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Halb vergraben im Waldboden und vom Alter gedunkelt starrte ihn ein menschlicher Schädel an. Mit seinem Gewicht hatte Richard die Schädeldecke zermalmt. Die Augenhöhlen, die ihn anzublicken schienen, waren jedoch unbeschädigt.

Richard suchte den Boden ab und entdeckte weitere Wölbungen unter dem Laub. Er sah auch noch mehr Schädel, die nicht vom Unrat des Waldes verdeckt wurden. Von seinem Standpunkt aus konnte er mindestens ein Dutzend verblichene Köpfe sehen, die zumindest teilweise frei lagen, und weitere rundliche Formen unter dem Laub. Als er zwischen den Blättern suchte, stieß er auf den Rest des Gerippes, das zu dem Kopf gehörte, auf den er getreten war. Langsam erhob er sich und schlich weiter, wobei er den Boden, die knorrigen Stämme und die Äste über sich genau musterte. Er sah niemanden und hörte nichts.

Dabei wusste er nicht, wonach er Ausschau hielt, allerdings fielen ihm die Schädel überall ins Auge. Die Skelette lagen verstreut, nicht beieinander, als wären die Menschen nicht zusammen oder in Gruppen gestorben. Mit wenigen Ausnahmen hatten hier offensichtlich Einzelne den Tod gefunden. Gewiss mochte man die Leichen hier abgelegt haben; das konnte er nicht feststellen. An einigen Stellen häuften sich Schädel, aber möglicherweise handelte es sich um Zufall - hier war jemand einfach neben einem bereits dort liegenden Toten gestorben.

Richard bückte sich immer wieder, um den einen oder anderen Schädel zu begutachten, sowohl welche, die offen lagen als auch unter Laub und Zweigen versteckte. Zunächst dachte er, hier habe wohl ein Kampf stattgefunden, allerdings meinte er, soweit das im Mondlicht zu erkennen war, dass die Menschen nicht zur gleichen Zeit gestorben waren. Manche Gebeine waren noch intakt, andere hingegen schon halb vermodert. Wieder andere schienen so alt zu sein, dass sie bei Berührung in Staub zerfallen würden. Der Ort erinnerte an einen Friedhof, auf dem die Toten über der Erde und nicht darunter bestattet worden waren.

Noch etwas fiel ihm auf: Die Toten waren nicht von Aasfressern behelligt worden. Richard hatte in seiner Zeit als Waldführer viele Kadaver gesehen. Stets hatten sich daran Tiere zu schaffen gemacht. Diese Toten, so drängte sich der Eindruck auf, waren im Laufe der Zeit schlicht vermodert, die Knochen lagen da, wie die betreffende Person zu Boden gegangen war, auf der Seite, mit ausgebreiteten Armen oder mit dem Gesicht nach unten. Keiner war wie bei einer Bestattung aufgebahrt worden, mit ordentlich über der Brust verschränkten oder neben dem Oberkörper drapierten Armen, sondern sie schienen einfach tot umgefallen zu sein. Dieser Umstand war jedoch weniger auffällig als die Tatsache, dass die Toten nicht von Raubtieren angerührt worden waren.

Während Richard endlos durch den Eichenwald wanderte, fragte er sich, ob dieser jemals enden würde. In einer mondlosen Nacht oder selbst an einem wolkenverhangenen Tag hätte man sich an diesem Ort leicht verirrt. Überall sah es gleich aus. Die Bäume standen in regelmäßigen Abständen, und außer Mond und Sternen gab es nichts, das bei der Orientierung half.

Richard kam es so vor, als zöge er die halbe Nacht durch den Wald der Toten. Dabei war er sicher, der Richtung zu folgen, die ihm die Sliph vorgegeben hatte. Die Sliph hatte jedoch nicht gewusst, was er finden würde; sie hatte ihm lediglich die Anweisungen übermittelt, die sie von Baraccus und zudem vor dreitausend Jahren erhalten hatte. Die Landschaft konnte sich seitdem enorm verändert haben. Die Gerippe wirkten keineswegs so alt. Möglicherweise lagen hier Gebeine, die Jahrtausende alt waren, doch mussten die inzwischen zu Staub zerfallen sein.

