»Sie hat wiederum recht, Exzellenz. Wir wussten, was mit dem Bann bewirkt werden und welches Ergebnis er erbringen soll, aber nicht, wie das im Einzelnen vor sich geht. Was sollten wir ändern? Uns genügte es, wenn er machte, wozu er erschaffen worden war. Daher hatten wir keinen Grund, ihn zu verändern, und aus diesem Grund können wir - bitte versteht das - keinen Fehler begangen haben.«
»Wir haben ihn nur ausgelöst«, beharrte Schwester Ulicia, der man die Tränen nun auch anhören konnte. »Wir haben die Prüfnetze durchlaufen lassen, um sicherzustellen, dass alles so ist, wie es sein soll, und dann haben wir ihn ausgelöst. Der Bann hat den Rest gemacht. Wir haben keine Ahnung, warum jemand sie hat sehen können. Das hat uns ebenfalls überrascht.«
Jagang wirkte nicht überzeugt. »Ihr müsst einen Fehler gemacht haben.«
»Nein, Exzellenz. Nicht einmal die Zauberer aus uralten Zeiten konnten den Bann steuern, nachdem er ausgelöst war. Schließlich wurde die Magie der Ordnung erschaffen, um sich mit dem Bann zu befassen, falls dieser jemals ausgelöst würde. Etwas Geringeres kann seine Richtung nicht beeinflussen.«
Kahlan spitzte die Ohren. Sie fragte sich, warum die Schwestern einen Bann benutzten, um die Kästchen der Ordnung zu stehlen, die eigentlich zum Einsatz gegen diesen Zauber gedacht waren. Vielleicht wollten sie nur sichergehen, dass niemand die Kästchen verwendete?
Endlich ließ Jagang Schwester Ulicia los und stieß sie mit einem angeekelten Grunzen zu Boden. Sie drückte die Hände auf den Kopf, um den Schmerz zu lindern.
Kaiser Jagang schritt hin und her und dachte über das Gesagte nach. Als jemand ins Zelt hereinschaute, hielt er inne und winkte. Mehrere Frauen mit Krügen traten ein und schenkten roten Wein in Becher auf dem Tisch. Knaben trugen Platten und Tabletts mit heißen dampfenden Speisen herein. Jagang schritt unablässig auf und ab und zollte den Sklaven, die ihre Arbeit erledigten, wenig Aufmerksamkeit.
Als der Tisch gedeckt war, ließ sich Jagang auf dem geschnitzten Stuhl nieder. Brütend betrachtete er die beiden Schwestern. Die Sklaven hatten sich hinter ihm aufgereiht, um ihm unverzüglich jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.
Schließlich wandte er sich dem Essen zu, packte einen Schinken und riss eine Handvoll des heißen Fleisches ab. Mit einer Hand stopfte er sich Stücke davon in den Mund und starrte währenddessen unverwandt die Schwestern und Kahlan an, als denke er darüber nach, ob er sie leben oder sterben lassen sollte.
Nachdem er mit dem Schinken fertig war, zog er ein Messer aus dem Gürtel und schnitt sich eine Scheibe Braten ab. Er spießte das rote Fleisch auf, hielt es in die Höhe und wartete. Blut rann über die Klinge und über den Arm bis zum Ellbogen, den er auf den Tisch gestützt hatte.
Nun lächelte er Kahlan an. »Meinst du nicht auch, dass man das Messer besser so verwendet als auf die Weise, die du im Sinn hattest?«
Kahlan überlegte, ob sie schweigen sollte, konnte sich die Entgegnung jedoch nicht verkneifen. »Da sind wir sicherlich unterschiedlicher Meinung. Ich wünschte nur, ich hätte besser getroffen. Dann müssten wir uns jetzt nicht darüber unterhalten.«
Er lächelte in sich hinein. »Vielleicht.« Er trank einen Schluck Wein und riss dann mit den Zähnen ein Stück von dem Rindfleisch auf dem Messer ab.
Während er kaute und Kahlan beobachtete, sagte er: »Zieh dich aus.«
Kahlan blinzelte. »Wie bitte?«
»Zieh dich aus.« Er fuchtelte mit dem Messer. »Zieh alles aus.«
Kahlan biss die Zahne zusammen. »Nein. Wenn Ihr mich ausgezogen sehen wollt, müsste Ihr mir die Kleider schon selbst vom Leib reißen.«
Er zuckte die Schultern. »Das mache ich später, nur so zum Spaß, aber jetzt zieh dich aus.«
»Warum?«
Er zog eine Augenbraue hoch. »Weil ich es sage.«
»Nein«, wiederholte sie.
