Kahlan zuckte die Schultern, überging die Frage, die sie nicht beantworten konnte, und wandte sich wichtigeren Angelegenheiten zu. »Pass auf, ich muss dich hier hinausschaffen. Das ist vielleicht unsere einzige Möglichkeit.«
Julian entsetzte dieser Gedanke. »Aber wenn ich fliehe, wird er meinen Großvater umbringen und die anderen wahrscheinlich auch. Ich kann nicht fort.«
»Genau dadurch übt er Macht über dich aus. Die Wahrheit ist jedoch: Er wird euch alle vermutlich sowieso töten. Mach dir eins klar: Dies ist vielleicht deine einzige Chance, jemals deine Freiheit zurückzuerlangen.«
»Bist du dir da sicher? Wie kann ich das Leben meines Großvaters nur wegen deiner Vermutungen aufs Spiel setzen?«
Kahlan holte tief Luft. Lieber hätte sie es nicht erklären müssen. »Ich habe keine Zeit, es hübsch zu formulieren und dich freundlich zu überreden. Daher werde ich dir die nackte Wahrheit präsentieren müssen, und zwar sofort. Also sperr die Ohren auf.
Ich weiß, wie diese Männer sind. Was sie jungen Frauen wie dir und mir antun, habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ich habe die nackten geschundenen Leiber der Toten gesehen, die die Soldaten der Imperialen Ordnung liegen ließen, nachdem sie mit den Armen fertig waren, habe die Gräben gesehen, in die sie wie Abfall hineingeworfen wurden.
Wenn du nicht fliehst, wird es dir sehr, sehr übel ergehen, im günstigsten Fall. Du wirst den Rest deines kurzen Lebens als Sklavin verbringen und den Soldaten bei ihren krankhaften Vergnügungen zu Diensten sein, wie du es dir nicht vorzustellen vermagst. Ständig wirst du zwischen Schrecken und Schluchzen pendeln. Und das ist noch die bessere Aussicht. Du lebst zwar, aber du wirst dir jeden einzelnen Augenblick den Tod wünschen. Im schlimmsten Fall bringen sie dich um, wenn Jagang weiterzieht.
Einerlei, es wäre töricht zu glauben, er werde dich gehen lassen. Gleichgültig, ob du fliehst oder bleibst, er lässt deinen Großvater und die anderen vielleicht am Leben, nur weil er sich nicht die Mühe machen will, sie zu ermorden. Jagang hat Wichtigeres im Sinn. Du selbst bist nur Beutegut ohne großen Wert für ihn. Möglicherweise überlässt er dich den beiden Wachen als Lohn für ihren Dienst. So ziehen sich Männer wie Jagang unbarmherzige Bestien heran, die ihnen treu ergeben sind - indem sie ihnen schmackhafte Brocken wie dich hinwerfen. Hast du eine Vorstellung davon, was sie mit dir anstellen werden - bevor sie dir die Kehle aufschlitzen? Ja?«
Julian schwieg einen Augenblick erschüttert. Sie schluckte, ehe sie antwortete. »Ich weiß, was Jagang meinte, vorhin, als er fragte, ob ich schon bei einem Mann gelegen habe - ich habe nur so getan, als hätte ich keine Ahnung. Ich weiß auch, was es bedeutet, wenn er mich seinen Soldaten überlässt und dass sie sich über ein junges Ding wie mich freuen würden. Ich kenne ihre Gelüste. Meine Familie hat mich davor gewarnt, wie gefährlich Fremde dieser Sorte sind. Meine Mutter hat es mir erklärt. Ich glaube, alles hat sie mir trotzdem nicht erzählt, damit ich keine Albträume bekomme. Das, was du weißt, würde mir bestimmt Albträume bereiten. Vorhin habe ich meine Dummheit nur gespielt, damit er nicht erfährt, wie viel Angst ich vor ihm habe.«
Kahlan konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Das war schlau, sehr schlau.«
Julians Lippen zitterten, und sie musste die Tränen unterdrücken, da sie nun einsah, welches Schicksal sie erwartete. »Hast du einen Plan?«
»Ja. Du hast lange Beine, trotzdem wirst du ihnen wohl nicht davonrennen können. Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit, bei der wir ausnutzen, was du weißt und sie nicht. Du hast gesagt, sobald man einmal falsch abbiegt, könne man sich in diesem Labyrinth von Gängen und Räumen verirren und nie den Rückweg finden. Mit einem kleinen Vorsprung kannst du sie also in diesen verwinkelten Tunneln abhängen. So riesig wie diese Anlage ist, werden dich vermutlich nicht einmal die Schwestern mit ihren Kräften aufstöbern, und Jagang wird sicherlich keine Zeit mit dir verschwenden.«
Sie wirkte immer noch skeptisch. »Aber ich ...«
»Julian, es ist deine einzige Chance. Ich möchte nicht, dass dir etwas Schreckliches zustößt. Das wird unweigerlich geschehen, solltest du bleiben. Ergreife also diese Chance, denn du musst fort von hier. Mehr kann ich nicht für dich tun.«
Entsetzen breitete sich auf Julians Miene aus. »Du meinst ... du kommst nicht mit?«
Kahlan presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Sie tippte an den Halsring. »Damit können sie mich an der Flucht hindern. Es ist ein magischer Gegenstand. Mich würden sie sofort finden. Aber ich glaube, vorher kann ich sie lange genug aufhalten, um ein wenig Zeit für dich zu schinden.«
»Dann werden sie dir wehtun oder dich sogar umbringen, weil du mir geholfen hast.«
»Schmerz werden sie mir so oder so zufügen - Jagang hat mir bereits das Schlimmste versprochen, das er sich nur vorzustellen vermag. Übler kann es ja nicht werden. Töten werden sie mich allerdings vorerst nicht. Sie brauchen mich noch.
