Beide Wachen erstarrten im Schock.
Kahlan hatte bereits wieder Luft geholt. Diesmal presste sie den Atem so schnell sie konnte wieder heraus und nutzte ihre beträchtliche Kraft, um die Messer hin und her zu reißen - auf diese Weise würden die Klingen die Nieren der Männer regelrecht aufschlitzen.
Die zwei standen steif und verdreht da und wölbten den Rücken unter den unerträglichen Schmerzen. Ihre Augen traten hervor, ihr Mund ging auf, doch gaben sie keinen Laut von sich. Tödlich getroffen waren sie nicht fähig, einen letzten Atemzug zu tun oder einen Schrei auszustoßen.
Als Kahlan aufsah, war Julian bereits unterwegs. Kahlan drehte sich rasch um und öffnete einen der schmalen Türflügel. Sie wollte den Verfolgern nicht den Weg freimachen, indem sie beide aufzog. Das Mädchen war da. Die Knie der Männer gaben nach. Kahlan legte Julian die Hand zwischen die Schultern und schob sie durch die Tür in den Gang hinaus.
Nun nahm sie das Messer aus dem Mund. »Lauf. Bleib auf gar keinen Fall stehen.«
Julian nickte. Sie rannte davon, als wäre ihr der Hüter persönlich auf den Fersen.
Kahlan wollte sich umdrehen und die Tür schließen, doch in diesem Moment schlugen die Wachen auf den Boden.
Erschrocken fuhren vier Köpfe herum. Kahlan zog die Tür zu und rannte ebenfalls los, als hätte sich der Hüter gezeigt und wäre auch ihr auf den Fersen.
Julian war bereits ein gutes Stück vorangekommen, bis zu einer Stelle, an der mehrere Gänge in verschiedene Richtungen abzweigten. Das Mädchen hielt an und sah zu Kahlan zurück. Sie wechselten kurz einen Blick, der alles sagte, was zu sagen war, und dann verschwand Julian in einem der Gänge. Dort hinten herrschte solche Dunkelheit, dass Kahlan nicht sicher war, welchen Julian gewählt hatte.
Hinter ihr explodierte splitternd Holz, als hätte jemand die Flügeltür gesprengt. Plötzlich fiel Fackelschein in den Gang und tauchte Kahlan in Licht. Augenblicklich blieb sie stehen und drehte sich um. Sie packte das Messer an der Spitze. Im Raum sah sie Schemen auf die Tür zulaufen.
Mit aller Kraft holte sie aus und warf das Messer, obwohl noch niemand in der Tür aufgetaucht war.
Es war Schwester Cecilia, die, außer sich vor Wut, zuerst herausdrängte. Das Messer traf sie in die Brust. Kahlan hatte gehofft, Jagang würde der Erste sein, doch geglaubt hatte sie daran nicht, und deshalb hatte sie entsprechend gezielt. Die Klinge hatte Schwester Cecilia das Herz durchbohrt.
Die Schwester ging wie ein Sack zu Boden. Kahlan drehte sich um und stürmte los. Noch im Umdrehen sah sie, wie ihre anderen Verfolger über die Leiche stolperten.
Kahlan rannte wie nie zuvor in ihrem Leben. An der ersten Ecke bog sie nach links ab. Sie wusste nicht, welcher Richtung Julian gefolgt war, doch sie konnte das Mädchen nirgendwo entdecken. Es war verschwunden.
Unvermittelt breitete sich Heiterkeit in Kahlan aus, dazu die Erregung des Erfolgs. Es hatte geklappt. Sie hatte ihr Versprechen Julian und sich selbst gegenüber gehalten. Zumindest hatte sie ihnen diesen einen Schlag versetzt.
Sie kicherte über ihren Sieg, während sie wie eine Wahnsinnige rannte. Sie hatte nicht nur zwei Wachen, sondern auch Schwester Cecilia erwischt. Die Erinnerung an den Schmerz, den diese Frau ihr zugefügt hatte, und an die Befriedigung, die die Schwester dabei empfunden hatte, stiegen in ihr auf, und Kahlan genoss ihre Rache. Nachdem Julian nun verschwunden war, keimte jedoch auch Angst in ihr und wuchs schnell an. Sie wusste, ihr selbst würde die Flucht nicht gelingen. Sie konnte nur rennen, immer wieder sporadisch abbiegen und auf das Ende warten.
Und das traf sie mit einem überwältigenden Schmerzschock. So, dachte sie, musste es sich für die beiden Wachen angefühlt haben. Sie wusste, sie landete auf dem Boden, doch sie spürte es nicht. Und dann fühlte es sich an, als würde die Decke und mit ihr die gesamte Stadt über ihr zusammenbrechen.
Die Welt wurde schwarz wie ein Grab.
40
Außer Atem erreichte Richard die Hügelkuppe. Inzwischen verließen ihn langsam die Kräfte. Unterwegs hatte er sich nicht die Zeit genommen, ausreichend zu essen, und nun zahlte er den Preis dafür. Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Sein Magen rumorte vor Hunger. Er war schwach und hätte sich am liebsten hingelegt, doch das konnte er im Augenblick nicht, nicht jetzt, dem Ziel so nahe. Nicht, wenn so viel auf dem Spiel stand.
