»Das hat überhaupt nichts zu bedeuten«, sagte Jagang, der Kahlan weiterhin anstarrte. Diese hielt seinem Blick stand. »Woher soll sie wissen, dass es eine Fälschung ist? Sie will doch nur ihren Hals retten.«
Kahlan zuckte die Schultern. »Wenn Ihr das glauben mögt, bitte. Oder zweifelt Ihr vielleicht nur deshalb nicht, weil Ihr glauben wollt, dass es sich um eine authentische Abschrift handelt?« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Und nicht, weil es eine ist.«
Jagang schnappte ihr das Buch aus der Hand und wandte sich wieder den Schwestern zu.
»Wir müssen uns den Inhalt genau anschauen. Das ist entscheidend, wenn man das richtige Kästchen finden und öffnen will.«
»Exzellenz«, begann Schwester Ulicia, »es gibt vielleicht keine Möglichkeit festzustellen, ob das Geschriebene ...«
Jagang warf das Buch auf den Tisch und schnitt ihr das Wort ab. »Ihr drei werdet alles genau durchgehen. Sucht nach weiteren Hinweisen, die für eine Fälschung sprechen.«
Schwester Ulicia räusperte sich. »Das können wir gern versuchen ...«
»Sofort!« Seine dröhnende Stimme hallte im Raum wider. »Oder möchtet ihr zu den Zelten und meine Männer beglücken? Welche Art Dienst ihr leistet, liegt ganz bei euch. Trefft eine Wahl.«
Die drei Schwestern eilten zum Tisch. Sie beugten sich über das Buch und begannen, aufmerksam darin zu lesen. Jagang drängte sich zwischen Ulicia und Cecilia, wollte offensichtlich überwachen, was sie lasen, und sicherstellen, dass ihnen nichts entging.
39
Nachdem sich Kahlan vergewissert hatte, dass die vier beschäftigt waren, scheuchte sie Julian still in eine der Ecken.
»Hör mir genau zu und tu exakt das, was ich dir sage«, erklärte sie mit gedämpfter Stimme, damit Jagang und die Schwestern es nicht mitbekamen.
Julian runzelte die Stirn.
»Ich muss etwas in Erfahrung bringen. Dazu gehe ich zu den beiden Wachen ...«
»Was!«
Kahlan legte ihr die Hand auf den Mund und zischte: »Still!«
Jillian schaute zu den Wächtern, weil sie befürchtete, die könnten sich ihr zuwenden. Das war jedoch nicht der Fall.
Zufrieden, dass Julian verstanden hatte, nahm Kahlan ihre Hand zurück. »Ich habe den Verdacht, diese drei Zauberinnen könnten mich mit einem Bann belegt haben. Deshalb erinnere ich mich nicht mehr daran, wer ich bin. Fast niemand außer ihnen und Jagang kann sich erinnern, mich je gesehen zu haben. Beinahe keiner. Mir ist schleierhaft, wieso du es kannst. Außerdem haben sie mir diesen Ring um den Hals gelegt, mit dem sie mir Schmerzen zufügen können.
Also, ich glaube, die Wachen können mich nicht sehen, ich muss es jedoch ganz sicher wissen. Du bleibst hier stehen. Schau nicht zu mir hin und tu nichts, was ihr Misstrauen erregen könnte.«
»Aber ...«
Kahlan legte ihr den Zeigefinger auf den Mund. »Hör mir zu. Tu, was ich sage.«
Schließlich nickte Julian.
Ohne abzuwarten, ob das Mädchen seine Meinung ändern würde und weitere Einwände erhob, vergewisserte sich Kahlan, dass Jagang und die Schwestern noch in ihre Lektüre vertieft waren. Sie bewegte sich so leise sie konnte; die Wachen mochten sie nicht wahrnehmen, aber falls Jagang oder eine der Schwestern sie hörten, war die Gelegenheit dahin.
Die beiden Wachen starrten geradeaus und beobachteten ihren Kaiser. Gelegentlich sah der eine auf Julians Seite zu dem Mädchen. Kahlan konnte ihm vom Gesicht ablesen, was er dachte: Er hoffte, Jagang würde sie ihm überlassen. Kahlan stellte sich vor, dass solche Belohnungen zu den Vorzügen gehörten, die man erwarb, wenn man sich die Vertrauensstellung als persönliche Leibwache des Kaisers erarbeitet hatte. Julian hatte keine Ahnung, welches Schicksal ihr da blühte. Kahlan musste der Unausweichlichkeit, mit der sich die Ereignisse entwickelten, eine andere Richtung geben. Sie bemühte sich, den Wachen nicht die Sicht auf die vier Leute am Tisch zu versperren. Obwohl sich die beiden Männer nicht lange genug an sie erinnern konnten, um sie wahrzunehmen, wollte sie nicht herausfinden, was geschähe, wenn sie ihren Herrn und Meister nicht mehr sehen konnten. Die zwei waren argwöhnische Kerle, die gewiss mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten ausgestattet waren, und es ließ sich nicht sagen, wie leicht sie sich von kleinstem Ärger aufscheuchen ließen. Kahlan beabsichtigte allerdings, großen Ärger zu veranstalten - jedoch erst, wenn sie dazu bereit war. Nun, da sie genau vor dem einen stand, fiel ihr auf, dass sie ihm nur bis zur Schulter reichte und ihm gar nicht die Sicht versperren konnte. Vorsichtig berührte sie den Metallstab, den der Kerl durch die Nase trug. Der Mann verzog das Gesicht und kratzte sich beiläufig, packte jedoch nicht ihre Hand.
