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»Eine Frau?«

Jillian nickte. »Nicci. Sie behauptete, eine Zauberin zu sein. Eine so wunderschöne Frau. Ich konnte den Blick überhaupt nicht von ihr losreißen. Wie eine Gütige Seele stand sie vor mir, das Haar wie Sonnenstrahlen und Augen wie der Himmel.«

Kahlan seufzte. Warum sollte ein solcher Mann keine Frau haben? Nachdem sie nun von ihr gehört und sich diese Frage einmal gestellt hatte, war es ihr unverständlich, wieso sie überhaupt je etwas anderes gedacht haben konnte.

Sie wusste nicht, weshalb, aber ihr war zumute, als habe sie gerade eine unausgesprochene Hoffnung oder auch nur eine unbegreifliche Sehnsucht nach etwas auserlesen Kostbarem verloren, das sich hinter dem schwarzen Vorhang verbarg, den man vor ihre Vergangenheit gezogen hatte.

Sie musste den Blick von Julian abwenden, sonst hätte sie wegen der aussichtslosen Lage, in der sie festsaß, die Fassung verloren. Ausweichend schaute sie über die Schulter, vorgeblich um nachzusehen, ob der Kaiser und die Schwestern noch beschäftigt waren, und wischte sich eine einsame Träne von der Wange. Die Schwestern hatten sich weiter in ihre Debatte über Einzelheiten des Buchs vertieft. Immer wieder verlangte Jagang zu wissen, wie sie sicher sein konnten, dass bestimmte Abschnitte richtig waren. Als Kahlan wieder nach vorn sah, starrte Julian sie an. »Aber sie war nicht so schön wie du.«

Kahlan lächelte. »Feingefühl gehört wohl zu den unvermeidlichen Eigenschaften einer Priesterin der Knochen.«

»Nein«, erwiderte Julian, plötzlich besorgt, dass Kahlan ihr nicht glauben wollte. »Ehrlich. Du hast so etwas an dir.«

Kahlan zog die Stirn hoch. »Was meinst du damit?«

Julians Nase kräuselte sich, während sie nach den richtigen Worten suchte. »Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Du bist sehr schön und klug und weißt immer, was du zu tun hast. Bloß ist da noch etwas. Du bist...«

Kahlan fragte sich, ob dies eine Verbindung zu der Person sein konnte, die sie wirklich war. Lange hatte sie jemanden gesucht, der sie sehen und sich an sie erinnern und ihr vielleicht einen Hinweis geben konnte.

»Wie denn?«

»Ich weiß nicht. Irgendwie edel.«

»Edel?«

Julian nickte. »Du erinnerst mich ein bisschen an Lord Rahl. Er hat mir ohne zu zögern das Leben gerettet, genauso wie du es vorhast. Aber nicht nur das. Ich kann es einfach nicht in Worte fassen. Er hatte so etwas an sich ... und bei dir ist es ebenso.«

»Gut. Zumindest habe ich dann eine Sache mit ihm gemeinsam, weil ich in Kürze auch dein Leben retten werde.«

Kahlan holte tief Luft und blickte erneut nach hinten. Die anderen stritten sich immer noch. Sie wandte sich wieder Julian zu.

»Ich glaube, jetzt ist der richtige Zeitpunkt.«

»Aber ich mache mir trotzdem Gedanken wegen meines Großvaters ...«

Kahlan blickte dem Mädchen einen Moment in die Augen.

»Hör mir zu, Julian. Du kämpfst um dein Leben. Es ist das einzige Leben, das dir jemals vergönnt sein wird. Nur weil du bleibst, werden sie keine Gnade walten lassen. Ich weiß, dein Großvater würde sich wünschen, dass du diese Chance ergreifst.«

Julian nickte. »Natürlich hast du recht. Lord Rahl hat mir fast das Gleiche über den Wert meines Lebens gesagt.«

Aus irgendeinem Grund heiterte dies Kahlan auf und brachte sie zum Lächeln. Letzteres verging ihr allerdings schnell, als sie wieder an die Aufgabe dachte, die vor ihr lag. Es war ihr unmöglich einzuschätzen, ob Jagang und die Schwestern bald fertig wären oder noch den Rest der Nacht benötigen würden, trotzdem durfte sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

»Wir müssen es jetzt durchziehen, ehe ich die Nerven verliere. Du tust exakt das, was ich sage.«

»Ja«, gab Julian zurück.

»Ich gehe folgendermaßen vor: Du bleibst hier. Ich schleiche mich zu den beiden Wachen und töte sie.«

Julian quollen die Augen über. »Was machst du?«

»Sie töten.«

»Wie denn? Du bist bloß eine Frau, und sie sind groß. Und zu zweit.«

»Es ist nicht schwierig, wenn man nur weiß, wie.«

»Schneidest du ihnen die Kehlen durch?«, riet Julian.

