»Wie heißt du?«, fragte Richard das Irrlicht, das ihn geführt hatte.
»Ich heiße Tarn.«
Richard schaute den Irrlichtern zu, die sich näherten, an ihm hinaufschwebten und dann davonschossen.
»Unsere Zahl nimmt ab«, berichtete Tarn. »Das ist nie zuvor vorgekommen. Wir leben in einer Zeit des Leids und kennen nicht einmal die Ursache dafür.«
»Die Ursache ist einer der Gründe, weshalb ich hier bin«, erwiderte Richard. »Ich hoffe, Hilfe zu finden, damit ich aufhalten kann, was immer die Krankheit der Irrlichter verursacht. Wenn ich keinen Erfolg habe, werdet ihr alle vom Antlitz der Welt verschwinden.«
Tarn dachte schweigend darüber nach. Andere, die Richards Worte vernommen hatten, stoben davon und sanken an dunklen Stellen ins Gras, als suchten sie nach einem stillen Ort, an dem sie weinen konnten. Manche hingegen kamen näher.
»Viele hier kannten Ghazi«, sagte Tarn. »Sie vermissen ihn. Kannst du uns erzählen, was er sagte, ehe sein Leben endete? So, wie du es von Shar berichtet hast?«
»Tut mir leid, Tarn, aber Ghazi habe ich nicht kennen gelernt. Ich wusste nicht einmal, dass er meine Mutter besuchte. Ghazi und meine Mutter müssen gestorben sein, ehe er die Chance erhielt, uns den Anlass seines Besuches zu erzählen.«
Richard fragte sich, ob es möglicherweise einen Zusammenhang mit dem Feuer gab.
Viele Irrlichter wurden matter, als wären sie enttäuscht darüber, dass er ihnen Ghazis letzte Worte nicht übermitteln konnte. Richard erinnerte sich daran, warum er hier war, und wandte sich an seinen Führer.
»Bitte, Tarn, ich bin aus einem wichtigen Grund hier. Wie ich schon gesagt habe, kann ich vielleicht helfen, das Leid der Irrlichter zu beenden. Baraccus hat bei euch etwas für mich hinterlassen. Seine Bibliothek befindet sich hier. Er hat seine Frau mit einem Buch für mich geschickt.«
»Magda«, sagte eines der Irrlichter, die ihn umschwebten. Richard war nicht sicher, welches sprach, aber es klang entschieden weiblicher als Tarn.
»Das stimmt.«
»Es geschah lange vor unserer Zeit«, fuhr sie fort, »aber Baraccus’ Worte wurden uns überliefert. Noch immer bewahren wir das Geheimnis, welches er uns anvertraut hat. Ich bin Jass. Komm. Tarn und ich zeigen es dir.«
Tarn und Jass führten Richard durch das zarte Gras auf die Baumriesen zu seiner Linken zu. Unter den Bäumen, abseits der offenen Wiese, betraten sie wieder eine Welt der Dunkelheit. Doch die beiden Irrlichter gaben genug Licht, damit er den Weg erkennen konnte.
»Wie weit ist es?«, fragte Richard.
»Nicht weit«, antwortete Jass.
»Der Ort liegt innerhalb unseres Reiches«, erklärte Tarn, »ein Ort, den wir bewachen und beschützen können. Im Laufe der Jahrtausende fiel der Same von Legenden auf den fruchtbaren Boden der wenigen Tatsachen, wurde von Wünschen gewässert und wuchs und gedieh. Am Ende brachte er reiche Frucht an Gerüchten hervor, die sich mit dem Winde des Gewispers verbreiteten - es hieß, wir bewahrten einen sagenhaften Goldschatz. Nichts vermochte die Gläubigen zu überzeugen, dass es eine Erfindung war. Der Wahrheit fehlt der Glanz des Goldes für diese Menschen. Ihr Traum, unverdienten Reichtum zu ernten, war zu stark, und so opferten sie lieber das, was ihnen wirklich teuer war, als die Wahrheit über diesen leeren Glauben anzunehmen.«
»Was wir verstecken, ist kein Schatz«, sagte Jass, »sondern ein Versprechen, das uns Vorfahren gegeben haben.«
»Es ist schon eine Art Schatz«, erklärte Richard ihnen. »Jedenfalls für die richtige Person.«
Was die Irrlichter als nicht weit bezeichneten, erschien Richard doch als anständige Strecke. Es wurde immer anstrengender, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sein Magen knurrte vor Hunger, während sie durch den stillen Wald zogen.
