Viele Nächte lang hat sie auf dem Rücken im Gras gelegen, und die Irrlichter versammelten sich um sie und erzählten ihr von den Dingen, die ihr mit dem Menschen gemein habt: von Träumen und Hoffnung und Liebe.
Bitte, die Irrlichter kannten sie. Sie war eure Freundin.«
Plötzlich sah Richard, wie ein winziges Licht hinter einem Baum hervorkam. »Kehr um, oder deine Knochen werden dort bei den anderen Schatzsuchern verrotten, und niemand wird je erfahren, was aus dir geworden ist.«
»Wenn ich Gold brauche, arbeite ich. An einem Schatz bin ich nicht interessiert.«
Der kleine Funken wich zurück. »Nicht jeder Schatz besteht aus Gold.«
Während das Irrlicht davonflog, spielten seine kreisenden Lichtstrahlen über die Stämme der Bäume.
»Ich habe Shar gekannt«, rief Richard.
Das Licht verharrte, hörte auf, sich zu drehen.
Einen Augenblick lang hing der Funken in der Ferne und erhellte schwach die versammelten Könige des Waldes, die Wache standen und behüteten, was hinter ihnen lag.
»Du bist nicht wegen der Legenden über den Schatz hier?«
»Nein.«
»Was weißt du über den Namen, den du gesagt hast?«
»Ich habe Shar kennen gelernt, nachdem sie die Grenze durchquert hatte. Shar wollte helfen, die Bedrohung durch Darken Rahl zu beenden. Deshalb überquerte sie die Grenze, um nach mir zu suchen, damit ich in diesem Kampf ebenfalls helfen konnte. Vor ihrem Tod hat Shar mir gesagt, dass ich, falls ich jemals die Hilfe der Irrlichter brauche, nur ihren Namen sagen müsse, und dann würdet ihr mir helfen, denn kein Feind könne diesen Namen wissen.«
Richard zeigte nach hinten zum Wald der toten Eichen, wo die Gebeine der Vergessenen moderten. »Ich habe so das Gefühl, keiner von denen da kannte ihren Namen oder den eines anderen Irrlichts.«
Gemächlich kam das Licht durch die Bäume zurück und blieb nicht weit von Richard entfernt stehen. Er spürte die sanft glühenden Strahlen, die über sein Gesicht glitten. Fast fühlten sie sich an wie die leise Berührung eines Spinnennetzes.
Richard trat einen Schritt näher. »Ich habe vor ihrem Tod mit Shar gesprochen. Sie sagte, länger könne sie nicht fern von ihresgleichen leben, und ihr fehle die Kraft, in ihre Heimat zurückzukehren. Bei ihr habe ich Baraccus’ Prüfung zum ersten Mal gehört. Sie glaube an mich, hat sie gesagt, sie glaube, ich habe in mir, was ich brauche, um erfolgreich zu sein. Das war eine Botschaft von ihm. Sie hat mich nach Geheimnissen gefragt.«
Das winzige Lichtchen nahm eine warme rosa Farbe an und drehte sich schweigend einen Augenblick lang.
»Hast du die Prüfung bestanden?«
»Nein«, gestand Richard. »Es war zu früh für mich. Erst später habe ich alles begriffen. Aber die Sliph hat gesagt, ich habe die Prüfung jetzt bestanden.«
»Wie heißt du?«
»Ich wuchs unter dem Namen Richard Cypher auf. Später erfuhr ich, dass ich Richard Rahl bin. Außerdem gab man mir weitere Namen: der Sucher, der Bringer des Todes, Richard mit dem Zorn, der Kiesel im Teich und Caharin. Kannst du mit diesen Namen etwas anfangen?«
»Kannst du etwas mit dem Namen Ghazi anfangen?«
»Ghazi?« Richard dachte kurz nach. »Nein. Sollte ich?«
»Es heißt ›Feuer‹. Ghazi hat diesen Namen aufgrund einer Prophezeiung erhalten. Wenn du der Richtige wärest, würdest du diesen Namen kennen.«
»Tut mir leid, nein. Allerdings kann ich dir sagen, dass ich nicht viel von Prophezeiungen halte.«
»Tut mir auch sehr leid, aber dieses Land wird vom Elend heimgesucht. Die Irrlichter leben in einer Zeit des Leids. Wir können dir nicht helfen. Du solltest jetzt gehen.«
Das Irrlicht flog abermals davon und kreiste um sich selbst, während es zwischen die aufragenden Bäume schwebte.
Richard trat einen Schritt vor. »Shar hat gesagt, wenn ich die Hilfe der Irrlichter brauchte, würdet ihr mir beistehen! Ich brauche eure Hilfe!«
Wieder verharrte der kleine Lichtpunkt. So, wie es reglos in der Luft hing, hatte Richard den Eindruck, es denke nach. Einen Moment darauf drehte es sich wieder und strahlte schimmerndes Licht aus. Es kam den halben Weg zurück.
Dann sagte das Irrlicht einen Namen, den Richard seit vielen Jahren nicht mehr gehört hatte.
