Mehrere Lampen waren im Raum verteilt, manche standen auf Truhen, andere hingen an Ketten. Allerdings gelang es ihnen nicht, die düstere Atmosphäre im Zelt zu vertreiben. Immerhin überdeckte der Geruch des brennenden Öls den schweren Geruch von Schweiß, Tieren und Dung. Erleichtert stellte Kahlan fest, dass das Licht ihr nicht, wie befürchtet, in den Augen schmerzte.
Eine der Schwestern schritt im trüben Schein hin und her wie ein Geist, der sein Grab nicht finden konnte.
Wirr und gedämpft drang Lärm von draußen durch die dicken Zeltwände und Teppiche herein. Es klang, als würde sie sich in einer stillen Zuflucht inmitten einer ganzen Stadt aufhalten. Kahlan hörte das Murmeln unzähliger Männer, dazu Hufgeklapper, das Rattern von Wagen, das Schreien von Maultieren und das metallische Klirren von Waffen und Rüstung. In der Ferne brüllten Männer Befehle, es wurde gelacht und geflucht, während näher bei ihr Geschichten erzählt wurden, die Kahlan kaum verstehen konnte. Kahlan wusste, welche Armee da lärmte. Sie hatte schon einige Male aus der Ferne einen Blick darauf erhascht, war durch Orte gekommen, durch die sie marschiert war, und hatte jene gesehen, die von ihr gefoltert, vergewaltigt und ermordet worden waren. Und Jagang war da. Sie bemerkte, dass er in ihre Richtung sah, gab vor, noch bewusstlos zu sein und atmete gleichmäßig, lag vollkommen still und schloss die Augen fast ganz. Da er offensichtlich glaubte, sie schlafe noch, ließ er seinen Blick zurück zu Ulicia schweifen, die weiter hin und her ging.
»So einfach kann es nicht sein«, beharrte Schwester Armina, die neben einem Tisch stand. Hochmütig reckte sie die Nase in die Luft. Kahlan konnte die Umrisse eines Buches auf diesem Tisch ausmachen. Schwester Arminas lange Finger ruhten auf dem Ledereinband.
»Armina«, fragte Jagang ruhig, fast freundlich, »kannst du dir überhaupt vorstellen, wie unterhaltsam es für mich wäre, in den Gedanken einer lästigen Schwester zu sein, die ich meinen Männern überlassen habe?«
Die Frau erbleichte und wich einen Schritt bis zur Zeltwand zurück.
»Nein, Exzellenz.«
»Dabei zu sein und ihre Pein mitzuerleben? Dabei zu sein, wie hilflos sie ist, wenn kräftige Hände ihr die Kleider vom Leib reißen, ihren Körper betatschen, sie auf den nackten Boden drücken, die Beine auseinander zwingen, wenn Männer sie besteigen, für die sie nur eine lustvolle Unterhaltung darstellt? Männer, denen es an jeglichem Mitleid fehlt und die sich keinen Deut darum scheren, welche Qualen sie anrichten, wenn sie nach dem jagen, was sie wollen? Kannst du dir vorstellen, wie befriedigend es für mich wäre, gewissermaßen als Augenzeuge bei dieser wohlverdienten Bestrafung dabei zu sein?«
Voller Panik riss Schwester Armina die Augen auf und antwortete kaum vernehmlich: »Nein, Exzellenz.«
»Dann möchte ich mir jeden Widerspruch von dir verbitten, der nicht darauf beruht, was du meinst, sondern auf dem, was ich deiner Meinung nach hören möchte. Deine Speichelleckerei interessiert mich nicht. In meinem Bett magst du mir schmeicheln, wenn du glaubst, es würde dir meine Gunst einbringen, was jedoch nicht der Fall ist, aber in dieser Sache bin ich nur an der Wahrheit interessiert. Deine kriecherischen Einwände verhelfen uns auch nicht zum Erfolg. Nur die Wahrheit. Falls du etwas zu sagen hast, sag es, aber höre auf, ständig Ulicia zu unterbrechen, indem du ihre Meinung mit dem kritisiert, was ich deiner Ansicht nach hören möchte. Sonst landest du früher oder später wieder in den Zelten. Hast du mich verstanden?«
Schwester Armina senkte den Blick. »Ja, Exzellenz.«
Schwester Ulicia seufzte, als Jagang ihr seine Aufmerksamkeit zuwandte. Sie blieb stehen und deutete auf das Buch.