»Nein. Das würde zu viel Lärm machen. Außerdem würde mir das nicht bei beiden gleichzeitig gelingen. Deshalb hole ich mir noch zwei Messer von ihnen, stelle mich hinter sie und steche ihnen die Klingen ... hier hinein.«

Kahlan piekte mit dem Zeigefinger in Julians Rücken, genau in das weiche Fleisch über den Nieren. Selbst bei dem leichten Stoß stöhnte das Mädchen vor Schmerz, so empfindlich war die Stelle.

»Jemanden in die Nieren zu stechen ist so schmerzhaft, dass der Getroffene nicht mehr schreien kann.«

»Das meinst du nicht ernst. Bestimmt schreien sie.«

Kahlan schüttelte den Kopf. »Der Schmerz ist so stark, dass sich die Kehle verkrampft. Der Schrei bleibt in der Lunge stecken. Das ist unsere Chance. Ehe sie zusammenbrechen und sterbend auf dem Boden landen, sind wir schon durch die Tür hinaus. Das muss leise und gleichzeitig schnell vonstatten gehen. Vermutlich haben wir nur einen Augenblick Zeit, bis wir entdeckt werden, aber mehr brauchen wir nicht, damit du verschwinden kannst.

Du bleibst jetzt hier stehen. Sobald ich die Wachen erstochen habe, eilst du zur Tür, so schnell du kannst, jedoch ohne jeglichen Laut. Ich warte an der Tür auf dich.«

Julian keuchte vor lauter Angst. In den Augen standen ihr Tränen.

»Aber ich möchte, dass du mitkommst.«

Kahlan umarmte das Mädchen.

»Ich weiß. Doch mehr als dies kann ich nicht tun, um dich zu beschützen, Julian. Allerdings glaube ich, es wird genügen, um zu fliehen.«

Julian wischte sich die Augen. »Was werden sie dir antun?«

»Mach du dir nur Sorgen darum, wie du verschwindest. Wenn ich eine Chance zur Flucht bekomme, werde ich sie nutzen, versprochen. Sag Lokey, er soll nach mir Ausschau halten, für den Fall, dass ich es schaffe.«

»Ja, gut.«

Gewiss weckte Kahlan damit falsche Hoffnungen. Sie legte Julian die Hand auf die Schulter und blickte ein letztes Mal zu den vieren am Tisch. Das geschah gerade zum rechten Zeitpunkt. Denn in diesem Moment schaute sich Jagang nach Kahlan um. Sie stand schweigend neben Jillian, beobachtete ihn und die Schwestern bei der Arbeit, als hätte sie das die ganze Zeit getan, und schien sich geduldig in ihr Schicksal gefügt zu haben. Er wandte sich wieder dem hitzigen Wortgefecht zwischen Schwester Ulicia und Schwester Cecilia zu. Schwester Ulicia gab sich einmal mehr so stur wie ein Maultier, Schwester Cecilia versuchte hingegen, Jagang zu besänftigen, indem sie ihm ganz nach dem Mund redete. Nachdem Kahlan sicher war, dass Jagangs Aufmerksamkeit wieder vollständig den Schwestern galt, machte sie sich unverzüglich zu den Wachen auf. Der eine Mann beäugte Julian mit zunehmend unverhohlener Gier. Kahlan zog ihm ein langes Messer aus dem Waffengurt. Sofort darauf wiederholte sie das bei dem zweiten Mann.

Sodann stellte sie sich hinter die beiden, schaute rasch zu den Schwestern und Jagang, die sich weiterhin miteinander beschäftigten, und warf Julian einen Blick zu. Das Mädchen wischte sich die Hände an den Hüften ab und nickte.

Kahlan zog der Wache zu ihrer Linken ein Messer aus einer Scheide, die ihm an der Seite hing. Die Klinge nahm sie quer zwischen die Zähne.

Ohne weitere Zeit zu vergeuden, musterte sie den unteren Rücken der Wachen und suchte die Stelle, die sie treffen musste. Bei dem linken Mann wählte sie die rechte Seite, bei dem rechten die linke, weil sie so den geringsten Abstand zu überbrücken hatte und mit ganzer Kraft zustechen konnte.

Nun sah sie zwischen den beiden hin und her und vergewisserte sich, dass sie mit den Messern auf die richtigen Punkte zielte. Wenn sie nicht traf, würde das tödliche Folgen haben, allerdings nicht unbedingt für die Männer. Julian und sie selbst würden den Preis für den Fehler zahlen. Die Klingen mussten beim ersten Stich sitzen. Kahlan holte tief Luft, hielt sie kurz in der Lunge, ehe sie ausatmete und diese Kraft in den Stoß legte. Mit voller Wucht rammte sie jedem Mann ein Messer bis zum Heft in den Rücken.