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Die Schwestern ließen sie nicht aus den Augen, stiegen ebenfalls auf und postierten sich jeweils an einer Seite von Kahlan, um jeden Fluchtversuch zu vereiteln. Mochte sie auch für die Soldaten unsichtbar sein, so konnten die Schwestern immer noch den Halsring einsetzen. Dazu brauchten sie nicht in der Nähe zu sein, das hatte sie bereits auf unangenehme Weise zu spüren bekommen. Ihre Beine schmerzten noch von dem, was die Schwestern ihr erst kürzlich angetan hatten. Insofern war es gut, dass sie reiten durfte, denn zu Fuß hätte sie es nicht weit geschafft.

Das Licht der Dämmerung glitzerte auf Millionen von Waffen und ließ die Armee wie eine flüssige Masse aussehen. Wie auf einem engen Floss aus Leibwachen des Kaisers, den Schwestern, Dienern und Sklaven trieben sie hinaus in den aufgebrachten Ozean, der sich dem nördlichen Horizont entgegen ergoss.

Die heiße Sonne ging zu ihrer Rechten auf. Kahlan bewegte sich zwischen den Schwestern und den Leibwachen des Kaisers inmitten der Menschenmasse nach Norden. Aus dem Sattel hatte sie einen guten Überblick. Immerhin brauchte sie das Gepäck der Schwestern nicht mehr zu schleppen.

Das anfängliche Geplauder der Soldaten ließ nach, als die monotonen Mühen des Marsches erste Wirkung zeigten. Reden wurde anstrengend. Bald schon schwitzte auch Kahlan in der Hitze. Männer, die schwere Gepäckstücke schleppten, trabten dahin und stierten vor sich auf den Boden. Wer stehen blieb, würde vermutlich einfach niedergetrampelt.

Den ganzen Tag über drängten sich Wagen durch die Armee, von denen aus Essen verteilt wurde. Bei anderen gab es Wasser. Rasch bildete sich eine Reihe von Männern, die sich von jedem Wagen Wasser ausschenken ließen.

Gegen Mittag traf ein Wagen in der Mitte der Gruppe um den Kaiser ein. An die Offiziere wurden warme Mahlzeiten ausgegeben. Die Schwestern reichten Kahlan das Gleiche, was alle anderen erhielten Brotfladen, die um weiches Salzfleisch gewickelt waren. Zwar sprach der Geschmack Kahlan nicht sonderlich an, doch war sie ausgehungert und freute sich über das Essen.

Bei Einbruch der Nacht war die Truppe von dem anstrengenden Marsch erschöpft. Man hatte unterwegs gegessen und keine Rast eingelegt. Auf diese Weise hatten sie eine größere Distanz zurückgelegt, als Kahlan es bei einer Armee dieser Größenordnung für möglich gehalten hätte. Kahlan war über und über mit Staub bedeckt. Allerdings wusste sie nicht, ob ihr Regen besser gefallen hätte, denn dann hätten sie das Problem mit dem Schlamm gehabt. Überrascht entdeckte sie vor sich das Lager des Kaisers. Flaggen auf den Zelten flatterten im heißen Wind, als wollten sie den Kaiser willkommen heißen. Die Wagen mit der Ausrüstung mussten vorgefahren sein. Die Armee war so riesig und nahm so viel Platz ein, dass es Stunden, wenn nicht Tage dauern musste, bis alle die gleiche Stelle passiert hatten, daher brauchten die Wagen nicht einmal vor der Armee zu fahren. Es genügte, eine Gasse durch die Flut der Marschierenden zu öffnen und vor Einbruch der Dunkelheit das Lager aufzuschlagen, damit beim Eintreffen des Kaisers alles bereitstand.

Über mehreren Feuern wurde Fleisch an Spießen gebraten. Bei dem Duft lief Kahlan das Wasser im Mund zusammen. An anderen Feuern dampften Kessel an eisernen Gestellen. Sklaven eilten hin und her, trugen Ausrüstungsgegenstände, arbeiteten an Tischen, drehten die Spieße, rührten den Inhalt der Kessel um und fügten die Zutaten hinzu. Platten mit Brot, Fleisch und Obst wurden vorbereitet. Jagang, der vor Kahlan geritten war, stieg vor seinem großen Zelt aus dem Sattel. Ein Mann eilte herbei und nahm ihm die Zügel ab. Als die Schwestern und Kahlan abstiegen, kamen weitere junge Männer und übernahmen ihre Pferde. Die Schwestern scheuchten Kahlan wie von einem stillen Befehl angewiesen hinter Jagang her. Sie traten durch den Zelteingang, dessen Vorhang ein muskulöser Soldat ohne Hemd aufhielt. Seine Haut war von Schweiß überzogen, vermutlich, weil er am Aufbau des Zeltes mitgewirkt hatte, und er roch säuerlich.

