Obwohl sie an seinen Fäusten hing, sprach Kahlan gefasst, ja, distanziert. »Ihr habt mir zu verstehen gegeben, dass ich nichts zu verlieren habe, gleichgültig, was ich tue. Mit Euch kann man nicht vernünftig reden. Ihr habt gesagt, Ihr würdet mir das Schlimmste antun. Damit brauchte ich nicht mehr auf Eure Gnade zu hoffen. Und damit habt Ihr mir einen Trumpf in die Hand gespielt. Durch diesen Fehler habe ich gewusst, dass ich nichts verliere, wenn ich Eure Wachen töte, denn mir blüht sowieso ein unvorstellbar schreckliches Schicksal. Und da konnte ich mich auch gleich an Schwester Cecilia rächen. Und Ihr seid längst nicht so klug, wie Ihr glaubt, sondern nur ein brutaler Rohling, der leicht zu übertölpeln ist.«
Er ließ Kahlan ein Stück tiefer sinken, bis sie den Boden wieder mit den Zehenspitzen erreichte.
»Du bist mir ja wirklich eine«, sagte er. Ein verschlagenes Lächeln vertrieb die Wut aus seinem Gesicht. »Ich werde es genießen, was ich mir für dich vorgenommen habe.«
»Da habe ich Euch Euren Fehler erklärt, und Ihr wiederholt ihn? Offensichtlich lernt Ihr nicht besonders schnell.«
Als er sie in die Höhe gehoben und ihr Gesicht zu seinem herangebracht hatte, waren seine Hände so damit beschäftigt gewesen, sie festzuhalten, dass Kahlan den unbeobachteten Moment nutzte und vorsichtig das Messer aus der Scheide an seinem Gürtel zog. Vor lauter Wut hatte er es nicht bemerkt.
Anstatt nach ihrer letzten Beleidigung erneut dem Zorn zu verfallen, lachte er schallend.
Kahlan hielt das Messer fest in der Hand.
Ohne Vorwarnung stach sie, so heftig sie konnte, auf ihn ein. Sie hatte ihn unter den Rippen treffen und die Eingeweide aufschlitzen wollen, vielleicht bis zu seinem Herzen, falls sie es schaffte. Doch leider war sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und erwischte nur die unterste Rippe, in der die Messerspitze stecken blieb.
Ehe sie Zeit bekam, die Klinge herauszuziehen und erneut zuzustechen, packte er sie am Handgelenk und verdrehte ihr den Arm. Dann schleuderte er sie herum, und ihr Rücken krachte gegen seine Brust. Noch bevor sie Gelegenheit bekam, etwas zu unternehmen, hatte er ihr das Messer aus der Hand gerungen. Er legte ihr den Arm um den Hals und drückte ihr die Luft ab. Sie spürte, wie seine Brust vor Wut bebte.
Noch gestand sie ihre Niederlage nicht ein, und ehe sie wegen Luftmangels ohnmächtig werden würde, nahm sie ihre ganze Kraft zusammen und trat ihm mit dem Stiefelabsatz gegen das Schienbein. Angesichts seines Schreis wusste sie, dass es schmerzte. Nun trieb sie ihm den Ellbogen hart in die frische Wunde. Er zuckte zusammen. Dann schlug sie ihm den Ellbogen mit Schwung unter das Kinn. Allerdings war er so groß und stark, dass sie ihn dadurch nicht außer Gefecht setzen konnte. Es war, als würde sie einen Stier boxen. Und wie ein Stier, so wurde auch Jagang immer wütender. Er packte sie am Hemd, ehe sie ihm entwischen konnte. Seine Faust traf sie in den Bauch. Kahlan krümmte sich und bekam keine Luft mehr. Keuchend versuchte sie zu atmen, um den betäubenden Schmerz zu überwinden.
Sie ging auf die Knie, doch er griff ihr ins Haar und zog sie wieder auf die Beine.
Jagang grinste. Der Zorn war durch diesen unerwarteten, gefährlichen Kampf wie weggeblasen. So langsam begann er, das Spiel zu genießen.
»Warum bringt Ihr mich nicht einfach um?«, gelang es Kahlan hervorzustoßen, während er vor ihr stand und sie betrachtete.
»Dich umbringen? Warum sollte ich dich umbringen wollen? Dann wärest du einfach nur tot. Du sollst leben, damit ich dich leiden lassen kann.«
Die beiden Schwestern rührten keinen Finger, um ihren Gebieter zu zügeln. Kahlan wusste, er konnte ihr antun, was er wollte, und sie würden keinen Widerspruch erheben. Solange er seine Aufmerksamkeit Kahlan widmete, war er von ihnen abgelenkt. Bevor er jedoch erneut zuschlagen konnte, fiel helles Licht ins Zelt und erregte seine Aufmerksamkeit.
»Exzellenz«, sagte eine tiefe Stimme. Ein großer Kerl hielt den Teppich offen und wartete. Der Mann ähnelte den beiden Wachen, die sie getötet hatte. Vermutlich verfügte Jagang über unendlichen Nachschub.