Sein Blut erstarrte.
»Und kannst du mit diesem Namen etwas anfangen?«, fragte das Irrlicht.
»Woher kennst du den Namen meiner Mutter?«, flüsterte Richard. Das Irrlicht kam langsam näher. »Vor vielen, vielen Jahreszeiten ging Ghazi durch eine dunkle Grenze, um ihr zu helfen, um ihr von ihrem Sohn zu erzählen, um ihr vieles zu berichten, das sie erfahren musste, vieles, das ihr Sohn wissen musste. Ghazi kehrte nicht zurück.«
Richard starrte sie mit großen Augen an. »Was macht ihr Irrlichter am Tag? Wenn es hell ist?«
Das Irrlicht, ein silberner Funken, kreiste langsam und warf Lichtstrahlen auf Richards Gesicht. »Wir gehen dorthin, wo es dunkel ist. Im Licht sind wir nicht gern.«
»Tut euch Feuer weh?«
Die Lichtstrahlen verblassten. »Feuer kann uns töten.«
»Bei den Gütigen Seelen ...«, entfuhr es Richard.
Das Schimmern nahm an Stärke zu. Das Irrlicht kam näher und schien sein Gesicht zu studieren. »Was denn?«
»Wie lautete die Prophezeiung über Ghazi?«, fragte Richard. Das Kreisen des Lichts hörte auf. »Die Prophezeiung handelte von Ghazis Tod. Es hieß, er solle im Feuer sterben.«
Richard schloss kurz die Augen. »Vor vielen Jahreszeiten, als ich noch ein Kind war, starb meine Mutter im Feuer.«
Das Irrlicht blieb still.
»Tut mir leid«, sagte Richard leise, während Shotas Worte in seinem Kopf widerhallten. »Ich glaube, Ghazi ist in unserem Haus gestorben. Es begann zu brennen. Nachdem meine Mutter mich und meinen Bruder in Sicherheit gebracht hatte, ging sie noch einmal hinein, um etwas zu holen - wir haben nie erfahren, was. Vermutlich hat sie der Rauch vergiftet. Sie kam nicht mehr heraus. Ich habe sie nie wieder gesehen. Sie starb in den Flammen.
Möglicherweise ging sie hinein, um Ghazi zu holen. Ich glaube, meine Mutter und Ghazi sind zusammen in diesem Feuer gestorben, ohne dass er seine Aufgabe erfüllen konnte.«
Das Irrlicht sah ihn anscheinend eine Weile lang an. »Mein Beileid für das, was deiner Mutter zugestoßen ist. Nach all der Zeit kommen dir immer noch die Tränen.«
Richard fehlten die Worte; er nickte nur.
Nun drehte sich das Irrlicht wieder schneller. »Unter dem Namen Richard Cypher kennen wir dich bei uns. Komm, Richard Cypher, und wir erzählen dir, welche Nachricht Ghazi deiner Mutter überbringen wollte.«
41
Richard folgte dem funkelnden Lichtpunkt in den alten Wald, einen Ort des Friedens und der Ruhe. So große Bäume hatte er nie in seinem Leben gesehen. War es nicht eigenartig, dass so winzige Wesen unter solchen Baumriesen lebten?
Richard erschien es, als würden sie stundenlang gehen, aber vielleicht lag es nur daran, dass er so erschöpft war. Schließlich traten sie zwischen den Bäumen hervor auf eine weite Lichtung, und Richard mochte seinen Augen kaum trauen. Es war genau so, wie Kahlan es beschrieben hatte. Auf der Wiese funkelten Hunderte von Irrlichtern, die zwischen hohen Grashalmen und Wildblumen schwebten. Im Vergleich mit den Sternen im Gras wirkten die Sternhaufen oben, die durch die Lücke in den hoch aufragenden Kiefern zu sehen waren, leblos und tot.
Wie wunderschön dieser Anblick auch sein mochte, Richard wurde schwer ums Herz, denn die Szene erinnerte ihn an Kahlan, an den Tag, an dem er sie kennen gelernt hatte, an dem sie ihn Shar vorgestellt hatte, an dem sie ihm von den Irrlichtern erzählt hatte. Kahlan und die Irrlichter waren für ihn auf ewig untrennbar miteinander verbunden.
Und jetzt, nach all der Zeit, hatte er erfahren, dass seine Mutter ins brennende Haus zurückgelaufen war, um ein Irrlicht zu retten. Sie war nicht allein gestorben.
Alles nur, weil vor Tausenden von Jahren ein Mann in einen Tempel gegangen war und etwas getan hatte, aufgrund dessen Richard mit beiden Seiten der Gabe geboren worden war, der Gabe, über die er, wie die Silph gesagt hatte, nun nicht mehr verfügte. Als Richard ins Gras trat, kamen einige Irrlichter näher geflogen und betrachteten neugierig den Fremden. Sie leuchteten mal heller, mal dunkler, als würden sie miteinander kommunizieren.