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Seit langer, langer Zeit dringe ich in die Gedanken anderer ein, um unserer Sache zu dienen. Du wärest überrascht, wenn du erführest, was mir alles zur Kenntnis gelangt ist. Während ihr Schwestern euch noch mit den Intrigen im Palast beschäftigt habt, mit den Rangeleien um die Macht auf eurer kleinen Insel, damit, dem Schöpfer oder dem Hüter den Hof zu machen und damit, die Gunst des einen oder anderen im Tausch gegen ein Treueversprechen zu erlangen, habe ich daran gearbeitet, die Alte Welt für die Glaubensgemeinschaft der Ordnung zu einen. Denn sie ist das wahre Ziel des Schöpfers und somit das einzig rechtmäßige Ziel der Menschheit.

Während ihr junge Männer zu Zauberern ausgebildet habt, zeigte ich den gleichen jungen Männern das wahre Licht. Ohne dass die Schwestern es überhaupt bemerkten, widmeten sich viele dieser jungen Zauberer bereits der zukünftigen Erlösung der Menschheit, indem sie dem Orden beitraten. Sie verbrachten Jahrzehnte im Palast der Propheten, genau unter der Nase der Schwestern, während sie Brüder der Glaubensgemeinschaft der Ordnung waren. Und ich war in ihren Gedanken dabei, als sie in den Gewölben des Palastes die geheimen Bücher lasen.

Ich, der Traumwandler, leitete sie an und gab ihren Studien ein Ziel. Ich wusste, was gebraucht wurde, und ließ sie für mich suchen. Als Brüder des Ordens hatten sie schon vor langer Zeit den geheimen Eingang zu den Katakomben gefunden - er verbarg sich unter einem unbenutzten und lange vergessenen Lagerbereich im alten Teil der Stallungen. Sie ließen dieses Buch zusammen mit weiteren wertvollen Bänden verschwinden, und als ich schließlich am Palast eintraf, nachdem ich im Triumph die Alte Welt geeint hatte, übergaben sie mir die Bücher. Diese spezielle Abschrift befindet sich schon seit Jahrzehnten in meinem Besitz.

Was mir fehlte, war ein Weg durch die Große Barriere, damit ich die Kästchen und das Mittel der Verifizierung in die Hand bekäme. Doch durch ihre Einmischung halfen mir die Schwestern, und ihre Handlungen endeten in der Vernichtung der Barriere. Da der Palast der Propheten nun zerstört ist, fürchte ich, sind diese Katakomben und die Bücher darin für alle Zeiten verloren, aber diese jungen Männer haben die meisten von ihnen gelesen, und ich durch ihre Augen. Den Palast und die Katakomben gibt es nicht mehr, doch das Wissen, welches dort aufbewahrt wurde, konnte zum Teil überdauern. Denn von diesen jungen Brüdern leben viele noch und dienen uns in unserem Kampf.

Dann beobachtete ich euch dabei, wie ihr den Plan ausgebrütet habt, die Mutter Konfessor zu entführen, und ich erkannte, dass ich das ausnutzen könnte, um sie selbst in die Hand zu bekommen und sie für meine Zwecke einzusetzen. Daher ließ ich euch in dem Glauben, ihr würdet genau das tun, was ihr wolltet, während ihr eigentlich für mich gearbeitet habt. Jetzt habe ich das Buch und die Mutter Konfessor, von der das Buch sagt, sie müsse die Richtigkeit bestätigen.«

Beiden Schwestern stand der Mund offen.

Kahlan drehte sich der Kopf. Mutter Konfessor. Sie war die Mutter Konfessor.

Was in aller Welt war eine Mutter Konfessor?

Jagang zeigte den Schwestern ein gerissenes Lächeln. »Ihr habt euch aufs Beste zum Narren gemacht.«

»Ja, Exzellenz«, räumten beide kleinlaut ein.

»Und jetzt«, fuhr er fort, »haben wir zwei Exemplare von Das Buch der gezählten Schatten, und beide weisen den gleichen Fehler aufdas Wort ›Schatten‹ steht im Singular, nicht im Plural.«

»Allerdings sind es nur zwei«, wandte Schwester Armina ein.

»Wenn die anderen Exemplare nun den gleichen Fehler haben?«

»Das halte ich für ziemlich ausgeschlossen«, meinte Schwester Ulicia.

»Nun, in jedem Fall wären wir ein Stück weiter, oder?« Jagang zog eine Augenbraue fragend hoch. »Ich habe zwei, und sie haben den gleichen Fehler. Wir brauchen die übrigen, um die Theorie zu bestätigen, dass bei einem der Titel richtig geschrieben ist, mit ›der gezählten Schattens Daher müssen wir die Mutter Konfessor leben lassen, bis wir wissen, ob man aufgrund dieses Fehlers tatsächlich die authentische Abschrift bestätigen kann.«

»Und wenn alle Exemplare den gleichen Fehler haben, Exzellenz?«, fragte Schwester Armina.