»Was gibt es denn?«
»Wir sind bereit, das Lager abzubrechen, Exzellenz. Entschuldigt die Störung, aber ich sollte Euch Bescheid sagen, sobald es so weit ist. Ihr habt uns selbst zur Eile angehalten.«
Jagang ließ Kahlans Haar los. »Sehr gut, fangt an.«
Unerwartet fuhr er herum und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Sie taumelte zurück und ging zu Boden.
Während sie da lag und versuchte, sich wieder zu sammeln, drückte er eine Hand auf die Wunde über seinen Rippen. Dann zog er sie zurück, um zu sehen, wie stark der Stich blutete. Er wischte sich die Hand an der Hose ab und hatte wohl entschieden, die Wunde sei nicht weiter schlimm und müsse nicht behandelt werden. Sein Körper war, so weit Kahlan es sehen konnte, von Narben überzogen, und die meisten deuteten auf wesentlich schwerere Verletzungen hin.
»Passt auf, dass sie nicht wieder auf dumme Gedanken kommt«, befahl er den Schwestern, während er zu dem Teppich eilte, den die Wache für ihn aufhielt.
Kahlan spürte, wie Feuer durch den Halsring lief und durch ihre Nerven bis hinunter zu den Zehen schoss. Der brennende Schmerz ließ sie unwillkürlich aufkeuchen.
Sie wollte vor Wut schreien, doch erneut durchfuhr der Schmerz ihren Körper. Es war ihr verhasst, wie die Schwestern den Halsring benutzten. Und sie hasste diese Qualen, denen sie wehrlos ausgesetzt war.
Schwester Ulicia trat näher und baute sich vor ihr auf. »Das war aber sehr töricht von dir, nicht wahr?«
Vor lauter Schmerzen konnte Kahlan nicht antworten. Wäre sie dazu in der Lage gewesen, hätte sie ihnen erzählt, es sei nicht töricht, sondern die Folgen wert gewesen.
Sie würde kämpfen, solange sie einen Atemzug tat. Wenn es sein musste, bis zum allerletzten.
43
Es wurde zum Abmarsch geblasen. Kahlan war fassungslos angesichts der hässlichen Massen, die sich schwerfällig in Bewegung setzten.
Schwester Ulicia, die Kahlans Reaktion auf die finsteren Kerle bemerkte, deutete mit dem Kopf auf die Soldaten und beugte sich zu Kahlan vor. »Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst.«
Das bezweifelte Kahlan. Da sie jedoch sicher war, dass Jagang sich in den Gedanken der Schwestern aufhielt und darauf lauerte, was Kahlan in seiner Abwesenheit sagte, wollte sie nichts von sich preisgeben.
»Meine Gefühle sind wenig von Belang«, sagte sie zu den beiden Schwestern. »Er macht sowieso mit mir, was er will.« Sie betastete den Schnitt, den einer von Jagangs Ringen auf ihrer Wange hinterlassen hatte. Die Wunde blutete nicht mehr. »Das hat er mir deutlich zu verstehen gegeben.«
»Ja, vermutlich wird er das machen«, meinte Schwester Ulicia.
»Das macht er mit uns allen«, fügte Schwester Armina hinzu. »Ich kann unsere Dummheit noch gar nicht fassen.«
Jagang kehrte zurück, begleitet von einem Trupp Offiziere. Hinter ihnen führten Soldaten gesattelte Pferde. Weitere Männer holten Truhen, Stühle, Tische und kleinere Gegenstände aus dem Zelt des Kaisers und verstauten sie in Kisten auf den wartenden Wagen. Nachdem alles leergeräumt war, wurden die Leinen losgebunden, die Stangen entfernt und schließlich das Zelt zusammengelegt. In kurzer Zeit war von der riesigen Stadt mit dem Zelt des Kaisers in der Mitte nur ein leeres Feld geblieben.
Jagang gab einem Mann mit einem Wink zu verstehen, er solle Kahlan die Zügel eines Pferdes reichen. »Heute reitest du bei mir.«
Kahlan überlegte, was für den nächsten Tag vorgesehen war, behielt die Frage jedoch für sich. Es hörte sich an, als habe er Pläne mit ihr. Darüber wollte sie gar nicht nachdenken, denn sie fürchtete sich vor dem, was er für sie bereithielt.
Sie stellte einen Fuß in den Steigbügel, schwang sich in den Sattel, ließ den Blick über das Meer von Menschen schweifen und schätzte ab, ob sie eine Chance hatte, in die Freiheit zu gelangen. Vielleicht würde sie es an den Soldaten vorbeischaffen, denn außer den beiden Schwestern und Jagang konnte sich ja niemand lange genug an sie erinnern, um sie wahrzunehmen. Da draußen wäre sie so gut wie unsichtbar. Den Männern würde es erscheinen, als laufe ein reiterloses Pferd vorbei, und niemand würde sich freiwillig in den Weg stellen und niedertrampeln lassen.