Er hatte Nüsse und ein paar Hand voll Heidelbeeren gegessen, die er pflückte, wann immer sie am Weg entlang wuchsen, doch hatte er keine Umwege gemacht, um mehr zu finden. Damit wollte er keine Zeit verschwenden.
Wenigstens hatte er sein Bündel bei sich, und gestern Nacht hatte er bei Sonnenuntergang seine Angelschnur in einen kleinen See gehängt. Dann hatte er trockenes Holz gesammelt und Feuer gemacht. Darauf briet er drei Forellen. Vor Hunger war er versucht gewesen, sie roh zu verspeisen, aber Fisch garte rasch, und so hatte er gewartet.
Da er sich nicht länger als notwendig aufhalten wollte, hatte er auf der Reise von der Stelle, wo ihn die Sliph abgesetzt hatte, bis hierher nur wenig geschlafen. Je eher er das Buch von Baraccus in die Hand bekam, desto besser. Es wartete bereits seit dreitausend Jahren auf ihn. Er wollte nicht noch eine Nacht länger warten. Dabei kreisten seine Gedanken darum, ob er seine momentanen Probleme hätte vermeiden können, wenn er klüger gewesen wäre und das Buch früher entdeckt hätte. Hoffentlich würde er mit seiner Hilfe Kahlan finden und vielleicht sogar eine Möglichkeit, den verunreinigten Feuerkettenbann ungeschehen zu machen.
Als bester Plan erschien es ihm, das Buch möglichst bald zu finden; dann konnte er schon mit dem Lesen beginnen, während er aß. Später würde er sich Gedanken über Schlaf und die Rückkehr zur Burg machen.
Die Burg lag weit entfernt. Wo genau sich Richard befand, wusste er nicht, allerdings musste dieser Ort ein gutes Stück südlich von Agaden in einem offensichtlich unbewohnten Gebiet liegen, sodass es ihm Sorgen bereitete, wie er Pferde auftreiben würde. Ein Problem nach dem anderen, mahnte er sich dann, immer nur eins zur gleichen Zeit.
So schwierig der Aufstieg an dem steilen Felshang im Dunkeln sein mochte, er konnte sich nicht überwinden, eine Rast einzulegen, da er seinem Ziel so nah war. Außerdem wollte er die Irrlichter sehen, was nur des Nachts möglich war, und aus diesem Grund wartete er nicht bis zum nächsten Morgen, weil er dann herumsitzen müsste, bis es wieder dunkel werden würde.
Schließlich oben angelangt, verschaffte sich Richard einen Überblick über die Gegend, um sich zu orientieren. Oberhalb des steilen Hangs wurde das Gelände flacher und ging in einen Wald weit auseinander stehender Eichen über. Der leichte Wind, der tagsüber geweht hatte, war schon vor Stunden bei Sonnenuntergang eingeschlafen, jetzt rührte sich kein Hauch mehr. Die Stille lastete schwer auf Richard. Aus unersichtlichem Grund waren die nächtlichen Geräusche von kleinen Tieren oder Insekten, wie sie im ausgedehnten Tiefland in seinem Rücken typisch waren, am Ende des langen Aufstiegs verstummt.
Im Mondlicht erkannte Richard sofort, dass mit den Bäumen etwas nicht stimmte. Sie schienen alle abgestorben zu sein. Die dicken Stämme waren knorrig und verdreht. Die Rinde fiel in Streifen ab. Die hängenden Äste sahen aus wie Krallen, die nur darauf lauerten, nach demjenigen zu greifen, der es wagte, diesen Ort zu betreten. Richard hatte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg und den Aufstieg gerichtet, doch plötzlich wurde seine Wachsamkeit geweckt, und er lauschte nach Geräuschen in der unheimlichen Stille. Vorsichtig schlich er unter die Bäume, so leise wie möglich. Das war schwieriger als gedacht, da der Boden mit trockenen Ästen und Laub übersät war. Die Zweige über ihm warfen groteske Schatten im Mondlicht, und die Luft fühlte sich so kalt an, dass ihm ein Schauer über den Rücken lief.
Beim nächsten Schritt zerbrach unter seinem Fuß etwas mit eigenartig knochigem Krachen. In all den vielen Jahren in den Wäldern hatte Richard nie ein derartiges Geräusch gehört. Er erstarrte, lauschte, wartete. Seine Gedanken überschlugen sich, während er sich zu erinnern versuchte, was ein solches Geräusch hervorbrachte. Doch sosehr er sich auch bemühte, er konnte es nicht einordnen. Da er nichts weiter hörte und keine Bewegung bemerkte, zog er langsam den Fuß von dem, was geknackt hatte, zurück. Nachdem er in jede Richtung gespäht und jeden Schatten überprüft hatte, hockte er sich hin und schaute sich an, worauf er getreten war. Vorsichtig fegte er das modernde Laub zur Seite.