Mitternacht musste längst vorüber sein, als die Bäume endeten und Richard ein Tal erblickte, das sich unter ihm im silbrigen Mondschein ausbreitete. Dichter Wald bedeckte den Boden und erstreckte sich wie eine Matte aus Bäumen an den Hängen hinauf. Von dieser Stelle, an der er stand, konnte er nicht nur die ganze Länge des Tals überblicken, sondern auch die unvergessliche Schönheit all dessen genießen, das er stets so geliebt hatte. Er sehnte sich danach, dieses Land zu erkunden und durch die Wälder zu streifen - doch nur zusammen mit Kahlan. Ohne sie war Schönheit nur ein Wort. Ohne Kahlans Lächeln war die Welt leer und tot.
»Dies ist der Ort der Bibliothek, die Meister Baraccus uns zu hüten auftrug«, sagte Tarn.
Richard schaute sich um. Er sah Farne, Schlingpflanzen, die sich aus der Dunkelheit oben herunterwanden, und die gigantischen Stämme der Kiefern.
»Wo?«, fragte er. »Ich sehe keine Gebäude.«
»Hier«, sagte Jass und schwebte zu einem kleinen Felsen, auf dem sie sich niederließ. »Hier drunter liegt die Bibliothek.«
Richard kratzte sich den Kopf. Der Ort erschien ihm eigentümlich gewählt für eine Bibliothek. Dann jedoch erinnerte er sich an den Eingang der Bibliothek in Caska, der sich unter einem Grabstein befunden hatte. In diesem Licht ergab es durchaus Sinn. Ein Gebäude wäre längst entdeckt und ausgeraubt worden. Er bückte sich, legte die Schulter in eine Wölbung im Fels und drückte. Um eine solch riesige Steinscheibe zu bewegen, fehlte ihm bestimmt die Kraft, dennoch legte er sein ganzes Gewicht gegen den Fels. Langsam begann sich der Stein zur Seite zu drehen. Die Irrlichter schwebten heran und schauten sich mit Richard an, was sich unter dem Fels befand. Der Stein hatte auf einer kleinen, sorgfältig geglätteten Einfassung gelegen. Es gab weder ein Loch noch eine Treppe, die nach unten führten.
Richard kniete nieder und packte in das, was sich unter dem Stein und innerhalb der Einfassung befand. Es war weich und trocken.
»Das ist nur Sand.«
»Ja«, meinte Jass. »Als Magda kam, folgte sie den Anweisungen ihres Gemahls und füllte mithilfe von Magie den Hohlraum.«
Richard mochte es kaum glauben. »Mit Sand?«
»Ja«, erwiderte Jass.
»Wie viel Sand?«, wollte Richard wissen. Er hatte wenig Lust, ein sandgefülltes Loch leerzugraben, wie klein es auch sein mochte.
»Siehst du den kleinen Fluss da unten?«, fragte Jass. Richard schaute in das mondbeschienene Tal hinunter. Dort sah er die glitzernde Oberfläche von Wasser, das zwischen Sandbänken hindurchfloss.
=»Ja.«=
»Wie uns überliefert wurde«, fuhr Jass fort, »brachte Magda einen mächtigen Zauber von Baraccus mit. Damit erzeugte sie einen Wirbelwind, der den Sand vom Flussufer heraufwehte, in dieses Loch sinken ließ und den Raum auffüllte, um die Bücher zu beschützen.«
»Zu beschützen?«, hakte Richard nach. »Wovor?«
»Vor jedem, der bis hierher vordringen würde. Der Sand soll jeden zurückhalten, der sich das holen will, was sich dort unten befindet.«
»Also, wenn es genug Sand ist, würde der jemanden sicherlich aufhalten.« Argwöhnisch blickte Richard die beiden Irrlichter an, die sich langsam im Mondlicht drehten. »Wie viel Sand ist es denn?«
Tarn schwebte über die Kante des Abhangs hinaus. »Siehst du den Vorsprung dort unten?«
Richard beugte sich vorsichtig über die Kante und spähte hinunter. Bis zu dem schmalen Felsgesims mussten es mehrere hundert Fuß sein.
=»Ja.«=
»Auf der Höhe befinden sich die Räume der Bibliothek.«
»Die Bibliothek ist unter so viel Sand vergraben - dort unten?«
»Ja«, antwortete Tarn.
Richard war sprachlos. Mit dem Sand musste man einen ganzen Palast füllen können. »Wie soll ich das ausgraben? Dafür brauche ich ja ewig.«
Tarn kehrte zurück und schwebte dicht vor seinem Gesicht. »Mag sein. Aber Baraccus sagte, wenn du der Eine seiest, würdest du wissen, was du zu tun hast.«
»Wenn ich der Eine bin?« Entmutigung befiel ihn mit einem Gewicht, als hätte sich der ganze Berg Sand über ihn ergossen.