Der Wald wurde dunkler, und schließlich gelangte Richard unter die schwarzen Schatten von riesigen Kiefern, deren Stämme dicht an dicht standen und beinahe so umfangreich waren wie sein Haus daheim in den Wäldern Kernlands. Es war, als stünde er einer Wand aus Bergen gegenüber, die in den Himmel ragten. Die Stämme hatten bis zu der Höhe, wo sie ineinander liefen und nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren, keine Äste, dort oben jedoch verdeckten die Zweige den Himmel vollständig. Unten am Boden bildeten die gewaltigen Bäume ein düsteres, verschlungenes Labyrinth.

Richard blieb stehen und überlegte, wie er weitergehen sollte, da er die Hand nicht mehr vor Augen sah und keiner geraden Linie folgen konnte.

Und genau in diesem Moment hörte er das Wispern.

Er legte den Kopf schief, lauschte und versuchte, die Worte zu verstehen. Das gelang ihm nicht, also trat er vorsichtig in die Finsternis und setzte die nächsten Schritte erst, nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Bald konnte er die Schemen der Bäume vor sich ausmachen und bewegte sich wieder voran, tiefer in die engen Schluchten zwischen den Stämmen der Riesenkiefern.

»Kehr um«, wisperte es.

»Wer spricht da?«, flüsterte er zur Antwort.

»Kehr um«, sagte eine matte kleine Stimme, »oder geselle dich auf ewig zu den Gebeinen jener, die vor dir kamen.«

»Ich bin hier, um mit den Irrlichtern zu sprechen«, erwiderte Richard.

»Dann bist du vergeblich gekommen. Kehre augenblicklich um«, wurde nun mit mehr Nachdruck verlangt.

Richard verglich den Klang der Stimme mit seiner Erinnerung an das Irrlicht. Gewisse Ähnlichkeiten ließen sich nicht leugnen.

»Bitte, kommt doch heraus, damit ich mit euch sprechen kann.«

Schweigen umgab ihn. Richard ging ein Dutzend Schritte in die Dunkelheit.

»Letzte Warnung«, ertönte die unheimliche Stimme. »Kehr um!«

»Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt. Bevor ich nicht mit den Irrlichtern gesprochen habe, werde ich nicht gehen. Es ist wichtig.«

»Nicht für uns.«

Richard stand da, eine Hand auf der Hüfte, und überlegte, wie er sich nun verhalten sollte. Einen klaren Kopf hatte er nicht gerade. Seine Erschöpfung behinderte das Denken.

»Doch, es ist auch wichtig für euch.«

»Wieso?«

»Ich bin hier, um zu holen, was Baraccus für mich hinterlassen hat.«

»Das wollten auch die, an denen du vorbeigegangen bist.«

»Hört mal, es ist wirklich wichtig. Euer Leben hängt letztendlich auch davon ab. In diesem Kampf gibt es keine unbeteiligten Zuschauer. Dieser Sturm wird über alle hereinbrechen.«

»Die Geschichten über den Schatz sind Lügen. Hier gibt es nichts.«

»Schatz? Nein, ihr begreift nicht. Darum geht es überhaupt nicht. Ihr versteht mich falsch. Die Aufgaben, die mir Baraccus gestellt hat, habe ich erfüllt, deshalb bin ich hier. Ich bin Richard Rahl und mit Kahlan Amnell verheiratet, der Mutter Konfessor.«

»Wir kennen diese Person nicht, von der du sprichst. Kehr um zu ihr, solange du noch kannst.«

»Nein, das ist ja das Problem. Es geht nicht. Ich suche nach ihr.«

Niedergeschlagen strich sich Richard das Haar zurück. Er wusste nicht, wie viel Zeit er hatte, um das zu sagen, was er sagen musste, oder wie viel er auslassen sollte, um den Irrlichtern klarzumachen, warum er hier war - und sie zu überreden, ihm zu helfen.

»Früher habt ihr sie gekannt. Gegen Kahlan wurde Magie eingesetzt, damit jeder sie vergisst. Ihr habt sie auch gekannt, nur wie bei den anderen, so ist sie auch aus eurer Erinnerung gelöscht. Kahlan kam immer zu euch. Als Mutter Konfessor kämpfte sie für den Schutz eures Landes und hielt andere von euch fern.

Sie hat mir vom wunderschönen Land der Irrlichter erzählt. Von den weiten Feldern inmitten uralter Wälder. Auch war sie bei euch, wenn ihr euch in der Dämmerung zum Tanz im Gras und zwischen den Wildblumen versammelt habt.