Im Inneren sah es genauso aus wie am Morgen vor ihrem Aufbruch. Man hätte meinen können, sie hätten den Ort gar nicht gewechselt. Die Lampen brannten bereits. Kahlan freute sich wieder über den Geruch des Öls. Eine Reihe Sklaven waren mit der Vorbereitung des Mahls für den Kaiser beschäftigt, das auf dem Tisch serviert wurde. Jagang drehte sich unvermittelt um, packte Schwester Ulicia am Haar und zerrte sie vorwärts. Die Schwester stieß vor Schmerz und Überraschung einen leisen Schrei aus, leistete jedoch keinen Widerstand. Die Sklaven schauten nur kurz herüber und wandten sich sofort wieder ihren Aufgaben zu, als hätten sie nichts bemerkt.

»Warum sieht sie niemand?«, fragte Jagang.

Kahlan wusste, was er meinte.

»Der Bann, Exzellenz. Der Feuerkettenbann.« Der Kaiser drückte Schwester Ulicia in eine unbeholfene, unbequeme Haltung, halb gebeugt. »Das war doch genau der Zweck des Banns - dass niemand sie sehen würde. Er wurde speziell geschaffen, um eine Person anscheinend verschwinden zu lassen. Ich glaube, ursprünglich wurde er für Spione gedacht, die nicht entdeckt werden sollten. Wir haben diesen Bann auch benutzt, um die Kästchen der Ordnung aus dem Palast des Volkes zu holen, ohne dabei bemerkt zu werden.«

Kahlan schlug das Herz bis zum Hals, als sie nun hörte, wie man sie ausgenutzt und wie man ihr Leben und Erinnerungen genommen hatte. In ihrer Kehle bildete sich ein Kloß. Den Schwestern war ihr wertvolles Leben vollkommen gleichgültig gewesen. Was gab diesen Frauen das Recht zu solchem Tun?

Bis vor Kurzem hatte sie sich für einen Niemand ohne Gedächtnis gehalten, für eine Sklavin der Schwestern. Vor nicht langer Zeit hatte sie erfahren, dass sie Kahlan Amnell hieß und die Mutter Konfessor war - was immer das bedeutete. Und jetzt hörte sie den Grund, warum sie weder ihren Namen noch ihren Titel gekannt hatte: weil die Schwestern sie mit einem Bann belegt hatten.

»So sollte der Bann eigentlich wirken«, sagte Jagang. »Aber warum hat dieser Wirt sie gesehen? Und diese kleine Felsenratte in Caska?«

»Ich ... ich weiß nicht«, stammelte Schwester Ulicia. Er zog sie dichter an sich heran. Sie griff nach seinen Handgelenken, damit er ihr nicht das Haar ausriss, überlegte es sich dann jedoch, weil sie keinen Widerstand leisten wollte, und ließ die Arme baumeln.

»Darf ich die Frage noch einmal in klareren Worten stellen, damit auch ihr Dummköpfe sie versteht? Was habt ihr falsch gemacht?«

»Aber Exzellenz ...«

»Ihr müsst etwas falsch gemacht haben, sonst hätten die beiden sie nicht sehen können!« Schwester Ulicia zitterte, doch antwortete sie nicht. »Du und Armina könnt sie sehen, weil ihr den Bann kontrolliert. Ich kann sie sehen, weil ich in euren Gedanken war und deshalb durch den gleichen Prozess geschützt bin. Aber niemand sonst kann sie sehen.«

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Ich frage noch einmaclass="underline" Was habt ihr falsch gemacht?«

»Exzellenz, wir haben nichts falsch gemacht. Ich schwöre es.«

Jagang winkte Armina mit dem Zeigefinger zu sich. Widerstandslos trippelte sie zu ihm.

»Möchtest du meine Frage beantworten und mir erklären, welchen Fehler ihr begangen habt? Oder soll ich dich mit Ulicia zu den Zelten schicken?«

Schwester Armina schluckte die Angst hinunter und breitete die Hände aus. »Exzellenz, wenn ich mir das durch ein Geständnis ersparen könnte, wäre ich sofort dazu bereit, aber Ulicia hat recht. Wir haben alles richtig gemacht.«

Schwester Ulicia rannen angesichts des Schmerzes die Tränen über die Wangen. Sie versuchte den Kopf zu schütteln. »Nein, Exzellenz so dürft Ihr es Euch nicht vorstellen.«

»Was darf ich mir so nicht vorstellen?«

»Den Feuerkettenbann. Einmal in Gang gebracht, nimmt er seinen Lauf. Der Bann selbst erledigt die Arbeit. Er richtet sich selbst aus; wir haben ihn weder geführt noch kontrolliert. Genau genommen ist gar keine Einmischung möglich. Sobald er begonnen hat, durchläuft der Bann seine vorbestimmte Prozedur. Wir wissen nicht einmal, wie diese aussieht. In gewisser Hinsicht ähnelt er darin entworfener Magie. Wir würden es nicht wagen, daran herumzuspielen. Die Macht der Feuerkette ist jedoch wesentlich größer als alles, was wir lenken könnten - und wir haben keine Möglichkeit, diesen Bann zu verändern, selbst wenn wir wollten.«