hinter Kahlan und suchte Schutz.

Jagang beobachtete Kahlans Augen. »Woher weißt du, dass es nicht Das Buch der gezählten Schatten ist?«

Kahlan, die ihm das Buch immer noch entgegenhielt, drehte es, damit er den Rücken sehen konnte. »Ihr sucht nach Das Buch der gezählten Schatten. Hier steht: Das Buch des gezählten Schattens.«

Sein Starren wurde unerträglich. »Wie?«

»Ihr habt mich gefragt, wie ich es als Fälschung erkannt habe. So. Hier steht: des gezählten Schattens. Nicht: der gezählten Schatten.

Deshalb ist es eine Fälschung.«

Schwester Cecilia wischte sich das Gesicht. Schwester Armina verdrehte die Augen.

Schwester Ulicia hingegen betrachtete das Buch stirnrunzelnd und las den Rücken selbst. »Sie hat recht.«

»Ja und?« Jagang warf die Hände in die Luft. »Das Wort ›Schatten‹ steht also nur im Singular statt im Plural. Und nun?«

»Ganz einfach«, antwortete Kahlan. »Eins ist richtig, eins ist es nicht.«

»Ganz einfach?«, fragte er. »Das hältst du für einfach?«

»Wie viel einfacher soll es denn noch werden?«

»Es hat möglicherweise nichts zu bedeuten«, sagte Schwester Cecilia und beeilte sich, ihrem übel gelaunten Gebieter zur Seite zu stehen.

»Singular, Plural, welchen Unterschied macht das schon aus? Es ist nur der Einband; was drin steht, ist wichtig.«

»Es könnte nur ein Fehler sein«, sagte Jagang. »Vielleicht hat der Buchbinder ihn begangen. Das Buch wird doch vermutlich von jemand anderem gebunden worden sein, deshalb kann der Text selbst durchaus echt sein.«

»Das ist richtig«, stimmte Schwester Armina zu, die dem Kaiser nicht widersprechen wollte. »Der Buchbinder hat den Fehler gemacht, nicht der Schreiber. Höchstwahrscheinlich handelte es sich nicht um die gleiche Person. Der Buchbinder war gewiss ein dummer Kerl. Der Schreiber hingegen muss mit der Gabe gesegnet gewesen sein. Was in dem Buch steht, ist das Entscheidende. Und das muss richtig sein, nicht der Einband. Ohne Zweifel handelt es sich bloß um den törichten Irrtum eines Handwerkers, der nichts zu bedeuten hat.«

»Wir haben sie aus einem bestimmten Grund mitgebracht«, gemahnte Schwester Ulicia die beiden flüsternd. »Es ist gleichgültig, wie einfach es zu sein scheint. Das Buch selbst warnt, es vor allem anderen unter diesen Umständen durch sie auf seine Echtheit überprüfen zu lassen.«

»Die Angelegenheit ist äußerst gefährlich. Eine solche Antwort ist zu ungenau«, meinte Schwester Cecilia.

Schwester Ulicia neigte der Frau den Kopf zu. »Und wenn ein gedungener Meuchler mit dem Messer auf dich zugeht, ist die Klinge dann zu ungenau, um auf die Gefahr aufmerksam zu werden?«

Schwester Cecilia wirkte nicht belustigt. »Diese Sache ist zu komplex, um anhand einer solchen Kleinigkeit entschieden zu werden.«

»Ach?« Schwester Ulicia bedachte die andere Frau mit einem herablassenden Blick. »Und wo steht geschrieben, die Überprüfung auf Echtheit müsse komplex sein? Es heißt lediglich, sie müsse von ihr durchgeführt werden. Von uns hat den Fehler niemand bemerkt. Sie jedoch schon. Damit hat sie der Anweisung Genüge getan.«

Schwester Cecilia betrachtete die Frau, die bislang ihre Anführerin gewesen war, von oben herab. Jetzt mussten sie sich ihr nicht mehr beugen, mussten ihr nicht mehr zu Gefallen sein.