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»Warum muss immer ich der Eine sein?«

Tarn drehte sich einen Moment lang. »Das wissen wir auch nicht.«

Richard stöhnte vor Enttäuschung - so nah dem Ziel und doch so weit entfernt. »Wenn ich der Eine bin, warum konnte er mir nicht einfach eine Nachricht hinterlassen, damit ich weiß, was ich zu tun habe?«

Tarn und Jass schwiegen einen Augenblick, als würden sie nachdenken.

»Nun, es wurde noch etwas überliefert«, sagte Jass schließlich.

»Und zwar?«

»Baraccus sagte, die Irrlichter müssen diesen Ort viele Zeitalter lang bewachen, doch wenn der Sand der Zeit schließlich durchgerieselt wäre, würde der Eine, für den das Buch bestimmt ist, hierher kommen und es sich holen.« Jass drehte sich näher heran. »Hilft dir das, Richard Cypher?«

Richard rieb sich mit den Händen das Gesicht. Warum konnte Baraccus ihm nicht einfach mitteilen, wie er die Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers fand? Vielleicht dachte der Zauberer, dass der Mann, der das Buch bekommen sollte, seine Kräfte bereits bis zu dem Punkt entwickelt haben musste, an dem der Sand kein Hindernis mehr für ihn darstellte. Oder er hatte geglaubt, Richard müsse wissen, wie man einen magischen Wirbelwind erzeugt, der den Sand aus dem Loch heraussaugte. Falls das stimmte, war Richard nicht der Eine. Er wusste nicht, wie er seine Kräfte anwenden konnte, und er verfügte nicht mehr über seine Gabe, seit er in der Sliph gewesen war.

So weit es Richard betraf, war der Sand der Zeit bereits durchgelaufen. Die Schwestern der Finsternis hatten die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht; die Chimären hatten die Welt des Lebens verunreinigt und mit der Zerstörung der Magie begonnen, was vermutlich das große Elend war, unter dem die Irrlichter litten; und die Armee der Imperialen Ordnung wütete ungehindert in der Neuen Welt. Ihn persönlich hatte Kahlans Entführung getroffen, und nun stand Kahlan unter dem Einfluss des Feuerkettenbanns und brauchte dringend seine Hilfe.

Während er hier stand und wartete, bis der Sand der Zeit durchgerieselt wäre.

Richard nahm die Hände vom Gesicht und runzelte die Stirn. Er beugte sich über den Rand der Steilwand und schaute hinunter zum Sims. Der Sand der Zeit.

Er blickte nach links und musterte den Fels. Dort entdeckte er nichts, was ihm hilfreich hätte sein können, doch rechts gewahrte er einen Weg, an dem er hinabsteigen könnte. Er nahm sein Bündel ab, stellte es auf den Boden, suchte seine kleine Schippe heraus und steckte sie hastig zusammen.

»›Wenn der Sand der Zeit schließlich durchgerieselt wäre, würde der Eine, für den das Buch bestimmt ist, hierher kommen und es sich holen.‹«, zitierte er. »Habt ihr das gesagt?«

»Ja«, meinte Jass. »Das haben wir gesagt.«

Richard schaute erneut in die Tiefe. »Ich muss dort hinunter, zu dem Sims«, erklärte er den Irrlichtern.

»Wir kommen mit und leuchten dir«, bot Tarn an.

Richard verschwendete keine Zeit und kletterte über die Felskante. Der Abstieg erwies sich als so schwer, wie er ihn eingeschätzt hatte, doch dauerte es nicht lange, und bald schon stand er auf dem schmalen Sims weit unter der Stelle, wo er den Felsen aus dem Weg gewälzt hatte.

Er suchte in der Felswand und stieß die Schippe hinein, bis er entdeckte, wonach er Ausschau gehalten hatte. Sofort begann er zu graben und zu schaufeln und stocherte Steine heraus, die so fest saßen, dass es im schwachen Licht, das der Mond und die beiden Irrlichter spendeten, kaum zu entscheiden war, ob es sich tatsächlich um das handelte, was er dachte. Als der Fels sich lockerte, stieg seine Zuversieht. Je mehr Bruchstücke er hervorholte, desto leichter fiel ihm die weitere Arbeit.

Bei den größeren Steinen musste er vorsichtig zu Werke gehen; ein falscher Schritt, und er könnte ausrutschen und von dem schmalen Sims fallen. Manche der Brocken in dem zunehmend größeren Loch konnte er nicht anheben, also wälzte er sie aus der Öffnung heraus. Glücklicherweise konnte er das Gestein unter den meisten lösen und die schwereren herausrollen. Er stand neben dem Loch und ließ die Felsen und Steine an sich vorbei in die Tiefe fallen, schaute ihnen zu, wie sie lautlos durch die Nachtluft sausten, bis sie tief unten in den Wald krachten.