Zufrieden damit zog Kahlan eines der Messer aus dem Ledergurt über der Brust. Als die Klinge langsam zum Vorschein kam, bewegte sie die Waffe sehr gleichmäßig, ohne Druck auf Scheide oder Riemen auszuüben. Die Wache bemerkte nichts, selbst als Kahlan die Waffe ganz herausgezogen hatte.
Eine Waffe in der Hand zu halten, das fühlte sich ungemein gut an. Es erinnerte sie an das Wirtshaus zum Weißen Ross, wo die Schwestern die Wirtsleute ermordet hatten. Da hatte sie sich ein schweres Hackmesser gegriffen, um sie daran zu hindern, der Tochter ein Leid zuzufügen.
Und eine noch tiefere Befriedigung erfüllte sie, denn eine Waffe stellte ein Mittel dar, das eigene Leben zu kontrollieren und sich zu schützen. Eine Waffe bedeutete Unabhängigkeit von der Gnade böser Menschen, die kein Gesetz achteten, bedeutete, nicht länger Stärkeren, die mit ihrer Macht Schwächere drangsalierten, hilflos ausgesetzt zu sein.
Kahlan ließ das Messer in ihrer Hand kreisen, jonglierte es durch die Finger und schaute den Reflexen des Fackelscheins zu. Sie packte den Griff und betrachtete kurz die gut geschliffene blitzblanke Klinge.
Die Waffe bedeutete Erlösung. Wenn schon nicht für sie, dann wenigstens für Julian.
Kahlan riss sich aus diesen Gedanken los und schob das Messer rasch in ihren Stiefel. Sie warf einen Blick auf Julian, die sich still verhielt. Allerdings machte sie große Augen. Kahlan wandte sich erneut ihrer Aufgabe zu und zog vorsichtig ein zweites Messer aus einer Scheide am Brustgurt. Diese Klinge war ein wenig dünner und besser ausbalanciert. Wie schon die erste, so schob sie auch diese Waffe in ihren Stiefel und achtete sorgsam darauf, dass sie hinter ihren Knöchel zu sitzen kam. Dann stieß sie die Spitze in den Absatz. In dieser behelfsmäßigen Scheide konnte sich das Messer nicht bewegen und beim Gehen keine Verletzungen verursachen. So leise wie nur möglich schlich Kahlan rasch zu der verängstigten Julian zurück. Die Schwestern und ihr Gebieter hatten sich in eine angeregte Auseinandersetzung über den Belang der Stellung von Gestirnen, des Wetters und der Jahreszeiten für die Bildung und Konzentration der Kraft verstrickt, die man für bestimmte Bannsprüche brauchte. Die Schwestern erklärten die Bedeutung mancher Abschnitte. Jagang dagegen stellte ständig Fragen und bezweifelte andauernd ihre Annahmen.
Kahlan verwunderte es, wie bewandert der Mann war. Nicht selten äußerten die Schwestern, dass er über einige Themen, die mit den Kästchen der Ordnung zusammenhingen, besser Bescheid wusste als sie. Jagang wirkte kaum wie jemand, der aus Büchern gewonnenes Wissen schätzte, aber da hatte sich Kahlan wohl geirrt. Während sie das meiste, worüber sich die vier unterhielten, nicht verstand, war Jagang offensichtlich höchst belesen und konnte sich gescheit mit ihnen unterhalten - insbesondere über jene Themen, die den Frauen zufolge nur in seltenen Büchern nachgelesen werden konnten. Er war nicht nur ein Untier. Er war viel schlimmer. Er war ein kluges Untier.
»Gut«, flüsterte Kahlan. »Hör mir genau zu. Wir haben nicht viel Zeit.«
Julian hatte die Augen immer noch aufgerissen. »Wie hast du das gemacht?«
»Ich hatte recht, sie können mich nicht sehen.«
»Dieses Messer so zu wirbeln, meine ich.«