»Dann wissen wir wenigstens, dass es sich nicht um die richtige Methode handelt, um Das Buch der gezählten Schatten auf seine Echtheit zu überprüfen. Vielleicht müssen wir ihr Zugang zum Text selbst erlauben, damit sie ihre Überprüfung auf das gründen kann, was sie zurzeit nicht sieht.«

Schwester Armina hob die Hand. »Aber Exzellenz, ich weiß nicht einmal, ob das überhaupt möglich ist.«

Jagang antwortete nicht, sondern nahm ihr stattdessen das Buch ab und legte es neben das andere auf den Tisch. »Die Mutter Konfessor ist weiterhin wichtig für uns. Sie ist die Einzige, welche das richtige Exemplar bestätigen kann. Wir können nicht sicher sein, ob sie das bereits getan hat. Bislang hat sie ihr Urteil aufgrund nur einer einzigen Information gefällt. Deshalb brauchen wir sie lebendig.«

»Ja, Exzellenz«, sagte Schwester Armina.

»Ich glaube, sie wacht auf«, meinte Schwester Ulicia. Kahlan hatte so gebannt gelauscht, dass sie die Augen nicht mehr richtig geschlossen hielt, als Schwester Ulicia in ihre Richtung sah. Die Schwester trat zu ihr und schaute sie an.

Die drei sollten nicht erfahren, dass Kahlan ihren Titel, Mutter Konfessor, gehört hatte. Sie reckte sich, als versuchte sie, dem Reich der Bewusstlosigkeit zu entfliehen, während sie sich ausmalte, was dieser Titel wohl bedeuten mochte.

»Wo sind wir?«, murmelte sie und ließ ihre Stimme verschlafen klingen.

»Das wirst du bestimmt schon bald erfahren.« Schwester Ulicia rüttelte Kahlan unsanft an der Schulter. »Und jetzt wach auf.«

»Was ist denn los? Möchtet Ihr etwas von mir, Schwester?« Kahlan rieb sich die Augen mit den Knöcheln und bemühte sich, einen benommenen Eindruck zu machen. »Wo sind wir?«

Schwester Ulicia hakte den Zeigefinger durch den Halsring und zog daran.

Ehe Schwester Ulicia ein weiteres Wort vorbringen konnte, packte Jagang sie am Arm und zerrte sie aus dem Weg. Mit den Fäusten packte er Kahlans Hemd am Kragen und hob sie von den Füßen.

»Du hast zwei meiner getreuen Wachen ermordet«, sagte er mit knirschenden Zähnen. »Du hast Schwester Cecilia umgebracht.« Der Zorn wallte in ihm auf, die Röte stieg ihm ins Gesicht. Er kniff die düsteren Augen zusammen. Es sah aus, als würden Blitze durch die wolkigen Schemen zucken. »Hast du dir eingebildet, ich würde dir das durchgehen lassen?«

»Das habe ich mir durchaus nicht eingebildet«, erwiderte Kahlan so ruhig wie möglich. Wie sie vermutet hatte, provozierte ihn ihre Ruhe noch mehr.

Er brüllte seine Wut heraus und schüttelte sie so heftig, dass es sich anfühlte, als wären die Muskeln an ihrem Hals gerissen. Offensichtlich war er ein Mann, der seinen Zorn schon beim geringsten Anlass nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Stand er kurz davor, sie zu töten?

Kahlan wollte nicht sterben, doch ein rascher Tod wäre vermutlich dem vorzuziehen, was er ihr in Aussicht gestellt hatte. Außerdem konnte sie ihn sowieso nicht daran hindern.

»Wenn du nicht geglaubt hast, damit durchzukommen, warum hast du es dann gewagt?«

»Welchen Unterschied bedeutet das schon?«, fragte Kahlan gleichgültig, während er sie so weit in die Höhe gehoben hatte, dass ihre Stiefel ein gutes Stück vom Boden entfernt "waren.

»Was redest du da?«

»Ihr habt mir bereits gesagt, Ihr würdet schlimmere Dinge mit mir anstellen, als ich je erlebt habe. Ich glaube Euch; denn das ist die einzige Art, wie Ihr Menschen für Euch gewinnen könnt: durch Drohungen und Gewalt. Weil Ihr so ein aufgeblasener Narr seid, habt Ihr den Fehler begangen und mir gesagt, ich könne mir nicht vorstellen, was Ihr mit mir vorhabt. Das war ein großer Fehler.«

»Fehler?« Er zog sie dichter zu sich heran. »Welcher Fehler?«

»Ihr habt einen taktischen Fehler begangen, Kaiser«, sagte Kahlan und betonte seinen Titel wie eine spöttische Beleidigung. Sie wollte ihn wütend machen, und sie hatte damit Erfolg.