Plötzlich durchstieß die Schaufel weichen Grund; der Rest des Felspfropfens löste sich knirschend, und Bruchstücke brachen wie ein Wasserfall hervor. Richard musste rasch zur Seite ausweichen. Grollend und rumpelnd folgte der Sand, der zunächst in weitem Bogen über den Rand hinausschoss, ehe er in einer Säule nach unten fiel.

Richard stand mit Herzklopfen da, überrascht von der Wucht, mit der sich der Sand unvermittelt aus der nun freien Öffnung ergoss, und drückte sich mit dem Rücken an die Felswand. Die beiden Irrlichter drehten sich und schauten sich das verblüffende Schauspiel an. Eines von ihnen - Richard war allerdings nicht sicher, welches -folgte dem Sandstrahl nach unten und kehrte schließlich zurück. Es schien ewig zu dauern, doch endlich verringerte sich der Strom zu einem Rinnsal.

Ohne weitere Zeit zu vergeuden, stieg Richard in das Loch.

»Kommt«, rief er den Irrlichtern zu. »Ich brauche Licht.«

Die beiden Irrlichter kamen seiner Bitte nach, flogen über seine Schultern hinweg und drangen als Erste in die Höhle ein. Nun, da es in der Kammer hell wurde, richtete Richard sich auf, klopfte sich den Sand von der Kleidung und schaute sich die Regale voller Bücher an. Der Gedanke, dass er nach Magda Searus, der Ur-Mutter Konfessor, der Erste war, der diesen Ort betrat, ließ ihn schaudern. Das erinnerte ihn an Kahlan, die er finden musste, also begann er unverzüglich mit der Suche. Es schien eine eher einfache Bibliothek zu sein. Auf der anderen Seite des Raums führte eine Tür tiefer in den Berg. Er sah Schatten weiterer Türen und eine Wendeltreppe. Zwar war der meiste Sand durch das Loch hinausgerieselt, doch die Reste bedeckten noch die gesamte Einrichtung mit einer dünnen Schicht. Es würde einige Zeit dauern, sauberzumachen und festzustellen, was es hier wirklich zu finden gab.

Rechts allerdings lag auf einem Steinsockel an der Wand ein Buch für sich allein. Richard hob es hoch und blies Sand und Staub vom Einband.

Der Titel lautete Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers.

Sanft glitten seine Finger über die goldenen Buchstaben, und er begann die Worte zu lesen, die für ihn bestimmt waren. Die Erkenntnis, dass ein Kriegszauberer, der Oberste Zauberer Baraccus selbst, dieses Buch für denjenigen verfasst hatte, der mit den Kräften geboren wurde, die er aus dem Tempel der Winde entlassen hatte, erfüllte Richard mit Ehrgeiz. Richard hatte endlich den Schatz gefunden, den Baraccus ihm hinterlassen hatte. Je ein Irrlicht schwebte über jeder Schulter und schaute ihm zu, während er respektvoll das Buch anstarrte, das die Antworten auf seine Fragen enthielt und ihm endlich helfen würde, seine Gabe zu meistern.

Richard schlug mit klopfendem Herzen den Einband auf, um zu erfahren, was Baraccus ihm mitteilen wollte.

Die erste Seite war leer.

Richard schlug die nächsten Seiten auf, doch sie waren alle leer. Er blätterte das ganze Buch durch, doch außer den Wörtern auf dem Einband war das Papier vollständig leer!

Richard rieb sich die Schläfen zwischen Daumen und Finger. Er hatte das Gefühl, er müsse sich übergeben.

»Könnt ihr etwas sehen?«

»Nein«, antwortete Jass. »Leider nein.«

»Ich sehe nicht einmal Spuren von Schrift«, fügte Tarn hinzu. In diesem Augenblick begriff Richard, worin das Problem bestand. Sein Mut sank.

Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers war ein Lehrbuch für eine bestimmte Form der Gabe. Das Buch erforderte Magie. Aus irgendeinem Grund war Richard der Zugriff auf seine Gabe verwehrt worden. Ohne diese Hilfe würde er sich nicht merken können, was immer in diesem Buch stand. Er würde die Wörter vergessen, ehe er sich erinnerte, sie gelesen zu haben.

So, wie er sich auch nicht mehr an ein einziges Wort aus dem Buch der gezählten Schatten erinnerte, entfiel ihm der Inhalt von Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers sofort nach dem Lesen. Ohne die Gabe würden die Seiten für ihn immer leer bleiben. Ehe er nicht herausbekommen hätte, was mit seiner Gabe nicht stimmte, würde er das Buch nicht lesen können.