»Ich werde es mitnehmen«, verkündete Richard den Irrlichtern.
»Genau das hat Baraccus gesagt, Richard Cypher«, sagte Tarn. Richard fragte sich, ob Baraccus auch über diese widrigen Begleitumstände Bescheid gewusst hatte. Gleichwie, Richard hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Er kroch durch das Loch und stieg an der Felswand wieder nach oben.
Der Fels ragte über die Öffnung der Bibliothek, bemerkte er bei einem Blick zurück, vermutlich, damit Wasser den Stopfen nicht im Laufe der Zeit auswaschen oder in die Kammer eindringen konnte. Der Sand musste trocken bleiben, um die Bücher zu schützen und damit er herausrieseln konnte. Richard entschied, dass die Bibliothek im Augenblick recht sicher vor Regen war.
Oben angekommen, verstaute er das wertvolle Buch in seinem Bündel. In der Steineinfassung, in der sich zuvor Sand befunden hatte, führte jetzt eine Wendeltreppe in die Dunkelheit. Um sicherzugehen, dass niemand die geheimen Bücher entdeckte, schob er den großen Felsen unter großer Anstrengung wieder an Ort und Stelle.
Keuchend und völlig erschöpft schwang er sich schließlich sein Bündel auf den Rücken. Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Auf dem Rückweg durch den dunklen Wald sprach Richard wenig mit den Irrlichtern, bedankte sich aber ausdrücklich für ihre Hilfe.
Als sie die Wiese erreichten, bewunderte er den Anblick der Irrlichter, die durch Gras und Blumen schwebten. Manche kreisten zu zweit in einem verwirrenden Tanz umeinander. Er fragte sich, wie viel mehr Irrlichter es gegeben hatte, als Kahlan hier gewesen war. Er vermisste Kahlan so sehr, dass sich ihm ein Kloß im Hals bildete. Sie war seine Welt. Und diese ganze Welt schien ihm in so vielerlei Hinsicht zu entgleiten.
»Ich muss aufbrechen«, sagte er zu Tarn und Jass. »Hoffentlich kann ich das, was ich gefunden habe, einsetzen, um das Leiden der Irrlichter und aller anderen zu beenden.«
»Kommst du eines Tages zurück?«, fragte Jass.
Richard dachte an die verborgene Bibliothek und nickte. »Ja. Und ich hoffe, Kahlan mitzubringen, an die ihr euch dann vielleicht wieder erinnern werdet. Ich weiß, sie würde sich sehr freuen, euch zu sehen.«
»Wenn wir uns an sie erinnern«, meinte Jass, »werden wir uns ebenfalls freuen.«
Richard wagte es nicht, seine Stimme erneut auf die Probe zu stellen, nickte nur und ging los.
Tarn geleitete ihn durch den uralten Wald und zeigte ihm den Weg. Am Rand der riesigen Bäume hielt das Irrlicht an.
»Baraccus war weise, dich auszuwählen, Richard Cypher. Ich glaube an dich. Du hast alles, was du brauchst, um erfolgreich zu sein. Ich wünsche dir alles Gute.«
Richard lächelte traurig. Wenn er nur so sicher sein könnte. Er verfügte nicht mehr über seine Gabe - selbst wenn er sie noch in sich trug - und er hatte keine Ahnung, wie er zum Erfolg gelangen sollte. Möglicherweise konnte Zedd ihm helfen.
»Danke, Tarn. Du und die Irrlichter, ihr habt das, was Baraccus bei euch hinterlegt hat, gut gehütet. Ich werde mein Bestes geben, um euch und die übrigen Unschuldigen zu beschützen, die von Gefahr bedroht sind.«
»Wenn du scheiterst, Richard Cypher, wird es gewiss nicht daran liegen, dass du dich nicht genug angestrengt hättest. Falls du jemals wieder unsere Hilfe brauchst, sag einfach, wie Shar es dir erklärt hat, einen unserer Namen, und wir werden unser Möglichstes tun.«
Richard nickte, ging los und drehte sich noch einmal um. Das Irrlicht kreiste einen Moment lang rosafarben und verschwand dann zwischen den Bäumen. Plötzlich fühlte er sich schrecklich verlassen, so ganz allein im Mondlicht.
Die toten Eichen schienen sich ewig auszudehnen. Er trabte benommen dahin. Ruhe und Essen brauchte er, doch wollte er zunächst diesen eigenartigen Wald hinter sich bringen. Zwischen den Wurzeln sah er Knochen, als würden die Bäume versuchen, die Toten an ihren Busen zu drücken.