Ich helfe dir zu fliehen, und damit Schluss. Mein Entschluss steht fest. Es ist meine Wahl. Es ist das Einzige, was ich tun kann, die einzige Wahl, die ich treffen kann. Wenn ich dir helfe, wird mein eigenes Leben, gleichgültig, was mit mir geschieht, einen Sinn bekommen. Zumindest habe ich mich gewehrt und diesen einen Sieg über sie davongetragen.«
Julian blickte sie an. »Du bist so tapfer wie der Lord Rahl.«
Kahlan runzelte die Stirn. »Meinst du Richard Rahl? Kennst du ihn?«
Julian nickte. »Er hat mir auch geholfen.«
Kahlan schüttelte verwundert den Kopf. »Für jemanden, der hier draußen in der Einöde lebt, hast du aber schon eine Menge wichtiger Menschen kennen gelernt. Was hat er hier gemacht?«
»Er ist von den Toten zurückgekehrt.«
Kahlan riss die Augen auf. »Wie bitte?«
»Na, nicht richtig von den Toten. Zumindest hat er mir das so gesagt. Aber er stieg aus dem Brunnen der Toten im Friedhof, genau wie es in den Erzählungen heißt. Ich bin die Priesterin der Knochen. Als solche bin ich seine Dienerin, eine Traumwirkerin. Er ist mein Herr. Es hat schon viele Priesterinnen der Knochen gegeben, doch nie hat er sie aufgesucht. Ich hatte keine Ahnung, dass er ausgerechnet zu meinen Lebzeiten zurückkehren würde.
Er kam auch wegen der Bücher. Bei der Suche danach hat er diesen Ort gefunden - ich wusste überhaupt nichts von seiner Existenz. Keiner von meinen Leuten kannte ihn. Nicht einmal mein Großvater kannte diesen Hort der Knochen.
Richard suchte nach einem Buch, mit dessen Hilfe er jemanden finden wollte, der ihm sehr wichtig ist. Das Buch hieß Feuerkette.
Nachdem er diesen Ort entdeckt und mich heruntergeholt hatte, fand ich das Buch. Er war ganz aufgeregt. Ich habe mich sehr gefreut, dass gerade ich ihm helfen konnte.
Seit ich das erste Mal mit ihm hier unten war, habe ich alles erkundet, jede Biegung und jeden Tunnel und jeden Raum. Hoffentlich kehrt Richard eines Tages zurück, wie er es versprochen hat, dann kann ich ihm das Ganze zeigen. Ich wäre so glücklich, wenn er stolz auf mich wäre.«
Kahlan sah das Verlangen in Julians Augen, diesen Mann zufrieden zu stellen und etwas Wichtiges für ihn zu erledigen, damit er ihre Bemühungen und ihre Fähigkeiten anerkannte. Kahlan brannten tausend Fragen auf der Seele, aber sie hatte keine Zeit. Einer konnte sie allerdings nicht widerstehen.
»Wie ist er denn so?«
»Meister Rahl hat mir das Leben gerettet. Ich habe noch nie einen Menschen wie ihn kennen gelernt.« Julian lächelte entrückt. »Er war, also, ich weiß nicht...« Sie fand die passenden Worte nicht.
»Ich verstehe schon«, sagte Kahlan, als sie den verträumten Blick in den kupferfarbenen Augen sah.
»Er hat mich vor diesen Soldaten gerettet, die Jagang auf die Suche nach diesen Büchern ausgeschickt hatte. Ich hatte solche Angst, dass dieser Kerl mir die Kehle durchschneiden würde, aber Richard hat ihn umgebracht. Dann hat er mich in den Armen gehalten und mich getröstet.« Sie blickte auf und riss sich aus ihren Erinnerungen. »Und meinen Großvater hat er auch gerettet. Na ja, eigentlich nicht Richard, sondern das war die Frau in seiner Begleitung.«