Mit seinen albtraumhaft schwarzen Augen sah er nur Schwester Ulicia an. »Erzähl Kahlan von unseren Folterzelten.«
»Exzellenz?«
»Erzähl ihr, welch reichen Erfahrungsschatz wir darin haben, jemanden von dem zu überzeugen, was wir wünschen. Erzähl ihr von unseren Foltermethoden.«
Ehe Schwester Ulicia antworten konnte, ergriff Kahlan das Wort.
»Macht nur und foltert mich. Niemanden interessiert es, wenn Ihr wie eine alte Henne herumgackert. Ich bin sicher, lieber würdet Ihr mich leiden sehen - also macht schon.«
»Oh, Liebste, nicht du sollst gefoltert werden.« Er drehte einen Schenkel von einer gebratenen Gans und deutete auf eine junge Frau hinter sich. »Die Folter erwartet sie.«
Kahlan warf einen Blick auf die Frau, die plötzlich von Panik erfasst wurde, und sah dann stirnrunzelnd Jagang an. »Wie bitte?«
Er biss von der Gans ab. Fett lief über seine Finger. Er leckte es von einem seiner Ringe.
»Nun ja«, sagte er und zupfte an dem Fleisch, das von dem Schenkel hing. »Vielleicht sollte ich es dir selbst erklären. Verstehst du, wir haben diese Foltermethode, bei der der Inquisitor einen kleinen Schnitt im Bauch vornimmt.« Er drehte sich um und piekte der jungen Frau mit dem Gänseschenkel knapp unter dem Nabel in den Bauch. Auf dem nackten Fleisch blieb ein Fettfleck zurück. »Genau dort.«
Er wandte sich wieder nach vorn. »Dann drückt der Inquisitor eine Zange in den Bauch und sucht, bis er ein Stück vom Dünndarm erwischt. Es ist ziemlich glitschig da drin, und die Person, an der dies durchgeführt wird, liegt nicht gerade still, wenn du verstehst, was ich meine, daher dauert es für gewöhnlich eine Weile. Sobald der Inquisitor den Darm gepackt hat, zieht er ihn langsam ein paar Fuß heraus. Nicht sehr angenehm.«
Er beugte sich vor und nahm sich einen weiteren Streifen Schinken.
»Wenn du nicht tust, was ich dir sage, gehen wir alle in die Folterzelte«, er deutete mit dem Stück Schinken nach links, »und werden uns diese Methode von unseren erfahrenen Inquisitoren bei dem Mädchen hinter mir zeigen lassen.«
Mit eisigem Blick sah er Kahlan an. »Nur, weil du dich weigerst, zu tun, was ich dir befehle. Du wirst das alles mit anschauen. Du wirst ihre Schreie hören, wie sie um ihr Leben fleht, du wirst sehen, wie sie blutet, wie ihre Eingeweide aus ihr herausgezogen werden. Nachdem der Mann ein paar Fuß herausgezogen hat, wickelt er den Darm um einen Stock wie Garn - damit das Durcheinander nicht zu groß wird. Danach wird er innehalten und mich anschauen. Zu dem Zeitpunkt werde ich dich dann zum wiederholten Mal höflich fragen, das zu tun, was ich dir befohlen habe. Falls du dich erneut weigerst, werden wir weitere Gedärme aus ihrem zarten Bauch ziehen und sie auf den Stock wickeln, während wir ihren Schreien und ihren Todeswünschen lauschen. Das kann eine hübsche Weile dauern. Diese Folter verläuft ausgesprochen langsam und schmerzvoll.« Jagang schenkte Kahlan ein freundliches Lächeln.
»Und dann, kurz vor dem Ende, wirst du ihr bei ihren Todeszuckungen zusehen.«
Kahlan blickte zu dem Mädchen. Es hatte sich nicht gerührt, war jedoch so weiß geworden wie der Zucker in der Schale auf dem Tisch.
Jagang kaute langsam und spülte den Bissen mit Wein hinunter.
»Danach darfst du dir anschauen, wie wir ihren leblosen Körper auf den Totenkarren werfen, zu den anderen Leichen der Menschen, die wir befragt haben.
Anschließend werde ich Ulicia und Armina vor die Wahl stellen, entweder zu den Zelten geschickt zu werden, um meine Männer zu unterhalten, die recht lustvolle Begierden haben, oder sich auszudenken, ’wie sie dir mit dem Ring um den Hals schlimmere Schmerzen zufügen können, als du bisher erlebt hast. Allerdings müssen sie verhindern, dass du ohnmächtig wirst. Denn selbstverständlich sollst du alles spüren.«