Irgendwo in diesem toten Wald, nachdem er endlos gewandert war und seinen sorgenvollen Gedanken nachgehangen hatte, spürte Richard unvermittelt eine Kühle in der Luft, die ihn schaudern ließ. Beim Luftholen schmerzte die scharfe Kälte in den Lungen. Es kam ihm vor, als wäre er dem Winter geradewegs in die Klauen gelaufen.
Zwischen den Schädeln stand ein aufrechter Schemen. Beim zweiten Blick rann ihm erneut ein Schauer über den Rücken.
Dort stand eine große Frau mit schwarzem borstigem Haar. Sie trug eine pechschwarze Robe. Ihre Haut leuchtete blass wie der Mond, sodass ihr hageres Gesicht im Dunkeln zu schweben schien. Das ausgedörrte Fleisch spannte sich fest über die Knochen, wie man es sich bei einem Toten vorstellt, der einige Zeit in diesem verwunschenen Wald gelegen hat und auf die Würmer wartet. Sie lächelte dünn und drohend und gehörte offensichtlich zu der Sorte Lebewesen, die denjenigen, für den sie keine Verwendung mehr hat, einfach hier unter den verwesenden Toten verrotten lässt. Richard war so kalt, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Er zitterte, schaffte es jedoch nicht, dem Einhalt zu gebieten. Weder Finger noch Zehen spürte er. Er wollte sich bewegen, fortrennen, aber seine Beine versagten ihm den Dienst.
Er hatte keine Gabe, die er hätte rufen können. Er hatte kein Schwert, das er ziehen konnte.
Angesichts des trügerischen Blicks aus diesen weißblauen Augen fühlte er sich vollkommen hilflos.
Richard fragte sich, ob sein Leben hier an diesem einsamen Ort enden würde, ob seine Leiche mit all den anderen anonymen Gebeinen verrotten und in Vergessenheit geraten würde, bei all diesen Menschen, die mit so hochtrabenden Träumen hergekommen waren.
Die Frau warf die Arme wie Rabenflügel in die Luft, und die Nacht verschluckte ihn.
42
Das verwirrende Murmeln von Stimmen sowohl aus der Nähe als auch der Ferne drang nur langsam und nach und nach zu Kahlan vor. In ihrer Benommenheit war sie sich jedoch ungewiss, ob es wirklich da war oder ob sie es sich nur einbildete. Einige der Gedanken, die endlos in ihrem Kopf kreisten, mussten Einbildung sein, gleichgültig, wie real sie wirkten. Ganz bestimmt lag sie nicht im einen Augenblick auf einer Blumenwiese zwischen Sternen und stand im nächsten in einer offenen Feldschlacht mit vertrockneten Soldatenleichen auf ausgemergelten Pferden, um dann im Folgenden auf einem roten Drachen durch die Wolken zu fliegen. Alles erschien wirklich, aber nein, das konnte nicht sein.
Letztlich gab es keine Drachen. Das waren nur Fabelwesen. Doch falls sie tatsächlich Stimmen hörte, so konnte sie keine Worte unterscheiden. Es waren eher geisterhafte Laute, und jeder Ton ließ schmerzhaft etwas tief in ihr mitschwingen.
Schließlich war sie sich sicher, dass ihr Kopf in langsamem Rhythmus pochte, und jedes Mal, wenn der schmerzende Pulsschlag kam, fühlte es sich an, als würde ihr der Schädel unter dem Druck platzen. Sobald dieser nachließ, stellte sich Übelkeit ein, nur um sofort wieder verdrängt zu werden, sobald der quälende Druck von Neuem zunahm.
So sehr sich Kahlan bemühte, sie konnte die schweren Lider nicht heben. Es hätte mehr Kraft erfordert, als sie im Moment aufbringen konnte. Außerdem fürchtete sie, es könne hell sein, und Licht hätte ihr wie lange Nadeln in die wehrlosen Augen gestochen. Um die Schmerzen aus dem Kopf zu bekommen, öffnete Kahlan zaghaft die Augen, gerade genug, um vorsichtig in den Raum zu spähen. Sie befand sich in einer Art Behausung, die einem Zelt aus hellbrauner Leinwand ähnelte, doch falls es sich tatsächlich um ein Zelt handelte, hatte sie in ihrem Leben noch kein so großes gesehen. Schwere Teppiche hingen an einer Seite und schienen als Türen zu dienen.
Sie lag auf dicken Fellen, die nicht auf dem Boden;, sondern auf einer kleinen Erhebung ausgebreitet waren. In der schwülheißen Luft schwitzte sie darauf. Wenigstens hatte man sie nicht zugedeckt. Ihr gegenüber stand ein Holzstuhl mit geschnitzter Lehne, dort jedoch saß niemand.