»Das Problem ist folgendes, Exzellenz: Wir haben keine Möglichkeit zu entscheiden, ob diese Abschrift authentisch ist oder nicht. Ich weiß, das wünscht Ihr von uns, und glaubt mir, wir haben es versucht. Aber die Wahrheit ist eben, dass wir nichts haben, was uns bei der Lösung dieses Problems helfen würde.«
Kahlan zog die Lider noch enger zusammen, als Schwester Ulicia auf sie zeigte. »Sie hat den Makel gefunden. Warum hat ihn keiner von uns entdeckt? Nur sie hat ihn bemerkt. Ohne sie wäre es uns vielleicht gar nicht aufgefallen, oder wenn, hätten wir es womöglich für unwichtig gehalten und nicht beachtet. Sie hat getan, was das Buch von ihr verlangt. Sie hat den Fehler gefunden. Ihrer Meinung nach ist es eine falsche Abschrift. Genau aus diesem Grund besteht das Buch darauf, sie zur Prüfung einzusetzen.
Einige von uns betrachten diesen Makel nicht als komplex genug, um der entscheidende Faktor zu sein, aber darum geht es nicht. Tatsache bleibt, sie muss die Echtheit bestätigen, und aufgrund eines Makels erklärte sie es zur falschen Abschrift. Das ist entscheidend. Wir müssen dieses Urteil annehmen.«
Jagang ließ sich die Worte durch den Kopf gehen, rieb sich mit der fleischigen Hand den bulligen Hals und schritt vor dem Tisch hin und her. Eine Weile lang starrte er das Buch an.
»Es gibt nur eine Möglichkeit sicherzugehen.« Er starrte nacheinander die Schwestern an. »Wir müssen andere Abschriften finden und dieses Buch damit vergleichen. Wenn alle oder auch nur einige den gleichen Fehler im Titel haben, ist dieser vermutlich bedeutungslos. Wenn jedoch alle außer einem diesen Makel haben, wäre dieses vermutlich die richtige Abschrift. Dann können wir die verschiedenen Fassungen des Textes vergleichen, und falls sich das ohne Fehler im Titel von den anderen unterscheidet, dürften wir das Richtige gefunden haben.«
»Exzellenz«, sagte Schwester Armina und neigte ehrerbietig den Kopf, »das ist eine hervorragende Idee. Falls wir die anderen entdecken und nur dieses einen Fehler hat, würde es ja meinen Standpunkt stützen, dass es sich bloß um den dummen Fehler eines Buchbinders handelt.«
Jagang starrte sie einen Moment lang an, ehe er den Augenkontakt abbrach und zu einer Truhe ging. Er öffnete den Deckel und nahm ein Buch heraus. Dieses warf er den Schwestern auf den Tisch. Schwester Armina las den Titel. Selbst im trüben Licht der Öllampen sah Kahlan, wie ihr Gesicht einen dunkelroten Ton annahm.
»Das Buch des gezählten Schattens«, flüsterte sie ungläubig.
»Schattens?«, fragte Schwester Ulicia ungläubig. »Nicht Schatten}«
»Nein«, antwortete Jagang. »Es ist Das Buch des gezählten Schattens, genau wie das aus Caska.«
»Aber, aber«, stotterte Schwester Armina, »das verstehe ich nicht. Woher stammt diese Abschrift?«
Er lächelte herablassend. »Aus dem Palast der Propheten.«
Schwester Armina fiel vor Schreck die Kinnlade herab. Schwester Ulicia runzelte die Stirn. »Wie bitte? Das ist unmöglich. Seid Ihr Euch sicher?«
»Ob ich mir sicher bin?« Er grunzte höhnisch. »O ja, da bin ich mir sicher. Versteht ihr, dieses Buch befindet sich bereits seit einiger Zeit in meinem Besitz. Es ist einer der Gründe, weshalb ich euch Närrinnen überhaupt erlaubt habe, eure Suche fortzusetzen. Ich brauchte die gleiche Frau, hinter der ihr her wart, um zu der Erkenntnis zu gelangen, ob ich es mit einer richtigen oder einer falschen Abschrift zu tun habe.
Die ganze Zeit, seit ich das Buch habe, ist mir der Singular des ›Schattens‹ niemals aufgefallen. Ich habe es einfach nicht bemerkt. Unsere bewusstlose Freundin dort drüben ist allerdings sofort darauf gestoßen.«
»Wie habt Ihr das Buch aus dem Palast der Propheten bekommen?«, fragte Schwester Ulicia. »Nach dem, was wir gehört haben, wurden diese Abschriften mit Knochen begraben, wie in Caska, in verborgenen Katakomben. Und diese Katakomben wurden nicht entdeckt, bevor der Palast zerstört wurde.«
Jagang lächelte vor sich hin, als müsste er einem Kind etwas erklären. »Du hältst dich für so schlau, Ulicia, weil du alles über die Kästchen herausbekommen hast, über das Buch, das man braucht, um sie zu öffnen, und über die Person, die den Text auf seine Echtheit überprüfen muss. Aber ich weiß bereits seit Jahrzehnten, worauf du erst kürzlich gestoßen bist.